Archiv für Januar 2011



Wie ein Ökonom einen Kommunikationswissenschaftler belehrt

21. Januar 2011 von Alexander Dill
Professor Axel Börsch-Supan gilt als eine renommierte Persönlichkeit der deutschen Volkswirtschaftslehre. Der Mannheimer Professor kann auf seine MIT-Promotion und Beraterfunktionen für die Weltbank und die OECD verweisen. Er leitet ein großes Mannheimer An-Institut, das nach eigenen Angaben ein Joint-Venture des Landes Baden-Württemberg und „der Industrie“ ist.
boersch_supan_3_standard Links im Bild: Ihre Evidenz, Axel Börsch-Supan
Er war Mitglied der legendären Rürup-Kommission und zählt zu jenen Wissenschaftlern, die gerne von der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft herangezogen werden, wenn es darum geht, volkswirtschaftlichen Sachverstand unverständigen Wählern und Journalisten nahezubringen.

Ein Jahr vor der Finanzkrise, 2007, gab der Volkswirtschaftsweise der INSM ein Interview, aus dem hier einige Sätze zitiert werden sollen:

Wer ganz sicher gehen will, sollte sein Kapital für den Lebensabend möglichst nicht nur in Deutschland anlegen, sondern zum Beispiel auch in den USA oder in Großbritannien, wo die demografische Entwicklung günstiger verläuft.

Anm.: Toller Tipp, besonders 2007….

Wir brauchen sicher einen Niedriglohnsektor, der gering Qualifizierten den Zutritt zum Arbeitsmarkt ermöglicht.

Anm.: Dieser Vorschlag wurde von den letzten Bundesregierungen umgesetzt. Nun gibt es Millionen Niedrigverdiener, die von ihrer Arbeit nicht leben können. 40% der Kinder von Alleinerziehenden beziehen Sozialhilfe.

Wenn die Menschen länger aktiv leben - Fachleute bezeichnen das als active live expectance - dann geben sie auch mehr Geld aus. Sie fragen eine ganze Reihe von Gütern und Dienstleistungen nach, die sie bisher nicht nachgefragt haben. Das bringt neue Chancen für die Wirtschaft - zum Beispiel im Bereich der Gesundheitsdienstleistungen.

Anm.: Alte statt Kinder - geniale Idee für Wirtschaftswachstum!

Wer Staatsanleihen kauft, investiert in die Schulden eines Staates, die später von unseren Kindern und Kindeskindern bezahlt werden müssen.

Dieses letzte Zitat ist der Anlaß meines heutigen Artikels.

Wie hier bereits mehrfach erwähnt, hat ein anderer Mannheimer Professor, der Literatur- und Medienwissenschaftler Jochen Hörisch, 10.000 Euro Staatsschulden getilgt. Die Financial Times Deutschland hat daraufhin ein Interview mit ihm gemacht, dessen erste Frage Sind Sie verrückt? lautete.

J HÖRISCH Bechtel

Jochen Hörisch

Sein Kollege von der volkswirtschaftlichen Fakultät hat dieses Interview gelesen. Wie kann, fragt sich der kluge Volkswirt,  Hörisch bei gesundem Verstand Schulden tilgen, die doch später von Kindern und Kindeskindern bezahlt werden müssen? Das widerspricht doch der ökonomischen Vernunft, deren Kern in der self interest hypothesis besteht, Andere und Dümmere stets die Zeche bezahlen zu lassen.

Die Antwort von Börsch-Supan: Hörisch unterliegt einem Mißverständnis. Er hat aber zum Glück eine Belehrung für den naiven Kommunikationswissenschaftler parat:

Wir sollten uns einmal über elementare ökonomische  Substitutionsbeziehungen unterhalten: es gibt genug Evidenz, dass ein solches Verhalten (Anm.: die freiwillige Schuldentilgung)  die Schulden des Staates ERHÖHT und nicht senkt. Das “Verrückt” oder “Naiv” im Interview sind also nicht wirklich die passenden Bezeichnungen, sondern ganz einfach und sehr nüchtern “Nicht zielführend”.

Kann, muss man diese Belehrung übersetzen?

Börsch-Supan nimmt offensichtlich an, dass der Beginn der freiwilligen Schuldentilgung dazu führe, nun erst recht und noch mehr Staatsschulden zu machen. Im Ökonomenjargon nennt man das einen moral hazard.

Weitere Beispiele: Die teure Papiertonne regt also dazu an, noch mehr Papiermüll zu erzeugen. Mit dem niedrigverbrauchenden Auto fährt man natürlich mehr Kilometer. Wenn man Steuern zahlt, fördert man damit die Steuerhinterziehung, da ja der Steuerhinterzieher sicher sein kann, dass ein anderer für seine Steuern aufkommt. Wer seine Kredite bei seiner Bank zurückzahlt, fördert die Überschuldung, da ja die Bank dieses Geld sofort weiterverleiht. Und so weiter.

Der ökonomische Sachverstand ist bewundernswert.

Und es ist selten, dass er so konzentriert auftritt, wie bei Professor Axel Börsch-Supan.

Wir Soziologen, Literaturwissenschafter und Philosophen können uns da nur verneigen und müssen erkennen, dass wir besser nicht versuchen sollten, ökonomisches Denken zu praktizieren. Es könnte dann nämlich nicht zielführend sein.