
Steuerberater Jan Kastorf wirbt mit folgendem Zitat von Anselm Meyer Rothschild: "Die Unkenntnis der Steuergesetze bewahrt nicht vor der Pflicht zum Steuer zahlen. Die Kenntnis aber oft."
Als Opportunitätskosten werden jene Kosten bezeichnet, die entstehen, wenn man eine soziale Handlung oder einen Dienst nicht ausführt. Beispiele? Wenn Putzfrauen das Krankenhaus nicht extrem sauber halten, nimmt die Zahl der schwierig und teuer zu behandelnden Krankenhausinfektionen zu.
Dieses Beispiel ist nicht von mir, sondern stammt von meinen Kollegen der Londoner New Economics Foundation.
Diese hat letztes Jahr eine Studie mit dem Titel A Bit Rich veröffentlicht, über die ich bereits einmal berichten konnte.
An diese hat sich nun die Redaktion von Deutschlandradio Wissen erinnert und dabei getitelt: “Wirtschaftsphilosoph sagt: Der Steuerberater schadet uns.” Dazu gibt es ein 9-minütiges Interview von Mike Litt mit mir.
Allerdings ermöglicht es die Kürze des Gespräches mit Deutschlandradio nicht, diese Aussage zu präzisieren. Also: Wenn ein Staat - wie etwa die Schweiz oder Norwegen - keine schuldenfinanzierten Steuergeschenke verteilt, sondern die Steuern erhebt, die er zur Finanzierung seines Staatshaushaltes benötigt (und deshalb schuldenfrei ist), dann schadet ein Steuerberater nicht der Gemeinschaft.
Leider ist das in Deutschland und Österreich nicht der Fall. Dort sorgt der Steuerberater dafür, dass ausgerechnet jene Bürger, die es sich leisten könnten, mehr zum Gemeinschaftshaushalt beizutragen, dieses nicht tun müssen.
Die Opportunitätskosten bestehen in diesem Fall in der Differenz zwischen eingenommenen Steuern und den staatlichen Gemeinschaftsausgaben. Um das Ganze ein bißchen berechenbar zu machen, habe ich von 1995 - 5 Jahre nach der deutschen Einheit - in Deutschland die Entwicklung der Staatsschulden mit der Entwicklung der durch nicht erhobene Steuern entstehenden Privatvermögen verglichen.
Das Statistische Bundesamt der Bundesrepublik Deutschland kennt diese Zahlen nicht. Es hat beamtendeutsch gesprochen, “dazu keinen gesetzlichen Auftrag”. Der gesetzliche Auftrag besteht nämlich darin, Staatsschulden auf Privatkonten von Leistungsträgern zu leiten, für die Steuern keine Staatsbürgertugend, sondern eine Strafe darstellen.
Und so sieht die Bilanz aus:
Entwicklung private Vermögen und Staatsverschuldung 1995-2008
| In Mrd. Euro | 1995 | 2008 | Zuwachs |
| Netto Geldvermögen Netto Grundvermögen Staatsschulden |
1780 2850 998 |
3600 4600 1641 |
+102,24% +61,40% +64,43% |
| Total | 3632 | 6559 | +80,59% |
Quellen: Deutsche Bundesbank, DIW-Immobilien, Statistisches Bundesamt, Allianz.Versicherung, eigene Schätzungen
Die Frage, die ich nun hier aufwerfen möchte ist die, ob Opportunitätskosten in der Grösse von 1,7 Billionen Euro durch das Nichterheben von Steuern tatsächlich eine Frage der ethischen Stimmungslage sind, d.h., ob es sozusagen der Appelle an das Verantwortungsbewußtsein der programmatischen Nichtzahler mit kantischen Vernunftargumenten bedarf, oder ob Opportunitätskosten eine nackte Zahlenwahrheit darstellen.
Die vier deutschen Regierungsparteien, deren Repräsentanten fast ausnahmslos zu den Profiteuren der Nichtbesteuerung zählen, zu jener Gruppe also, deren Vermögen und Pensionsansprüche trotz steigender Staatsschulden steigen, anstatt zu sinken, kennen keine Opportunitätskosten.
Diese tragen ja nicht sie, sondern eine Fiktion namens “Der Steuerzahler”.
Wer ist das und wer zahlt welche Steuern? Auch das habe ich berechnet:
Vergleich der Entwicklung von Steuerarten in Prozent des Gesamtsteueraufkommens 1950 und 2009
| Steuerart | Prozent der Gesamtsteuer 1950 | Prozent der Gesamtsteuer 2009 |
Unterschied |
| Umsatzsteuer | 21,7 | 33,77 | +64,25 |
| Einkommensteuer | 9,89 | 5,04 | -49,4 |
| Vermögensabgabe | 8,8 | 0 | -100 |
| Lohnsteuer | 8,56 | 25,79 | +301 |
| Körperschaftssteuer | 6,87 | 1,46 | -78,7 |
| Grundsteuer | 5,45 | 2,08 | -61,84 |
| Gewerbesteuer | 4,94 | 6,18 | +25,1 |
| Total (in Mrd. Euro) | 10.783 | 524.001 |
Quelle: Bundesministerium der Finanzen, Tabellen 1950-1953 und 2006-2009
Zusammengefasst: Gerade die Steuerlast jener, die durch fehlende Besteuerung Vermögen aufbauen konnten und können, ist extrem gesunken.
Die einzig gute Nachricht an beiden Berechnungen ist die, dass die durch Schulden finanzierten Opportunitätskosten nicht verloren sind, sondern nur mit dem Vermögenszuwachs verrechnet werden müssen.
Das werden die Betroffenen nicht mögen. Und sie werden alles daran setzen, dies zu einer ethischen Frage zu machen: “Ungerecht” sei es dann, sie im Nachhinein zur Kasse zu bitten. Und “nicht rechtsstaatlich”, denn sie konnten doch für ihre Steuerprivilegien “Rechtssicherheit” erwarten. Steht nicht im Grundgesetz, dass Eigentum unantastbar ist?
Ja, aber möglicherweise gilt das auch für Staatseigentum.




