Im Jahre 2001 erhielt Joseph Stiglitz den Nobelpreis für seine Theorie der asymmetrischen Information. Ein Grund für die Vergabe war das sogenannte Grossman-Stiglitz Paradox. Es ist sehr selten, dass Wirtschaftswissenschaften einen Impuls für interdisziplinäre Grundlagenforschung geben. Sie hängen selbst nur am Tropf der empirischen Sozialwissenschaften und an den Lehrsätzen der Mathematik. Sie betreiben selbst keinerlei Grundlagenforschung, es sei denn, man möchte die Spieltheorie der Grundlagenforschung zurechnen - und damit das legendäre Prisoners Dilemma zur Einstein’schen Relativitätstheorie upgraden.
Das Grossmann-Stiglitz-Paradox ist weder in den Wirtschaftswissenschaften und noch weniger außerhalb stärker rezipiert worden. Es besteht eigentlich nur aus einem Satz, der komplexe Finanzprodukte wie Derivate betrifft: “Wenn Märkte in der Bewertung von Information wirklich effizient wären, also Art und Umfang der Information in der Preisbildung wiedergeben würden, dann würde kein Marktteilnehmer Grund dafür haben, die für die Preisbildung nötigen Informationen selbst zu erheben.”
Man kann über diesen Satz länger nachdenken, ihn auf sich wirken lassen. Mir ist es dabei so gegangen, dass mir die Konsequenzen dieses Satzes für jede Art von philosophischem Denken bewußt wurden. Ich bezog ihn gar nicht auf Derivate, auf CDO und CDS, ABS und Optionen. Ich wollte aber die Totalität dieses Satzes zunächst nicht zulassen. Sie erschien mir unerträglich. Das klingt pathetisch.
Wenn wir uns aber das Grossmann-Stiglitz-Paradox anders denken, ohne Märkte und Marktteilnehmer, wenn wir Information durch Wirklichkeit oder Wahrheit ersetzen, dann könnte der Wirtschaftsforscher Stiglitz an die Grenzen der menschlichen Erkenntnis gestoßen sein. An die Schallmauer des Denkens. An die Lichtgeschwindigkeit der formulierbaren Gedanken.
Wie das?
Ich habe das Paradox einmal umformuliert:
“Wenn die Wirklichkeit selbst etwas über sich aussagen würde, wenn also alles, was wir als Wirklichkeit wahrnehmen, von dieser bestätigt würde - warum gäbe es dann Philosophie und Religion?”
Auch über diesen Satz kann man länger nachdenken. Das Ergebnis ist nicht unbedingt angenehm, falls man sich als Logiker fühlt. Entweder offenbart sich die Wirklichkeit selbst und beantwortet damit alle Fragen. Oder es gibt keine Wirklichkeit. Oder?
Archiv für Juni 2010
Das Grossman-Stiglitz-Paradox an der Grenze des Denkens
09. Juni 2010 von Alexander Dill

