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Wie das Bruttosozialprodukt zur philosophischen Debatte wird

07. Oktober 2009 von Alexander Dill

 

Zumindest im Deutschen weckt der Begriff Bruttosozialprodukt (BSP) (”Jetzt wird wieder in die Hände gespuckt, wir steigern das Bruttosozialprodukt”) die Assoziation, es messe eine Art Gemeinschaftsleistung innerhalb der Sozialen Marktwirtschaft. Es vereint nämlich die gemessenen, zumindest die legal erfassbaren Privatleistungen mit den offiziellen staatlichen Leistungen. Bei einer Staatsquote von rund 50% stellt es sozusagen einen täglichen, ontologischen Beweis für die Existenz einer Sozialen Marktwirtschaft dar.

Die englische Version GDP (Gross Domestic Product) verzichtet auf das Prädikat sozial - zu Recht, denn nirgendwo im BIP wird unterschieden, ob die staatliche Leistung in einem schuldenfinanzierten Krieg oder in Bildung erbracht wurde, ob die Privatleistung aus den virtuellen Giralgeldketten einer HRE oder aus arbeitsintensivem Handwerk stammt. Seit der Finanzkrise ist deshalb das BIP zunehmend unglaubwürdig geworden.

Am 14. September 2009 nun haben die Wirtschaftsnobelpreisträger Amartya Sem und Joseph Stiglitz einen Bericht an den französischen Präsidenten Sarkozy übergeben, den sogenannten Fitoussi-Report, dessen 292 Seiten wir hier selbst studieren können. Er ist in den Medien überaus positiv angenommen worden.

Gemeingüter - können sie eine Alternative zum Bruttosozialprodukt bieten?
Gemeingüter - können sie eine Alternative zum Bruttosozialprodukt bieten?

 

Er empfiehlt, Umwelt und Familie mit in das BIP aufzunehmen, also letztlich Umweltschutz und Kinderfürsorge durch die Familie materiell zu honorieren. Auch Wohlbefinden, well-being, möchte man gerne als Pluspunkt in der Bilanz haben. Das klingt fortschrittlich und edel. Das Ergebnis der Kommission, die außer Sem nur Vertreter amerikanischer und französischer Universitäten beschäftigt, ist für die Auftraggeber überaus befriedigend. So steigt für beide Länder das BIP, anstatt, bereinigt um absurde Buchungen, drastisch zu sinken. Die Franzosen haben mit Atomkraft, Kleinwagen und mit Atomstrom betriebenen Zügen, mit einer sehr beachtlichen Geburtenrate von 2,3 und mit jeder Menge Mamis zum Enkelhüten durch die Neuberechnung ihre Position verbessert. Dies müssen sie auch, denn die Möglichkeit neuer Staatsverschuldung hängt vom Rating ab, das die Staatsschuld in Prozent des Bruttoinlandsproduktes mißt und natürlich Aussagen über die Zukunftserwartung des Schicksals des Schuldners macht. Dank Stiglitz und Sem ist Frankreich nun die Nummer 1 in Europa - zumindest auf dem Papier.

Diese Instrumentalisierung der Bruttosozialproduktfindung läßt jedoch vergessen, dass es um tiefergehende philosophische Fragen geht, die Stiglitz und Sem als Ökonomen nicht aufwerfen.

Ihre größte: die creatio ex nihilo, die Schöpfung aus dem Nichts. Stiglitz’ Nobelpreiskollege Paul Krugman nämlich vertritt die Ansicht, die USA sollten ihre Staatsschuld ruhig noch verdoppeln, um die Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen. Die USA, so Krugman, seien ja nur mit 40% ihres GDP verschuldet. Dieser, in der Ökonomie auch als Keynesianismus bekannte Schamanenakt geht davon aus, dass Ökonomie weitgehend Psychologie ist, es also eine Realwirtschaft im Sinne des Wortes vielleicht in Nischen noch geben mag, die großen Zyklen aber von individuellen Erwartungen und Hoffnungen getrieben werden, deren Summe schließlich Märkte steigen oder sinken läßt.

Dieser Appell an den Herdentrieb wird natürlich nur dann formuliert, wenn Aufschwung aus dem Nichts erschaffen werden soll. Den Abschwung, die Panik möchte ja niemand. Die großen Ökonomen leben wie ihre Mäzene in dem Glauben antiker Truppen, wenn der Fahnenträger sich in die gegnerische Reihen wirft, werde das nachfolgende Fußvolk sich dadurch derart ermutigt fühlen, dass es den Gegner überrennt. Dieser hat natürlich auch Fahnenträger und Fußvolk.
Wie aber kann diese These dann noch stimmen, denn für mindestens einen der beiden muß sie ja wohl definitiv falsch sein, falls die Schlacht einen Sieger hat?

Wenn man Geld tatsächlich drucken kann - die amerikanische Zentralbank und ihre Besitzer tun das bereits seit geraumer Zeit mit zunehmendem Vergnügen - dann gewinnt man in Schlachten ums Geld immer - bis einer kommt, der das selbstgedruckte Geld nicht mehr anerkennt und dafür keine realen Waren mehr aushändigt.

Warren Buffett nun, der Papst der Geldanlage in Aktien, meint, es sei zuviel Geld gedruckt worden, nicht für Seinesgleichen, wohl aber für den Staat. Dieser solle nun, nachdem er seine Schuldigkeit getan, privaten Reichtum mit seiner Polizei und Armee zu ermöglichen, zurücktreten.

Das Bruttosozialprodukt vereint beide aus dem Nichts gedruckten Gelder, die privaten und die staatlichen. Dass es allerdings gelungen ist, bei einem Gesamtvolumen des Welt-Zentralbankgeldes von nur 4 Billionen Euro Schulden in Höhe von 200 Billionen Euro unter die Leute zu bringen, läßt die metaphysische Kraft des Kapitalismus geradezu göttlich erscheinen, denn welche eschatologische Drohung die Miserabilisten auch immer vorbringen möchten - Staatsbankrott, Weltwährungsreform, Massenarmut - faktisch ist seit 1945 bis heute eine ununterbrochene Reichtumsgenerierung eines historisch nie vorhergesehenen Ausmasses erfolgt, deren Ende oft vorhergesagt, aber immer verschoben wurde.

Wenn also Daniel Ben-Ami (“Ferraris for all“) mir am 24. September vorgeworfen hat, ich sei Teil einer Verschwörungskampagne (muß man etwas scrollen) gegen das Wachstum, weil ich einen Weg gefunden habe, Gemeingüter zu messen (anstatt nur Finanzzahlen), dann hat er Recht. Das schönste Argument für die Einführung von alternativen Berechnungsmethoden des BIP ist nämlich nicht der Mißerfolg des bisherigen Gelddruck-BIP, sondern mehr das daraus resultierende Zins- und Zinseszinsproblem.

Nur die Reduzierung auf jene einst aus dem Nichts geschaffenen und dann sozial kultivierten Werte, der Gemeingüter (engl.: Commons) wird nämlich noch Bestand haben, wenn sich die Währung und die Kredite in Staub auflösen. Wann dies sein wird, wissen wir nicht. Wenn es aber bereits morgen geschieht, werdem wir uns fragen, warum wir nicht doch ein bißchen vorher darüber nachgedacht haben.