Archiv für die Kategorie ‘Allgemein’



Lisa Nienhaus. Wie eine mutige Wirtschaftsjournalistin die deutschen Staatsvolkswirte in Frage stellt

27. Februar 2010 von Alexander Dill

 

Seit einigen Jahren ist die 1979 geborene Lisa Nienhaus Wirtschaftsredakteurin der Frankfurter Sonntagszeitung. Im August 2009 führte sie ein überaus lesenswertes Interview mit dem Yale-Ökonomen Robert Shiller. Dieser erklärte, warum die Ökonomen keine Blasen auf den Finanzmärkten vorhersagen können: Sie gingen von einer modellhaften Effizienz der Märkte aus. Die Menschen und ihr Verhalten aber seien ihnen fremd. „Außerdem mögen Ökonomen keine Menschen.“ rutschte es Shiller hinaus.

Derartige Nestbeschmutzung ist in den hermetischen Zirkeln der Wirtschaftsweisen derart ungewöhnlich, dass sie dann so skurril erfolgt. Dass Ökonomen keine Menschen mögen, mag eine mediengerechte Provokation sein. Aber wie alle Erfolgreichen lieben auch Ökonomen ihre Familie, ihr Stadtquartier und ihre Freunde.  Fehlende Menschenliebe ist sicher kein besonderes Merkmal von Wirtschaftswissenschaftlern. Ihre Teilnahme am Wirtschaftsleben aber erschöpft sich meist darin, sich durch gegenseitiges Zitieren Lehrstühle und staatliche Forschungsmittel zuzuschanzen. Das unterscheidet sie allerdings nicht von Germanisten oder Kernphysikern.

Ökonomen sind damit eine von vielen Wissenschaftsmafias.

Lisa Niehaus

Lisa Nienhaus

Marktwirtschaft ist leider zumindest unter staatlichen Volkswirten eine unbekannte Lebenswirklichkeit: Weder wissen sie, wie sich die Menschen im Dschungel der Wirtschaft bewegen,  noch was Wirtschaft überhaupt ist. Allerdings behaupten sie das auch nicht. Dieser Bescheidenheit nun widersprechen die beliebten Konjunkturprognosen. Lisa Nienhaus  schildert, wie mit dem augurischen Mittel der Konjunkturprognose seit Ludwig Erhard und Karl Schiller die Zunft der deutschen Volkswirte in die Politikberatung aufstieg. Und sie misst die Weissager an zwei Ereignissen, die sie nicht prophezeiten: Den Zusammenbruch des Neuen Marktes 2000/2001 und die Weltfinanzkrise im Herbst 2008.

Ihr Buch „Die Blindgänger – Warum Ökonomen auch künftige Krisen nicht erkennen werden“  ist für deutsche Verhältnisse durchaus politisch. Die Preisträgerin des Ludwig Erhard Preises für Wirtschaftspublizistik vertritt eine These, die in dieser Form auch für ihren Arbeitgeber, das zentrale Mitteilungsorgan der deutschen Wirtschaft, neu ist: Die Komplexität der internationalen Finanzwirtschaft und ihrer Produkte sei in den letzten Jahrzehnten derart gestiegen, dass die Finanzpolitiker der Parteien damit überfordert seien. Nienhaus: „Weil sie selbst immer weniger von Wirtschaft verstehen, haben sie sich immer mehr Rat von außen geholt. Nur wegen dieser Unkenntnis in Parlamenten und Ministerien konnten die ökonomischen Berater die Macht erlangen, die sie heute haben.“

 

Die Blindgänger

Die Blindgänger

Allerdings ist die Kenntnis der Ratgeber nicht nur in den Konjunkturprognosen nicht um das entscheidende Quentchen größer als das ihrer Auftraggeber. Wie auch, schließlich sind die deutschen Volkswirte fast ausschließlich Beamte in Universitäten und staatlich geförderten Wirtschaftsforschungsinstituten. Nienhaus unterzieht sich der Mühe, die Granden der deutschen Volkswirtschaft, Thomas Straubhaar, Hans-Werner Sinn, Bert Rürup und andere an ihren Prognosen zu messen. Das Ergebnis fällt erwartungsgemäß ungünstig aus. Lisa Nienhaus nimmt es sich nicht zu erwähnen, dass deutsche Wirtschaftsforscher international keine Rolle spielen. Allerdings gilt das für alle ausser eben die US-Forscher, die völlig alleine bestimmen, wer Ökonom sein darf und wer nicht.

 Mit Robert Shiller hofft Nienhaus insbesondere auf ein neues Menschenbild in der Ökonomie. Dort gilt seit eh und je als philosophische Anthropologie folgendes Zitat von Adam Smith:

Wir verdanken unser Essen nicht der Menschenfreundlichkeit des Metzgers, des Brauers und des Bäckers, sondern deren Verfolgung ihrer eigenen Interessen.

(Adam Smith, Wealth of Nations)

Was die Bewertung dieses  Buches angeht, zitiere ich Armin König vom Blog Politbuch, der zu folgendem Fazit kam: „Ein solches Buch findet man nicht auf dem Markt: Lisa Nienhaus schreibt erfrischend anders und macht uns Lust, das Denken der Ökonomen zu verstehen. Die junge Autorin ist eine echte Entdeckung. Von ihr möchten wir gern mehr lesen.“

Dem schliesse ich mich an, weil ich Menschen mag, die über den Tellerrand ihrer Zünfte hinaussehen. Darf ich dann noch Ökonom sein?

Buddhistische Geschenkökonomie zum Neuen Jahr

31. Dezember 2009 von Alexander Dill

 

Das Restaurant Maharani in Ottobrunn bei München hatte mir in seiner Preisgestaltung bereits Rätsel aufgegeben, die ich nicht ganz ohne Zorn und Häme beantwortet habe. Die andauernde Geschenkökonomie in diesem Tempel der indischen Ess- und Bewirtungskultur ist zweifellos Ausdruck der nicht zu leugnenden Tatsache, dass es weitaus mehr Wertvolles, Gutes und Schönes gibt, als wir uns widerstandslos zugestehen. Wir sind im Miserabilismus (Peter Sloterdjik) aufgewachsen und geschult. Der Überfluss ist uns intellektuell wie sinnlich unbekannt.

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Buddha wacht über die Geschenkökonomie des Maharani

 An diesem letzten Tag des angeblichen Krisenjahres - ich zählte ja in diesem selbst zu den Krisenpropheten, die möglicherweise in eine Bärenfalle getappt sind - suchte ich mit meinem Begleiter das Maharani auf. Das Menu zu 6 Euro 90 bestand aus einer Fischsuppe mit Koriander, zu der knuspriges Brot gereicht wird. Dann gibt es drei Hühnerkeulen Tandoori in einer Pfanne mit Zwiebeln, dazu 4 Saucen und Basmatireis. Die marinierten Tandooris, die in einem Holzkohleofen gegrillt werden müssen, werden als Hühnerfilet bzw. Hühnerbrust leicht trocken. Nur Keulen ergeben ein wirklich knuspriges Tandoori. Hühnerkeulen Tandoori ist auch in der europäischen Tandoori-Szene eine Seltenheit. Es ist unmöglich, dieses Gericht zu Hause nachzukochen. Es für 6,90 anzubieten ist aber mehr als nur unmöglich: Es ist Ausdruck einer verschwenderischen Lebensfreude, in der das Geben die Quelle der eigenen Zufriedenheit bildet, nicht das Nehmen. Kann aber die Geschenkökonomie des Maharani aus buddhistischen Grundsätzen abgeleitet werden, oder aber ist sie nur der Ausdruck einer grenzenlosen Gastfreundschaft? Zitat aus dem Bericht einer Indienreisenden:

“Ein teurer Sari wickelt sich wie von alleine um meine Hueften und prompt klebt ein Bindi auf meiner Stirn. Die Familie besitzt ein Modeschmuckgeschaeft und macht mir selbstverstaendlich ein kitschiges Paar goldener Perlenohrringe inklusive passender Kette zum Geschenk. Mit acht anderen Frauen style ich mich auf und lache. Ich lerne einige Tanzschritte und diniere schliesslich das feinste Essen der Welt, bevor ich samt Eskorte heimkutschiert werde. Und das alles nur, weil ich mal einen Nachmitag nichts zu tun hatte nd urch die Strassen schlendere. Ich habe noch nie solche Herzlichkeit und Offenheit erlebt, wie in diesem Land und sie ist in Indien einfach selbstverstaendlich.”


Was soll ich sagen? Ich gab 15 Euro und redete mir ein, einer buddhistischen Offenbarung teilhaftig geworden zu sein. Diese zu teilen, war mir zum Beginn des Neuen Jahres 2010 ein Vergnügen. Möge es auch für Sie, werte Leserinnen und Leser an gutes Zeichen sein!

 

Was ist eigentlich Wirtschaft?

21. Dezember 2009 von Alexander Dill

 

Martin Wolf, Chefkolumnist der Financial Times, wurde fast ärgerlich, als ich ihm in unserer kurzen Korrespondenz schrieb, dass ich zu dieser Frage forsche und ihm einen Text mit diesem Titel zusandte. Es ist es nicht wert, diese Frage zu debattieren, beschied er mich.

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Martin Wolf, britischer Ökonomiepapst mit Ehrendoktor, hält die Frage nicht für diskussionswürdig.

Das war zwei Jahre vor der Finanzkrise. Ist die Frage nun statthafter? Man kann nicht sagen, dass in der Wirtschaft oder gar in den Wirtschaftswissenschaften viel nutzlos gefragt wird. Alle Theorien und Prognosen bauen – so lernen wir – dort auf Empirie, auf Erfahrung auf. Sie folgen aus der Beobachtung. Um zu beschreiben, wie Wirtschaft funktioniert, muss man sich nur Märkte und Marktteilnehmer ansehen. Alle Protagonisten, so zumindest glauben die meisten Wirtschaftsforscher, folgen einem einfachen Handlungsprinzip, nämlich dem Eigeninteresse (self interest). In der Wirtschaft stossen somit gegenwärtig 7 Milliarden Einzelinteressen aufeinander und nur ein kleiner Bruchteil von ihnen kann berücksichtigt oder gar erfüllt werden. Der Markt, so die Wirtschaftslehrer von Adam Smith bis Rainer Brüderle, regle dann, wieviel jeder bekommt. Und wenn der Markt es nicht regelt, dann springt der Staat ein. Mit Geld. Mit Gesetzen. Aber eigentlich, dies ist die Kernthese echter Marktliberaler, weiß der Markt am besten, wie sich die Teilnehmer verhalten sollen. Machen sie es richtig, belohnt er sie mit Gewinnen. Liegen sie falsch, kommen der Gerichtsvollzieher, die Gläubiger und das Finanzamt. Marktbereinigung nennt man das. Ist damit aber die unnütze Frage danach, was Wirtschaft eigentlich ist, hinreichend beantwortet?

Zweiter Versuch: Wirtschaft ist das Zusammenspiel von natürlichen Ressourcen, Arbeit und Kapital. So haben es bereits die ersten Venture-Kapitalisten zur Zeit von Marco Polo gesehen, als sie Schuldscheine ausgaben, um Schiffe auszurüsten, die dann reich beladen mit Seide und Gewürzen zurückkehren sollten. Ventura, Risiko nannte man das. Dazu gehörte auch, dass Schiffe nicht zurückkamen. Nun nehmen die natürlichen Ressourcen der Welt nicht gerade zu und beim Kapital fragt man sich, wie viel von den ausstehenden 400 Billionen Euro in Schuldverschreibungen denn bei einem Welt-Zentralbankgeld von 4 Billionen je ausgezahlt werden können. Letztlich wächst mit der Weltbevölkerung nur die Arbeit, heute auch gerne Humankapital oder Social Capital genannt. Wenn also Wirtschaft das Zusammenspiel von drei Partnern ist, von denen zwei ziemlich auf dem absteigenden Ast sind, dann steht eine so definierte Wirtschaft nicht gerade auf solidem Fundament. Wir kennen deshalb in unseren Breitengraden auch noch eine Form von Wirtschaft, die als Soziale Marktwirtschaft bezeichnet wird. Damit wird der Vorrang der menschlichen Arbeit vor Ressourcen und Kapital bezeichnet, weshalb dann auch lieber 20 Milliarden Euro für Kurzarbeit ausgegeben werden, als 1 Milliarde für Jungunternehmer. Damit wird auch bezeichnet, dass zumindest abhängig Beschäftigte in Deutschland und Österreich 70 Prozent ihres Einkommens als Steuern und Sozialabgaben dem Staat geben, damit dieser seine Beamten mit ihren Privilegien in Arbeit hält und es sich leisten kann, Vermögende weitgehend von Steuern und Sozialabgaben freizustellen. In der Schweiz bleibt es incl. Mehrwertsteuer bei maximal 37,6% - auch das ist im Grunde beträchtlich. Wir können eine etwas unverschämt-ironische Antwort darauf geben, warum in erster Linie Arbeit so extrem besteuert wird: Weil es sie so zahlreich gibt und sie nicht untertauchen kann. Rohstoffe und Kapital dagegen machen sich rar.

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Die Win-Win-Situation als empirischer Beweis für das Gelingen des Marktes

Dürfen wir also behaupten, dass die Definition von Wirtschaft als das Wechselspiel von Rohstoffen, Arbeit und Kapital in eine Sackgasse geführt hat? Immer weniger Rohstoffe, immer weniger Kapital, aber immer mehr Arbeit. Das kann nicht gutgehen.

Die fröhliche Dienstleisterin spielt die tragende Rolle in der postindustriellen Schuldengesellschaft.
Die fröhliche Dienstleisterin spielt die tragende Rolle in der postindustriellen Schuldengesellschaft.

Atempause. Wir nehmen uns vor, neu über Wirtschaft nachzudenken und nicht so pessimistisch zu sein. Boomen nicht die regenerativen Energien? Leben wir nicht in einer postindustriellen Dienstleistungsgesellschaft, in der sich das Bild der Arbeit völlig verändert hat? Dort sitzt die studierte Frau halbtags vor dem PC, mitten auf dem Lande. Kluge Berater erhöhen die Effektivität – und vermindern dabei die teure und überbesteuerte Arbeitskraft. Der Solarstrom fließt endlos in unsere Steckdosen und jeder Landwirt versorgt 1000 Menschen mit Nahrungsmitteln. Zumindest historisch gesehen, ist die Wirtschaft in unseren Breitengraden eine Wundertüte, die sich scheinbar von Zauberhand täglich auffüllt, als wolle sie die Schöpfung der Welt aus dem Nichts, die creatio ex nihilo täglich reproduzieren.

Ist Wirtschaft überhaupt in einem ontologischen Sinne? Oder ist sie nur ein theoretisches Postulat, eine Fiktion, ein System gar? Wenn sie denn ein System wäre, könnte man sich in ihr bewegen wie im Straßenverkehr, nämlich sicher bei jährlich sinkenden Unfallzahlen. Für den Grossteil derer, die sich täglich in der Wirtschaft verhalten müssen, ist es bedeutungslos, ob sie  wegen einer Planwirtschaft oder wegen einer Marktwirtschaft ihren Kindern keine Winterschuhe kaufen können. Sie messen Wirtschaft an ihren Resultaten, nicht an ihren Postulaten. Es hat sich eingebürgert, führende Wirtschaftsvertreter zur Besänftigung der Enttäuschten zu bestrafen: Klaus Zumwinkel und Heinrich von Pierer zum Beispiel. Damit wird der falsche Eindruck erweckt, in der Wirtschaft herrschten anerkannte Verhaltensregeln. Als sicher kann zumindest gelten, dass Wirtschaft in allen Formen eine Praxis ist, die aus keiner Theorie abgeleitet werden kann. Wenn nämlich die Wirtschaftsforscher dies vermöchten, hätten sie die letzten beiden Währungsreformen und die Finanzkrise vorhersagen müssen, was sie leider oder zum Glück nicht konnten: Leider, weil dann vielleicht einige noch hätten umkehren können, zum Glück, weil sie damit zeigten, dass sie selbst nur Teil einer Masse von Spekulanten sind, die sich wechselweise als Bullen und Bären im Markt bewegen. Wirtschaft macht zynisch. Dieser Aussage kann man wenig entgegensetzen. Auch und gerade der Wirtschaftskritiker bewegt sich ja in dem gleichen Markt um Aufmerksamkeit und Belohnung.

"Ich bin Zyniker", sagte der Yale-Professor der FAZ - denn Zyniker wissen oft mehr.
“Ich bin Zyniker”, sagte der Yale-Professor der FAZ - denn Zyniker wissen oft mehr.

Der Ökonom Robert Shiller hat kürzlich in der FAZ etwas Ungewohntes über seine Kollegen gesagt: „Menschen, die Ökonomen werden, neigen dazu, sich zu wünschen, sie wären Naturwissenschaftler. Sie wollen keine Psychologen sein oder Soziologen.

Diese Wissenschaften finden sie weichlich. Hingegen bewundern sie die Physiker und versuchen, die Welt auf diese Art neu zu gestalten. Deshalb gibt es so viel Mathematik in der Ökonomie.

Außerdem mögen Ökonomen keine Menschen. Deshalb mögen sie es auch nicht, wenn man sagt, dass die Wirtschaft von Menschen angetrieben wird.“

 

 

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Einst revolutionär: Das britische Parlament als “Haus der Gemeingüter”. Heute nur noch Interessenvertretung der Lobbys.

Wer aber hätte je anderes erwartet? Zumindest seit 1948 kann man niemandem vorwerfen, sich parasitär an den scheinbar endlosen Aufschwung des neuen Wirtes zu hängen. Nun, da dieser strauchelt, suchen die Parasiten neue Wirte, insbesondere den Staat, der nun Kommissionen zur Finanzmarktreform einrichten soll.

Die Wirtschaft hat vorher gut ohne Ökonomen funktioniert und wird auch dann noch gelingen, wenn die Ökonomie das Schicksal der Mengenlehre und des Purgatoriums, der Vorhölle, ereilt hat: Beide wurden schlicht abgeschafft.

Jenseits der Ökonomie bleibt die Wirtschaft aber eine soziale Lebensform, die Verhältnisse zwischen der Natur und den Menschen herstellt und verändert. Als Allmende bezeichnete man einst Wirtschaftsgüter wie Weiden, die gemeinschaftlich genutzt wurden, ohne dass sie in einem wirtschaftlichen Eigentumsverhältnis standen.

Als Commons, als Gemeingüter, bezeichnet man Luft, Meer und Wasser. Als Public Goods bezeichnet man die Leistungen der Gemeinschaft, etwa Sicherheit, Gesundheitswesen und Bildung. Private Geschenke schliesslich dienen in Form von Spenden und Stiftungen der Allgemeinheit. Wie lässt sich all das zusammenbringen? In einer neuen Definition von Wirtschaft! Vorschlag: Wirtschaft ist das Zusammenspiel von natürlichen, sozialen und privaten Gemeingütern. Die natürlichen, Sonne, Luft und Wasser sind ein Geschenk der Natur. Die sozialen verdanken wir erfolgreichen, aber abgabeintensiven Wohlfahrtsstaaten. Und die privaten? Nun, frohe Weihnachten!

Der Inder fühlt sich nicht so arm, wie wir ihn darstellen

01. Dezember 2009 von Alexander Dill

 

“Der Inder fühlt sich nicht so arm, wie wir ihn darstellen.” - dies sagt der  Transformationsphilosoph  und Vorsitzender der Gandhi&Griffiths Society Ronald R. Ropers. Moderator Carsten Rose vom Thüringer Radiosender F.R.E.I fand in seinem 40-minütigen Gespräch (Podcast hier) mit Ropers und Alexander Dill ausreichend ungewohnte Aussagen, um ungläubig widersprechen zu können. Leisten sich die beiden Herren - so der Verdacht Roses - den Luxus ihres Querdenkens, weil sie nicht von Hartz IV oder Minijobs leben müssen?

Carsten Rose (Mitte), bedrängt von der Wortmacht der Querdenker Dill (links) und Roperts (recht)

Carsten Rose (Mitte), bedrängt von der Wortlust der Querdenker Dill (links) und Ropers (rechts)

Können Gemeingüter, wie Dill vehement behauptete, tatsächlich helfen, die staatlichen Finanzprobleme nach der Finanzkrise zu lösen? Umdenken ist auf jeden Fall eine mühselige Angelegenheit. An diesem 26. November in Erfurt jedenfalls zeigt sich, dass das Medium Radio gut geeignet ist, neue Ideen zu artikulieren und die Reaktionen auszutesten. Radio F.R.E.I ist mit seinen 80 ehrenamtlichen Reportern selbst ein Beispiel dafür, wie wertvoll soziales Kapital sein kann: auf etwa 3 Millionen Euro jährlich schätzte Dill diesen Gemeinwert.

Wie der deutsche Staat gegen das Leistungsprinzip kämpft. Dumpingpreise in der Münchner Vorstadt

16. November 2009 von Alexander Dill

 

In vielen Bereichen, fast ausschließlich dort, wo hohe Löhne bezahlt werden, gefällt es der deutschen Regierung, diese Löhne - oder vornehmer: Honorare - festzulegen. So können Notare, Gutachter, Rechtsanwälte, Ärzte, Steuerberater, Insolvenzverwalter, Psychologen, Psychoanalytiker, Immobilienmakler, Landwirte, Lotterieeinnehmer, Ingenieure und Architekten, Familienhelfer und Sozialarbeiter darauf bauen, dass ihre Honorare unter gesetzlichem Schutz stehen - auch dann, wenn sie wie beim Insolvenzverwalter oft 2000 Euro die Stunde und mehr betragen. Der Rechtsstaat hält diese Honorare für ein schutzwürdiges Gut und geht - siehe Insolvenzverwalter - mit gutem Beispiel voraus, denn die Phantasiehonorare müssen in diesem Fall ja  nicht vom Gericht, sondern von den verbliebenen Gläubigern, auch Masse genannt, bezahlt werden.

Anders verhält es sich mit jenen Honoraren, die der deutsche Staat von jeher als Ausdruck des von ihm gepredigten sozialen Marktes betrachtet. Dort, so meinen die Beamten und ihre Klientel, gelte das reine Leistungsprinzip. Die Löhne und Preise unterliegen dort - weil ja eben dem sich selbst regulierenden Markt überantwortet - keiner staatlichen Beschränkung. Zu diesen Honoraren gehört ein großer Teil der Grundversorgung, nämlich das Essen in Restaurants, Gaststätten und Imbissstuben.

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Hier erlaubt der deutsche Staat auch einmal Marktwirtschaft: Die Löhne und Preise in der Gastronomie können gar nicht niedrig genug sein

 

Das Maharani bietet an diesem Montagmittag die gepflegte Atmosphäre von Stofftischdecken und Tischkerzen. Der livrierte Kellner serviert gekonnt und diskret. 

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Edle Dekoration, Stofftischdecken und Tischkerzen - Nichts ist zu gut, wenn ein Markt erobert werden muss

 

Das indische Restaurant Maharani in der Münchner Gutverdiener-Vorstadt Ottobrunn hat von der Gemeinde, in deren Rat neben Grünen und Freien Wählern sogar die ÖDP mitwirkt,  die Erlaubnis erhalten, Mittagessen anzubieten. Längst gibt es Deutschlandweit Pauschalangebote von Mittagsmenu, die zwischen 4,50 Euro und 8 Euro liegen. Dabei muss zwangsläufig die Qualität leiden, denn bei solchen Endverkaufspreisen, in denen mehrfach die Umsatzsteuer, Löhne, Arbeitgeberanteile, Mieten und Kreditzinsen enthalten sind, ist an ein Qualitätsprodukt eigentlich zumindest wirtschaftlich nicht mehr zu denken. Der Autor fürchtet die Mittagsangebote und bestellt gerade bei Asiaten lieber zum Normalpreis. Doch diesmal überwindet er sein Vorurteil und wagt das Mittagsmenu zu 7,90.-

Es besteht aus einer üppigen Fischsuppe, die fein mit Koriander, Schalotten und Kreuzkümmel gewürzt ist und zu der ofenfrisches, knuspriges indisches Brot gereicht wird (4 Stück). Die Hauptspeise wird gar in der Pfanne serviert: Köstliches Tandoori-Hühnchen aus dem Grillofen mit Zwiebeln und Backkartoffeln, die mit Kümmel gewürzt sind, dazu Basmatireis. Sogar eine Zitronenscheibe findet sich auf der Köstlichkeit:

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Ein Spitzenmenu für 7,90 Euro - kein Grund, für den deutschen Staat, das Leistungsprinzip im Grundgesetz zu verankern

 

“Soll er sich doch freuen, dass er das so billig bekommt!”, mag manch einer nun denken.

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Ernst und stolz blickt der Gastronom zum zufriedenen Kunden. Dieser schämt sich, obwohl er 50% draufgelegt hat.

 

Ernst erscheint der Restaurantbesitzer auf diesem Portrait. Er hat sein Restaurant in jeder Hinsicht im Griff. Er darf stolz darauf sein. Und doch muss er ein Menu, das 25 Euro Wert ist, für 7,90 Euro anbieten. Weil das Münchner Publikum meint, ihn so weit drücken zu können, zu dürfen - zu müssen.

Ich gebe 12 Euro, immerhin 50% mehr. Und schäme mich immer noch. Für den Münchner SPD-Bürgermeister Christian Ude, für Wirtschaftsminister wie Guttenberg und Brüderle, für Finanzminister Schäuble, für alle Gutverdiener in Ottobrunn und Neubiberg, die in ihrer BMW-Werkstatt anstandslos 100 Euro pro Stunde bezahlen und deren Anwalt 200 Euro die Stunde erhält.

Leistung muss sich wieder lohnen, wirbt die FDP seit Jahrzehnten. An die Leistung von Menschen in Restaurants und Gaststätten hat sie dabei vermutlich nie gedacht. Dabei steht doch gerade der pfälzische Wirtschaftsminister Brüderle in dem Ruf, die deutsche Gastronomie zu lieben.

Dabei wäre es doch ganz einfach: Entweder überläßt man alle Honorare dem Markt, weil man glaubt, der Markt honoriere die Leistung korrekt, oder aber man sorgt dafür, dass überall leistungsgerecht bezahlt wird. Auch im Maharani in Ottobrunn.

Warum Mineralwasser in Deutschland 425% teurer ist als in der Schweiz. Mineralwasser und die Politik der Preisbildung.

08. November 2009 von Alexander Dill

 

In den Wirtschaftswissenschaften hält sich hartnäckig die Vorstellung, Preise würden durch Angebot und Nachfrage bestimmt, die zusammen einen Markt bilden. Das Ganze nenne sich darum Marktwirtschaft. Ein Mutterland der Marktwirtschaft ist die Schweiz. Beobachten wir dort einmal den Markt für Mineralwasser an Tankstellen:

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Müßte Mineralwasser in der Schweiz nicht teurer sein?

Bei Swiss Alpina handelt es sich um eine Schweizer Marke. Diese konkurriert im Regal mit großen Namen wie Evian und Vittel. Für die Verkaufssituation Tankstelle gilt bisher folgendes Lehrwissen über die Preisdifferenzierung:
1) Die Dringlichkeit eines Bedarfs übt einen deutlichen Einfluss auf den Preis aus.
2) Wer in Eile ist oder ein Problem hat, sieht in erster Linie die Lösung, nicht den Preis (Quelle: Erfolg im Geschäft)

Bevor wir unsere empirische Untersuchung beginnen, möchten wir doch die Hypothese äußern, dass aufgrund des hohen Preisniveaus in der Schweiz und wegen der Ausnutzung der Bedarfsdringlichkeit das Wasser nicht gerade billig sein wird. Auch die Kaufkraft Schweizer Autofahrer spricht dafür, dass das Wassertanken an der Tankstelle nicht unbedingt der günstigste Weg zum kühlen Nass sein könnte. Werden wir Recht bekommen?

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Subventionierter Dumpingpreis, um eine Revolution zu verhindern?

 

Merkwürdigerweise nicht. Ein halber Liter Mineralwasser aus dem Kühlregal kostet an der Tankstelle in Kleinhüningen in Basel incl. Pfand 60 Rappen, das sind zur Zeit 40 Eurocent. Man kann dort aber auch teureres Vittel oder Evian erwerben, wenn man von deren Mehrwert überzeugt ist.

Formulieren wir es so: Die Eidgenossen überlassen es dem Markt, welches Mineralwasser zu welchem Preis erhältlich ist.

 

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Das günstigste Wasser ist nur 425% teurer

 

Nun wechseln wir ins benachbarte Deutschland an die Shell-Tankstelle Bühl. Ein wirklicher Massenmarkt, auf dem Verbrauchertäuschung eine fast religiöse Pflicht des Handels darstellt. So wird das teure San Pellegrino als Santa Emilia raubkopiert in die Regale gestellt. Mit einem Preis von 1,70 Euro incl. 25 Cent Pfand ist es das günstigste Produkt - und damit nur bescheidene 425% teurer als das Schweizer Mineralwasser.

Wie in der Schweiz differenziert es sich gegen ein 2,20 Euro teures   Evian als billiges no name/white label product. Es wird möglicherweise gar nicht einfach sein, eine marktwirtschaftliche Erklärung für diese extreme Abweichung zu geben. Wir werden aber eben das versuchen, um zu verstehen, wie Preisbildung in der Marktwirtschaft stattfindet.

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Alexander Dill studiert den Mineralwassermarkt an der Tankstelle

 

Es könnte zum Beispiel sein, dass das Schweizer Angebot ein Dumpingangebot ist, um in den Markt zu kommen. Das Mineralwasser ist eine Eigenmarke der Coop, der auch die Tankstelle gehört. Lebt der Schweizer Coop-Konzern, dessen Aktie sich in den letzten 12 Monaten der Weltfinanzkrise zwischen desaströsen 61 und 72 CHF bewegte, in einer marktfernen Traumwelt? Oder bezuschusst der kommunistische Berner Zentralstaat das Grundnahrungsmittel Wasser, um sein unzufriedenes Bergbauernvolk an der Revolution zu hindern? Das wäre ein klassischer Fall von Marktverzerrung!

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Staatliche Zwangsabgaben verteuern in Deutschland das Mineralwasser um 425%

 

In der Bundesrepublik Deutschland werden solche Marktverzerrungen durch mehrere staatliche Eingriffe klug vermieden:
1) Durch eine Zwangsabgabe von 25 Cent auf jede Flasche wird ein Billigpreis von 40 Cent sinnvoll verhindert.
2) Mineralwasser gilt nicht als Lebensmittel und wird daher mit 19% besteuert.
3) Die bundeseigene Tank und Rast GmbH sorgt dafür, dass nur wenige Marken ihre überteuerten Produkte auf den 721 Tankstellen anbieten dürfen, so Barilla, Burger King, Mc Donald’s, Nordsee, Segafredo, Lavazza, Dallmayr und Jacobs. Dadurch wird verhindert, dass günstige Eigenmarken den Markt verzerren.
4) Die Pächter werden mit überhöhter Pacht und der Verpflichtung, teure Produkte der Monopolanbieter einzukaufen, dazu gezwungen, teure Preise zu nehmen und die anfangs erwähnte Notsituation der Kunden maximal auszunützen.
5) Die angestellten Mitarbeiter der Tankstellen müssen 50% ihres Lohnes an Steuern und Sozialabgaben an den deutschen Konzernstaat abführen. Obwohl die Löhne niedriger als in der Schweiz sind, muss der Arbeitgeber - der Pächter - noch einmal mindestens 20% Arbeitgeberabgabe dazugeben und hat mindestens 10% zusätzliche Kosten für die komplizierte Verwaltung und Abführung der Beiträge.

Es sind also nicht Raffgier und Bosheit, die das Mineralwasser an deutschen Tankstellen um mindestens 425% teurer machen, sondern es ist die nackte Not der Leibeigenen im Feudalstaat. Den kleinen Leuten verbleiben nach Abzug der 19% Umsatzsteuer maximal 30% ihres Lohnes im Geldbeutel und auch die Pächter dürften angesichts der Steuer- und Einkaufssituation wenig Freude haben. Die Segnungen der bundesdeutschen “sozialen” Marktwirtschaft können nur jene geniessen, die durch gesetzliche Ausnahmen von der Zahlung von Steuern und/oder Sozialabgaben fast völlig befreit sind und die selbst dem angeblich vorhandenen Markt nicht ausgesetzt sind. Nennen wir sie doch Marktfreie. Für sie ist es deshalb auch kein Problem, 2 Euro für einen halben Liter Mineralwasser zu bezahlen.

Christliche Betriebswirtschaft in der Praxis

20. Oktober 2009 von Alexander Dill

  

Was passiert, wenn sich in einer erzkatholischen Stadt ein christlich-demokratischer Politiker darin versucht, die Geburtenplanung nach “harten betriebswirtschaftlichen Rechnungen” (Zitat) zu beeinflussen? Oder: Was kommt eigentlich vom betriebswirtschaftlichen Lehrwissen über Amortisation von Investitionen in einem badischen Stadtrat an? - ein Bericht von der BWL-Front.

Mitten in der Krise - im südlichen Baden-Württemberg hat sich die Arbeitslosigkeit innert eines Jahres verdoppelt - liegt an diesem kalten Herbstmorgen das romantische Städtchen Sulzburg friedlich am Rande des Schwarzwaldes.

Stadtplatz Sulzburg

 

Obwohl das 2700-Einwohner-Dorf bereits zwei renommierte Spitzenrestaurants, zwei erstklassige gutbürgerliche Gaststätten, zwei Pizzerien und eine Bierschenke beherbergt, hat gerade ein neues Café eröffnet. Ein mutiges Signal. Es ist immerhin der vierte Versuch in dieser Lokalität. Ein Erfolgsprinzip wird bereits beherzigt: Um 8 Uhr öffnen, damit Männer dort ihre Zeitung lesen können, zum Beispiel die wertvolle Badische Zeitung.

Männer lesen gerne am Morgen eine gute Tageszeitung
Männer lesen gerne am Morgen eine gute Tageszeitung

 

An diesem Morgen bietet die Badische Zeitung einen Bericht über eine Freiburger Stadtratssitzung, in der ein zumindest mir noch nicht bekanntes, betriebswirtschaftliches Problem diskutiert wurde: die Finanzierung der Empfängnisverhütung von ALG-II-EmpfängerInnen. Offensichtlich gibt es im Stadtrat auch Wirtschaftsfachleute wie den Diplomverwaltungswirt Martin Kotterer von der Christlich Demokratischen Union.

"Das Geld für die Verhütung hätte sich schnell amortisiert.", jubelt der Stadtrat - zu früh?
“Das Geld für die Verhütung hätte sich schnell amortisiert.”, jubelt der Stadtrat - zu früh?

Herr Kotterer hat errechnet, dass jedes Neugeborene einer ALG-II-Empfängerin die Stadt zusätzlich 80 Euro Wohngeld im Monat kostet. Wenn nun, so lautet seine (Zitat) “harte betriebswirtschaftliche Rechnung”, die Stadt bereits frühzeitig die Verhütung für die Damen bezahle, könnten diese Kosten vermieden werden. “Das Geld für die Verhütung hätte sich schnell amortisiert”, wird clever festgestellt.

Zunächst: Dass Geld sich amortisiert, ist sicher eine neue Erkenntnis, die der Stadtrat schwer aus der Betriebswirtschaft gewonnen haben kann. Investitionen mit Abschreibungen können sich amortisieren. Geld nicht. Weiterhin ist Wohngeld für ein Neugeborenes auch nicht Teil des Investitionshaushaltes der Solarstadt Freiburg, sondern Rechtsanspruch von Bedürftigen. Wenn nun der eifrige CDU-Stadtrat dazu beitragen möchte, die Zahl der bedürftigen Mütter und Kinder - und damit die Ausgaben für Wohngeld - zu vermindern, so könnte er das auf lokaler Ebene durch die Ansiedlung von Gewerbe mit gutbezahlten Teilzeitarbeitsplätzen und dazugehöriger Kleinkindbetreuung, möglicherweise sogar mit kommunalen Zuschüssen tun. Das wäre vielleicht keynesianisch, aber es wäre im Sinne der einst von der CDU mitbegründeten Sozialen Marktwirtschaft.

Nun denkt Herr Kotterer aber scheinbar effektiver: Warum überhaupt so teure Massnahmen, wenn man doch einfach die ALG-II-Empfängerinnen mit kostengünstiger Zwangsverhütung beglückt? Die Pille kostet ca. 35 Euro im Monat und wird nicht von ALG II, aber auch nicht von der Kasse übernommen. Die 350 Euro teure Spirale ebenfalls nicht. Auch keine Kondome. Man könnte sagen: Der Stadtrat möchte mit betriebswirtschaftlichem Wissen ein Problem lösen, bevor es entsteht.

Allerdings besteht noch ein zweites, dem Stadtrat offensichtlich nicht bekanntes betriebs- und leider auch volkswirtschaftliches Problem, die sogenannte Nachhaltigkeitslücke im Generationenvertrag. Dieses Problem erfordert nicht weniger, sondern mehr Geburten. Und es ist derart teuer, dass 2008 78,3 Mrd. Euro, genau 27,6% des Bundeshaushaltes als Zuschuss zur gesetzlichen Rentenversicherung überwiesen werden mussten. Steuergeld. Auch dort scheint das betriebswirtschaftliche Scheinwissen zu herrschen, dass durch Staatsanleihen aufgenommenes Geld sich selbst amortisiert.

Eine weitere, ebenfalls kommualbetriebswirtschaftliche Erwägung ist anzustellen: Was, wenn der Befruchter selbst ordentlich in Lohn und Brot steht? Dann würde dieser ja möglicherweise die junge Familie aus der nicht gerade anstrebenswerten ALG-II-Lage erlösen. Die im Stadtrat angestellte Berechnung geht offensichtlich nur von dem Fall aus, dass die ALG-II-Empfängerin von einem selbst arbeitslosen Herren geschwängert wird. Dass dies geschieht, hat jedoch nur eine Wahrscheinlichkeit von 1:9, eben aufgrund der Arbeitslosenrate. Es könnte also sozusagen das falsche Kind vom falschen Vater verhütet werden. Und was ist die ethische Implikation von der vom Stadtrat geforderten Zwangsverhütung? Dass nur adlige CDU Ministerinnen fünf Kinder haben dürfen?

Und wie ist das mit christlichen Werten vereinbar? Die Erzdiözese Freiburg mit ihren 2,1 Millionen Mitgliedern unterhält immerhin 27 Schwangerschaftsberatungsstellen, die alle nur einem Ideal verpflichtet sind, donum vitae! Jedes Kind ist nämlich ein wertvolles Geschenk Gottes - auch das von ALG-II-Empfängerinnen.

Wir werden uns hier beschränken, und die ethische wie die christliche Dimension der Pläne des Freiburger Stadtrates nicht weiter diskutieren. Wir fragen uns nur: Was müssen das für Wirtschaftswissenschaften sein, an welchen Universitäten lehrt man diese, die solche Ergebnisse zeitigen? Diese?

Gedankenübertragung: Nobelpreis für Elinor Ostrom. Kommen nun Glasnost und Perestrojka in die WiWi?

13. Oktober 2009 von Alexander Dill

 

Als mein erster Artikel hier mit dem grossen Fotos der Commons erschien, konnte ich nicht ahnen, dass sich das Kommitee der Schwedischen Reichsbank nach der Finanzkrise dazu entschließen würde, der Politologin Elinor Ostrom den Wirtschaftsnobelpreis für ihre Erforschung der Organisation der Gemeingüter zu verleihen. Ich bezeichne das als den Einzug von Glasnost und Perestrojka in den Wirtschaftswissenschaften. Gerhard Schwarz, Wirtschaftschef der Neue Zürcher Zeitung, sieht diese Preisvergabe als einen Ausgleich, nachdem in den letzten Jahren Think-Tank Kolumnenschreiber wie Paul Krugman und Joseph Stigtlitz ausgezeichnet wurden.  Als Anhänger von Friedrich August Hayek hofft Schwarz, diese Entscheidung möge möglichst keine Folgen für die Wirtschaftswissenschaften haben: “Doch das bedeutet weder Marktskepsis noch Absage an liberale Positionen”.


In beidem hat Schwarz vermutlich Recht: Ja, die Nobelpreisvergabe war als ausgleichende Kosmetik nach der Finanzkrise gedacht, ja, beide Preisträger, auch Oliver Williamson, sind nie als Kritiker der Religion der market economy in Erscheinung getreten. Ich freue mich natürlich darüber, dass die Commons jetzt vielleicht salonfähig werden, zumal die Universität von Mrs. Ostrom, die University of Indiana im Jahre 2007 mein erstes Research Paper dazu veröffentlichte. Damals war ich noch philosophischer und operierte mit dem unerlaubten Begriff Freeware .Es wird interessant, nun auszutesten, inwieweit die russischen Tugenden Glasnost und Perestrojka in das Sowjetimperium der Wirtschaftswissenschaften Einzug halten, oder ob wir weiter in Sibirien bleiben müssen.

Wie das Bruttosozialprodukt zur philosophischen Debatte wird

07. Oktober 2009 von Alexander Dill

 

Zumindest im Deutschen weckt der Begriff Bruttosozialprodukt (BSP) (”Jetzt wird wieder in die Hände gespuckt, wir steigern das Bruttosozialprodukt”) die Assoziation, es messe eine Art Gemeinschaftsleistung innerhalb der Sozialen Marktwirtschaft. Es vereint nämlich die gemessenen, zumindest die legal erfassbaren Privatleistungen mit den offiziellen staatlichen Leistungen. Bei einer Staatsquote von rund 50% stellt es sozusagen einen täglichen, ontologischen Beweis für die Existenz einer Sozialen Marktwirtschaft dar.

Die englische Version GDP (Gross Domestic Product) verzichtet auf das Prädikat sozial - zu Recht, denn nirgendwo im BIP wird unterschieden, ob die staatliche Leistung in einem schuldenfinanzierten Krieg oder in Bildung erbracht wurde, ob die Privatleistung aus den virtuellen Giralgeldketten einer HRE oder aus arbeitsintensivem Handwerk stammt. Seit der Finanzkrise ist deshalb das BIP zunehmend unglaubwürdig geworden.

Am 14. September 2009 nun haben die Wirtschaftsnobelpreisträger Amartya Sem und Joseph Stiglitz einen Bericht an den französischen Präsidenten Sarkozy übergeben, den sogenannten Fitoussi-Report, dessen 292 Seiten wir hier selbst studieren können. Er ist in den Medien überaus positiv angenommen worden.

Gemeingüter - können sie eine Alternative zum Bruttosozialprodukt bieten?
Gemeingüter - können sie eine Alternative zum Bruttosozialprodukt bieten?

 

Er empfiehlt, Umwelt und Familie mit in das BIP aufzunehmen, also letztlich Umweltschutz und Kinderfürsorge durch die Familie materiell zu honorieren. Auch Wohlbefinden, well-being, möchte man gerne als Pluspunkt in der Bilanz haben. Das klingt fortschrittlich und edel. Das Ergebnis der Kommission, die außer Sem nur Vertreter amerikanischer und französischer Universitäten beschäftigt, ist für die Auftraggeber überaus befriedigend. So steigt für beide Länder das BIP, anstatt, bereinigt um absurde Buchungen, drastisch zu sinken. Die Franzosen haben mit Atomkraft, Kleinwagen und mit Atomstrom betriebenen Zügen, mit einer sehr beachtlichen Geburtenrate von 2,3 und mit jeder Menge Mamis zum Enkelhüten durch die Neuberechnung ihre Position verbessert. Dies müssen sie auch, denn die Möglichkeit neuer Staatsverschuldung hängt vom Rating ab, das die Staatsschuld in Prozent des Bruttoinlandsproduktes mißt und natürlich Aussagen über die Zukunftserwartung des Schicksals des Schuldners macht. Dank Stiglitz und Sem ist Frankreich nun die Nummer 1 in Europa - zumindest auf dem Papier.

Diese Instrumentalisierung der Bruttosozialproduktfindung läßt jedoch vergessen, dass es um tiefergehende philosophische Fragen geht, die Stiglitz und Sem als Ökonomen nicht aufwerfen.

Ihre größte: die creatio ex nihilo, die Schöpfung aus dem Nichts. Stiglitz’ Nobelpreiskollege Paul Krugman nämlich vertritt die Ansicht, die USA sollten ihre Staatsschuld ruhig noch verdoppeln, um die Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen. Die USA, so Krugman, seien ja nur mit 40% ihres GDP verschuldet. Dieser, in der Ökonomie auch als Keynesianismus bekannte Schamanenakt geht davon aus, dass Ökonomie weitgehend Psychologie ist, es also eine Realwirtschaft im Sinne des Wortes vielleicht in Nischen noch geben mag, die großen Zyklen aber von individuellen Erwartungen und Hoffnungen getrieben werden, deren Summe schließlich Märkte steigen oder sinken läßt.

Dieser Appell an den Herdentrieb wird natürlich nur dann formuliert, wenn Aufschwung aus dem Nichts erschaffen werden soll. Den Abschwung, die Panik möchte ja niemand. Die großen Ökonomen leben wie ihre Mäzene in dem Glauben antiker Truppen, wenn der Fahnenträger sich in die gegnerische Reihen wirft, werde das nachfolgende Fußvolk sich dadurch derart ermutigt fühlen, dass es den Gegner überrennt. Dieser hat natürlich auch Fahnenträger und Fußvolk.
Wie aber kann diese These dann noch stimmen, denn für mindestens einen der beiden muß sie ja wohl definitiv falsch sein, falls die Schlacht einen Sieger hat?

Wenn man Geld tatsächlich drucken kann - die amerikanische Zentralbank und ihre Besitzer tun das bereits seit geraumer Zeit mit zunehmendem Vergnügen - dann gewinnt man in Schlachten ums Geld immer - bis einer kommt, der das selbstgedruckte Geld nicht mehr anerkennt und dafür keine realen Waren mehr aushändigt.

Warren Buffett nun, der Papst der Geldanlage in Aktien, meint, es sei zuviel Geld gedruckt worden, nicht für Seinesgleichen, wohl aber für den Staat. Dieser solle nun, nachdem er seine Schuldigkeit getan, privaten Reichtum mit seiner Polizei und Armee zu ermöglichen, zurücktreten.

Das Bruttosozialprodukt vereint beide aus dem Nichts gedruckten Gelder, die privaten und die staatlichen. Dass es allerdings gelungen ist, bei einem Gesamtvolumen des Welt-Zentralbankgeldes von nur 4 Billionen Euro Schulden in Höhe von 200 Billionen Euro unter die Leute zu bringen, läßt die metaphysische Kraft des Kapitalismus geradezu göttlich erscheinen, denn welche eschatologische Drohung die Miserabilisten auch immer vorbringen möchten - Staatsbankrott, Weltwährungsreform, Massenarmut - faktisch ist seit 1945 bis heute eine ununterbrochene Reichtumsgenerierung eines historisch nie vorhergesehenen Ausmasses erfolgt, deren Ende oft vorhergesagt, aber immer verschoben wurde.

Wenn also Daniel Ben-Ami (“Ferraris for all“) mir am 24. September vorgeworfen hat, ich sei Teil einer Verschwörungskampagne (muß man etwas scrollen) gegen das Wachstum, weil ich einen Weg gefunden habe, Gemeingüter zu messen (anstatt nur Finanzzahlen), dann hat er Recht. Das schönste Argument für die Einführung von alternativen Berechnungsmethoden des BIP ist nämlich nicht der Mißerfolg des bisherigen Gelddruck-BIP, sondern mehr das daraus resultierende Zins- und Zinseszinsproblem.

Nur die Reduzierung auf jene einst aus dem Nichts geschaffenen und dann sozial kultivierten Werte, der Gemeingüter (engl.: Commons) wird nämlich noch Bestand haben, wenn sich die Währung und die Kredite in Staub auflösen. Wann dies sein wird, wissen wir nicht. Wenn es aber bereits morgen geschieht, werdem wir uns fragen, warum wir nicht doch ein bißchen vorher darüber nachgedacht haben.