Mit ‘Adam Smith’ getaggte Artikel



Wie ohne freien Willen nicht nur die Kirche, sondern auch Werbung und Philosophie ihre gemeinsame Grundlage verlieren

03. April 2010 von Alexander Dill

Zur Zeit sehen wir, wie in wenigen Tagen eine jahrtausendealte Botschaft - die der Erlösung des Menschen durch die Kreuzigung Christi - durch ganz weltliche Umstände unwiderruflich ihre Anhängerschaft verliert. Nach Umfragen glauben selbst unter den Priestern nur noch 30% an die Auferstehung. Das Kreuz, lange das mächtigste Symbol des Abendlandes, wird abgehängt.

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Michael Schmidt-Salomon: Neuauflage von Nietzsches "Jenseits von Gut und Böse" mit neurobiologischen Erkenntnissen

Die stolzen Aufgeklärten, die Atheisten und Evolutionisten, die Rationalisten und Existentialisten sehen diesen epochalen Niedergang durchaus mit Häme und Schadenfreude. Wenn ein deutscher Bischof im Fernsehen leugnet, einst als bayerischer Stadtpfarrer ein paar Watschen verteilt zu haben (Ich stamme aus Oberbayern, wo das bis in die 80er Jahre gang und gäbe war) , steht er auf einer Stufe mit den grossen Finanz- und Politikbetrügern, deren Rücktritte jenen Rest von symbolischem Moralkapital  zu retten suchen, ohne den selbst die postmoderne Mediengesellschaft nicht auszukommen scheint.
Die Freude könnte aber verfrüht sein. Seit September 2009 hat ein noch immer nur Insidern bekannter Gegenwartsphilosoph, Michael Schmidt-Salomon im populären Pendo-Verlag eine seit Nietzsche noch immer unerträgliche These verkündet: Dass wir ohne Moral die besseren Menschen sind.

Das erinnert oberflächlich an die vielzitierte Ansicht von Adam Smith, nicht ihr Wohlwollen (benevolence), sondern ihr Eigeninteresse (regard to their own interest) führe die Teilnehmer des Wirtschaftslebens dazu, Dienste für andere Menschen anzubieten. Die self interest hypothesis ist nach der Finanzkrise massiv angegriffen worden. An allen Ecken wird wieder von einer moralischen Verpflichtung der Wirtschaft gesprochen.

Was bei Nietzsche der Aufstand gegen eine verlogene, christlich-bürgerliche Moral war, die er als Ressentiment bezeichnete, erscheint nun als bemerkenswerte Konsequenz der modernen Neurobiologie. Diese - welche Überraschung - kann nämlich im menschlichen Hirn keinen freien Willen entdecken. Wenn es aber keinen freien Willen gibt, dann gibt es auch keine moralische Entscheidung. Damit aber wird das Strafsystem massiv in Frage gestellt, das ja zu einer moralischen Besserung führen soll.

Das leuchtet vielen ein, die seit Michel Foucaults “Überwachen und Strafen” Zweifel am gesellschaftlich-sozialen Sinn des Strafens äußerten.

Dass also eine kurios-erstarrte Kirche und ein überkommenes Strafsystem obsolet werden, ist in der heutigen Gesellschaft möglicherweise mehrheitsfähig. Es wurde ja auch das Rauchen, das lange als grosser Ausdruck von Individualität und nervöser Lebensfreude galt, klag- und widerstandslos verboten.

Wie aber trifft die neue These uns, den inneren Kern der Aufgeklärten, also Philosophen, Journalisten und Werber selbst? Dürfen wir im Fegefeuer der Entmoralisierung auf Verschonung hoffen? Werden wir unseren Platz als Avantgarde der Aufklärung in einer noch immer mythisch verfassten Welt behalten dürfen?

Die unerfreuliche Antwort: Nein, denn mit der Existenz eines freien Willens fällt das Gesamtkonzept von Aufklärung und Werbung in sich zusammen. Beide suchten, mit Argumenten und schönen Bildern die Entscheidung des Einzelnen zu beeinflussen. In Schule und Fernsehen, in Zeitschriften und auf Plakaten liefen ihre Kampagnen zur Förderung der richtigen, der vernünftigen Entscheidung. Das Günstigste, das Beste, das Klügste, das Unterhaltsamste.

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Philosophie wie Werbung appellierten an den freien Willens des Publikums. Was aber, wenn es den nie gab?

Im Ringen um Märkte und Zuschauer galt es, an den freien Willen zu appellieren.

“Ich bin doch nicht blöd!”, warb der Media-Markt, als ob er Immanuel Kant als Berater engagiert hätte.

Ohne die Existenz eines freien Willens waren alle diese Kampagnen vergebens. Vergebens mussten wir in der Schule Sartre und Camus, Handke und Grass lesen. Sinnlos waren die pädagogischen Studiengänge der Universitäten, die sich der Verkündigung des kategorischen Imperativs von Kant widmeten, denn die Entscheidung für eine Handlungsmaxime setzte einen beeinflussbaren Willen voraus.

Sprechen wir es aus: Wenn Schmidt-Salomon recht hat, der Glaube an die Existenz eines freien Willens also phänomenenologisch auf der gleichen Stufe steht, wie der an die Auferstehung Christi, dann kommt nicht nur die christliche, sondern auch die philosophisch-pädagogische und die publizistische Bekehrung an ihr Ende. 

Die Auswirkung, die dieses unerwartet frühe Ableben der Moral auf die  Ethik hat, wird noch zu erforschen sein.

Noch weiss ich nicht, ob und wer diese Texte hier liest. Zumindest meine Rezension des Buches von Lisa Nienhaus auf dieser Seite steht bei Google auf Platz 2 der inhaltlichen Texte zu ihrem Namen.

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Auch der Autor ist mit seiner Aufklärung am Ende, wenn es doch keinen freien Willen gibt...

 

Gerne würde ich erfahren, wer hier mitliest und was diese Zeilen in ihr/ihm auslösen, denn jenseits der uns Intellektuellen eigenen, chronischen Pflicht zur Provokation scheint mir hier doch eine Phase zu beginnen, die auch meine eigene, jahrzehntelange aufklärerische Tätigkeit in Frage stellt. Anders gesagt: Auch ich verliere mit dem freien Willen meine Grundlage als philosophischer Aufklärer.

Ohne freien Willen bin ich dann “nur noch” Prosaist, Lyriker, Aphorist, Autobiograph. Wäre das so schlimm?

Lisa Nienhaus. Wie eine mutige Wirtschaftsjournalistin die deutschen Staatsvolkswirte in Frage stellt

27. Februar 2010 von Alexander Dill

 

Seit einigen Jahren ist die 1979 geborene Lisa Nienhaus Wirtschaftsredakteurin der Frankfurter Sonntagszeitung. Im August 2009 führte sie ein überaus lesenswertes Interview mit dem Yale-Ökonomen Robert Shiller. Dieser erklärte, warum die Ökonomen keine Blasen auf den Finanzmärkten vorhersagen können: Sie gingen von einer modellhaften Effizienz der Märkte aus. Die Menschen und ihr Verhalten aber seien ihnen fremd. „Außerdem mögen Ökonomen keine Menschen.“ rutschte es Shiller hinaus.

Derartige Nestbeschmutzung ist in den hermetischen Zirkeln der Wirtschaftsweisen derart ungewöhnlich, dass sie dann so skurril erfolgt. Dass Ökonomen keine Menschen mögen, mag eine mediengerechte Provokation sein. Aber wie alle Erfolgreichen lieben auch Ökonomen ihre Familie, ihr Stadtquartier und ihre Freunde.  Fehlende Menschenliebe ist sicher kein besonderes Merkmal von Wirtschaftswissenschaftlern. Ihre Teilnahme am Wirtschaftsleben aber erschöpft sich meist darin, sich durch gegenseitiges Zitieren Lehrstühle und staatliche Forschungsmittel zuzuschanzen. Das unterscheidet sie allerdings nicht von Germanisten oder Kernphysikern.

Ökonomen sind damit eine von vielen Wissenschaftsmafias.

Lisa Niehaus

Lisa Nienhaus

Marktwirtschaft ist leider zumindest unter staatlichen Volkswirten eine unbekannte Lebenswirklichkeit: Weder wissen sie, wie sich die Menschen im Dschungel der Wirtschaft bewegen,  noch was Wirtschaft überhaupt ist. Allerdings behaupten sie das auch nicht. Dieser Bescheidenheit nun widersprechen die beliebten Konjunkturprognosen. Lisa Nienhaus  schildert, wie mit dem augurischen Mittel der Konjunkturprognose seit Ludwig Erhard und Karl Schiller die Zunft der deutschen Volkswirte in die Politikberatung aufstieg. Und sie misst die Weissager an zwei Ereignissen, die sie nicht prophezeiten: Den Zusammenbruch des Neuen Marktes 2000/2001 und die Weltfinanzkrise im Herbst 2008.

Ihr Buch „Die Blindgänger – Warum Ökonomen auch künftige Krisen nicht erkennen werden“  ist für deutsche Verhältnisse durchaus politisch. Die Preisträgerin des Ludwig Erhard Preises für Wirtschaftspublizistik vertritt eine These, die in dieser Form auch für ihren Arbeitgeber, das zentrale Mitteilungsorgan der deutschen Wirtschaft, neu ist: Die Komplexität der internationalen Finanzwirtschaft und ihrer Produkte sei in den letzten Jahrzehnten derart gestiegen, dass die Finanzpolitiker der Parteien damit überfordert seien. Nienhaus: „Weil sie selbst immer weniger von Wirtschaft verstehen, haben sie sich immer mehr Rat von außen geholt. Nur wegen dieser Unkenntnis in Parlamenten und Ministerien konnten die ökonomischen Berater die Macht erlangen, die sie heute haben.“

 

Die Blindgänger

Die Blindgänger

Allerdings ist die Kenntnis der Ratgeber nicht nur in den Konjunkturprognosen nicht um das entscheidende Quentchen größer als das ihrer Auftraggeber. Wie auch, schließlich sind die deutschen Volkswirte fast ausschließlich Beamte in Universitäten und staatlich geförderten Wirtschaftsforschungsinstituten. Nienhaus unterzieht sich der Mühe, die Granden der deutschen Volkswirtschaft, Thomas Straubhaar, Hans-Werner Sinn, Bert Rürup und andere an ihren Prognosen zu messen. Das Ergebnis fällt erwartungsgemäß ungünstig aus. Lisa Nienhaus nimmt es sich nicht zu erwähnen, dass deutsche Wirtschaftsforscher international keine Rolle spielen. Allerdings gilt das für alle ausser eben die US-Forscher, die völlig alleine bestimmen, wer Ökonom sein darf und wer nicht.

 Mit Robert Shiller hofft Nienhaus insbesondere auf ein neues Menschenbild in der Ökonomie. Dort gilt seit eh und je als philosophische Anthropologie folgendes Zitat von Adam Smith:

Wir verdanken unser Essen nicht der Menschenfreundlichkeit des Metzgers, des Brauers und des Bäckers, sondern deren Verfolgung ihrer eigenen Interessen.

(Adam Smith, Wealth of Nations)

Was die Bewertung dieses  Buches angeht, zitiere ich Armin König vom Blog Politbuch, der zu folgendem Fazit kam: „Ein solches Buch findet man nicht auf dem Markt: Lisa Nienhaus schreibt erfrischend anders und macht uns Lust, das Denken der Ökonomen zu verstehen. Die junge Autorin ist eine echte Entdeckung. Von ihr möchten wir gern mehr lesen.“

Dem schliesse ich mich an, weil ich Menschen mag, die über den Tellerrand ihrer Zünfte hinaussehen. Darf ich dann noch Ökonom sein?

Was ist eigentlich Wirtschaft?

21. Dezember 2009 von Alexander Dill

 

Martin Wolf, Chefkolumnist der Financial Times, wurde fast ärgerlich, als ich ihm in unserer kurzen Korrespondenz schrieb, dass ich zu dieser Frage forsche und ihm einen Text mit diesem Titel zusandte. Es ist es nicht wert, diese Frage zu debattieren, beschied er mich.

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Martin Wolf, britischer Ökonomiepapst mit Ehrendoktor, hält die Frage nicht für diskussionswürdig.

Das war zwei Jahre vor der Finanzkrise. Ist die Frage nun statthafter? Man kann nicht sagen, dass in der Wirtschaft oder gar in den Wirtschaftswissenschaften viel nutzlos gefragt wird. Alle Theorien und Prognosen bauen – so lernen wir – dort auf Empirie, auf Erfahrung auf. Sie folgen aus der Beobachtung. Um zu beschreiben, wie Wirtschaft funktioniert, muss man sich nur Märkte und Marktteilnehmer ansehen. Alle Protagonisten, so zumindest glauben die meisten Wirtschaftsforscher, folgen einem einfachen Handlungsprinzip, nämlich dem Eigeninteresse (self interest). In der Wirtschaft stossen somit gegenwärtig 7 Milliarden Einzelinteressen aufeinander und nur ein kleiner Bruchteil von ihnen kann berücksichtigt oder gar erfüllt werden. Der Markt, so die Wirtschaftslehrer von Adam Smith bis Rainer Brüderle, regle dann, wieviel jeder bekommt. Und wenn der Markt es nicht regelt, dann springt der Staat ein. Mit Geld. Mit Gesetzen. Aber eigentlich, dies ist die Kernthese echter Marktliberaler, weiß der Markt am besten, wie sich die Teilnehmer verhalten sollen. Machen sie es richtig, belohnt er sie mit Gewinnen. Liegen sie falsch, kommen der Gerichtsvollzieher, die Gläubiger und das Finanzamt. Marktbereinigung nennt man das. Ist damit aber die unnütze Frage danach, was Wirtschaft eigentlich ist, hinreichend beantwortet?

Zweiter Versuch: Wirtschaft ist das Zusammenspiel von natürlichen Ressourcen, Arbeit und Kapital. So haben es bereits die ersten Venture-Kapitalisten zur Zeit von Marco Polo gesehen, als sie Schuldscheine ausgaben, um Schiffe auszurüsten, die dann reich beladen mit Seide und Gewürzen zurückkehren sollten. Ventura, Risiko nannte man das. Dazu gehörte auch, dass Schiffe nicht zurückkamen. Nun nehmen die natürlichen Ressourcen der Welt nicht gerade zu und beim Kapital fragt man sich, wie viel von den ausstehenden 400 Billionen Euro in Schuldverschreibungen denn bei einem Welt-Zentralbankgeld von 4 Billionen je ausgezahlt werden können. Letztlich wächst mit der Weltbevölkerung nur die Arbeit, heute auch gerne Humankapital oder Social Capital genannt. Wenn also Wirtschaft das Zusammenspiel von drei Partnern ist, von denen zwei ziemlich auf dem absteigenden Ast sind, dann steht eine so definierte Wirtschaft nicht gerade auf solidem Fundament. Wir kennen deshalb in unseren Breitengraden auch noch eine Form von Wirtschaft, die als Soziale Marktwirtschaft bezeichnet wird. Damit wird der Vorrang der menschlichen Arbeit vor Ressourcen und Kapital bezeichnet, weshalb dann auch lieber 20 Milliarden Euro für Kurzarbeit ausgegeben werden, als 1 Milliarde für Jungunternehmer. Damit wird auch bezeichnet, dass zumindest abhängig Beschäftigte in Deutschland und Österreich 70 Prozent ihres Einkommens als Steuern und Sozialabgaben dem Staat geben, damit dieser seine Beamten mit ihren Privilegien in Arbeit hält und es sich leisten kann, Vermögende weitgehend von Steuern und Sozialabgaben freizustellen. In der Schweiz bleibt es incl. Mehrwertsteuer bei maximal 37,6% - auch das ist im Grunde beträchtlich. Wir können eine etwas unverschämt-ironische Antwort darauf geben, warum in erster Linie Arbeit so extrem besteuert wird: Weil es sie so zahlreich gibt und sie nicht untertauchen kann. Rohstoffe und Kapital dagegen machen sich rar.

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Die Win-Win-Situation als empirischer Beweis für das Gelingen des Marktes

Dürfen wir also behaupten, dass die Definition von Wirtschaft als das Wechselspiel von Rohstoffen, Arbeit und Kapital in eine Sackgasse geführt hat? Immer weniger Rohstoffe, immer weniger Kapital, aber immer mehr Arbeit. Das kann nicht gutgehen.

Die fröhliche Dienstleisterin spielt die tragende Rolle in der postindustriellen Schuldengesellschaft.
Die fröhliche Dienstleisterin spielt die tragende Rolle in der postindustriellen Schuldengesellschaft.

Atempause. Wir nehmen uns vor, neu über Wirtschaft nachzudenken und nicht so pessimistisch zu sein. Boomen nicht die regenerativen Energien? Leben wir nicht in einer postindustriellen Dienstleistungsgesellschaft, in der sich das Bild der Arbeit völlig verändert hat? Dort sitzt die studierte Frau halbtags vor dem PC, mitten auf dem Lande. Kluge Berater erhöhen die Effektivität – und vermindern dabei die teure und überbesteuerte Arbeitskraft. Der Solarstrom fließt endlos in unsere Steckdosen und jeder Landwirt versorgt 1000 Menschen mit Nahrungsmitteln. Zumindest historisch gesehen, ist die Wirtschaft in unseren Breitengraden eine Wundertüte, die sich scheinbar von Zauberhand täglich auffüllt, als wolle sie die Schöpfung der Welt aus dem Nichts, die creatio ex nihilo täglich reproduzieren.

Ist Wirtschaft überhaupt in einem ontologischen Sinne? Oder ist sie nur ein theoretisches Postulat, eine Fiktion, ein System gar? Wenn sie denn ein System wäre, könnte man sich in ihr bewegen wie im Straßenverkehr, nämlich sicher bei jährlich sinkenden Unfallzahlen. Für den Grossteil derer, die sich täglich in der Wirtschaft verhalten müssen, ist es bedeutungslos, ob sie  wegen einer Planwirtschaft oder wegen einer Marktwirtschaft ihren Kindern keine Winterschuhe kaufen können. Sie messen Wirtschaft an ihren Resultaten, nicht an ihren Postulaten. Es hat sich eingebürgert, führende Wirtschaftsvertreter zur Besänftigung der Enttäuschten zu bestrafen: Klaus Zumwinkel und Heinrich von Pierer zum Beispiel. Damit wird der falsche Eindruck erweckt, in der Wirtschaft herrschten anerkannte Verhaltensregeln. Als sicher kann zumindest gelten, dass Wirtschaft in allen Formen eine Praxis ist, die aus keiner Theorie abgeleitet werden kann. Wenn nämlich die Wirtschaftsforscher dies vermöchten, hätten sie die letzten beiden Währungsreformen und die Finanzkrise vorhersagen müssen, was sie leider oder zum Glück nicht konnten: Leider, weil dann vielleicht einige noch hätten umkehren können, zum Glück, weil sie damit zeigten, dass sie selbst nur Teil einer Masse von Spekulanten sind, die sich wechselweise als Bullen und Bären im Markt bewegen. Wirtschaft macht zynisch. Dieser Aussage kann man wenig entgegensetzen. Auch und gerade der Wirtschaftskritiker bewegt sich ja in dem gleichen Markt um Aufmerksamkeit und Belohnung.

"Ich bin Zyniker", sagte der Yale-Professor der FAZ - denn Zyniker wissen oft mehr.
“Ich bin Zyniker”, sagte der Yale-Professor der FAZ - denn Zyniker wissen oft mehr.

Der Ökonom Robert Shiller hat kürzlich in der FAZ etwas Ungewohntes über seine Kollegen gesagt: „Menschen, die Ökonomen werden, neigen dazu, sich zu wünschen, sie wären Naturwissenschaftler. Sie wollen keine Psychologen sein oder Soziologen.

Diese Wissenschaften finden sie weichlich. Hingegen bewundern sie die Physiker und versuchen, die Welt auf diese Art neu zu gestalten. Deshalb gibt es so viel Mathematik in der Ökonomie.

Außerdem mögen Ökonomen keine Menschen. Deshalb mögen sie es auch nicht, wenn man sagt, dass die Wirtschaft von Menschen angetrieben wird.“

 

 

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Einst revolutionär: Das britische Parlament als “Haus der Gemeingüter”. Heute nur noch Interessenvertretung der Lobbys.

Wer aber hätte je anderes erwartet? Zumindest seit 1948 kann man niemandem vorwerfen, sich parasitär an den scheinbar endlosen Aufschwung des neuen Wirtes zu hängen. Nun, da dieser strauchelt, suchen die Parasiten neue Wirte, insbesondere den Staat, der nun Kommissionen zur Finanzmarktreform einrichten soll.

Die Wirtschaft hat vorher gut ohne Ökonomen funktioniert und wird auch dann noch gelingen, wenn die Ökonomie das Schicksal der Mengenlehre und des Purgatoriums, der Vorhölle, ereilt hat: Beide wurden schlicht abgeschafft.

Jenseits der Ökonomie bleibt die Wirtschaft aber eine soziale Lebensform, die Verhältnisse zwischen der Natur und den Menschen herstellt und verändert. Als Allmende bezeichnete man einst Wirtschaftsgüter wie Weiden, die gemeinschaftlich genutzt wurden, ohne dass sie in einem wirtschaftlichen Eigentumsverhältnis standen.

Als Commons, als Gemeingüter, bezeichnet man Luft, Meer und Wasser. Als Public Goods bezeichnet man die Leistungen der Gemeinschaft, etwa Sicherheit, Gesundheitswesen und Bildung. Private Geschenke schliesslich dienen in Form von Spenden und Stiftungen der Allgemeinheit. Wie lässt sich all das zusammenbringen? In einer neuen Definition von Wirtschaft! Vorschlag: Wirtschaft ist das Zusammenspiel von natürlichen, sozialen und privaten Gemeingütern. Die natürlichen, Sonne, Luft und Wasser sind ein Geschenk der Natur. Die sozialen verdanken wir erfolgreichen, aber abgabeintensiven Wohlfahrtsstaaten. Und die privaten? Nun, frohe Weihnachten!