Archiv für die Kategorie ‘Allgemein’



Glasnost in den Wirtschaftswissenschaften?

09. April 2011 von Alexander Dill
Sachverständigenrat

Noch immer hört die Regierung auf die "Wirtschaftsweisen"

Die Wirtschaftswissenschaften haben den fast täglichen Crash ihrer skuril-archaischen Glaubensweisheiten bisher völlig ohne Blessuren überlebt. Sie sind damit weitaus stabiler als die Finanzen der Banken, vieler Unternehmen und die der treu auf ihre wirtschaftspolitischen Berater hörenden Regierungen etwa von den USA, Island, Irland, Griechenland, Ungarn, Großbrittanien, Portugal und jüngst Belgien.
Nicht ein einziger Professor wurde hinausgeworfen, kein Institut geschlossen. Keine Universität kommt auf den Gedanken, neue Institute für Wirtschaftswissenschaft auszuschreiben.
Noch immer darf die Ökonomenmafia völlig unwidersprochen die Mitglieder des Sachverständigenrats der Bundesregierung rekrutieren und alle Lehrstühle für VWL und BWL durch gegenseitiges zitieren unter sich als Belohnung für treues Dienen im festen Glauben vergeben.

Der Papst stellt das Zölibat in Frage. Die Ökonomen halten noch immer das wirtschaftliche Eigeninteresse für den produktivsten Motor des gesellschaftlichen Fortschritts und selbst der gigantische Schadensfall von Tepco geht ihnen, um einmal in zeitgemäßer Jugendsprache zu sprechen, völlig am Arsch vorbei.

Jörn Kruse

Revolutionär Jörn Kruse

Alle Kritiker der Wirtschaftswissenschaften verzweifeln daran, dass sie selbst unter wohlmeinenden Zweiflern als nicht kompetent angesehen werden, sofern sie selbst nicht die Weihen dieser edlen Zunft empfangen haben, also aus Perspektive des ökonomischen Konzils ungläubige Ketzer sind.

Auch die führenden Wirtschaftsmedien, insbesondere Handelsblatt, Financial Times Deutschland, Frankfurter Allgemeine und Süddeutsche sowie die dpa haben nach der Finanzkrise keine neuen Redakteure an die Front geschickt. Getreu dem Motto von Erich Honecker heißt es deshalb noch immer täglich im Wirtschaftsteil:

“Die Märkte in ihrem klugen Lauf hält weder Ochs’ noch Esel auf.”

Nachdem seit Jahrzehnten ein Projekt unter dem klugen Titel Post-Autistic-Economics im angelsächsischen Bereich ein Dornröschendasein führt, verdanken wir es nun der hier bereits gelobten agora42, dass uns die Erklärung einer Gruppe von Ökonomen aus dem francophonen Raum zugänglich wird.

Die leider holprig-akademisch geschriebene Erklärung ist insofern wirklich neu, als sie sich erstmals nicht an die Politik richtet, sondern gegen die hermetischen Rituale der wirtschaftswissenschaftlichen Orden selbst. Noch 2009 nämlich haben die gleichen Autoren eine Aufruf mit dem Titel Manifest für eine dem Gemeinwohl dienende Finanzwirtschaft veröffentlicht.  Er richtete sich an Finanzinstitute und deren Aufseher.

Zwei wirklich neue und für akademische Verhältnisse revolutionäre Forderungen fallen in der neuen Erklärung auf:

  • Bei der Einstellung neuer Professoren muss berücksichtigt werden, ob die Kandidaten darauf ausgerichtet sind, sozio­ökonomische Probleme zu lösen und ob sie der Ethik, der Stabilität und Nachhaltigkeit des Wirtschafts­ und Finanzsystems verpflichtet sind.
  • Die Bewertungskriterien der Forschung müssen erweitert werden, um die Eignung der ausgewählten Forschungsziele einzubeziehen, den Inhalt und den interdisziplinären Charakter der publizierten Artikel oder Bücher zu prüfen und nicht allein die Anzahl der Publikationen in gewissen monolithischen Zeitschriften zu registrieren.
Wir sind Revolution

Revolutionäre Ontologie 2011

Wer mich und meine Arbeit ein bißchen näher kennt, wird verstehen, dass ich diese frommen Vorsätze dem Stresstest meines Habilitationsantrages an den Lehrstühlen der Unterzeichner des Appells unterziehen werde.

Übrigens hat agora42 am 28. und 29. März dieses Jahres einen Stuttgarter Kongress veranstaltet, bei dem die Ergebnisse der leider weitgehend unbeachteten Ausschreibung Wir sind Revolution vorgestellt wurden. Vier revolutionäre Konzepte haben es in die Endrunde der Juroren geschafft. Eines davon, das des Hamburger Professors  an der Bundeswehrhochschule Helmut Schmidt Universität, Jörn Kruse,  möchten wir hier zur Rezension freigeben.

In einem Staat, in dem bereits die Direktwahl des Bundeskanzlers als revolutionäres Projekt prämiert wird, müssen sich die herrschenden Eliten keine Sorge um ihre Pfründen machen. Erst recht nicht, wenn Beamte wie Kruse gleich selbst die revolutionären Konzepte verfassen. Der Begriff Revolution von oben bekommt dann ein Gesicht. Selbst der Redaktion der senilen Besitzstandsverwaltungspostille Vorwärts war das zu wenig. Wo bleibt die Revolution? titelten sie ihre Besprechung.

Die eigene Teilnahme haben wir leider versäumt, da die Frist zur Einreichung revolutionärer Ideen am 28. Januar 2011 bereits vorüber war.

Wenn Unternehmen einen ganzen Staat ruinieren

27. März 2011 von Alexander Dill
Flak_8-8_cm_Krupp

Zukunftstechnologie 1912: 8-8 Flak von Krupp

Einst freute sich eine renommierte, soziale und arbeiterfreundliche deutsche Firma über eine grossen Staatsauftrag: Sie sollte 50.000 Kanonen produzieren, damit Deutschland den I. Weltkrieg gewinnt. Finanziert wurde dieser Auftrag über Staatsanleihen. 1918 verlor Deutschland den Krieg - und viele Menschen ihre Vermögen und ihre Arbeit.
Reparationszahlungen führten zur Verarmung einst wohlhabender, hochindustrialisierter Gegenden wie Nordrhein-Westfalen.

1933 versprach ein überaus populärer Kandidat einer demokratischen Partei, das Land aus der Misere zu führen. Die Wähler setzten ihre Hoffnung in ihn. Er führte Deutschland in einen zweiten Krieg, den Deutschland wiederum verlor, wieder mit grossen Aufträgen für die besagte Firma, die mit Zwangsarbeitern bis zuletzt ihre Waffenproduktion aufrecht erhielt.

Die Technologie von Krupp hat Deutschland zweimal ruiniert, weil sie statt zur Verteidigung zum Angriff genützt wurde.

Kein Autor hat bis heute den Versuch unternommen, den I. und II.Weltkrieg durch die Industriepolitik zu erklären. Stattdessen werden bis heute Faschismus und Kommunismus als ideologische Bewegungen als Schuldige für die Kriege identifiziert.

Als ob je eine Waffe eine Ideologie gehabt hätte.

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Aktienindex Island

Bitte keine Schadenfreude...

Island galt bis 2008 als eine erfolgreichsten Volkswirtschaften der Welt. Im Jahre 2008 hatten drei isländische Banken, Glitnir, Landesbanki und Arion Bank, Kredite in neunfacher Höhe des jährlichen Bruttoinlandproduktes von rund 14 Milliarden Euro aufgenommen oder verbürgt. Als erster “marktwirtschaftlicher” Staat wurde Island durch Banken ruiniert - und mit ihm alle Bürger und Anleger, die in die 15 Titel der isländischen Börse investiert haben.
Island, so schrieb die ZEIT 2009, “ist ein Schuldenknast geworden.”

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Der britische Ölkonzern BP fand sich im Portfolio aller Sustainabilty-Fonds. Was könnte auch nachhaltiger sein, als Ölförderung? Still wurde 2010 die BP-Aktie aus den Fonds entfernt. “Öl-Konzern droht fataler Abstieg”, schrieb der SPIEGEL am 1. Juni 2010.
Dabei war nur eine der vierhundert Ölbohrplattformen im Golf von Mexiko explodiert. Mit zehn solchen Explosionen können alle Weltmeere verseucht werden. Dennoch halten die amerikanische und die britische Regierung Ölförderung für eine schützenswerte Entfaltung von Privateigentum, die es mit Waffengewalt zu verteidigen gilt. Im Irak. Im Iran. Seit neuestem in Libyen.

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vision 2020

Tepco, der Nachhaltigkeitsvisionär

In der Reihe der für ihre Nachhaltigkeit und ihre wegweisende CO²-Verminderung gerühmten Unternehmen findet sich auch ein japanisches: Die Tokio Energy Power, abgekürzt Tepco. Sie hat bereits vor Jahren erkannt, worauf es in der Energieversorgung am meisten ankommt, nämlich auf Nachhaltigkeit. Wie BP konnte auch Tepco die Anleger, private wie institutionelle, davon überzeugen, dass Tepco das Unternehmen der Zukunft war. In dieser exponierten Vorreiterrolle veröffentlichte Tepco sein Manifest der Zukunft unter dem Titel Vision 2020 (Achtung: 8,8 MB und 100.000 Millisievert!)
Wer immer noch der Auffassung ist, dass Ethikkommissionen und CO²-Audits (Footprint), CSR-Manifeste und High-Tech-Partnerschaften einen Bezug zur realen Wirtschaftstätigkeit eines Unternehmens haben, der sollte einen Blick auf die Vision 2020 werfen.
Zu Tepco habe ich noch einen Essay mit dem Titel “Tepco ist das Ende der Marktwirtschaft” auf Telepolis veröffentlicht.

Der Schaden, den Tepco in Japan angerichtet hat, wird nicht in die Milliarden, sondern in die Billionen gehen. Bald wird Tepco “verstaatlicht” werden und es wird eine “bessere Aufsicht” empfohlen werden.

Spaß beiseite: Es wird nach Tepco keine Atommeiler mehr in zivilisierten Staaten geben.

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rwe-header

Gehen auch Sie vorweg: mit CO²-neutraler Atomkraft!

Liebe Leserin, lieber Leser!
Krupp ist Vergangenheit, BP weit weg und Fukushima auch. Haben also diese Nachrichten nichts mit unseren Inseln der Seligen, mit Deutschland, Österreich und der Schweiz zu tun?
Leider doch. Auch in unseren Breitengraden ist die Nachhaltigkeit auf dem Vormarsch (bitte verzeihen Sie mir diese Formulierung, aber ich kann es nicht lassen, diesen Begriff vorzuführen). Die nachhaltigsten unter den Unternehmen, etwa der schwedische Kernkraftspezialist Vattenfall, beglücken deshalb auch uns Unwissende mit einer Vision 2050.

Besonders verheißend und wegweisend ist folgende Passage der Vision 2050:

Aus der Geschichte können wir vieles
lernen. Es ist wichtig, dass wir die
großen Ideen, Theorien und Ansätze
untersuchen, die in der Vergangenheit
Unternehmen und Märkte erfolgreich
gemacht haben und daraus lernen, wie
sie zum Fortschritt der Gesellschaft und
zur Entwicklung der Menschheit in den
vergangenen 50 Jahren beigetragen
haben. Wie in der Vergangenheit müssen
die Rahmenbedingungen stimmen.

Diesen klugen Sätzen kann ich wenig hinzufügen. Wo wären wir denn heute, wenn nicht in den letzten 50 Jahren die Kernkraft und die Ölförderung auf ihr heutiges, sicheres Niveau entwickelt worden wären? In der Steinzeit!

Sie, liebe Leser, können diese Vision unterstützen. In Deutschland dürfen Sie unter www.ecosense.de das “Forum für nachhaltige Entwicklung e.V.” unterstützen. Ideell, denn finanziell können das Vattenfall, RWE und EnBW besser. Schreiben Sie doch den Kollegen der nachhaltigen Entwicklung, wie sehr auch Sie für Nachhaltigkeit sind, an:  info@ecosense.de.

Schreiben Sie ihnen, wie sehr Sie die Vision 2050 teilen. Schreiten Sie vorweg Richtung 2050!

Ihr Alexander Dill

Die Banalität der asymmetrischen Information

05. März 2011 von Alexander Dill

Nachdem ich nun fünf Jahre lang die vermeintlichen Lehrsätze und Regeln der Wirtschaft erforscht habe, ist es Zeit, eine summa zu ziehen. Nun denn: Den Mittelpunkt jedes wirtschaftlichen Handels bildet die asymmetrische Information. Sie besteht darin, dass entweder der Käufer, oder aber der Verkäufer mehr über das Produkt oder den Dienst weiß, als sein Handelspartner. Anstatt aber dieses Wissen mit ihm zu teilen - man nennt das gerne win-win - verschweigt er es ihm in der Hoffnung, daraus persönlichen Gewinn zu ziehen. So banal ist Wirtschaft. Der belgische Weise Bernard Lietaer hat eine der selten Offenbarungen des Wesens allen Wirtschaftens dem legendären Henry Ford zugeschrieben und davon gibt es ein überaus sehenswertes Video:

Bernard Lietaer ist ein exzellenter Redner, der seine Zuhörer dadurch fesselt, ihre kollektiven Vorurteile und ihr Wissen in einer Art abzufragen, die die Paradoxien der Einschätzung wirtschaftlicher Vorgänge offenlegt. Überraschend ist für mich, wie wenig diese Videos angesehen werden. Das zeigt, wie winzig die Zielgruppe intelligenter Wirtschaftsinformation ist. Für die Wirtschaftsjournalisten in Deutschland und der Schweiz könnte asymmetrische Information eigentlich die dauerhafte Quelle ihres Wohlstandes sein. Sie bräuchten ja nur die verschwiegenen und unterdrückten Informationen veröffentlichen. Das wäre ethisch und politisch korrekt.
Das Dumme: Die asymmetrischen Informationen werden in erster Linie von ihren Hauptinserenten und Verlegern verbreitet. Was nun? Augen zu und durch? Nein, insbesondere jene Medien wie Handelsblatt, Financial Times Deutschland, Süddeutsche, FAZ und NZZ, die besonders intim mit den Verbreitern asymmetrischer Informationen umgehen, ist die Vorstellung, das Verbreiten dieser Informationen könne nicht zuletzt auch ihren Lesern wirtschaftliche Nachteile bereiten - hallo Finanzkrise! - nicht verbreitet.
Das bedeutet nicht, dass alle Skandale verschwiegen würden. Schliesslich ist auch ein Skandal publizistische Handelsware. Aber es bedeutet, dass eine redaktionelle Unterscheidung zwischen offener und asymmetrischer Information nicht stattfindet. Die Leser glauben deshalb, dass es Wettbewerb und Märkte gibt, dass die Inflation historisch niedrig ist, dass wir Wirtschaftswachstum brauchen und dass es sogar eine Wissenschaft mit dem altruistischen Namen Volkswirtschaft gibt, die sich dem Gemeinwohl widmet.
Die Banalität der asymmetrischen Information ist unerträglich. Sie begegnet einem bei jedem Autokauf, jeder Flugbuchung und jeder Wohnungssuche, in der Speisekarte und im Versicherungsvertrag. Überall lauern kleine Madoffs. Es gibt gegen die asymmetrische Information nur eine Waffe: die völlige Informationsverweigerung. Die deutsche Bundesregierung lebt damit ganz gut. Wie lange? Denn leider war auch die Information, in deren Besitz sie sich wähnt - asymmetrisch.

Warum eine Promotion eben doch eine Promotion ist

25. Februar 2011 von Alexander Dill

Mit welchem Hochgenuss haben wir in den letzten Tagen den armen Guttenberg im kollektiv an ihm vorgenommenen Rigorosum stammeln sehen! Insbesondere jene Promovierten, die - wie meine Wenigkeit - bereits in dritter Generation den Doktorhut (magna cum laude) tragen, fühlten auf einmal eine Bedeutsamkeit ihrer Promotionsleistung, die sie seit Jahren vermissen mussten. Juristen in Bayreuth und anderswo krochen aus ihren Löchern und führten auf einmal ihnen sonst völlig fremde Begriffe wie Moral und Anstand, Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit im Schilde - dank Guttenberg. Juristen!

guttenberg1Und doch haben wir im Taumel der Schadenfreude und in der grenzenlosen Euphorie unserer eigenen Erhebung zu edelsten Rittern der Wahrheit, der Weisheit und des Bemühens um Wissen einen einfachen, aber für die causa Guttenberg wohl den zentralen Punkt übersehen, den Begriff Promotion selbst.
Man muss kein Fachmann für die Historie der amerikanischen Werbewirtschaft, keine Linguist oder Medienwissenschaftler sein, um dem Begriff zu entnehmen, was er bezeichnet: Werbung für sich in jeder Hinsicht. Der Doktortitel ist eine Empfehlung wie das Siegel der Stiftung Warentest. Ohne diese Empfehlung könnte das Produkt zum Ladenhüter werden. Oder es geräte in die Gefahr, verramscht zu werden.
Ohne Promotion sieht es für ambitionierte Berufsanfänger weniger rosig aus.
Warum aber, in Herrgottsnamen, trägt eine anspruchsvolle wissenschaftliche Gesellenarbeit ausgerechnet den allzu offensichtlich korrupten Namen Promotion?
1965 veröffentlichten die Rolling Stones einen Song, dessen Text ebenso eindrucksvoll wie berührend die Nöte eines jungen Mannes beschreibt, dessen Job Promotion ist:

Well I’m sitting here thinkin’ just how sharp I am
Well I’m sitting here thinkin’ just how sharp I am
I’m an under assistant west coast promo man

Well I promo groups when they come into town
Well I promo groups when they come into town
Well they laugh at my toupee, they’re sure to put me down

Der Doktortitel soll ja eigentlich die Promotion ersetzen, sie also überflüssig machen. Idealerweise reicht es aus, den Doktor zu erwähnen - alles andere folgt dann von selbst. In der Regel ist er die erfolgreichste und effektivste, vor allem aber dank kostenlosem Studium die billigste Werbemassnahme für die Beförderung und Erhebung der eigenen Person.
Ich müsste lügen, wenn ich behaupten würde, der Doktor nützt nichts. Er sollte allerdings nicht aberkannt werden. Ich würde mich freuen, wenn meine Doktorarbeit zerpflückt würde, weil das auch hiesse: Sie wird gelesen.
So aber freue ich mich, meinen Doktorhut unerwartet aufgewertet zu finden und füge nun meinem Briefkopf ein süffisantes Dr. non. gut. bei.
Nachtrag: Dieses Video-Interview  des BR mit Professor Lepsius von der Universität Bayreuth mit einer Stellungnahme zu Guttenberg kann als Sensation bezeichnet werden:

Der Bayerische Rundfunk versucht inzwischen auf Anweisung der CSU, die Sendung dieses Videos auf YouTube zu verhindern, weshalb ich den Link wechseln musste. Wir dürfen nach dem Rücktritt Guttenbergs feststellen, dass dieses Video wohl den Ausschlag gegeben hat.

Warum bleibt die Kapitalismuskritik so unbeachtet?

19. Februar 2011 von Alexander Dill

Deutschland hat durch seine Geschichte in Gestalt des Nationalsozialismus und des Scheiterns des DDR-Sozialismus eine besondere Beziehung zum Begriff Kapitalismus: Es gilt, ihn unter Ökonomen und Journalisten tunlichst zu vermeiden. Es haftet ihm an, ein linker Kampfbegriff zu sein. Lieber spricht man als Fachmann von market economy, als deutscher Beamter von Marktwirtschaft, gerne mit dem edlen Zusatz “soziale”. Seit der Finanzkrise erscheinen nun zunehmend Bücher, die man als Kapitalismuskritik lesen muss, da sie den Begriff selbst programmatisch im Titel führen. Was sie verbindet, ist die Tatsache, dass sie in der deutschsprachigen Öffentlichkeit bisher nicht diskutiert und rezensiert werden.
ha-joonDer Cambridger Wirtschaftsprofessor Ha-Joo Chang veröffentlichte unter dem zünftigen Originaltitel 23 Things They Don’t Tell you about Capitalism eine im angelsächsischen Raum vielbeachtete Entzauberung der Grundlehren der Existenz von “effizienten Märkten”, “Globalisierung” und “Wettbewerb”. Bereits im Oktober 2010 erschien das Buch auch in Deutschland bei C. Bertelsmann unter dem Titel “23 Lügen, die sie uns über den Kapitalismus erzählen”.

Es könnte auch am Titel liegen, dass das Buch in den Wirtschaftsmedien vollkommen ignoriert wurde. Erst im Februar 2011 veröffentlichte die Süddeutsche in ihrer Rubrik “Wirtschaftsbücher” eine Minirenzension.

In Fachkreisen ist Chang für eine interessante Fachthese bekannt, die er bereits seit 2001 vertritt. Danach kann er nachweisen, dass die Forderungen, die Industriestaaten und Weltbank an Entwicklungsländer stellen - etwa die Öffnung der Märkte - von diesen selbst in ihren grossen historischen Wachstumsphasen nie befolgt wurden. Globalisierung, Marktwirtschaft und Wettbewerb sind Lügen, die im Interesse des Erhaltes von Ungleichgewichten und Asymmetrien von den Ökonomen der Industriestaaten mit pseudowissenschaftlichem Habitus verbreitet werden.

2008 erschien kurz vor Ausbruch der Finanzkrise sein Buch   Bad Samaritans: The Myth of Free Trade and the Secret History of Capitalism. Selbst Martin Wolf, der Wirtschaftschef der Financial Times und Doyen der Globalisierung (mit dem ich nebenbei seit 2006 über diese Fragen im Clinch liege) erwähnte das Werk respektvoll als andere Stimme zum gleichen Thema.

Während die deutschsprachige Kapitalismuskritik von Jean Ziegler bis Albrecht Müller immer gegen Privatisierung und Vermögenskonzentration, gegen entfesselte Kapitalmärkte und Ausbeutung der Menschen anschreibt, ist die angelsächsische Kapitalismuskritik listiger: Der Kapitalismus, so lernen wir bei Joseph Stiglitz oder Chang, erlaubt ja gar keinen freien Wettbewerb, sondern verhindert diesen über korrupte Regierungen. Bei Stiglitz soll ein starker Staat mit Gesetzen dafür sorgen, dass Wirtschaft als “global public good” allen dient. Aber was, wenn dieser - wie der seiner Heimat USA - durch und durch korrupt ist?

Vom legendären John D. Rockefeller soll der Satz stammen: “Wettbewerb ist Sünde”

Man könnte die angelsächsische Kapitalismuskritik, die auch George Soros im Finanzbuchverlag vertritt, mit der linken Kritik an der ehemaligen DDR und Sowjetunion vergleichen: Nicht der utopische Gedanke von sich selbst regulierenden Märkten und Wohlstand weltweit wird kritisiert, sondern die Praxis von Wettbewerbsverzerrung, Korruption und Betrug.

oliver-janich

Oliver Janich

Damit kann Systemkritik nur noch von innen aus dem System kommen, nicht von außen. Kritik hat die Rolle eines Innovationskatalysators übernommen, der die Selbsterneuerung und die Entwicklung neuer Produkte und Dienste befördert. Sie ist Teil des Verwertungszyklus kapitalistischer Prozesse - auch und gerade in der Gestalt der Ware Buch.

Ein weiterer, jüngst veröffentlichter  antikapitalistischer Titel ist Das Kapitalismus-Komplott des ehemaligen Focus-Money-Autors und Gründers der Partei der Vernunft, Oliver Janich. Er sieht als Hauptübel des Kapitalismus die Gelddruckerei der Finanzwirtschaft, durch die diese völlig unberechtigt Werte der Realwirtschaft in ihren Besitz bringt.

Bei Amazon liegen die beiden Titel auf Platz 2 und 3 unter dem Stichwort Kapitalismus. Printmedien, Hörfunk und Fernsehen ignorieren sie, wobei es nicht einfach ist, diese Nichtbeachtung zu erklären. Vielleicht hängt sie ja auch nur mit dem allgemein sehr niedrigen Interesse an Wirtschaftsthemen zusammen. Auch Bücher weltbekannter Starökonomen wie George Soros, Nouriel Roubini, Warren Buffett und Joseph Stiglitz werden in Deutschland keine Bestseller.

Kapitalismuskritik ist eine bedingt erfolgversprechende Ware - das musste der Finanzbuchverlag, der neben George Soros und Warren Buffett auch Janich und mich verlegt, mit meinen Büchern Der grosse Raubzug und Täuschwirtschaft erfahren, die zwar den Begriff Kapitalismus nicht benutzten, aber dennoch in der Reihe der vorgenannten Kapitalismuskritiker zu sehen sind.
Im großen Raubzug hatte ich einen Abschnitt mit “Die fünf Irrlehren der Volkswirtschaft” bezeichnet. Es waren exakt die, die auch Chang nun präsentiert.

Insgesamt aber möchte ich doch feststellen, dass Kapitalismuskritik aus drei Gründen zu Recht unbeachtet bleibt:

1) Sie nennt keine wirklich praktikablen Alternativen.
2) Sie ist sich nicht bewußt, wie sehr sie selbst kapitalistischen Strukturwandel verkörpert.
3) Sie adressiert sich an ein Publikum, dass sich nicht nur jetzt nicht, sondern noch nie
für Wirtschaftsfragen interessiert hat.

Mein nächstes Buch wird und muß deshalb anders sein.