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10. Dezember 2011


Hilfe, Deutschland wird ein Philosophenstaat! Wie Philosophen sich in die deutsche Gesellschaft einmischen

Deutschland hat einen neuen Staatsphilosophen

Am 9. Dezember 2011 an der Tankstelle. Mein Blick fällt auf die Titelseite der City-Bild: „Deutschlands bekanntester Philosoph: Rentner sollen soziales Pflichtjahr machen.“ Natürlich kaufe ich die Ausgabe. Auf Seite 21 erfahre ich, dass Rentner auf Kleinkinder aufpassen und Migranten Deutsch-Unterricht erteilen könnten. Als Sozialkapitalmissionar freue ich mich natürlich über alles, was aus der Schuldenspirale führt. Der Vorschlag könnte allerdings auch von Rita Süssmuth oder Frank Schirrmacher stammen. Das Besondere ist aber, dass Bild ausdrücklich erwähnt, dass er von einem, von dem deutschen Philosophen stammt: Richard David Precht.

Seit Jahrzehnten gelten Philosophen augenzwinkernd als ausdrücklich zuständig für das Unpraktische und Unnütze. Die von ihnen in homöpathischen Dosen verabreichten Reflexivitäten dienen bisher in Curricula weiterführender Schulen der Erinnerung daran, dass Deutschland um 1800 als Land der Dichter und Denker galt. Traditionell sind Volkshochschulen und Philosophische Praxen, nicht aber Kabinette und Assessment Centers die Orte der von Entscheidungen entlasteten Philosophiererei. Allenfalls Burn-Out und Krebs bilden in Deutschland selbst in den Hardcore-Kreisen des dialektischen Kapitalismus ernstzunehmende Anlässe des Philosophierens. Finanzkrisen hingegen nicht.

Millionen Menschen suchen nach Orientierung

Der seit längerem intellektuell darbende Stern hat Precht zum Haus- und Hofphilosophen ernannt, der als mehrheitsfähiger Weisheitsonkel der risikolosen Selbstreflexion Sätze wie diese von sich gibt: „Heute suchen Millionen Menschen in Deutschland nach Orientierung. Sie machen sich Gedanken um unsere Zukunft und um die Zukunft unserer Kinder.“ Es sind diese Sätze, die andere Intellektuelle ärgern und dazu führen, dass Precht als Medienphilosoph abgetan wird. Aber sie bauen eine Brücke zu einem Publikum, das bisher jeden Kontakt zur Philosophie vermied, da diese wie Violinunterricht als jahrzehntelang zu übende Etude eine unüberwindbare Einstiegsbarriere schuf.

Prechts Vorschlag für das Pflichtjahr der Senioren ist allerdings innerhalb von Stunden derart öffentlich geworden, dass er sicher von Parteien aufgenommen wird. Auch anderen, wie Precht in den 70ern antiautoritär (un)erzogenen Philosophen, ist es jüngst widerfahren, dass ihre Vorschläge unter Erwähnung ihres Namens zu einer Anfrage an die Bundesregierung (S. 22) , zumindest aber zu einem Antrag auf dem Bundesparteitag der Piratenpartei und zu einem Interview im ARD-Morgenmagazin geführt haben.

Drei neue Philosophiezeitschriften

Es sind also nicht die noch immer als Wissensverwalter amtierenden, staatlich bezahlten Philosophieprofessoren, die von dem neuen Interesse profitieren, sondern die Freelancer und Außenseiter, die Dissidenten und Verkannten.

Da passt es, dass gleich drei neue Philosophiezeitschriften an den Kiosk kommen. Printausgaben in einer Zeit, in der jeder Verlagsdirektor mit sinkenden Auflagenzahlen, Kindle und Online-Magazinen zu kämpfen hat? Das Philosophie-Magazin unter Chefredakteur Wolfram Eilenberger ist für 5 Euro 90 erhältlich. Sein Inhalt ist derart beschaulich, dass die Volks- und Raiffeisenbanken ihn bereits auf Seite eins ganzseitig mit einem Motto von Erich Wickert ankündigen: „Die genossenschaftliche Idee ist ebenso einleuchtend wie erfolgreich: Was einer allein nicht schafft, das schaffen viele.“

Daniel Haas hat in der FAZ die massentaugliche Philosophiekost forsch als „Denkfehler“ bezeichnet, und das Unpolitische bemängelt. Zu recht. Ich empfehle aber die Investition der 5 Euro 90 allein schon wegen Dieter Thomä’s Gedanken über eine „Welt ohne Väter“ und dem Gespräch zwischen Julian Assange und dem tierethischen Amokläufer Peter Singer.

„Hohe Luft“ , in alter hanseatischer Tradition nach der Adresse benannt („Brand Eins“), beschäftigt gar gleich auf der Startseite einen Blogger namens „Tobias“, was für den Redaktionsleiter Tobias Hürter stehen könnte. Für 8 Euro gibt es „Ein Philosophie-Magazin für alle“ (Zitat), eine Verheißung, die möglicherweise auch abschrecken könnte, da man beim Philosophieren ja eigentlich der einzige, nicht Teil einer Zielgruppe oder Masse sein möchte. Immerhin betätigt sich Hürter auch in Sachen Finanzkrise und zieht folgendes Fazit : „Das ungefähr ist also das Prinzip, nach dem der Kapitalismus funktioniert – hat. Er funktioniert nicht mehr.“ Abgesehen von der Frage, ob Kapitalismus je nach Prinzipien, also nach niedergelegten Vorsätzen funktioniert hat, lässt sich das durchaus diskutieren. Leider hat es zum Zeitpunkt dieses Artikel, am 10. Dezember 2011 noch niemand getan. Wir wünschen natürlich beiden Magazinen, dass der Kapitalismus noch funktioniert, diese also Auto Motor Sport und Cosmopolitan Marktanteile abjagen können.

Das dritte Magazin führt sogar Richard David Precht im Beirat. Es heißt agora 42 und ist leider derart unbekannt, dass meine, bereits wenig gelesene und leider inhaltsarme Erst-Rezension vom November 2010 auf Platz 2 bei Google steht. Jüngst regte ein Dr. Herwig Meusburger aus Wolfurt einen Ideenwettbewerb „Wege aus der europäischen Finanzkrise“ unter Schirmherrschaft von IWF und EZB an. Dies passt zum Motto „Ökonomie – Philosophie - Leben“ und der jüngsten, 100 Seiten starken Ausgabe mit dem Titel „Was kostet eigentlich Geld?“. Agora 42 kostet übrigens 7 Euro 90. Sie ist mit etwas Geduld auch als Online-Ansicht auffindbar  und grafisch-ästhetisch sehr anspruchsvoll. Inserenten wie Porsche und Faber-Castell honorieren, dass sich in agora 42 auch ein Vorstandsvorsitzender wie Eckhard Cordes (Metro AG) in alter Olaf-Henkel-Herbert-Henzler-Roland-Berger Tradition über die Reformunfähigkeit Deutschlands beklagen darf. Agora42 richtet sich mehr an Leser in der Wirtschaft – und steht daher den ethischen Wirtschaftsjournalen Brandeins und Enorm näher, als den beiden neuen, populärphilosophischen Journalen.

Philosophen mutieren zu Soziologen

Dass Themen wie Eurokrise, direkte Demokratie, Geld und Generationenvertrag nun in Verbindung mit Philosophie gebracht werden, liegt möglicherweise nicht an einem wachsenden Interesse an der nach wie vor sperrigen und meist hermetisch-autistischen Fachphilosophie, sondern daran, dass postmoderne Philosophen mit einem erstaunten Heureka! die Welt der Gesellschaft entdecken. Sie mutieren damit – ohne es zu wissen - zu Soziologen. Soziologie ist nämlich die Lehre und das Wissen vom Nachbarn (Sozius). Publikum und Medien freuen sich jedenfalls über diese Rückkehr der Philosophie auf die Agora.

Links zu den neuen Philosophiezeitschriften:

Philosophie Magazin: http://www.philomag.de/

Hohe Luft: http://www.hoheluft-magazin.de/

Agora 42: http://www.agora42.de/index.php

16. November 2011


Auf einmal wollen alle tilgen - Wie Süddeutsche, Frankfurter Allgemeine, ZEIT und Steuerzahlerbund von der Tilgungsdebatte erfasst werden

Es ist erst ein gutes Jahr her, da galt Atomkraft noch als Zukunftstechnologie, Mindestlohn als kommunistische Verschwörung und Tilgung von Staatsschulden als von Soziologen und Literaturwissenschaftlern verbreitete Utopie. Der erste Vorschlag in Deutschland dazu erschien am 31. August 2010 auf philosophieundwirtschaft.

Sind Sie verrückt?“ , fragte die FTD den Ersttilger Jochen Hörisch. Auch ZEIT, Süddeutsche und FAZ taten sich in der redaktionellen Ablehnung von Berechnungen und Tilgungsvorschlägen hervor.

Als der Mannheimer Literaturwissenschaftler Hörisch, Spezialist für theologische Motive in der Wirtschaft, Frank Schirrmacher im Herbst 2010 schrieb, dass er sich aus philosophischen Gründen zur Tilgung der Staatsschulden entschlossen habe, antwortete Schirrmacher nicht. Nun nimmt er eben dieses Motiv in seiner Rezension von von David Graebers Buch: „Debt. The First 5000 Years” auf und endet mit folgendem Fazit:

Aber längst ist jeder Bundesbürger verschuldet. Längst hat diese Schuld zu einem autoritären Zuwachs des Staates geführt, der jetzt zunehmend unkontrolliert Opfer verordnen kann und vor allem wird. Noch haben die meisten Deutschen offenbar das Gefühl, dass sie die Schulden abbezahlen können. Ändert sich dies, ändert sich alles.

Es scheint, als hoffe Schirrmacher wie andere, persönlich von einer Vermögensabgabe Bedrohten auf ein mystisches Wunder („ändert sich alles“), das ihnen das Opfer erspart, das sie „dem Staat“ bringen sollen. Dass sie selbst der Staat sind, ist noch immer nicht angekommen. Schirrmacher ist noch Prä-Kantianer.

Ähnlich in der ZEIT: Nachdem ZEIT-Herausgeber Helmut Schmidt, Giovanni di Lorenzo sowie Uwe Jean Heuser, Leiter der Wirtschaftsredaktion, es über ein Jahr abgelehnt haben, auch nur über die Tilgungsinitiative zu berichten, veröffentlichte die ZEIT auf einmal ein Plädoyer für ein Lastenausgleichsgesetz mit einer Vermögensabgabe. Autor war der emeretierte Volkswirtschaftsprofessor Harald Spehl. Versuche, den Artikel zu kommentieren und auf die von der ZEIT unerwünschte Tilgungsinitiative wenigstens in der Diskussion hinzuweisen, endeten allerdings mit sofortiger Löschung (Kommentar 63):

Auch die Süddeutsche weigerte sich bisher, Zahlen zum Verhältnis von Staatsschulden und Vermögen zu veröffentlichen. Den Wirtschaftschefs Nikolaus Piper, Marc Beise und dem Berlin-Chef Claus Hulverscheidt erschien dieses Zahlenwerk bisher als linkssozialistische Propaganda. Staatsschulden und Privatvermögen in einen Zusammenhang zu setzen, gilt noch immer als unzulässiger, vor allem aber unqualifizierter Vergleich.

Doch ausgerechnet der Süddeutschen gab am 14.11. 2011 die Wirtschaftsweise Beatrice Weder di Mauro ein Interview. Den überraschten SZ-Volkswirten offenbarte sie, dass man einen europäischen Schuldentilgungsfonds benötige und dann der Clou:“Zum Beispiel müssen die Staaten eine Steuer zur Tilgung benennen.”

Lastenausgleichgesetz in der ZEIT, Tilgungssteuer in der Süddeutschen, Entschuldungsmystik in der FAZ – es scheint, als sei die Diskussion um die Staatsschulden endgültig von einer ökonomischen Fachdiskussion um die richtige BIP-Akrobatik zu einer politisch-theologischen Volksdiskussion geworden.

Auch der EURO am Sonntag und die Wirtschaftswoche möchten die Tilgungsdebatte nicht ganz verschlafen.

Die Boston Consulting Group (BCG), deren Sachverstand Deutschland wesentlich die Verluste in der Finanzkrise 2008 zu verdanken hat  , ruft nun selbst zu einer Vermögensabgabe auf.

Sogar der Bund der Steuerzahler hat inzwischen Zinsen neben Klohäuschen und Autobahnbrücken als Teil des verschwenderischen Umgangs mit Steuermitteln entdeckt und eine erstaunliche Erklärung für die Staatsverschuldung veröffentlicht:

Wenn die Einnahmen, vor allem die Steuern, nicht ausreichen, die Ausgaben zu decken, entscheiden sich viele Politiker dafür, Schulden zu machen.“

Dass Staatsverschuldung überhaupt etwas mit Steuereinnahmen zu tun hat, ist für den Bund der Steuerzahler eine neue Erkenntnis. Bisher glaubte er, die zu hohen Ausgaben für Klohäuschen seien das Hauptproblem.

Nur in den Parteien ist die Tilgung durch Vermögenssteuern und Lastenausgleich noch nicht angekommen. Zu groß ist ihre Sorge, ein schmerzhafter Tilgungsplan könne sie 10 Prozent kosten.

Das Fehlen eine solchen Planes, werte Politiker und Bürger, kann 100 Prozent kosten.

29. Oktober 2011


Das Finanzkapital pfändet das Sozialkapital – wie lange noch?

Am 26. Oktober 2011 stimmten 503 der 596 Abgeordneten des Deutschen Bundestages für die Bereitstellung eines sogenannten Euro-Rettungsschirmes in Höhe von einer Billion Euro. Fernsehreporter fanden zuvor heraus, dass die Abgeordneten wenig oder nichts über die Materie wussten. Das ist keine Schande. Sie gilt als Expertenthema. Zum Glück leistet sich deshalb der deutsche Staat zehntausende Finanzexperten an den Hochschulen, in der Bundesbank, in den Landesbanken und den Finanzministerien.

Drei Jahre zuvor, am 17. Oktober 2008, war es den Experten bereits einmal gelungen, die Abgeordneten zur Verabschiedung eines sogenannten Finanzmarktstabilisierungsgesetzes mit einem Verfügungsrahmen von 480 Milliarden Euro

zu bewegen. In dessen Paragraph 11/3 fand sich der bemerkenswerte Satz „Ein Haushalts- und Wirtschaftsplan wird nicht aufgestellt“ .

Der Autor dieser Zeilen fand dies und weiteres erwähnenswert und veröffentlichte dazu im März 2009 sein Buch „Der grosse Raubzug“, das in einem Interview von Peter Mühlbauer vorgestellt wurde.

Da er nicht als Finanzexperte gilt, durfte er bisher seine Studien nur als sogenannter „Wirtschaftsjournalist“ in die Öffentlichkeit bringen. Immerhin gibt es dazu doch einige Stellungnahmen der Politik, etwa von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble , der finanzpolitischen Sprecherin der SPD, Nicolette Kressl, und vom Finanzstaatssekretär Helmut Koschyk, der durch die parlamentarische Anfrage der Linken in der Drucksache 17435 der 17. Wahlperiode des Deutschen Bundestages der Linken erschreckt wurde, wie denn die Bundesregierung zu der von mir vorgeschlagenen, freiwilligen Tilgung der Staatsschulden stehe. Selbstverständlich sprachen sich alle geschlossen gegen jede Form der Tilgung von Staatsschulden, freiwilig oder per Gesetz, aus.

Seit der Veröffentlichung des Buches haben sich die deutschen Staatsschulden um weitere 400 Milliarden erhöht. Im Oktober 2011 stellte dazu die sogenannte Gemeinschaftsprognose der Wirtschaftsforschungsinstitute, zu denen auch die Konjunkturforschungsstelle der ETH-Zürich zählt, auf Seite sechs fest,: „Die Finanzpolitik der Bundesrepublik sollte ihren Konsolidierungskurs fortsetzen.“

In der Schweiz gab die Bundesregierung 2009 eine Garantie von 66 Milliarden Franken zur Rettung der UBS AG ab. Die Devisenreserven der Schweizer Nationalbank in Höhe von 189 Milliarden Franken sind fast völlig in noch immer von drei US-Ratingagenturen mit AAA bewerteten Staatsanleihen der USA, Deutschlands und Frankreichs angelegt .

Damit hängt nun das gesamte staatlich beeinflussbare Finanzkapital von Deutschland und der Schweiz von einer bisher unbeachteten Kapitalart abhängig: Von sogenanntem Sozialkapital. Dieses ist die Summe nichtmaterieller Güter wie Vertrauen, Geschenkkultur, Opferbereitschaft, Solidarität und Hilfsbereitschaft in der Gemeinschaft. Sollten nämlich die Bürger auf die Idee kommen, den Zins und die Tilgung für die Staatsanleihen nicht mehr bezahlen zu wollen, weil sie ihre Steuergelder anders einsetzen möchten, etwa für regenerative Energien, Naturschutz, Bildung, Sozialhilfe, Kinderbetreuung, KMU-Förderung und öffentlichen Nahverkehr, sind die Schuldtitel wertlos.

Dies könnte bedeuten, dass Staatsanleihen neu bewertet werden müssen.

Da der einzig messbare materielle Ausdruck des Sozialkapitals die freiwillig geleisteten Steuern an das Gemeinwesen sind, ist dieses faktisch gepfändet worden.

Zum Glück für die Emittenten und ihre Kunden, die weiter hartnäckig auf die kontinuierliche („Wir brauchen Rechtssicherheit“) Selbstvermehrung von Geld bestehenden Anleger, dürfen weder die Völker der EU noch die Schweizer über solche Themen abstimmen. Es reicht daher, eine parlamentarische Mehrheit für Schuldenermächtigungsgesetze zu bekommen.

Für diese aber sind die Expertenmeinungen ausschlaggebend. Der Staat hört dabei entgegen vieler Vorurteile selten und kaum auf nicht beim Staat angestellte Experten. Wenn also eine börsennotierte Bank, die sich in dem Paradox der Systemrelevanz (bei Verlusten) und des angeblichen Privatbesitzes (bei zu versteuernden Gewinnen und Haircuts) befindet, Einfluss auf den Geldsegen der Steuerkassen nehmen möchte, hält sie sich an die staatlichen Experten.

In Deutschland funktionierte dies bis zum Juli 2011 so: Private Banken, unter ihnen Morgan Stanley, Goldman Sachs und Lehman, finanzierten eine sogenannte Initiative Finanzstandort Deutschland . Da diese keine Rechtsform hatte, konnten in ihr ohne jede parlamentarische Kontrolle das Bundesfinanzministerium und die Bundesbank Mitglieder sein. Am 11. Dezember 2008 bedankte sich bei einem Treffen der Initiative Josef Ackermann bei Peer Steinbrück für die ausgereichte Bankenhilfe. Steinbrück wiederum forderte die Initiative auf, ein „fokussiertes Modell der Politikberatung“ (Zitat) vorzulegen, um die europäische Integration im Finanzsektor zu vollziehen.

Mit der Abstimmung am 26.10.2011 ist dies gelungen. Ab jetzt sind die rund 2 Billionen Euro jährliche Steuern der Bürger in den 17 Euro-Staaten eine zwangsgepfändete Verfügungsmasse für jene angeblichen Marktteilnehmer, die bei Nichtzahlung mit dem Bankrott drohen können.

Hinter ihnen allerdings stehen weniger böse Spekulanten, sondern etwa 100 Millionen Rentner und Pensionäre in den USA, Frankreich, Österreich, Belgien, Holland, Finnland und Deutschland, die glauben, „das System“ könne ihnen aus Steuermitteln anstatt 1.000 Euro monatlich 2-10.000 Euro monatlich plus Krankenversorgung bezahlen.

Unser Sozialkapital ist nicht weg – es hat jetzt nur ein anderer. Wie lange noch?

Dieser Artikel erschien auch auf Telepolis und im österreichischen Der Standard. Dort wurde er 200 mal kommentiert.

Ich bedaure, dass von den Lesern bei Philosophie&Wirtschaft nie Kritik oder Feedback kommen, die es mir als Autor ermöglichen würden, Themen, Diskurse und Diskussionen aufzunehmen, die die Leserinnen und Leser hier interessieren. Damit ist das Vorhaben gescheitert, einen Blog mit diesem Titel zu etablieren.


16. August 2011


Ein Jahr an der Tilgungsfront

Ein Jahr an der Tilgungsfront – Reportage aus einer Königsdisziplin

Vorbemerkung für PhilosophieundWirtschaft Leser: Das praktisch-philosophische Unterfangen der Tilgung der deutschen Staatsschulden nahm hier, auf dieser Seite seinen Anfang.

Am Schalter der Sparkasse Landsberg-Diessen. Deren Direktor Franz Böck (im Hintergrund) wollte sich nicht mit mir fotografieren lassen. Ich bin zur Filiale gegangen, um die erste Rate zur Tilgung der deutschen Staatsschulden auf das Konto 860 010 30 der Deutschen Bundeskasse in Halle an der Saale, BLZ 860 000 00, einzuzahlen.

Dieses Konto wurde mir genannt, nachdem die Deutsche Bundesbank die Eröffnung eines Treuhandkontos zur Tilgung der deutschen Staatsschulden mit der Begründung verweigert hatte, sie betreibe „kein kommerzielles Bankgeschäft“.
Das Geld gehört nicht mir – ich bezahle es treuhänderisch für den Literaturprofessor Jochen Hörisch und die Finanzmanagerin Ute Sommer. Sie sind Deutschlands erste freiwillige Tilger. Und ich habe sie dazu verführt.
Man mag bei Schulden stolz darauf sein, wenn es nicht zu viele sind und man die Zinsen bedienen kann. Nicht wenige rühmen sich, überhaupt niemandem etwas schuldig zu sein. Aber vorhandene, vielleicht gar große Schulden zurück zu bezahlen, darf als Königsdisziplin des Kapitalismus bezeichnet werden. Wie kam es dazu?

Gesellschafter haften bei Insolvenz

Wie andere Königsdisziplinen, etwa Triathlon oder Innere Medizin, ist auch die Tilgung nicht populär. Wenn eine Firma ihre Zahlungsunfähigkeit erklärt, muss sie beim Amtsgericht ein Vermögensverzeichnis einreichen. Unter Punkt 18 muss erklärt werden, ob Ansprüche gegen die Gesellschafter bestehen. Es gibt auch vier Tipps, worin diese Ansprüche bestehen können:
a) auf Erbringung der Einlage
b) aus ungerechtfertigter Bereicherung
c) aus Darlehn (ja, altmodisch ohne „e“ geschrieben)
d) aus sonstigen Verpflichtungen
Im Rahmen von Insolvenzverfahren kommt es regelmäßig zu sogenannten Anfechtungsklagen gegen Gesellschafter und andere Gläubiger, die sich vor der Insolvenz in den Punkten a-d unrühmlich hervorgetan haben. Welche Gesellschafter aber hat ein Staat? Wähler? Steuerbürger? Einwohner?
Dass bei 2 Billionen Schulden und 550 Milliarden Einnahmen Insolvenz angemeldet werden muss, ist eigentlich klar. Ein Kleinbetrieb mit 500.000 Euro Umsatz kann ja im nächsten Jahr seinen Umsatz verdoppeln. Ein Staat mit 82 Millionen Einwohnern und 3500 bilateralen Verpflichtungsverträgen nicht. Aber was sollen ich oder einmal meine drei Söhne dann ins Vermögensverzeichnis schreiben?

Der skeptische Herausgeber

Auf dem Display sehe ich eine Frankfurter Nummer. Mit meinem fünfjährigen Sohn stehe ich an einem Apriltag auf dem Vorderdeck des Raddampfers Diessen. „Hier ist das Büro von Herrn Steltzner. Herr Steltzner möchte gerne mit Ihnen sprechen“. Holger Steltzner ist Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Ich hatte ihn in einem persönlichen Brief angeschrieben, ob es nicht möglich sei, die von mir errechneten Zahlen zur Tilgung der deutschen Staatsschulden auch in der FAZ zu veröffentlichen. Steltzner erklärt mir freundlich, dass weder er noch die FAZ je solchen unqualifizierten Hirngespinsten Raum geben werden. Schulden, so Steltzner, werden durch Wirtschaftswachstum getilgt. Oder es kommt die Währungsreform. Außerdem soll der Staat erst mal sparen. Aber man könne ja dazu mal ein Streitgespräch machen, wen ich denn vorschlagen könne. „Dr. Schäuble“, fällt mir ein. Steltzner meldete sich nie wieder. Ein paar Monate später veröffentlichte Jürgen Kaube eine Glosse im FAZ-Feuilleton. Der Titel „Selbst schuld“ bezieht sich auf das Tilgen: Wer wider jede ökonomische Vernunft selbst tilgt, ist selbst schuld. Das stimmt übrigens, denn der Tilger sieht ja die Staatsschuld in chronischer Verkennung der Realität als seine eigene an.

Meine Frau ist genervt

Meine Frau ist genervt: „Wieso müssen wir denn selbst auch tilgen?“ „Weil ich sonst unglaubwürdig bin“, sage ich. „Du unglaubwürdig? Du investierst doch so viel Zeit darin und läufst nur gegen die Wand damit. Aber Du bist doch alles andere als unglaubwürdig!“ Wir überweisen 1.500 Euro auf das Sonderkonto Tilgung Staatsschuld, Konto-Nr. 221 672 58 bei der Sparkasse Dießen-Landsberg, BLZ 700 520 60. Einige Studenten überweisen jeweils 20 Euro. Sie bekommen ein schönes Tilgungszertifikat.

Der stille Erbe

Berlin. Ich besuche den Initiator des Appells für eine Vermögensabgabe, Dieter Lehmkuhl. Seine Altbauwohnung in Berlin-Frohnau erinnert mich an meine Studentenzeit in Berlin: geschliffene Dielenböden, Mitbringsel aus exotischen Ländern, regierungskritische Literatur und eine Dosis Jugendstil. Trotz Schnee und Eis bin ich mit Flugzeug und Taxi aus München gekommen. Es hat mich weitere 460 Euro gekostet. Lehmkuhl ist Erbe eines Brauereibetriebes und steht nicht gerne in der Öffentlichkeit. Er serviert mir knusprigen, selbstgebackenen Stollen – und schickt mich unverrichteter Dinge nach Hause. Die Millionäre um Lehmkuhl wollen nicht nur nicht mit tilgen. Sie werden nicht einmal unter „Links“ auf unsere Initiative www.hurrawirtilgen.de, noch auf die Presse dazu verlinken. Aus der Traum von einer Vereinigung der Initiativen.

Die engagierte Abgeordnete

Auf dem Buch prangt ganz dick ihr Bild. Meine Frau: „So schön ist sie gar nicht. Ich weiß gar nicht, warum sie alle so schön finden.“ Sie hat mir ihr Buch „Freiheit oder Kapitalismus“ mit einer persönlichen Widmung geschickt. In der Drucksache 17435 der 17. Wahlperiode des Deutschen Bundestages hat Sahra Wagenknecht, die derzeitige Nr. 15 im Ranking der schönsten Bundestagsabgeordneten, die Bundesregierung gefragt: „Hält es die Bundesregierung grundsätzlich für möglich, dass durch freiwillige und zwangsweise Abgaben der privaten Vermögensbesitzer, wie es zum Beispiel durch die Initiative ‘Hurra wir tilgen!’ (die deutschen Staatsschulden) von Alexander Dill gefordert wird, die Schulden und damit auch die laufenden Zinszahlungen der öffentlichen Haushalte gesenkt werden können, wie begründet sie ihre Einschätzung, und würde sie eine freiwillige Zahlung der Vermögensbesitzer zum Zweck der Schuldentilgung annehmen?“
Der Parlamentarische Staatssekretär im Finanzministerium, Helmut Koschyk, antwortete ihr in unfreiwilliger Komik, das Vermögen der Bundesbürger könne nicht festgestellt werden. Zudem sei die „internationale Mobilität von Vermögen“ groß. Und der Aufwand erst. Und dem Grundgesetz widerspräche es auch, da keine Notsituation des Staates vorliege. Ich würde gerne mal mit Sahra bei Borchardt essen. Ob sie wie ich nur Weißwein trinkt? Sancerre?

Der juristische Gutachter

Die helle Anwaltskanzlei in bester Münchner Lage strahlt Solidität aus. Während ich einen Kaffee serviert bekomme, blicke ich noch einmal auf das Gutachten von Prof. Dr. Otto Gaßner. Der Inhaber der Kanzlei Gaßner&Kollegen ist CSU-Stadtrat in Starnberg, war einmal Syndikus des Bankhauses Merck&Finck. Und er widerspricht der Antwort von Koschyk. Bereits vorher hatte mir das auch Dr. Wolfgang Schäuble vom gleichen Referenten schreiben lassen, der bereits für die SPD in der Großen Koalition keine Tilgung - sei sie zwangsweise oder freiwillig - für eine ernstzunehmende Option hielt.
Seine damalige Chefin war die heutige finanzpolitische Sprecherin der SPD, Nicolette Kressl. Auch sie meldete in ihrem Schreiben an mich „verfassungsrechtliche Bedenken“ gegen eine Vermögensabgabe an. Da die FDP ja sozusagen organisch gegen eine Vermögensabgabe sein muss, wäre damit eine absolute politische Mehrheit gegen eine Tilgung gesichert. Durch den Journalisten Günter Ederer erfuhr ich, dass Gaßner bereits 2006 ein bis heute unveröffentlichtes Gutachten für eine Vermögensabgabe zur Tilgung der deutschen Staatsschulden angefertigt hatte. Darin argumentiert Gaßner, durch die Staatsschuld werde der Handlungsspielraum des Staates derart eingeengt, dass nicht nur das Sozialstaatsprinzip, sondern auch das Rechtsstaats- und Demokratieprinzip gefährdet seien. Auch zitiert er ein Sondervotum von Di Fabio und Mellinghoff, beide Richter des Bundesverfassungsgerichtes, in dem diese feststellten, der Gesetzgeber sei seiner Aufgabe, mit der Verschuldungsgrenze verantwortlich und verfassungsgemäß umzugehen, nicht gerecht geworden. Da waren die Schulden aber noch bei 1,4 Billionen Euro. Aus dem Munde von Juristen sind das deutliche Worte.
Der Vorschlag von Gaßner wurde nach seinen Angaben u.a. von dem ehemaligen Verfassungsrichter Konrad Kruis und dem laut FAZ „Nestor des deutschen Finanzverfassungs- und Steuerrechts“, Prof. Dr. Klaus Vogel sowie von Paul Kirchhof geprüft. Vogel hat sich sogar bereit erklärt, den Vorschlag gegenüber der Politik zu befürworten. Gaßner: „Ich habe es auch Peer Steinbrück geschickt. Er hat nicht geantwortet.“ Andere Politiker, denen Gaßner sein Gutachten zeigte, winkten ebenfalls ab. Gaßner seufzend: „100% der Politiker waren dagegen.“ Dies führte er als Grund dafür an, die Sache nicht weiter zu verfolgen. Otto Gaßner gestattete mir, sein Gutachten zu veröffentlichen.

Die Fachleute: Warum Tilgung die Schulden erhöht

Der Ersttilger Jochen Hörisch ist – dies wird immer gerne betont – ein Literaturwissenschaftler und Schöngeist. Dies ist nicht nur als Kompliment gemeint. Sein Mannheimer Kollege Axel Börtsch-Supan ist Ordinarius für Volkswirtschaftslehre. Wenn Schöngeister sich mit Staatsfinanzen beschäftigen, müssen sie damit rechnen, dass die Fachleute in Sachen Staatsfinanzen deren Vorschläge kritisch prüfen. Börtsch-Supan hat am Massachusetts Institute of Technology promoviert, war Berater der Weltbank und der OECD. Nun berät der das Wirtschaftsministerium. Er ist im Olymp der Volkswirte angekommen. Jochen Hörisch belehrt er so:
„Wir sollten uns einmal über elementare ökonomische Substitutionsbeziehungen unterhalten: es gibt genug Evidenz, dass ein solches Verhalten (Anm.: die freiwillige Schuldentilgung) die Schulden des Staates ERHÖHT und nicht senkt.“
Ich erschrecke: Waren nicht seit der Einzahlung der ersten Tilgungsrate in Höhe von 14.250 Euro die deutschen Staatsschulden um weitere 200 Milliarden gestiegen? Wenn Börtsch-Supan recht hatte, dann wir auf dem besten Weg, unser Heimatland in den völligen Ruin zu führen. Dumm, dass ich das erst nach Überweisung der ersten Tilgung erfahren habe. Hätte ich Börtsch-Supan gekannt, wäre mir dieser Irrtum nicht unterlaufen. Nun bin ich endgültig in der Kategorie Don Quijote gelandet. Die Staatsschulden sind die Windmühlen.

Die Österreicher – wollen sie vielleicht tilgen?

Die Österreicher stehen in Sachen Vermögen noch besser da als ihre deutsche Nachbarn. Ich schicke ihnen einen Tilgungsplan, der vom Standard veröffentlicht wird. 543 Kommentare zeigen, dass zumindest eine Tilgungsdebatte möglich ist. Da erreicht mich die Anfrage von Ludwig Dvorak, Chefredakteur der sozialdemokratischen (SPÖ) Zeitschrift „Die Zukunft“, ob ich nicht einen Gastbeitrag rechtzeitig zur Haushaltsverabschiedung für 2011 verfassen wolle. Dvorak: „Dann könnte doch 2011 gleich mit der Tilgung begonnen werden.“ Die Österreicher verfügen übrigens bereits seit 2002 über einen Staatsschuldenausschuss. Mein Telefon klingelt: Am anderen Ende ist Dr. Helene Schuberth von der Österreichischen Nationalbank. Sie berät Bundespräsident Franz Fischer. Ihr Kommentar: „Wenn jetzt getilgt würde, wäre das eine Einladung für den Staat, wieder neue Schulden zu machen“. Hat sich Frau Dr. Schuberth mit Professor Börtsch-Supan und FAZ-Herausgeber Steltzner abgestimmt? Diese niederschmetternde Ansicht wird unter den freundlicheren Absagen an die freiwilligen Tilger die meist gebrauchte sein. Am Jahresende haben die Österreicher nicht getilgt. Dafür belege ich seitdem bei Google in der Kombination Tilgung+österreichische Staatsschulden die Plätze 1,4, 6 und 9. Nun ja, probieren wir es im nächsten Jahr noch einmal.

Bitte nicht zitieren – Warum es keine Tilgungsdebatte gibt

Wenn man bei Google die Worte „Tilgung“ und „Staatsschulden“ in beliebiger Kombination eingibt, landet man auf Platz eins immer bei einem Artikel im Online-Magazin Telepolis vom 15. November 2011. Das bedeutet aber nicht, dass Telepolis so viel gelesen wird, sondern auch, dass das Thema „Tilgung von Staatsschulden“ derart exotisch ist, dass es sich in vielgelesenen Mainstream-Seiten erst gar nicht findet. Das liegt wiederum nicht an der Ignoranz der Redakteure, sondern daran, dass es bisher keine Debatte zur Tilgung von Staatsschulden gibt. Redaktionen verstehen sich selten als Initiatoren von Diskursen. Sie möchten Geschehenes kommentieren und präsentieren, aber nicht selbst das Geschehen machen. Seltene Ausnahmen wie die Unterstützung der BILD-Zeitung für Thilo Sarrazin zeigten zudem, wie schnell das Engagement nach hinten losgeht, wenn der Initiator selbst in die Schusslinie gerät. Damit es eine Debatte über Tilgung gibt, müssten aber auch unterschiedliche Stimmen und Medien zitiert werden – das aber lehnt zum Beispiel die Süddeutsche Zeitung ab. Sie forderte von mir, in einem Gastbeitrag über Staatsschulden nicht nur, meine Kritik an der Medienberichterstattung und natürlich den Link zur Tilgungsinitiative zu entfernen, sondern sogar den Hinweis auf ein Spiegel-Interview mit dem Wirtschaftsprofessor Stefan Homburg. Die Redaktion in einer Mail an mich:
„Hallo Herr Dill, jetzt habe ich doch noch eine Frage: Sie zitieren in Ihrem Artikel den SPIEGEL und den Kollegen Mahler, dem Homburg ein Interview gegeben hat. Das sieht natürlich in der SZ ein bisschen komisch aus, finden Sie nicht auch? Kann man den Spiegel raus nehmen und einfach nur schreiben, Homburger sagte in einem Interview?“
Jede größere Debatte aber lebt davon, dass einer sagt, der andere habe dort das gesagt und so weiter. Ohne Dialog sterben unsere Debatten an Autismus.

Pilgerfahrt zu den Wirtschaftsweisen

Wenn man – wie ich – regelmäßig die Herbstgutachten der sogenannten fünf Wirtschaftsweisen zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung in den letzten Jahren gelesen hat, ermüdet man schnell: Jahr für Jahr wird der Staat zu Haushaltsdisziplin, werden die Arbeitnehmer zu Lohnzurückhaltung gemahnt.
Professor Peter Bofinger gehört dem Rat zur Beurteilung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, der übrigens vom Bundespräsidenten auf Vorschlag der Regierung ernannt wird, seit März 2004 an. Das ist lange, wenn man bedenkt, dass in dieser Periode inzwischen schon zwei Börsencrashs liegen. Bofinger tritt im Gegensatz zu vieler seiner Kollegen für einen starken Staat ein. So forderte er 2009 im SPIEGEL (Anm.: an die Redaktion: Bitte „SPIEGEL“ nicht entfernen. Konkurrenz belebt das Geschäft) die Einführung von staatlichen Ratingagenturen. Auch die von Volkswirten gerne verwendeten Medikamente Lohndumping, Steuersenkung und Abschaffung von Kontrollen verabreicht der Würzburger Doktor nicht.

Im sechsten Kapitel der Expertise des Sachverständigenrates 2011, betitelt „Die langfristige Tragfähigkeit der öffentlichen Haushalte“ wird auf Seite 168 festgestellt:
„Tendenziell wachstumsfördernd wäre eine schnelle, entschlossene Rückführung der Tragfähigkeitslücke, die vornehmlich auf der Ausgabenseite ansetzt.“
Dazu muss man als Laie wissen, dass die Volkswirte weitgehend die Ansicht vertreten, Wachstum senke den Schuldenstand. Da dieser am Bruttosozialprodukt gemessen wird, ist es deshalb das größte Bemühen aller Regierungen, auf dem Papier das Bruttosozialprodukt zu steigern. Ob durch Kriege, Gefängnisse und Justiz – wie in den USA – oder durch zwangsweise Wochenendunterbringung von Kranken in Spitälern – wie in Deutschland und Österreich – der Phantasie sind dabei wenig Grenzen gesetzt. Allerdings erhöhen auch die Staatsausgaben selbst dann das Bruttosozialprodukt, wenn sie durch Schulden finanziert werden. Die Wirtschaftsweisen empfehlen auf Seite 275: „Hohe Steuer- und Abgabensätze mindern die Leistungsanreize sowie die Kapitalakkumulation und führen so zu einem niedrigeren Wachstumspfad. Vor diesem Hintergrund wären Ausgabensenkungen vorzuziehen.“
Schlechte Aussichten für eine Tilgung, denn Ausgabensenkungen senken ja allenfalls - wie in der unsinniger weise sogenannten „Schuldenbremse“ - die Neuverschuldung. Übrigens kommt der Begriff „Tilgung“ im Gutachten der Wirtschaftsweisen nicht vor.

Ein Wirtschaftsweiser infiziert sich mit dem Tilgungsvirus

Nachdem doch eine erstaunliche Zahl von Medien über die zugegebenermaßen kümmerlichen Tilgungsversuche berichtete, so das ARD-Morgenmagazin, die Financial Times, Focus http://www.hurrawirtilgen.de/images/FocusArtikel.jpg, Wirtschaftswoche , Frankfurter Rundschau und SPIEGEL-Online , könnte davon ausgegangen werden, dass der Zusammenhang von Tilgung und dem Zahlen derselben mit eigenem Vermögen als unliebsame Aussicht nun durchaus bekannt ist. Umfragen von STERN und T-Online ergaben eine breite Zustimmung zum Tilgungsvorschlag.
Wann würden sich erste Politiker und Wirtschaftsweise davon infizieren lassen? Da die gesamten Steuereinnahmen von Bund, Ländern und Gemeinden etwa 550 Milliarden betragen, würde eine Ausgabensenkung in Höhe der Neuverschuldung von 300 Milliarden Euro zum sofortigen Zusammenbruch der Bundesrepublik Deutschland führen.
Wir schreiben den 11. August 2011. Das nächste Herbstgutachten steht bevor. Same procedure as every year. Oder doch nicht? Zwischen den Zeilen eines Gastbeitrages in Spiegel-Online von Peter Bofinger entdecke ich eine erstaunliche, nein, eine sensationelle Passage. Sie umfasst nur wenige Zeilen:
„Auch aus Gründen der Gerechtigkeit wäre es naheliegend, die Kosten der Krisenbewältigung von jenen tragen zu lassen, die von den Fehlentwicklungen der Boomjahre und der anschließenden Rettung am meisten profitiert haben. Dies könnte dafür sprechen, die zusätzlichen Einnahmen nicht nur über die Einkommensteuer, sondern auch über Vermögensabgaben zu erbringen.Auch hier kann Deutschland als Vorbild dienen.“
Obgleich das Wort „Tilgung“ noch immer fehlt – dies könnte ein erster Hinweis darauf sein, dass in der nächsten Expertise der Wirtschaftsweisen deren Weisheit in Sachen Staatsschulden steigt. Und vielleicht haben wir Kleintilger dazu ein wenig beigetragen.

15. Mai 2011


Wie das Königstum des Kunden zur Philosophie der Wirtschaft wurde

Seit gut zwanzig Jahren behaupten Werbeagenturen, ihre Auftraggeber haben eine Philosophie, ja, es gäbe selbst eine Produktphilosophie. In akademischen Kreisen wird diese verbreitete Behauptung schmunzelnd ignoriert. Eine Philosophie gilt doch als komplexes Denksystem mit gut begründeten Begrifflichkeiten und Zusammenhängen, Bezügen (”Referenzen”) und vermittelnden Kompendien. Es gilt aber - erstaunlich genug - in der Philosophie selbst  als unfein, das Vorhandensein einer eigenen Philosophie zu behaupten.

Die Bescheidenheit gebietet es dort, allenfalls annäherungsweise Forschungsgegenstände zu behandeln, die Bausteine einer oder Beiträge zu einer Philosophie sein können. Prolegomena. Anmerkungen zu. Zur Kritik an. Aspekte von. Dieser angelsächsische Stil entspringt dem kritischen Rationalismus und er wendete sich gegen die gefürchteten Ideologien des 20. Jahrhunderts, deren Ausbreitung zu verhindern bis heute die einzige politische Funktion der akademischen Philosophie ist: Die Warnung vor der Kraft des Irrationalen.

Ich bin skeptisch, also bin ich Philosoph - das ist das Credo der Philosophie.

In den Philosophien der Unternehmenssprecher und Werbetexter hat die eitle Attitude der Skepsis keinen Platz, gilt es doch dort als erwiesen, dass man nur solche Produkte und Dienste gut verkauft, von denen man nicht nur rational überzeugt ist, sondern an die man selbst in einem theologischen Sinne glaubt.

Google-Werbung

Unternehmensphilosophie wird gerne unterschätzt. Sie ist reine Diakonie.

Das am höchsten bewertete Unternehmen der Welt hat mehr als nur einen Slogan. Es bietet Unsere Philosophie in zehn Grundsätzen. Im Englischen klingt das Ganze noch philosophischer, denn dort heißt es Ten things we know to be true.

Wenn man sich Jahrzehnte in der Marken- und Produktwelt der Unternehmen bewegt hat, wird man es nicht erstaunlich finden, dass die erste und wichtigste Wahrheit in dem Vorsatz besteht, dem Kunden oder User zu dienen. Diese, als  diakonische zu bezeichnende Einstellung, bildet das philosophische Grundgerüst von Wirtschaft. We will ultimately serve you, heißt es bei Google.

Damit ist Wirtschaft nur mit dem Selbstverständnis christlicher Missionare zu vergleichen, die immer und an erster Stelle dem dienen, was als der Mensch auch außerhalb von Theologie und Philosophie bekannt ist.

Wirtschaft vesteht sich als Dienerin der Wünsche und Nöte, der Bedürfnisse und Stimmungen der Kunden - diese Grundmaxime darf weder philosophisch noch politisch  unterschätzt werden. Kein Waffen- oder Drogenhandel, keine Fälschung und kein Finanzbetrug kommt ohne die Käufer aus, die als Nachfrager die Initiatoren und Besteller der Dienste der Wirtschaft sind.

In der Zeit der Monarchie vor 1919 hieß das provokativ: Bei uns ist der Kunde König. Die damaligen Könige klagten nicht gegen diesen Slogan, mit dem die palastähnlichen, ersten Kaufhäuser wie Kaufhof 1905 ihre noblen Pforten öffneten. Dass selbst das virtuelle Unternehmen Google diese Philosophie beibehalten hat, spricht für ihre Bedeutung, die sie als erste Philosophie der Wirtschaft errungen hat.

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Google kann man übrigens weder anmailen, noch anrufen. ja, man kann nicht einmal ihre Namen erfahren. Sie sind angewiesen, ausschliesslich in engsten Zirkeln zu verkehren, nicht am Gesellschaftsleben teilzunehmen, keine Interviews zu geben und jeden Kontakt von ihrer Zentrale in Mountain View genehmigen zu lassen.

Die Google Inc. hat ihren Sitz nicht - wie alle Welt glaubt - am Stammsitz in Kalifornien, sondern in einem Briefkasten des US-Steuerparadieses Delaware.

Google ist eine Sekte, gegen die die Mormonen oder Christian Science wie ein Zeuge Jehovas an der Ecke erscheinen. Aber man wird nicht leugnen können, dass die programmatische Diakonie am Kunden pünktlich und zuverlässig vollzogen wird. Ob ihm das letztlich wirklich dient, bleibt eine Frage für die skeptischen Philosophen.

Immerhin haben die beiden Kirchen in den letzten Jahrhunderten gelernt, mehr und mehr Dienst am Menschen zu tun. Vielleicht lernt Google das auch?