Archiv für Oktober 2009



Christliche Betriebswirtschaft in der Praxis

20. Oktober 2009 von Alexander Dill

  

Was passiert, wenn sich in einer erzkatholischen Stadt ein christlich-demokratischer Politiker darin versucht, die Geburtenplanung nach “harten betriebswirtschaftlichen Rechnungen” (Zitat) zu beeinflussen? Oder: Was kommt eigentlich vom betriebswirtschaftlichen Lehrwissen über Amortisation von Investitionen in einem badischen Stadtrat an? - ein Bericht von der BWL-Front.

Mitten in der Krise - im südlichen Baden-Württemberg hat sich die Arbeitslosigkeit innert eines Jahres verdoppelt - liegt an diesem kalten Herbstmorgen das romantische Städtchen Sulzburg friedlich am Rande des Schwarzwaldes.

Stadtplatz Sulzburg

 

Obwohl das 2700-Einwohner-Dorf bereits zwei renommierte Spitzenrestaurants, zwei erstklassige gutbürgerliche Gaststätten, zwei Pizzerien und eine Bierschenke beherbergt, hat gerade ein neues Café eröffnet. Ein mutiges Signal. Es ist immerhin der vierte Versuch in dieser Lokalität. Ein Erfolgsprinzip wird bereits beherzigt: Um 8 Uhr öffnen, damit Männer dort ihre Zeitung lesen können, zum Beispiel die wertvolle Badische Zeitung.

Männer lesen gerne am Morgen eine gute Tageszeitung
Männer lesen gerne am Morgen eine gute Tageszeitung

 

An diesem Morgen bietet die Badische Zeitung einen Bericht über eine Freiburger Stadtratssitzung, in der ein zumindest mir noch nicht bekanntes, betriebswirtschaftliches Problem diskutiert wurde: die Finanzierung der Empfängnisverhütung von ALG-II-EmpfängerInnen. Offensichtlich gibt es im Stadtrat auch Wirtschaftsfachleute wie den Diplomverwaltungswirt Martin Kotterer von der Christlich Demokratischen Union.

"Das Geld für die Verhütung hätte sich schnell amortisiert.", jubelt der Stadtrat - zu früh?
“Das Geld für die Verhütung hätte sich schnell amortisiert.”, jubelt der Stadtrat - zu früh?

Herr Kotterer hat errechnet, dass jedes Neugeborene einer ALG-II-Empfängerin die Stadt zusätzlich 80 Euro Wohngeld im Monat kostet. Wenn nun, so lautet seine (Zitat) “harte betriebswirtschaftliche Rechnung”, die Stadt bereits frühzeitig die Verhütung für die Damen bezahle, könnten diese Kosten vermieden werden. “Das Geld für die Verhütung hätte sich schnell amortisiert”, wird clever festgestellt.

Zunächst: Dass Geld sich amortisiert, ist sicher eine neue Erkenntnis, die der Stadtrat schwer aus der Betriebswirtschaft gewonnen haben kann. Investitionen mit Abschreibungen können sich amortisieren. Geld nicht. Weiterhin ist Wohngeld für ein Neugeborenes auch nicht Teil des Investitionshaushaltes der Solarstadt Freiburg, sondern Rechtsanspruch von Bedürftigen. Wenn nun der eifrige CDU-Stadtrat dazu beitragen möchte, die Zahl der bedürftigen Mütter und Kinder - und damit die Ausgaben für Wohngeld - zu vermindern, so könnte er das auf lokaler Ebene durch die Ansiedlung von Gewerbe mit gutbezahlten Teilzeitarbeitsplätzen und dazugehöriger Kleinkindbetreuung, möglicherweise sogar mit kommunalen Zuschüssen tun. Das wäre vielleicht keynesianisch, aber es wäre im Sinne der einst von der CDU mitbegründeten Sozialen Marktwirtschaft.

Nun denkt Herr Kotterer aber scheinbar effektiver: Warum überhaupt so teure Massnahmen, wenn man doch einfach die ALG-II-Empfängerinnen mit kostengünstiger Zwangsverhütung beglückt? Die Pille kostet ca. 35 Euro im Monat und wird nicht von ALG II, aber auch nicht von der Kasse übernommen. Die 350 Euro teure Spirale ebenfalls nicht. Auch keine Kondome. Man könnte sagen: Der Stadtrat möchte mit betriebswirtschaftlichem Wissen ein Problem lösen, bevor es entsteht.

Allerdings besteht noch ein zweites, dem Stadtrat offensichtlich nicht bekanntes betriebs- und leider auch volkswirtschaftliches Problem, die sogenannte Nachhaltigkeitslücke im Generationenvertrag. Dieses Problem erfordert nicht weniger, sondern mehr Geburten. Und es ist derart teuer, dass 2008 78,3 Mrd. Euro, genau 27,6% des Bundeshaushaltes als Zuschuss zur gesetzlichen Rentenversicherung überwiesen werden mussten. Steuergeld. Auch dort scheint das betriebswirtschaftliche Scheinwissen zu herrschen, dass durch Staatsanleihen aufgenommenes Geld sich selbst amortisiert.

Eine weitere, ebenfalls kommualbetriebswirtschaftliche Erwägung ist anzustellen: Was, wenn der Befruchter selbst ordentlich in Lohn und Brot steht? Dann würde dieser ja möglicherweise die junge Familie aus der nicht gerade anstrebenswerten ALG-II-Lage erlösen. Die im Stadtrat angestellte Berechnung geht offensichtlich nur von dem Fall aus, dass die ALG-II-Empfängerin von einem selbst arbeitslosen Herren geschwängert wird. Dass dies geschieht, hat jedoch nur eine Wahrscheinlichkeit von 1:9, eben aufgrund der Arbeitslosenrate. Es könnte also sozusagen das falsche Kind vom falschen Vater verhütet werden. Und was ist die ethische Implikation von der vom Stadtrat geforderten Zwangsverhütung? Dass nur adlige CDU Ministerinnen fünf Kinder haben dürfen?

Und wie ist das mit christlichen Werten vereinbar? Die Erzdiözese Freiburg mit ihren 2,1 Millionen Mitgliedern unterhält immerhin 27 Schwangerschaftsberatungsstellen, die alle nur einem Ideal verpflichtet sind, donum vitae! Jedes Kind ist nämlich ein wertvolles Geschenk Gottes - auch das von ALG-II-Empfängerinnen.

Wir werden uns hier beschränken, und die ethische wie die christliche Dimension der Pläne des Freiburger Stadtrates nicht weiter diskutieren. Wir fragen uns nur: Was müssen das für Wirtschaftswissenschaften sein, an welchen Universitäten lehrt man diese, die solche Ergebnisse zeitigen? Diese?

Gedankenübertragung: Nobelpreis für Elinor Ostrom. Kommen nun Glasnost und Perestrojka in die WiWi?

13. Oktober 2009 von Alexander Dill

 

Als mein erster Artikel hier mit dem grossen Fotos der Commons erschien, konnte ich nicht ahnen, dass sich das Kommitee der Schwedischen Reichsbank nach der Finanzkrise dazu entschließen würde, der Politologin Elinor Ostrom den Wirtschaftsnobelpreis für ihre Erforschung der Organisation der Gemeingüter zu verleihen. Ich bezeichne das als den Einzug von Glasnost und Perestrojka in den Wirtschaftswissenschaften. Gerhard Schwarz, Wirtschaftschef der Neue Zürcher Zeitung, sieht diese Preisvergabe als einen Ausgleich, nachdem in den letzten Jahren Think-Tank Kolumnenschreiber wie Paul Krugman und Joseph Stigtlitz ausgezeichnet wurden.  Als Anhänger von Friedrich August Hayek hofft Schwarz, diese Entscheidung möge möglichst keine Folgen für die Wirtschaftswissenschaften haben: “Doch das bedeutet weder Marktskepsis noch Absage an liberale Positionen”.


In beidem hat Schwarz vermutlich Recht: Ja, die Nobelpreisvergabe war als ausgleichende Kosmetik nach der Finanzkrise gedacht, ja, beide Preisträger, auch Oliver Williamson, sind nie als Kritiker der Religion der market economy in Erscheinung getreten. Ich freue mich natürlich darüber, dass die Commons jetzt vielleicht salonfähig werden, zumal die Universität von Mrs. Ostrom, die University of Indiana im Jahre 2007 mein erstes Research Paper dazu veröffentlichte. Damals war ich noch philosophischer und operierte mit dem unerlaubten Begriff Freeware .Es wird interessant, nun auszutesten, inwieweit die russischen Tugenden Glasnost und Perestrojka in das Sowjetimperium der Wirtschaftswissenschaften Einzug halten, oder ob wir weiter in Sibirien bleiben müssen.

Wie das Bruttosozialprodukt zur philosophischen Debatte wird

07. Oktober 2009 von Alexander Dill

 

Zumindest im Deutschen weckt der Begriff Bruttosozialprodukt (BSP) (”Jetzt wird wieder in die Hände gespuckt, wir steigern das Bruttosozialprodukt”) die Assoziation, es messe eine Art Gemeinschaftsleistung innerhalb der Sozialen Marktwirtschaft. Es vereint nämlich die gemessenen, zumindest die legal erfassbaren Privatleistungen mit den offiziellen staatlichen Leistungen. Bei einer Staatsquote von rund 50% stellt es sozusagen einen täglichen, ontologischen Beweis für die Existenz einer Sozialen Marktwirtschaft dar.

Die englische Version GDP (Gross Domestic Product) verzichtet auf das Prädikat sozial - zu Recht, denn nirgendwo im BIP wird unterschieden, ob die staatliche Leistung in einem schuldenfinanzierten Krieg oder in Bildung erbracht wurde, ob die Privatleistung aus den virtuellen Giralgeldketten einer HRE oder aus arbeitsintensivem Handwerk stammt. Seit der Finanzkrise ist deshalb das BIP zunehmend unglaubwürdig geworden.

Am 14. September 2009 nun haben die Wirtschaftsnobelpreisträger Amartya Sem und Joseph Stiglitz einen Bericht an den französischen Präsidenten Sarkozy übergeben, den sogenannten Fitoussi-Report, dessen 292 Seiten wir hier selbst studieren können. Er ist in den Medien überaus positiv angenommen worden.

Gemeingüter - können sie eine Alternative zum Bruttosozialprodukt bieten?
Gemeingüter - können sie eine Alternative zum Bruttosozialprodukt bieten?

 

Er empfiehlt, Umwelt und Familie mit in das BIP aufzunehmen, also letztlich Umweltschutz und Kinderfürsorge durch die Familie materiell zu honorieren. Auch Wohlbefinden, well-being, möchte man gerne als Pluspunkt in der Bilanz haben. Das klingt fortschrittlich und edel. Das Ergebnis der Kommission, die außer Sem nur Vertreter amerikanischer und französischer Universitäten beschäftigt, ist für die Auftraggeber überaus befriedigend. So steigt für beide Länder das BIP, anstatt, bereinigt um absurde Buchungen, drastisch zu sinken. Die Franzosen haben mit Atomkraft, Kleinwagen und mit Atomstrom betriebenen Zügen, mit einer sehr beachtlichen Geburtenrate von 2,3 und mit jeder Menge Mamis zum Enkelhüten durch die Neuberechnung ihre Position verbessert. Dies müssen sie auch, denn die Möglichkeit neuer Staatsverschuldung hängt vom Rating ab, das die Staatsschuld in Prozent des Bruttoinlandsproduktes mißt und natürlich Aussagen über die Zukunftserwartung des Schicksals des Schuldners macht. Dank Stiglitz und Sem ist Frankreich nun die Nummer 1 in Europa - zumindest auf dem Papier.

Diese Instrumentalisierung der Bruttosozialproduktfindung läßt jedoch vergessen, dass es um tiefergehende philosophische Fragen geht, die Stiglitz und Sem als Ökonomen nicht aufwerfen.

Ihre größte: die creatio ex nihilo, die Schöpfung aus dem Nichts. Stiglitz’ Nobelpreiskollege Paul Krugman nämlich vertritt die Ansicht, die USA sollten ihre Staatsschuld ruhig noch verdoppeln, um die Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen. Die USA, so Krugman, seien ja nur mit 40% ihres GDP verschuldet. Dieser, in der Ökonomie auch als Keynesianismus bekannte Schamanenakt geht davon aus, dass Ökonomie weitgehend Psychologie ist, es also eine Realwirtschaft im Sinne des Wortes vielleicht in Nischen noch geben mag, die großen Zyklen aber von individuellen Erwartungen und Hoffnungen getrieben werden, deren Summe schließlich Märkte steigen oder sinken läßt.

Dieser Appell an den Herdentrieb wird natürlich nur dann formuliert, wenn Aufschwung aus dem Nichts erschaffen werden soll. Den Abschwung, die Panik möchte ja niemand. Die großen Ökonomen leben wie ihre Mäzene in dem Glauben antiker Truppen, wenn der Fahnenträger sich in die gegnerische Reihen wirft, werde das nachfolgende Fußvolk sich dadurch derart ermutigt fühlen, dass es den Gegner überrennt. Dieser hat natürlich auch Fahnenträger und Fußvolk.
Wie aber kann diese These dann noch stimmen, denn für mindestens einen der beiden muß sie ja wohl definitiv falsch sein, falls die Schlacht einen Sieger hat?

Wenn man Geld tatsächlich drucken kann - die amerikanische Zentralbank und ihre Besitzer tun das bereits seit geraumer Zeit mit zunehmendem Vergnügen - dann gewinnt man in Schlachten ums Geld immer - bis einer kommt, der das selbstgedruckte Geld nicht mehr anerkennt und dafür keine realen Waren mehr aushändigt.

Warren Buffett nun, der Papst der Geldanlage in Aktien, meint, es sei zuviel Geld gedruckt worden, nicht für Seinesgleichen, wohl aber für den Staat. Dieser solle nun, nachdem er seine Schuldigkeit getan, privaten Reichtum mit seiner Polizei und Armee zu ermöglichen, zurücktreten.

Das Bruttosozialprodukt vereint beide aus dem Nichts gedruckten Gelder, die privaten und die staatlichen. Dass es allerdings gelungen ist, bei einem Gesamtvolumen des Welt-Zentralbankgeldes von nur 4 Billionen Euro Schulden in Höhe von 200 Billionen Euro unter die Leute zu bringen, läßt die metaphysische Kraft des Kapitalismus geradezu göttlich erscheinen, denn welche eschatologische Drohung die Miserabilisten auch immer vorbringen möchten - Staatsbankrott, Weltwährungsreform, Massenarmut - faktisch ist seit 1945 bis heute eine ununterbrochene Reichtumsgenerierung eines historisch nie vorhergesehenen Ausmasses erfolgt, deren Ende oft vorhergesagt, aber immer verschoben wurde.

Wenn also Daniel Ben-Ami (“Ferraris for all“) mir am 24. September vorgeworfen hat, ich sei Teil einer Verschwörungskampagne (muß man etwas scrollen) gegen das Wachstum, weil ich einen Weg gefunden habe, Gemeingüter zu messen (anstatt nur Finanzzahlen), dann hat er Recht. Das schönste Argument für die Einführung von alternativen Berechnungsmethoden des BIP ist nämlich nicht der Mißerfolg des bisherigen Gelddruck-BIP, sondern mehr das daraus resultierende Zins- und Zinseszinsproblem.

Nur die Reduzierung auf jene einst aus dem Nichts geschaffenen und dann sozial kultivierten Werte, der Gemeingüter (engl.: Commons) wird nämlich noch Bestand haben, wenn sich die Währung und die Kredite in Staub auflösen. Wann dies sein wird, wissen wir nicht. Wenn es aber bereits morgen geschieht, werdem wir uns fragen, warum wir nicht doch ein bißchen vorher darüber nachgedacht haben.