Archiv für August 2010



Warum Opportunitätskosten keine Ethikfrage sind

31. August 2010 von Alexander Dill
Steuerberater

Steuerberater Jan Kastorf wirbt mit folgendem Zitat von Anselm Meyer Rothschild: "Die Unkenntnis der Steuergesetze bewahrt nicht vor der Pflicht zum Steuer zahlen. Die Kenntnis aber oft."

Als Opportunitätskosten werden jene Kosten bezeichnet, die entstehen, wenn man eine soziale Handlung oder einen Dienst nicht ausführt. Beispiele? Wenn Putzfrauen das Krankenhaus nicht extrem sauber halten, nimmt die Zahl der schwierig und teuer zu behandelnden Krankenhausinfektionen zu.
Dieses Beispiel ist nicht von mir, sondern stammt von meinen Kollegen der Londoner New Economics Foundation.
Diese hat letztes Jahr eine Studie mit dem Titel A Bit Rich veröffentlicht, über die ich bereits einmal berichten konnte.
An diese hat sich nun die Redaktion von Deutschlandradio Wissen erinnert und dabei getitelt: “Wirtschaftsphilosoph sagt: Der Steuerberater schadet uns.” Dazu gibt es ein 9-minütiges Interview von Mike Litt mit mir.
Allerdings ermöglicht es die Kürze des Gespräches mit Deutschlandradio nicht, diese Aussage zu präzisieren. Also: Wenn ein Staat - wie etwa die Schweiz oder Norwegen - keine schuldenfinanzierten Steuergeschenke verteilt, sondern die Steuern erhebt, die er zur Finanzierung seines Staatshaushaltes benötigt (und deshalb schuldenfrei ist), dann schadet ein Steuerberater nicht der Gemeinschaft.
Leider ist das in Deutschland und Österreich nicht der Fall. Dort sorgt der Steuerberater dafür, dass ausgerechnet jene Bürger, die es sich leisten könnten, mehr zum Gemeinschaftshaushalt beizutragen, dieses nicht tun müssen.
Die Opportunitätskosten bestehen in diesem Fall in der Differenz zwischen eingenommenen Steuern und den staatlichen Gemeinschaftsausgaben. Um das Ganze ein bißchen berechenbar zu machen, habe ich von 1995 - 5 Jahre nach der deutschen Einheit - in Deutschland die Entwicklung der Staatsschulden mit der Entwicklung der durch nicht erhobene Steuern entstehenden Privatvermögen verglichen.
Das Statistische Bundesamt der Bundesrepublik Deutschland kennt diese Zahlen nicht. Es hat beamtendeutsch gesprochen, “dazu keinen gesetzlichen Auftrag”. Der gesetzliche Auftrag besteht nämlich darin, Staatsschulden auf Privatkonten von Leistungsträgern zu leiten, für die Steuern keine Staatsbürgertugend, sondern eine Strafe darstellen.
Und so sieht die Bilanz aus:

 

Entwicklung private Vermögen und Staatsverschuldung 1995-2008

In Mrd. Euro 1995 2008 Zuwachs
       
Netto Geldvermögen
Netto Grundvermögen
Staatsschulden              
1780
2850
998
3600
4600
1641
+102,24%
+61,40%
+64,43%
Total 3632 6559 +80,59%

Quellen: Deutsche Bundesbank, DIW-Immobilien, Statistisches Bundesamt, Allianz.Versicherung, eigene Schätzungen

Die Frage, die ich nun hier aufwerfen möchte ist die, ob Opportunitätskosten in der Grösse von 1,7 Billionen Euro durch das Nichterheben von Steuern tatsächlich eine Frage der ethischen Stimmungslage sind, d.h., ob es sozusagen der Appelle an das Verantwortungsbewußtsein der programmatischen Nichtzahler mit kantischen Vernunftargumenten bedarf, oder ob Opportunitätskosten eine nackte Zahlenwahrheit darstellen.
   Die vier deutschen Regierungsparteien, deren Repräsentanten fast ausnahmslos zu den Profiteuren der Nichtbesteuerung zählen, zu jener Gruppe also, deren Vermögen und Pensionsansprüche trotz steigender Staatsschulden steigen, anstatt zu sinken, kennen keine Opportunitätskosten.
Diese tragen ja nicht sie, sondern eine Fiktion namens “Der Steuerzahler”.
Wer ist das und wer zahlt welche Steuern? Auch das habe ich berechnet:

Vergleich der Entwicklung von Steuerarten in Prozent des Gesamtsteueraufkommens 1950 und 2009

Steuerart Prozent der Gesamtsteuer 1950 Prozent der
Gesamtsteuer 2009
Unterschied
       
Umsatzsteuer 21,7 33,77 +64,25
Einkommensteuer 9,89 5,04 -49,4
Vermögensabgabe 8,8 0 -100
Lohnsteuer 8,56 25,79 +301
Körperschaftssteuer 6,87 1,46 -78,7
       
Grundsteuer 5,45 2,08 -61,84
Gewerbesteuer 4,94 6,18 +25,1
Total (in Mrd. Euro) 10.783 524.001  

Quelle: Bundesministerium der Finanzen, Tabellen 1950-1953 und 2006-2009

 Zusammengefasst: Gerade die Steuerlast jener, die durch fehlende Besteuerung Vermögen aufbauen konnten und können, ist extrem gesunken.
Die einzig gute Nachricht an beiden Berechnungen ist die, dass die durch Schulden finanzierten Opportunitätskosten nicht verloren sind, sondern nur mit dem Vermögenszuwachs verrechnet werden müssen.
Das werden die Betroffenen nicht mögen. Und sie werden alles daran setzen, dies zu einer ethischen Frage zu machen: “Ungerecht” sei es dann, sie im Nachhinein zur Kasse zu bitten. Und “nicht rechtsstaatlich”, denn sie konnten doch für ihre Steuerprivilegien “Rechtssicherheit” erwarten. Steht nicht im Grundgesetz, dass Eigentum unantastbar ist?
Ja, aber möglicherweise gilt das auch für Staatseigentum.

Wie wird man Wirtschaftsphilosoph - einige Beispiele

16. August 2010 von Alexander Dill
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Selbstbildnis von Modigliani

Das Prädikat Wirtschaftsphilosoph ist begehrt, vereint es doch die edel-eitle Weisheit des Wahren und Guten mit der scheinbar größtmöglichen Nützlichkeit, Realitätstauglichkeit, Effizienz. Ein Wirtschaftsphilosoph ist sozusagen ein echter Modigliani, der aber nur von Postkarten seiner Werke lebt, die er im Internet vertreibt: Amedeo Modigliani’s Postcard Shop.
In Deutschland, das doch zusammen mit Frankreich das Mutterland der Gegenwartsphilosophie der letzten 150 Jahre bildet, ist bis heute kaum ein Wirtschaftsphilosoph ernannt oder so bezeichnet worden. Kürzlich wurde ein Professor Gerd Habermann im MDR mit folgendem Satz zum Wirtschaftsphilosophen gekürt: “Spekulanten sind notwendig.”

Nietzsche und Heidegger, Foucault und Derrida haben sich nicht für Wirtschaft interessiert. Sie verkörperte keine eigene Lebenswelt jenseits von Geschichte, Gesellschaft und Politik. Die “protestantische Ethik” von Max Weber könnte vielleicht als erstes wirtschaftsphilosophisches Werk charakterisiert werden, in dem es eine Erklärung für die Entwicklung des Kapitalismus durch geistig-philosophisch-religiöse Grundsätze gibt. Sozusagen eine Systemtheorie.

Demgegenüber habe ich in letzter Zeit mehrfach behauptet, Wirtschaft folge keinen vorhersehbaren Regeln, sei darum kein System, also auch nicht vorhersehbar. Die Wirtschaftswissenschaften können daher nicht beanspruchen, sich mit Regeln und Gesetzen der Wirtschaft zu beschäftigen. Sie sind eine Religion, in der der Markterfolg die Offenbarung, der Misserfolg das Fegefeuer, BWL, VWL und MBA das Priesterseminar bilden.

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Dagmar Deckstein: "Wirtschaft kann man nicht neu erfinden."

Diese für die Betroffenen unangenehme Sichtweise hat Kritiker immer wieder auf den Plan gerufen. Dabei ist in Ansätzen so etwas wie ein  Diskurs entstanden, der möglicherweise als wirtschafts-philosophisch bezeichnet werden darf.
Die Wirtschaftsjournalistin Dagmar Deckstein schrieb mir  in ihrer Rezension meines jüngsten Buches Täuschwirtschaft folgenden Satz ins Stammbuch:

“Schließlich wird im letzten Teil dazu aufgerufen, die Wirtschaft neu zu erfinden. Mal abgesehen davon, dass Wirtschaft keine Erfindung ist, sondern gelebte gesellschaftliche Praxis, kann schon mal nichts neu erfunden werden.”

Nun, wenn Wirtschaft einfach Praxis wäre und sich der Empirie also erschlösse wie der Straßenverkehr (mit dem ich sie zum Leidwesen der Wirtschaftstheoretiker immer zu ihrem Nachteil vergleiche), dann gäbe es wohl kaum Derivate und Schuldverschreibungen in 50facher Höhe allen Zentralbankgeldes der Welt. Die sind Erfindungen. Und wenn sie sich als Fata Morgana erweisen, muß eben neu erfunden werden.

In die gleiche Kerbe schlägt auch der Reich-Ranicki der Wirtschaftsbuch-Rezensenten, Dr. Manthey:

“Am Ende dieses Teils diskutiert Dill die Frage, warum Wirtschaft kein Schulfach ist. Er vergleicht dazu die Wirtschaft zunächst mit dem Straßenverkehr, der weltweit nach den gleichen Regeln funktioniert, um dann festzustellen, dass es für die Wirtschaft gar keine Regeln gibt, und sie deshalb nicht in der Schule gelehrt werden kann. Das ist wie so vieles in diesem Buch in gewisser Weise richtig und falsch zugleich. Eine Volkswirtschaft ist ein hochkomplexes dynamisches System, das einen hohen Grad an Selbstorganisation besitzt und von Rückkopplungen lebt. Der Straßenverkehr ist ein simples und starres System, das auf primitiven Regeln beruht und von der Sache her jede Art von Selbstorganisation verbietet. Beide Systeme in eine Art wertende Beziehung zu stellen, ist gelinde gesagt absurd. Natürlich kann man Grundprinzipien der Wirtschaft in der Schule lehren, und das wird wohl auch getan.”

Gregory Mankiw

Mankiw: "Ökonomen sind Ingenieure, nicht Wissenschaftler."

Beide Einwände gegen meine Thesen sind aber Belege dafür, dass sie einen wirtschaftsphilosophischen Diskurs führen und anregen, auch, wenn sie nicht auf Zustimmung stoßen. Überrascht las ich im Manuskript eines Essays im tschechischen Staatsrundfunk folgende Passage:

“Vlivný německý filozof Alexander Dill upozorňuje, že patří teprve ke zvláštnostem moderní doby, že si relativně mladá disciplina, tedy ekonomie, osobuje právo mluvit do všech ostatních odvětví. Dill k tomu dodává, že ekonomie vlastně není vědecká disciplina, že ekonomové jsou spíše inženýři, kteří prosazují konkrétní projekty nebo recepty v praxi.”

Die darin angesprochene Frage ist die vom Harvard-VWL-Kaiser Gregory Mankiw gestellte, ob Ökonomen eher Ingenieure als Wissenschaftler seien, was Mankiw bejaht und gut findet. Das war einige Jahre vor der Finanzkrise, bevor das Kernkraftwerk seinen Ingenieuren um die Ohren flog.

Der Wiener Philosoph Helmut Hofbauer hat einige Jahre - genau vier - nach Erscheinen mein erstes wirtschaftsphilosophisches Werk, die Erfolgsfalle rezensiert. Dabei ist er auf mein Gleichnis der erfolglosen Spinnen in der Duschecke eingegangen, mit dem ich die Survival-of-the-fittest Ideologie sozusagen mit Studien aus der Fauna widerlegen wollte. Hofbauer:

Helmut Hofbauer“Eins der unterhaltsamsten Kapitel in diesem Sinne ist das über die erfolglosen, weil sterbenden, Spinnen in seiner Duschecke (S. 76 ff), welches seinen sachlichen Rechtfertigungsgrund darin hat, dass wir „gerne von der Annahme aus[gehen], die Natur wäre perfekt organisiert, indem sie immer dafür sorgt, dass die stärkste und gesündeste Art überlebt.“ (S. 76) Tatsächlich vermeinen wir heutigen Menschen in der Natur so etwas wie ein Spiegelbild unseres Erfolgsdenkens zu sehen und beziehen aus ihm unsere Rechtfertigung dafür, mit unseren Mitmenschen unbarmherzig umzugehen. Denn: Der Stärkere muss ja gewinnen; andernfalls wäre die natürliche Ordnung verkehrt worden – und das könne, suggeriert man, doch nur negative Folgen für die Menschheit haben. Wahrscheinlich würden die Menschen degenerieren, wenn in der Gesellschaft nicht genauso das Recht des Stärkeren und Gesünderen gelten würde wie in der Natur – oder was auch immer man sich vorstellt. Dill thematisiert nun die Spinnen in seinem Haus, die sich absolut dumm verhalten, indem sie sich an einem Ort – der Duschecke – niederlassen, an dem sie kein Futter bekommen und erfindet für sie sogar noch ein „Spinnen-Start-up-Consulting“, aus dessen Ratgeberschrift „How spiders become winners“ er die selbst ersonnenen Passagen über den richtigen (Unternehmens-)Standort zitiert.”

Zusammenfassend würde ich feststellen, dass man dort von Wirtschaftsphilosophie sprechen kann, wo durch Analogiebildungen Phänomene der Wirtschaft in ein neues Licht gerückt werden. Ob dies Spinnen in der Duschecke, der Vergleich von Ingenieuren und Wissenschaftlern oder das ungleiche Duo Straßenverkehr-Wirtschaft sind: Der Erkenntnisgewinn liegt in dem Unerwarteten, in der neuen Dimension.
Mir gibt das eigentlich nur Peter Sloterdijk mit seinem prämierten Buch “Im Weltinnenraum des Kapitals” sowie mit seinen drei Bänden Sphären, deren einziger Leser ich zu sein scheine.

Interessanterweise werden alle vier Werke weder in den Wirtschaftswissenschaften, noch in der Philosophie, noch in den Medien diskutiert.

Irgendwann wird das dann manchmal als Wertewandel und Paradigmenwechsel selbst Teil der Wissenschaftsgeschichte.

Warum Wirtschaftsphilosophie so erfolglos ist, haben wir damit aber noch nicht erklärt.