Archiv für März 2010



Nachhaltigkeit - Demontage eines Modebegriffs

22. März 2010 von Alexander Dill
peter_maffay

Nominiert für den Deutschen Nachhaltigkeitspreis 2010: Sustainability Champ Peter Maffay

Wenn philosophisches Denken eine traditionelle Stärke hat, dann liegt sie weniger in der praktischen Hilfestellung zu einem gelungenen Leben, als in der sezierenden Präzision der Klärung von Begriffen. Es gibt Begriffe, denen man keine philosophische Analyse wünscht. Nachhaltigkeit könnte zu jenen Begriffen gehören, die bei intensiverer Betrachtung nur verlieren können. Begriffe, die aus dem Nirgendwo kamen, Mode wurden und keine zwei Jahrzehnte überdauern werden.

Dürfen wir annehmen, dass jemand ein Unternehmen mit dem festen Wissen gründet, dieses werde wegen schlechtem Wirtschaften nur wenige Jahren überdauern? Eine Aktie emittieren, von der er weiss, dass deren Kurs nach der Ausgabe nur sinkt? Einen Plan vorlegen, der so wenige Erfolgsfaktoren berücksichtigt, dass er zum Scheitern verurteilt ist?

Nur, wenn wir dieses annehmen können, ergibt der Begriff Nachhaltigkeit einen Sinn, denn ob etwas – etwa eine Ehe, ein Vorsatz oder ein Unternehmen – Jahrzehnte überlebt, kann wohl niemandem vorher bekannt sein. Nachhaltigkeit berührt damit die Sphären der Prophetie und Wahrsagerei.

AM__Fischer,templateId=large__blob

Erhielt den Ehren-Nachhaltigkeitspreis 2009: Erdgaslobbyist Joschka Fischer

Im Jahre 2001 hat die deutsche Bundesregierung, bis heute völlig unbeachtet von einer ignoranten Öffentlichkeit, einen Rat für Nachhaltige Entwicklung ins Leben gerufen. Das war vor neun Jahren.  Zeitgleich hat die Aachener Stiftung Kathy Beys ein Lexikon der Nachhaltigkeit ins Internet gestellt. Am 3. November 2009 beklagte Gunter Thielen, der Vorsitzende der Bertelsmann-Stiftung, das Thema Nachhaltigkeit als Antwort auf die Krise sei noch nicht in der Gesellschaft angekommen. An der Komplexität des Begriffes kann es wohl nicht liegen. So lernen wir von der Bundesregierung:

Der Begriff ‘Nachhaltigkeit’ kommt aus der Forstwirtschaft. Es heißt: Wer einen Wald hegt, muss darauf achten, nicht mehr Holz zu schlagen als nachwächst. Nachhaltigkeit bedeutet also, vom Ertrag zu leben, ohne die Substanz anzutasten.“

Anders gesagt: Jeder Liter Benzin, jeder Kubikmeter Erdgas, jede schuldenfinanzierte Steuermillion sind nach dieser Definition nicht nachhaltig. Und ob die Finanzquelle der Bertelsmann Stiftung, der Fernsehsender RTL besonders nachhaltig ist? Oder seine Werbetreibenden?
Die Nationale Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung ist lesenswert. Sie wurde der Einfachheit halber nach der Bundestagswahl im November 2009 gar nicht erst geändert und datiert vom August 2009.  Wir können davon ausgehen, dass sie selbst nachhaltig ist, dass also nicht mehr neue Strategie veröffentlicht wird, als auf natürlichem Wege (Pensionierung) der Regierung abhanden kommt, etwa durch das Verstreichen der angekündigten Fristen.
Unter den 21 Punkten, die die Regierung einer strengen Erfolgskontrolle unterworfen hat, ist Punkt 10 besonders interessant. Als Thema steht dort „Wirtschaftsleistung umwelt- und sozialverträglich steigern.“ Als Überprüfungsindikator gilt das Bruttosozialprodukt, als zu erreichendes Ziel „Wirtschaftswachstum“.
Was soll man da sagen? Wirtschaftswachstum als Nationale Nachhaltigkeitsstrategie? Wächst denn noch so viel Wachstum nach, dass man es ernten kann?

Nun ist Bundeskanzlerin Merkel Schirmherrin des Deutschen Nachhaltigkeitspreises. Für diesen gibt es 50 KandidatInnen, über die man abstimmen darf. Wie wäre es mit dem Erdgas-Lobbyisten Joschka Fischer? Oder mit dem Chef des Umweltbundesamtes, Jochen Flasbarth? Oder lieber gleich Werner Schnappauf, Hauptgeschäftsführer des BDI? Oder gar Peter Maffay?
„Die hier vorgestellten Köpfe stehen für die Bereiche, in denen sich Nachhaltigkeit entscheidet, für persönliche Beiträge, für gegensätzliche Positionen.“
Gibt es zu Nachhaltigkeit denn gegensätzliche Positionen? Bisher scheint es doch eher, als ob alle uneingeschränkt für Nachhaltigkeit einträten. Gäbe es allerdings auch Gegner dieses kollektiven Mantras, könnten wir darüber auch philosophisch diskutieren. So aber müssen wir uns auf die Demontage eines hohlen Modebegriffes beschränken.

Capitalism Makes Us Better People - Ein Blick auf die Ethikdebatte in den USA

17. März 2010 von Alexander Dill

Die angebliche Weltfinanzkrise hat auch in den Vereinigten Staaten von Amerika zu einem gewissen Rechtfertigungs- und Neubegründungsdruck der divinen, gottgegebenen Ordnung des Kapitalismus geführt. In dessen Folge mußten die Matadoren der Denkpanzer (Think-Tanks) selbst mit vier Jahren Verspätung auf die Enzyklika von Papst Benedikt XVI. reagieren. Einer von ihnen ist William S. Niskanen, der Direktor des Cato Instituts. Unter dem Titel The Undemanding Ethics of Capitalism veröffentlichte er Ende 2009 eines der wenigen US-Grundsatzpapiere der Post-Weltfinanzkrisen-Ära.

Niskanen

William S. Niskanen, Senior Central Ethics Officer des Cato Institute, überrascht nach der Finanzkrise mit ethischer Innovation

 Während in Deutschland und dem Rest der Welt ostküstige US-Ökonomen wie Jeffrey Sachs, Joseph Stiglitz und Paul Krugman mit Clinton und Gore als cleane Weltretterfraktion umherjetten, repräsentiert Niskanen die berühmte schweigende Mehrheit, die US-Politik wie Wirtschaft dominiert. Sie zeichnete sich seit Johnson, Reagan und George W. Bush immer dadurch aus, dass sie nie etwas begründen oder rechtfertigen musste.

“The truth comes from the gutt.”
“From where do you know that?”
“My gutt says it to me.” (Dialog des US-Satirikers Stephen Colbert in Anwesenheit von Bush, 2006)

Papst Benedikt XVI. forderte, wie allgemein bekannt, mehr soziale Verantwortung. Caritas allerdings übersetzten die Amerikaner als charity, was allerdings weniger Nächstenliebe als Wohlfahrt ausdrückt, also jene staatlichen Wohltaten umfaßt, die die Mehrheit der Amerikaner als gottlosen Kommunismus seit eh und je verdammen. Krankenversicherung zum Beispiel.

 

20071022_will_wilkinson_18

So sieht ein Junior Ethics Officer im Think-Tank Cato Institute aus.

“Mein erster Zweifel an dieser Enzyklika”, schreibt Niskanen, “ist, dass es zuviel verlangt ist, vom menschlichen Geist Solidarität zu erwarten und diese auch noch als Bedingung für Menschlichkeit zu setzen.” Niskanen zieht zur Kritik an diesen urchristlich-kommunistischen Traumvorstellungen ein Zitat eines Hardcore-Wirtschaftswissenschaftlers namens Harris aus dem Jahre des Herrn 1972 heran. Dieser schrieb:
“Einen Menschen, der Hummern das Fliegen beibringen will, nennt man einen Geisteskranken. Aber einen Menschen, der glaubt, durch Wahlen Menschen in Engel zu verwandeln, nennt man einen Reformer.”

Nach diesem Gleichnis geht Niskanen auf den auch hier bekannten Bernard Madoff ein, dessen 60 Milliarden Dollar Betrug Niskanen mit dem seiner Ansicht nach 100 Billionen! Dollar großen Ponzi-Scheme-Betrug relativiert, den man - Zitat Niskanen - “social security and medicare” - nennt. Dies ist in seiner Kuriosität amüsant zu lesen und daher überaus empfehlenswert. Der Kapitalismus, so resumiert Niskanen, fordert von den Menschen nichts. Er läßt ihnen ihre Freiheit, inklusive der Freiheit zu Irrtümern und Übertreibungen eines Madoff. Er ist undemanding.

Der von Niskanen zitierte Titelsatz meines Artikels, der von einem Cato-Aktivisten namens Will Wilkinson (links im Bild) stammt, widerspricht allerdings dieser fast taoistischen Gelassenheit: Wenn der Kapitalismus aus uns bessere Menschen macht, dann müßte er doch auch erstrebenswerte Tugenden und Werte propagieren, also eventuell doch Hummern das Fliegen beibringen?
Genau über diese finden wir aber nichts in Niskanens Traktat.