Archiv für die Kategorie ‘Allgemein’



Das Grossman-Stiglitz-Paradox an der Grenze des Denkens

09. Juni 2010 von Alexander Dill
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Im Jahre 2001 erhielt Joseph Stiglitz den Nobelpreis für seine Theorie der asymmetrischen Information. Ein Grund für die Vergabe war das sogenannte Grossman-Stiglitz Paradox. Es ist sehr selten, dass Wirtschaftswissenschaften einen Impuls für interdisziplinäre Grundlagenforschung geben. Sie hängen selbst nur am Tropf der empirischen Sozialwissenschaften und an den Lehrsätzen der Mathematik. Sie betreiben selbst keinerlei Grundlagenforschung, es sei denn, man möchte die Spieltheorie der Grundlagenforschung zurechnen - und damit das legendäre Prisoners Dilemma zur Einstein’schen Relativitätstheorie upgraden.
Das Grossmann-Stiglitz-Paradox ist weder in den Wirtschaftswissenschaften und noch weniger außerhalb stärker rezipiert worden. Es besteht eigentlich nur aus einem Satz, der komplexe Finanzprodukte wie Derivate betrifft: “Wenn Märkte in der Bewertung von Information wirklich effizient wären, also Art und Umfang der Information in der Preisbildung wiedergeben würden, dann würde kein Marktteilnehmer Grund dafür haben, die für die Preisbildung nötigen Informationen selbst zu erheben.”
1781_Paradoxon_Gabriels_Horn_102883Man kann über diesen Satz länger nachdenken, ihn auf sich wirken lassen. Mir ist es dabei so gegangen, dass mir die Konsequenzen dieses Satzes für jede Art von philosophischem Denken bewußt wurden. Ich bezog ihn gar nicht auf Derivate, auf CDO und CDS, ABS und Optionen. Ich wollte aber die Totalität dieses Satzes zunächst nicht zulassen. Sie erschien mir unerträglich. Das klingt pathetisch.
Wenn wir uns aber das Grossmann-Stiglitz-Paradox anders denken, ohne Märkte und Marktteilnehmer, wenn wir Information durch Wirklichkeit oder Wahrheit ersetzen, dann könnte der Wirtschaftsforscher Stiglitz an die Grenzen der menschlichen Erkenntnis gestoßen sein. An die Schallmauer des Denkens. An die Lichtgeschwindigkeit der formulierbaren Gedanken.
Wie das?
Ich habe das Paradox einmal umformuliert:
22082009126“Wenn die Wirklichkeit selbst etwas über sich aussagen würde, wenn also alles, was wir als Wirklichkeit wahrnehmen, von dieser bestätigt würde - warum gäbe es dann Philosophie und Religion?”
Auch über diesen Satz kann man länger nachdenken. Das Ergebnis ist nicht unbedingt angenehm, falls man sich als Logiker fühlt. Entweder offenbart sich die Wirklichkeit selbst und beantwortet damit alle Fragen. Oder es gibt keine Wirklichkeit. Oder?

Was ist eigentlich Europhilosophie 2010 Eine Lehrstunde in Fachidiotie.

22. Mai 2010 von Alexander Dill
Jahrzehnte der Europäisierung scheinen durch die gegenwärtige Eurokrise auf Subventionen, Schulden und Bürgschaften reduziert zu werden. Dabei reicht der Besuch jeder beliebigen europäischen Universitätsstadt, um festzustellen: Erstaunlich viele der Studenten kommen aus dem europäischen Ausland. Städte wie Berlin, Bologna, Barcelona und Wien leben buchstäblich von studierenden Touristen. Ganze Jahrgänge junger Osteuropäerinnen und Osteuropäer sind nach Westeuropa emigriert.siteon0
Inmitten dieser Verschmelzungen kann man inzwischen auch einen MASTER Erasmus Mundus in “Europhilosophie” belegen. Deren Definition ist erstaunlich klar: Es handelt sich um einen Abschluss in deutscher und französischer Philosophie. Als Lehrinhalte der Europhilosophie werden genannt:
- 1. klassische deutsche Philosophie: Kant, deutscher Idealismus (Fichte, Schelling, Hegel) bis Marx, Schopenhauer und Nietzsche.
- 2. französische Philosophie (von Biran bis Bergson, Foucault und Deleuze)
- 3. deutsche und französische Phänomenologie
Man darf dieses Studium demnach getrost als eine Bibliothekarsausbildung bezeichnen. Es gibt im Curriculum nicht den geringsten Ansatz, Philosophie auch nur in geringster Dosis außerhalb der Bibliotheken und ihrer Fachzeitschriften anzusiedeln. Sie ist zum Latein der Geisteswissenschaften erstarrt. Nun könnte man sagen: Das ist Lehre und es muß auch Bibliothekare mit dem Schwerpunkt “Philosophie” geben.
Aber das hochfinanzierte Programm behauptet, auch “Forschung” in Europhilosophie zu betreiben. europ_re-3Das macht neugierig. Nicht nur der Euro, auch das Europäische Parlament und die Europäische Kommission könnten von ein wenig philosophischer Forschung auf ihre Grundfragen gebracht werden: Wozu eigentlich Europa? Wer bin ich? Was soll ich tun? Welche philosophischen Grundlagen haben Demokratie, Wirtschaft und Recht im vereinten Europa?
Die Europhilosophen werden im Rahmen eines Forschungsprogrammes mit dem poetischen Titel Subjectivité et Aliénation 2010 gefördert. Zu Deutsch: Subjektivität und Entfremdung. Dieses Programm wird nur noch auf Französisch als einziger und letzter Amtssprache dargestellt und verfolgt folgendes Ziel:
“Objectifs : Nos recherches tendent à déconstruire l’illusion du sujet comme entité transcendante ou foyer d’unité surplombant l’expérience. Elles ambitionnent d’élaborer un concept original de subjectivité, qui ne se réduit pas à sa seule dimension égologique, mais fonde la possibilité d’un agir éthique et politique concret et commun.”
Ich versuche einmal eine nicht-ironische Übersetzung des ersten Satzes:
“Unsere Forschungen neigen zur Dekonstruktion der Illusion des Subjektes als transzendentale Entität oder als Heim einer die Erfahrung übersteigenden Einheit.”
Compris?
L300xH425_aff-impersonnel-1-3d817Nicht drei oder vier, 30 Wissenschaftler bestreiten mit diesem Ziel ihren Lebensunterhalt, ihre Colloquien, ihre Publikationen und warten auf die Frühpensionierung. Die meisten sind Franzosen. Sie machen sich gar nicht erst die Mühe, ihre Ziele auch nur in einer der anderen europäischen Sprachen zu definieren. Sinnvollerweise findet die “Forschung” auch nur an drei französischen Universitäten statt.
Nur das Geld, (Franz.: l’argent) das kommt von der Europäischen Kommission. Deshalb muss das Ganze Europhilosophie heißen, obwohl weder für Europäer, noch mit Europäern philosophiert wird.
Dürfen wir dieses Forschungsprogramm also ganz europäisch und aktuell mit dem Prädikat griechisch der Wiege der europäischen Philosophie zuordnen?

Bild Links: Aus “Europa” kommt nur das Geld: Französische Referenten treffen sich auf Französisch in Toulouse. Europhilosophie at it’s best.

Stephan Götzl - Gegenwartsphilosoph mit 2,7 Millionen Lesern

08. Mai 2010 von Alexander Dill

Wenn philosophische Autoren Bekanntheit gewinnen möchten, sind sie vollkommen auf die Massenmedien angewiesen. Richard David Precht hat als erster deutscher Philosoph eine Millionenauflage erreicht. Doch Peter Sloterdjik darf froh sein, wenn seine Werke 30.000 Auflage erzielen, obschon er doch Deutschlands bekanntester Gegenwartsdenker ist.

Stephan Götzl

Dr. h.c. Stephan Götzl, bayerischer Genossenschaftsphilosoph

Es gibt aber auch Philosophen, die völlig jenseits der Massenmedien sehr grosses Publikum erreichen. Dr. h.c. Stephan Götzl zählt zu dieser raren Spezies. Sein jüngstes Werk, betitelt Gedanken zu Ethik und Moral in der Wirtschaft möchten wir heute hier vorstellen.
Grund für diese Auswahl ist sicher auch die fast unvorstellbare Verbreitung dieses Werkes: Es ist Pflichtlektüre für die mit Familien etwa 7 Millionen Mitglieder (ohne 2,7 Mio) von 1145 bayerischen Genossenschaften, deren Genossenschaftsverband Bayern e.V. Stephan Götzl leitet. Mit einem Gesamtumsatz von rund 130 Milliarden Euro 2009 ist der Verband so groß wie BMW, Audi und Porsche zusammen. 66.000 Mitarbeiter arbeiten in den genossenschaftlichen Unternehmen.
Jeder Philosoph kann nur davon träumen, dieser Zielgruppe einen Text kredenzen zu dürfen, noch dazu einen elegant gesetzten und nicht zu langen, einen, der gelesen werden könnte, der überall ausliegt und zum Download angeboten wird. Ein Standardwerk.
Und hier wird die bisher erste Rezension dieses prägenden Werkes der Gegenwartsphilosophie erscheinen, das von Universitäten und Parteien, von Medien und Initiativen bisher vollständig ignoriert wird.
Das Traktat ist eine Antwort auf die Zweifel, die längst auch in niederbayerischen Flussniederungen und in den Pensionärsvillen des Tegernsees an der Marktwirtschaft, auch an der sozialen gehegt werden. Götzl führt uns noch einmal den hohen, idealistischen Ansatz der Sozialen Marktwirtschaft vor, um dann eine doch erstaunliche Feststellung zu machen: “Die Soziale Marktwirtschaft braucht allerdings Überzeugungskraft aus sich heraus.”
An dieser Stelle führen Politiker gerne die Erfolge auf dem Arbeitsmarkt und die doch bemerkenswerte Widerstandskraft Deutschlands gegen die Finanzkrise an. Soziale Marktwirtschaft wurde seit Ludwig Erhard immer an ihren Erfolgen gemessen. Deshalb geriet sie ja in der Finanzkrise so in Misskredit.
Stephan Götzl ist diese performancebasierte Volatilität zuwenig. Die Soziale Marktwirtschaft, so Götzl, “benötigt eine tiefgreifende ethische Begründung und die Vermittlung derselben.” Von dieser praktisch-philosophischen Tätigkeit hängt nach Götzl nichts Geringeres als die Akzeptanz unseres gesamten politischen Systems ab. Neben bereits andernorts vielgehörten Mahnungen nach Regeln, Bescheidenheit und Nachhaltigkeit, bietet Götzl doch einen sehr pointierten und aktuellen Satz, nicht nur zu Lehman, Goldman Sachs und Griechenland:

“Ein Wirtschaftssystem kann auf Dauer Wohlstand nur gewährleisten, wenn es als ein System der permanenten Erneuerung angelegt ist. Damit Neues wachsen kann, muss Verbrauchtes Platz machen und darf nicht künstlich am Leben gehalten werden. An überholten Strukturen festzuhalten, mindert Wohlstand. Weil es Ressourcen bindet, die für wohlstandsmehrende Erneuerungsprozesse fehlen.”

Bayern LB

Bayern LB und CSU verdoppelten die bajuwarische Staatsschuld. Wann müssen sie abtreten?

Man könnte dabei auch an die Bayerische Landesbank (an der die Genossenschaftsbanken nicht beteiligt sind) und an die Christlich Soziale Union denken. Beide Organisationen sind an Korruption und Selbstzufriedenheit erstickt und haben gemeinsam die bayerischen Staatsschulden fast verdoppelt, mit Berücksichtung der Beamtenpensionen verdreifacht. Götzl nennt sie nicht beim Namen. Sein feiner Traktat schließt mit dem kategorischen Imperativ.
Aber Götzls ethische Predigt ist in Bayern eine größere Revolution, als das dreissigjährige Gejammere der SPD-Opposition, das erst aufhörte, als CSU und SPD in Berlin koalierten. Stephan Götzl hat ein mutiges Pamphlet gegen die Trägheit der bayerischen Gesellschaft in die Welt gesetzt. Er hat sich getraut, 2,7 Millionen Genossenschaftsmitglieder mit Philosophie zu fordern, ja zu überfordern.
Wenn er gelesen wird, wird er weitaus mehr bewirken als Bestseller Precht (der sich für nichts einsetzt) und Chefanalyst Sloterdijk, der zu klug ist, um sich für etwas einzusetzen. Hoffen wir darauf, dass weitere solche Genossenschaftsphilosophen auf die Bühne treten!

Philosophie und Wirtschaft - zwei Begriffe auf dem Abstieg

14. April 2010 von Alexander Dill

Wenn ein Begriff nicht mehr Gegenstand von kontroversen Debatten ist, also nicht mehr darum gerungen wird, was er ein- oder ausschliesst, wenn er also selbstverständlich erscheint, dann befindet er sich auf dem Abstieg.
Dieser besteht zunächst in der sinkenden Aufmerksamkeit, die die Öffentlichkeit dem Begriff widmet. An seine Stelle treten andere Begriffe, die vormals mit ihm verbundene Themenkomplexe abdecken.
philosophy_changed_my_life_marx_tshirt-p235855608639810747cec9_400Wir haben solche Begriffsabstiege bereits mehrfach beobachten können, etwa am Begriff Arbeit. Mit ihm verschwanden die Arbeiterparteien und schliesslich der Arbeiter selbst. Was blieb, waren Beschäftigung und Einkommen, die seitdem als getrennte Themen diskutiert werden.
Die Philosophie wehrte sich in den Achtzigerjahren mit Begriffen wie Unternehmensphilosophie und Philosophische Praxis tapfer gegen ihren Bedeutungsverlust. Ein Philosophisches Quartett blieb, das versucht, zeitgemäße Anknüpfungspunkte zu finden. Einige Philosophiezeitschriften wie die unermüdliche Information Philosophie oder der Blaue Reiter behaupten sich.
Von der akademisch genannten Philosophie, von der Nietzsche schrieb, auf ihrem Grabstein werde dereinst stehen „Sie hat niemanden betrübt“, ist nichts mehr zu hören. Zwischen Ethikpolizei und analytischer Vernunftberatung, Bewahrung des attischen Erbes und ewiger Kulturkritik existiert sie einfach weiter. Ein Perpetuum Mobile. Es gibt keine neuen Forschungsgebiete, es werden aber auch keine Lehrstühle gestrichen.
habermasDie Philosophie hat einen heiligen Status Quo erreicht, in der sie weder Gegner noch Befürworter hat. In einer Öffentlichkeit, die mit grossem Genuss jede Autorität, etwa die von Bundeskanzlerin und Bundespräsident verhöhnt, erscheint die Vorstellung einer Leitwissenschaft Philosophie allenfalls als möglicher Satiregegenstand.
Niemand, wirklich niemand benötigt philosophische Belehrung und Aufklärung. Sie ist Teil eines gesetzlich verbrieften Bildungskanons geworden, wo sie zwischen Theater und Neuer Musik, zwischen Impressionismus und Gegenwartslyrik mühsam der Jugend injiziert wird. Das schliesst einen Bestseller wie den von Richard David Precht, Deutschlands derzeit bekanntestem Philosophen, nicht aus.
Noch steht in den Statuten der Philosophieinstitute das bewährte Pathos „in dieser, unserer Zeit“ bedürfe man ganz besonders der Philosophie.
Etwas spartanischer lässt sich die kurze Geschichte des Begriffes Wirtschaft schildern. Nachdem in Deutschland bis 1945 Wirtschaft als unanständige und sozial schlecht angesehene Betätigung angesehen wurde, die Beamten, Soldaten, Bauern und Handwerkern unwürdig sei,  wurden Economics als Hauptinhalt der Re-Education aus den USA importiert. Die Deutschen erwiesen sich bis heute als äußerst geschickte und gelehrte Schüler. Sie lesen die Evangelien von Keynes und Hajek und wallfahren noch immer nach Boston und Chicago.
Aber selbst in Handelsblatt und FTD verkündet man nicht mehr stolz die reine Lehre der market economy. Nur an den Instituten für Volks- und Betriebswirtschaft herrschen noch vatikanische Zustände. Dort pflegt man noch eine deutsche Idee zur Vereinbarung von Wirtschaft und „traditionellen“ Werten: Die Soziale Marktwirtschaft. Diese hat zumindest offiziell keine Gegner mehr. Es gibt keine Definition von ihr. Sie gilt als das Gute, das das Böse der Wirtschaft etwas mindern soll. In den USA nennt man das charity, Wohlfahrt.
Dan JohnsonDer Wirtschaftsjournalismus muss mit sinkenden Auflagen leben. Süddeutsche und Frankfurter Allgemeine haben die Rubrik „Wirtschaft“ von „Geld“ bzw. „Finanzen“ getrennt. Mit Brandeins gibt es ein Wirtschaftsmagazin, dass sich dem Guten und Edlen der Wirtschaft verschrieben  hat.
Das hat allerdings nicht verhindern können, dass seit der angeblichen Weltfinanzkrise Wirtschaft in Deutschland kein beliebter Begriff ist und das Studium derselben sehr an Prestige verloren hat. Seit Jahrzehnten werden zudem Wirtschaftsminister ernannt, deren politische Bedeutungslosigkeit und fehlende Sachkenntnis den Schluss nahelegen, der lange drittgrösste Wirtschaftsstaat der Erde benötige keine wirtschaftliche Lenkung.
Der stärkste empirische Befund zur Bedeutungslosigkeit der Kombination beider Begriffe liegt allerdings in dieser Webseite: Gibt man „Philosophie+Wirtschaft“ in den Suchmaschinen ein, gelangt man zu dieser nicht gerade hochfrequentierten Seite.
Ich darf bemerken: Beide Begriffe haben zu Recht an Aufmerksamkeit verloren.

lena echtDie Frage ist, welche Begriffe nun kommen, ob überhaupt noch Begriffe, ob nicht Videos von Lena Meyer-Landrut (rechts) und industriell betriebenen Massenmorden der Öffentlichkeit das liefern, was als „Identität“, „Echtheit“, „Wahrheit“ und „Werte“ einst mit der Philosophie und zeitweise zumindest mit der Sozialen Marktwirtschaft assoziiert wurde.

Wie ohne freien Willen nicht nur die Kirche, sondern auch Werbung und Philosophie ihre gemeinsame Grundlage verlieren

03. April 2010 von Alexander Dill

Zur Zeit sehen wir, wie in wenigen Tagen eine jahrtausendealte Botschaft - die der Erlösung des Menschen durch die Kreuzigung Christi - durch ganz weltliche Umstände unwiderruflich ihre Anhängerschaft verliert. Nach Umfragen glauben selbst unter den Priestern nur noch 30% an die Auferstehung. Das Kreuz, lange das mächtigste Symbol des Abendlandes, wird abgehängt.

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Michael Schmidt-Salomon: Neuauflage von Nietzsches "Jenseits von Gut und Böse" mit neurobiologischen Erkenntnissen

Die stolzen Aufgeklärten, die Atheisten und Evolutionisten, die Rationalisten und Existentialisten sehen diesen epochalen Niedergang durchaus mit Häme und Schadenfreude. Wenn ein deutscher Bischof im Fernsehen leugnet, einst als bayerischer Stadtpfarrer ein paar Watschen verteilt zu haben (Ich stamme aus Oberbayern, wo das bis in die 80er Jahre gang und gäbe war) , steht er auf einer Stufe mit den grossen Finanz- und Politikbetrügern, deren Rücktritte jenen Rest von symbolischem Moralkapital  zu retten suchen, ohne den selbst die postmoderne Mediengesellschaft nicht auszukommen scheint.
Die Freude könnte aber verfrüht sein. Seit September 2009 hat ein noch immer nur Insidern bekannter Gegenwartsphilosoph, Michael Schmidt-Salomon im populären Pendo-Verlag eine seit Nietzsche noch immer unerträgliche These verkündet: Dass wir ohne Moral die besseren Menschen sind.

Das erinnert oberflächlich an die vielzitierte Ansicht von Adam Smith, nicht ihr Wohlwollen (benevolence), sondern ihr Eigeninteresse (regard to their own interest) führe die Teilnehmer des Wirtschaftslebens dazu, Dienste für andere Menschen anzubieten. Die self interest hypothesis ist nach der Finanzkrise massiv angegriffen worden. An allen Ecken wird wieder von einer moralischen Verpflichtung der Wirtschaft gesprochen.

Was bei Nietzsche der Aufstand gegen eine verlogene, christlich-bürgerliche Moral war, die er als Ressentiment bezeichnete, erscheint nun als bemerkenswerte Konsequenz der modernen Neurobiologie. Diese - welche Überraschung - kann nämlich im menschlichen Hirn keinen freien Willen entdecken. Wenn es aber keinen freien Willen gibt, dann gibt es auch keine moralische Entscheidung. Damit aber wird das Strafsystem massiv in Frage gestellt, das ja zu einer moralischen Besserung führen soll.

Das leuchtet vielen ein, die seit Michel Foucaults “Überwachen und Strafen” Zweifel am gesellschaftlich-sozialen Sinn des Strafens äußerten.

Dass also eine kurios-erstarrte Kirche und ein überkommenes Strafsystem obsolet werden, ist in der heutigen Gesellschaft möglicherweise mehrheitsfähig. Es wurde ja auch das Rauchen, das lange als grosser Ausdruck von Individualität und nervöser Lebensfreude galt, klag- und widerstandslos verboten.

Wie aber trifft die neue These uns, den inneren Kern der Aufgeklärten, also Philosophen, Journalisten und Werber selbst? Dürfen wir im Fegefeuer der Entmoralisierung auf Verschonung hoffen? Werden wir unseren Platz als Avantgarde der Aufklärung in einer noch immer mythisch verfassten Welt behalten dürfen?

Die unerfreuliche Antwort: Nein, denn mit der Existenz eines freien Willens fällt das Gesamtkonzept von Aufklärung und Werbung in sich zusammen. Beide suchten, mit Argumenten und schönen Bildern die Entscheidung des Einzelnen zu beeinflussen. In Schule und Fernsehen, in Zeitschriften und auf Plakaten liefen ihre Kampagnen zur Förderung der richtigen, der vernünftigen Entscheidung. Das Günstigste, das Beste, das Klügste, das Unterhaltsamste.

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Philosophie wie Werbung appellierten an den freien Willens des Publikums. Was aber, wenn es den nie gab?

Im Ringen um Märkte und Zuschauer galt es, an den freien Willen zu appellieren.

“Ich bin doch nicht blöd!”, warb der Media-Markt, als ob er Immanuel Kant als Berater engagiert hätte.

Ohne die Existenz eines freien Willens waren alle diese Kampagnen vergebens. Vergebens mussten wir in der Schule Sartre und Camus, Handke und Grass lesen. Sinnlos waren die pädagogischen Studiengänge der Universitäten, die sich der Verkündigung des kategorischen Imperativs von Kant widmeten, denn die Entscheidung für eine Handlungsmaxime setzte einen beeinflussbaren Willen voraus.

Sprechen wir es aus: Wenn Schmidt-Salomon recht hat, der Glaube an die Existenz eines freien Willens also phänomenenologisch auf der gleichen Stufe steht, wie der an die Auferstehung Christi, dann kommt nicht nur die christliche, sondern auch die philosophisch-pädagogische und die publizistische Bekehrung an ihr Ende. 

Die Auswirkung, die dieses unerwartet frühe Ableben der Moral auf die  Ethik hat, wird noch zu erforschen sein.

Noch weiss ich nicht, ob und wer diese Texte hier liest. Zumindest meine Rezension des Buches von Lisa Nienhaus auf dieser Seite steht bei Google auf Platz 2 der inhaltlichen Texte zu ihrem Namen.

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Auch der Autor ist mit seiner Aufklärung am Ende, wenn es doch keinen freien Willen gibt...

 

Gerne würde ich erfahren, wer hier mitliest und was diese Zeilen in ihr/ihm auslösen, denn jenseits der uns Intellektuellen eigenen, chronischen Pflicht zur Provokation scheint mir hier doch eine Phase zu beginnen, die auch meine eigene, jahrzehntelange aufklärerische Tätigkeit in Frage stellt. Anders gesagt: Auch ich verliere mit dem freien Willen meine Grundlage als philosophischer Aufklärer.

Ohne freien Willen bin ich dann “nur noch” Prosaist, Lyriker, Aphorist, Autobiograph. Wäre das so schlimm?

Nachhaltigkeit - Demontage eines Modebegriffs

22. März 2010 von Alexander Dill
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Nominiert für den Deutschen Nachhaltigkeitspreis 2010: Sustainability Champ Peter Maffay

Wenn philosophisches Denken eine traditionelle Stärke hat, dann liegt sie weniger in der praktischen Hilfestellung zu einem gelungenen Leben, als in der sezierenden Präzision der Klärung von Begriffen. Es gibt Begriffe, denen man keine philosophische Analyse wünscht. Nachhaltigkeit könnte zu jenen Begriffen gehören, die bei intensiverer Betrachtung nur verlieren können. Begriffe, die aus dem Nirgendwo kamen, Mode wurden und keine zwei Jahrzehnte überdauern werden.

Dürfen wir annehmen, dass jemand ein Unternehmen mit dem festen Wissen gründet, dieses werde wegen schlechtem Wirtschaften nur wenige Jahren überdauern? Eine Aktie emittieren, von der er weiss, dass deren Kurs nach der Ausgabe nur sinkt? Einen Plan vorlegen, der so wenige Erfolgsfaktoren berücksichtigt, dass er zum Scheitern verurteilt ist?

Nur, wenn wir dieses annehmen können, ergibt der Begriff Nachhaltigkeit einen Sinn, denn ob etwas – etwa eine Ehe, ein Vorsatz oder ein Unternehmen – Jahrzehnte überlebt, kann wohl niemandem vorher bekannt sein. Nachhaltigkeit berührt damit die Sphären der Prophetie und Wahrsagerei.

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Erhielt den Ehren-Nachhaltigkeitspreis 2009: Erdgaslobbyist Joschka Fischer

Im Jahre 2001 hat die deutsche Bundesregierung, bis heute völlig unbeachtet von einer ignoranten Öffentlichkeit, einen Rat für Nachhaltige Entwicklung ins Leben gerufen. Das war vor neun Jahren.  Zeitgleich hat die Aachener Stiftung Kathy Beys ein Lexikon der Nachhaltigkeit ins Internet gestellt. Am 3. November 2009 beklagte Gunter Thielen, der Vorsitzende der Bertelsmann-Stiftung, das Thema Nachhaltigkeit als Antwort auf die Krise sei noch nicht in der Gesellschaft angekommen. An der Komplexität des Begriffes kann es wohl nicht liegen. So lernen wir von der Bundesregierung:

Der Begriff ‘Nachhaltigkeit’ kommt aus der Forstwirtschaft. Es heißt: Wer einen Wald hegt, muss darauf achten, nicht mehr Holz zu schlagen als nachwächst. Nachhaltigkeit bedeutet also, vom Ertrag zu leben, ohne die Substanz anzutasten.“

Anders gesagt: Jeder Liter Benzin, jeder Kubikmeter Erdgas, jede schuldenfinanzierte Steuermillion sind nach dieser Definition nicht nachhaltig. Und ob die Finanzquelle der Bertelsmann Stiftung, der Fernsehsender RTL besonders nachhaltig ist? Oder seine Werbetreibenden?
Die Nationale Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung ist lesenswert. Sie wurde der Einfachheit halber nach der Bundestagswahl im November 2009 gar nicht erst geändert und datiert vom August 2009.  Wir können davon ausgehen, dass sie selbst nachhaltig ist, dass also nicht mehr neue Strategie veröffentlicht wird, als auf natürlichem Wege (Pensionierung) der Regierung abhanden kommt, etwa durch das Verstreichen der angekündigten Fristen.
Unter den 21 Punkten, die die Regierung einer strengen Erfolgskontrolle unterworfen hat, ist Punkt 10 besonders interessant. Als Thema steht dort „Wirtschaftsleistung umwelt- und sozialverträglich steigern.“ Als Überprüfungsindikator gilt das Bruttosozialprodukt, als zu erreichendes Ziel „Wirtschaftswachstum“.
Was soll man da sagen? Wirtschaftswachstum als Nationale Nachhaltigkeitsstrategie? Wächst denn noch so viel Wachstum nach, dass man es ernten kann?

Nun ist Bundeskanzlerin Merkel Schirmherrin des Deutschen Nachhaltigkeitspreises. Für diesen gibt es 50 KandidatInnen, über die man abstimmen darf. Wie wäre es mit dem Erdgas-Lobbyisten Joschka Fischer? Oder mit dem Chef des Umweltbundesamtes, Jochen Flasbarth? Oder lieber gleich Werner Schnappauf, Hauptgeschäftsführer des BDI? Oder gar Peter Maffay?
„Die hier vorgestellten Köpfe stehen für die Bereiche, in denen sich Nachhaltigkeit entscheidet, für persönliche Beiträge, für gegensätzliche Positionen.“
Gibt es zu Nachhaltigkeit denn gegensätzliche Positionen? Bisher scheint es doch eher, als ob alle uneingeschränkt für Nachhaltigkeit einträten. Gäbe es allerdings auch Gegner dieses kollektiven Mantras, könnten wir darüber auch philosophisch diskutieren. So aber müssen wir uns auf die Demontage eines hohlen Modebegriffes beschränken.

Capitalism Makes Us Better People - Ein Blick auf die Ethikdebatte in den USA

17. März 2010 von Alexander Dill

Die angebliche Weltfinanzkrise hat auch in den Vereinigten Staaten von Amerika zu einem gewissen Rechtfertigungs- und Neubegründungsdruck der divinen, gottgegebenen Ordnung des Kapitalismus geführt. In dessen Folge mußten die Matadoren der Denkpanzer (Think-Tanks) selbst mit vier Jahren Verspätung auf die Enzyklika von Papst Benedikt XVI. reagieren. Einer von ihnen ist William S. Niskanen, der Direktor des Cato Instituts. Unter dem Titel The Undemanding Ethics of Capitalism veröffentlichte er Ende 2009 eines der wenigen US-Grundsatzpapiere der Post-Weltfinanzkrisen-Ära.

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William S. Niskanen, Senior Central Ethics Officer des Cato Institute, überrascht nach der Finanzkrise mit ethischer Innovation

 Während in Deutschland und dem Rest der Welt ostküstige US-Ökonomen wie Jeffrey Sachs, Joseph Stiglitz und Paul Krugman mit Clinton und Gore als cleane Weltretterfraktion umherjetten, repräsentiert Niskanen die berühmte schweigende Mehrheit, die US-Politik wie Wirtschaft dominiert. Sie zeichnete sich seit Johnson, Reagan und George W. Bush immer dadurch aus, dass sie nie etwas begründen oder rechtfertigen musste.

“The truth comes from the gutt.”
“From where do you know that?”
“My gutt says it to me.” (Dialog des US-Satirikers Stephen Colbert in Anwesenheit von Bush, 2006)

Papst Benedikt XVI. forderte, wie allgemein bekannt, mehr soziale Verantwortung. Caritas allerdings übersetzten die Amerikaner als charity, was allerdings weniger Nächstenliebe als Wohlfahrt ausdrückt, also jene staatlichen Wohltaten umfaßt, die die Mehrheit der Amerikaner als gottlosen Kommunismus seit eh und je verdammen. Krankenversicherung zum Beispiel.

 

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So sieht ein Junior Ethics Officer im Think-Tank Cato Institute aus.

“Mein erster Zweifel an dieser Enzyklika”, schreibt Niskanen, “ist, dass es zuviel verlangt ist, vom menschlichen Geist Solidarität zu erwarten und diese auch noch als Bedingung für Menschlichkeit zu setzen.” Niskanen zieht zur Kritik an diesen urchristlich-kommunistischen Traumvorstellungen ein Zitat eines Hardcore-Wirtschaftswissenschaftlers namens Harris aus dem Jahre des Herrn 1972 heran. Dieser schrieb:
“Einen Menschen, der Hummern das Fliegen beibringen will, nennt man einen Geisteskranken. Aber einen Menschen, der glaubt, durch Wahlen Menschen in Engel zu verwandeln, nennt man einen Reformer.”

Nach diesem Gleichnis geht Niskanen auf den auch hier bekannten Bernard Madoff ein, dessen 60 Milliarden Dollar Betrug Niskanen mit dem seiner Ansicht nach 100 Billionen! Dollar großen Ponzi-Scheme-Betrug relativiert, den man - Zitat Niskanen - “social security and medicare” - nennt. Dies ist in seiner Kuriosität amüsant zu lesen und daher überaus empfehlenswert. Der Kapitalismus, so resumiert Niskanen, fordert von den Menschen nichts. Er läßt ihnen ihre Freiheit, inklusive der Freiheit zu Irrtümern und Übertreibungen eines Madoff. Er ist undemanding.

Der von Niskanen zitierte Titelsatz meines Artikels, der von einem Cato-Aktivisten namens Will Wilkinson (links im Bild) stammt, widerspricht allerdings dieser fast taoistischen Gelassenheit: Wenn der Kapitalismus aus uns bessere Menschen macht, dann müßte er doch auch erstrebenswerte Tugenden und Werte propagieren, also eventuell doch Hummern das Fliegen beibringen?
Genau über diese finden wir aber nichts in Niskanens Traktat.

Lisa Nienhaus. Wie eine mutige Wirtschaftsjournalistin die deutschen Staatsvolkswirte in Frage stellt

27. Februar 2010 von Alexander Dill

 

Seit einigen Jahren ist die 1979 geborene Lisa Nienhaus Wirtschaftsredakteurin der Frankfurter Sonntagszeitung. Im August 2009 führte sie ein überaus lesenswertes Interview mit dem Yale-Ökonomen Robert Shiller. Dieser erklärte, warum die Ökonomen keine Blasen auf den Finanzmärkten vorhersagen können: Sie gingen von einer modellhaften Effizienz der Märkte aus. Die Menschen und ihr Verhalten aber seien ihnen fremd. „Außerdem mögen Ökonomen keine Menschen.“ rutschte es Shiller hinaus.

Derartige Nestbeschmutzung ist in den hermetischen Zirkeln der Wirtschaftsweisen derart ungewöhnlich, dass sie dann so skurril erfolgt. Dass Ökonomen keine Menschen mögen, mag eine mediengerechte Provokation sein. Aber wie alle Erfolgreichen lieben auch Ökonomen ihre Familie, ihr Stadtquartier und ihre Freunde.  Fehlende Menschenliebe ist sicher kein besonderes Merkmal von Wirtschaftswissenschaftlern. Ihre Teilnahme am Wirtschaftsleben aber erschöpft sich meist darin, sich durch gegenseitiges Zitieren Lehrstühle und staatliche Forschungsmittel zuzuschanzen. Das unterscheidet sie allerdings nicht von Germanisten oder Kernphysikern.

Ökonomen sind damit eine von vielen Wissenschaftsmafias.

Lisa Niehaus

Lisa Nienhaus

Marktwirtschaft ist leider zumindest unter staatlichen Volkswirten eine unbekannte Lebenswirklichkeit: Weder wissen sie, wie sich die Menschen im Dschungel der Wirtschaft bewegen,  noch was Wirtschaft überhaupt ist. Allerdings behaupten sie das auch nicht. Dieser Bescheidenheit nun widersprechen die beliebten Konjunkturprognosen. Lisa Nienhaus  schildert, wie mit dem augurischen Mittel der Konjunkturprognose seit Ludwig Erhard und Karl Schiller die Zunft der deutschen Volkswirte in die Politikberatung aufstieg. Und sie misst die Weissager an zwei Ereignissen, die sie nicht prophezeiten: Den Zusammenbruch des Neuen Marktes 2000/2001 und die Weltfinanzkrise im Herbst 2008.

Ihr Buch „Die Blindgänger – Warum Ökonomen auch künftige Krisen nicht erkennen werden“  ist für deutsche Verhältnisse durchaus politisch. Die Preisträgerin des Ludwig Erhard Preises für Wirtschaftspublizistik vertritt eine These, die in dieser Form auch für ihren Arbeitgeber, das zentrale Mitteilungsorgan der deutschen Wirtschaft, neu ist: Die Komplexität der internationalen Finanzwirtschaft und ihrer Produkte sei in den letzten Jahrzehnten derart gestiegen, dass die Finanzpolitiker der Parteien damit überfordert seien. Nienhaus: „Weil sie selbst immer weniger von Wirtschaft verstehen, haben sie sich immer mehr Rat von außen geholt. Nur wegen dieser Unkenntnis in Parlamenten und Ministerien konnten die ökonomischen Berater die Macht erlangen, die sie heute haben.“

 

Die Blindgänger

Die Blindgänger

Allerdings ist die Kenntnis der Ratgeber nicht nur in den Konjunkturprognosen nicht um das entscheidende Quentchen größer als das ihrer Auftraggeber. Wie auch, schließlich sind die deutschen Volkswirte fast ausschließlich Beamte in Universitäten und staatlich geförderten Wirtschaftsforschungsinstituten. Nienhaus unterzieht sich der Mühe, die Granden der deutschen Volkswirtschaft, Thomas Straubhaar, Hans-Werner Sinn, Bert Rürup und andere an ihren Prognosen zu messen. Das Ergebnis fällt erwartungsgemäß ungünstig aus. Lisa Nienhaus nimmt es sich nicht zu erwähnen, dass deutsche Wirtschaftsforscher international keine Rolle spielen. Allerdings gilt das für alle ausser eben die US-Forscher, die völlig alleine bestimmen, wer Ökonom sein darf und wer nicht.

 Mit Robert Shiller hofft Nienhaus insbesondere auf ein neues Menschenbild in der Ökonomie. Dort gilt seit eh und je als philosophische Anthropologie folgendes Zitat von Adam Smith:

Wir verdanken unser Essen nicht der Menschenfreundlichkeit des Metzgers, des Brauers und des Bäckers, sondern deren Verfolgung ihrer eigenen Interessen.

(Adam Smith, Wealth of Nations)

Was die Bewertung dieses  Buches angeht, zitiere ich Armin König vom Blog Politbuch, der zu folgendem Fazit kam: „Ein solches Buch findet man nicht auf dem Markt: Lisa Nienhaus schreibt erfrischend anders und macht uns Lust, das Denken der Ökonomen zu verstehen. Die junge Autorin ist eine echte Entdeckung. Von ihr möchten wir gern mehr lesen.“

Dem schliesse ich mich an, weil ich Menschen mag, die über den Tellerrand ihrer Zünfte hinaussehen. Darf ich dann noch Ökonom sein?

Buddhistische Geschenkökonomie zum Neuen Jahr

31. Dezember 2009 von Alexander Dill

 

Das Restaurant Maharani in Ottobrunn bei München hatte mir in seiner Preisgestaltung bereits Rätsel aufgegeben, die ich nicht ganz ohne Zorn und Häme beantwortet habe. Die andauernde Geschenkökonomie in diesem Tempel der indischen Ess- und Bewirtungskultur ist zweifellos Ausdruck der nicht zu leugnenden Tatsache, dass es weitaus mehr Wertvolles, Gutes und Schönes gibt, als wir uns widerstandslos zugestehen. Wir sind im Miserabilismus (Peter Sloterdjik) aufgewachsen und geschult. Der Überfluss ist uns intellektuell wie sinnlich unbekannt.

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Buddha wacht über die Geschenkökonomie des Maharani

 An diesem letzten Tag des angeblichen Krisenjahres - ich zählte ja in diesem selbst zu den Krisenpropheten, die möglicherweise in eine Bärenfalle getappt sind - suchte ich mit meinem Begleiter das Maharani auf. Das Menu zu 6 Euro 90 bestand aus einer Fischsuppe mit Koriander, zu der knuspriges Brot gereicht wird. Dann gibt es drei Hühnerkeulen Tandoori in einer Pfanne mit Zwiebeln, dazu 4 Saucen und Basmatireis. Die marinierten Tandooris, die in einem Holzkohleofen gegrillt werden müssen, werden als Hühnerfilet bzw. Hühnerbrust leicht trocken. Nur Keulen ergeben ein wirklich knuspriges Tandoori. Hühnerkeulen Tandoori ist auch in der europäischen Tandoori-Szene eine Seltenheit. Es ist unmöglich, dieses Gericht zu Hause nachzukochen. Es für 6,90 anzubieten ist aber mehr als nur unmöglich: Es ist Ausdruck einer verschwenderischen Lebensfreude, in der das Geben die Quelle der eigenen Zufriedenheit bildet, nicht das Nehmen. Kann aber die Geschenkökonomie des Maharani aus buddhistischen Grundsätzen abgeleitet werden, oder aber ist sie nur der Ausdruck einer grenzenlosen Gastfreundschaft? Zitat aus dem Bericht einer Indienreisenden:

“Ein teurer Sari wickelt sich wie von alleine um meine Hueften und prompt klebt ein Bindi auf meiner Stirn. Die Familie besitzt ein Modeschmuckgeschaeft und macht mir selbstverstaendlich ein kitschiges Paar goldener Perlenohrringe inklusive passender Kette zum Geschenk. Mit acht anderen Frauen style ich mich auf und lache. Ich lerne einige Tanzschritte und diniere schliesslich das feinste Essen der Welt, bevor ich samt Eskorte heimkutschiert werde. Und das alles nur, weil ich mal einen Nachmitag nichts zu tun hatte nd urch die Strassen schlendere. Ich habe noch nie solche Herzlichkeit und Offenheit erlebt, wie in diesem Land und sie ist in Indien einfach selbstverstaendlich.”


Was soll ich sagen? Ich gab 15 Euro und redete mir ein, einer buddhistischen Offenbarung teilhaftig geworden zu sein. Diese zu teilen, war mir zum Beginn des Neuen Jahres 2010 ein Vergnügen. Möge es auch für Sie, werte Leserinnen und Leser an gutes Zeichen sein!

 

Was ist eigentlich Wirtschaft?

21. Dezember 2009 von Alexander Dill

 

Martin Wolf, Chefkolumnist der Financial Times, wurde fast ärgerlich, als ich ihm in unserer kurzen Korrespondenz schrieb, dass ich zu dieser Frage forsche und ihm einen Text mit diesem Titel zusandte. Es ist es nicht wert, diese Frage zu debattieren, beschied er mich.

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Martin Wolf, britischer Ökonomiepapst mit Ehrendoktor, hält die Frage nicht für diskussionswürdig.

Das war zwei Jahre vor der Finanzkrise. Ist die Frage nun statthafter? Man kann nicht sagen, dass in der Wirtschaft oder gar in den Wirtschaftswissenschaften viel nutzlos gefragt wird. Alle Theorien und Prognosen bauen – so lernen wir – dort auf Empirie, auf Erfahrung auf. Sie folgen aus der Beobachtung. Um zu beschreiben, wie Wirtschaft funktioniert, muss man sich nur Märkte und Marktteilnehmer ansehen. Alle Protagonisten, so zumindest glauben die meisten Wirtschaftsforscher, folgen einem einfachen Handlungsprinzip, nämlich dem Eigeninteresse (self interest). In der Wirtschaft stossen somit gegenwärtig 7 Milliarden Einzelinteressen aufeinander und nur ein kleiner Bruchteil von ihnen kann berücksichtigt oder gar erfüllt werden. Der Markt, so die Wirtschaftslehrer von Adam Smith bis Rainer Brüderle, regle dann, wieviel jeder bekommt. Und wenn der Markt es nicht regelt, dann springt der Staat ein. Mit Geld. Mit Gesetzen. Aber eigentlich, dies ist die Kernthese echter Marktliberaler, weiß der Markt am besten, wie sich die Teilnehmer verhalten sollen. Machen sie es richtig, belohnt er sie mit Gewinnen. Liegen sie falsch, kommen der Gerichtsvollzieher, die Gläubiger und das Finanzamt. Marktbereinigung nennt man das. Ist damit aber die unnütze Frage danach, was Wirtschaft eigentlich ist, hinreichend beantwortet?

Zweiter Versuch: Wirtschaft ist das Zusammenspiel von natürlichen Ressourcen, Arbeit und Kapital. So haben es bereits die ersten Venture-Kapitalisten zur Zeit von Marco Polo gesehen, als sie Schuldscheine ausgaben, um Schiffe auszurüsten, die dann reich beladen mit Seide und Gewürzen zurückkehren sollten. Ventura, Risiko nannte man das. Dazu gehörte auch, dass Schiffe nicht zurückkamen. Nun nehmen die natürlichen Ressourcen der Welt nicht gerade zu und beim Kapital fragt man sich, wie viel von den ausstehenden 400 Billionen Euro in Schuldverschreibungen denn bei einem Welt-Zentralbankgeld von 4 Billionen je ausgezahlt werden können. Letztlich wächst mit der Weltbevölkerung nur die Arbeit, heute auch gerne Humankapital oder Social Capital genannt. Wenn also Wirtschaft das Zusammenspiel von drei Partnern ist, von denen zwei ziemlich auf dem absteigenden Ast sind, dann steht eine so definierte Wirtschaft nicht gerade auf solidem Fundament. Wir kennen deshalb in unseren Breitengraden auch noch eine Form von Wirtschaft, die als Soziale Marktwirtschaft bezeichnet wird. Damit wird der Vorrang der menschlichen Arbeit vor Ressourcen und Kapital bezeichnet, weshalb dann auch lieber 20 Milliarden Euro für Kurzarbeit ausgegeben werden, als 1 Milliarde für Jungunternehmer. Damit wird auch bezeichnet, dass zumindest abhängig Beschäftigte in Deutschland und Österreich 70 Prozent ihres Einkommens als Steuern und Sozialabgaben dem Staat geben, damit dieser seine Beamten mit ihren Privilegien in Arbeit hält und es sich leisten kann, Vermögende weitgehend von Steuern und Sozialabgaben freizustellen. In der Schweiz bleibt es incl. Mehrwertsteuer bei maximal 37,6% - auch das ist im Grunde beträchtlich. Wir können eine etwas unverschämt-ironische Antwort darauf geben, warum in erster Linie Arbeit so extrem besteuert wird: Weil es sie so zahlreich gibt und sie nicht untertauchen kann. Rohstoffe und Kapital dagegen machen sich rar.

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Die Win-Win-Situation als empirischer Beweis für das Gelingen des Marktes

Dürfen wir also behaupten, dass die Definition von Wirtschaft als das Wechselspiel von Rohstoffen, Arbeit und Kapital in eine Sackgasse geführt hat? Immer weniger Rohstoffe, immer weniger Kapital, aber immer mehr Arbeit. Das kann nicht gutgehen.

Die fröhliche Dienstleisterin spielt die tragende Rolle in der postindustriellen Schuldengesellschaft.
Die fröhliche Dienstleisterin spielt die tragende Rolle in der postindustriellen Schuldengesellschaft.

Atempause. Wir nehmen uns vor, neu über Wirtschaft nachzudenken und nicht so pessimistisch zu sein. Boomen nicht die regenerativen Energien? Leben wir nicht in einer postindustriellen Dienstleistungsgesellschaft, in der sich das Bild der Arbeit völlig verändert hat? Dort sitzt die studierte Frau halbtags vor dem PC, mitten auf dem Lande. Kluge Berater erhöhen die Effektivität – und vermindern dabei die teure und überbesteuerte Arbeitskraft. Der Solarstrom fließt endlos in unsere Steckdosen und jeder Landwirt versorgt 1000 Menschen mit Nahrungsmitteln. Zumindest historisch gesehen, ist die Wirtschaft in unseren Breitengraden eine Wundertüte, die sich scheinbar von Zauberhand täglich auffüllt, als wolle sie die Schöpfung der Welt aus dem Nichts, die creatio ex nihilo täglich reproduzieren.

Ist Wirtschaft überhaupt in einem ontologischen Sinne? Oder ist sie nur ein theoretisches Postulat, eine Fiktion, ein System gar? Wenn sie denn ein System wäre, könnte man sich in ihr bewegen wie im Straßenverkehr, nämlich sicher bei jährlich sinkenden Unfallzahlen. Für den Grossteil derer, die sich täglich in der Wirtschaft verhalten müssen, ist es bedeutungslos, ob sie  wegen einer Planwirtschaft oder wegen einer Marktwirtschaft ihren Kindern keine Winterschuhe kaufen können. Sie messen Wirtschaft an ihren Resultaten, nicht an ihren Postulaten. Es hat sich eingebürgert, führende Wirtschaftsvertreter zur Besänftigung der Enttäuschten zu bestrafen: Klaus Zumwinkel und Heinrich von Pierer zum Beispiel. Damit wird der falsche Eindruck erweckt, in der Wirtschaft herrschten anerkannte Verhaltensregeln. Als sicher kann zumindest gelten, dass Wirtschaft in allen Formen eine Praxis ist, die aus keiner Theorie abgeleitet werden kann. Wenn nämlich die Wirtschaftsforscher dies vermöchten, hätten sie die letzten beiden Währungsreformen und die Finanzkrise vorhersagen müssen, was sie leider oder zum Glück nicht konnten: Leider, weil dann vielleicht einige noch hätten umkehren können, zum Glück, weil sie damit zeigten, dass sie selbst nur Teil einer Masse von Spekulanten sind, die sich wechselweise als Bullen und Bären im Markt bewegen. Wirtschaft macht zynisch. Dieser Aussage kann man wenig entgegensetzen. Auch und gerade der Wirtschaftskritiker bewegt sich ja in dem gleichen Markt um Aufmerksamkeit und Belohnung.

"Ich bin Zyniker", sagte der Yale-Professor der FAZ - denn Zyniker wissen oft mehr.
“Ich bin Zyniker”, sagte der Yale-Professor der FAZ - denn Zyniker wissen oft mehr.

Der Ökonom Robert Shiller hat kürzlich in der FAZ etwas Ungewohntes über seine Kollegen gesagt: „Menschen, die Ökonomen werden, neigen dazu, sich zu wünschen, sie wären Naturwissenschaftler. Sie wollen keine Psychologen sein oder Soziologen.

Diese Wissenschaften finden sie weichlich. Hingegen bewundern sie die Physiker und versuchen, die Welt auf diese Art neu zu gestalten. Deshalb gibt es so viel Mathematik in der Ökonomie.

Außerdem mögen Ökonomen keine Menschen. Deshalb mögen sie es auch nicht, wenn man sagt, dass die Wirtschaft von Menschen angetrieben wird.“

 

 

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Einst revolutionär: Das britische Parlament als “Haus der Gemeingüter”. Heute nur noch Interessenvertretung der Lobbys.

Wer aber hätte je anderes erwartet? Zumindest seit 1948 kann man niemandem vorwerfen, sich parasitär an den scheinbar endlosen Aufschwung des neuen Wirtes zu hängen. Nun, da dieser strauchelt, suchen die Parasiten neue Wirte, insbesondere den Staat, der nun Kommissionen zur Finanzmarktreform einrichten soll.

Die Wirtschaft hat vorher gut ohne Ökonomen funktioniert und wird auch dann noch gelingen, wenn die Ökonomie das Schicksal der Mengenlehre und des Purgatoriums, der Vorhölle, ereilt hat: Beide wurden schlicht abgeschafft.

Jenseits der Ökonomie bleibt die Wirtschaft aber eine soziale Lebensform, die Verhältnisse zwischen der Natur und den Menschen herstellt und verändert. Als Allmende bezeichnete man einst Wirtschaftsgüter wie Weiden, die gemeinschaftlich genutzt wurden, ohne dass sie in einem wirtschaftlichen Eigentumsverhältnis standen.

Als Commons, als Gemeingüter, bezeichnet man Luft, Meer und Wasser. Als Public Goods bezeichnet man die Leistungen der Gemeinschaft, etwa Sicherheit, Gesundheitswesen und Bildung. Private Geschenke schliesslich dienen in Form von Spenden und Stiftungen der Allgemeinheit. Wie lässt sich all das zusammenbringen? In einer neuen Definition von Wirtschaft! Vorschlag: Wirtschaft ist das Zusammenspiel von natürlichen, sozialen und privaten Gemeingütern. Die natürlichen, Sonne, Luft und Wasser sind ein Geschenk der Natur. Die sozialen verdanken wir erfolgreichen, aber abgabeintensiven Wohlfahrtsstaaten. Und die privaten? Nun, frohe Weihnachten!