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Capitalism Makes Us Better People - Ein Blick auf die Ethikdebatte in den USA

17. März 2010 von Alexander Dill

Die angebliche Weltfinanzkrise hat auch in den Vereinigten Staaten von Amerika zu einem gewissen Rechtfertigungs- und Neubegründungsdruck der divinen, gottgegebenen Ordnung des Kapitalismus geführt. In dessen Folge mußten die Matadoren der Denkpanzer (Think-Tanks) selbst mit vier Jahren Verspätung auf die Enzyklika von Papst Benedikt XVI. reagieren. Einer von ihnen ist William S. Niskanen, der Direktor des Cato Instituts. Unter dem Titel The Undemanding Ethics of Capitalism veröffentlichte er Ende 2009 eines der wenigen US-Grundsatzpapiere der Post-Weltfinanzkrisen-Ära.

Niskanen

William S. Niskanen, Senior Central Ethics Officer des Cato Institute, überrascht nach der Finanzkrise mit ethischer Innovation

 Während in Deutschland und dem Rest der Welt ostküstige US-Ökonomen wie Jeffrey Sachs, Joseph Stiglitz und Paul Krugman mit Clinton und Gore als cleane Weltretterfraktion umherjetten, repräsentiert Niskanen die berühmte schweigende Mehrheit, die US-Politik wie Wirtschaft dominiert. Sie zeichnete sich seit Johnson, Reagan und George W. Bush immer dadurch aus, dass sie nie etwas begründen oder rechtfertigen musste.

“The truth comes from the gutt.”
“From where do you know that?”
“My gutt says it to me.” (Dialog des US-Satirikers Stephen Colbert in Anwesenheit von Bush, 2006)

Papst Benedikt XVI. forderte, wie allgemein bekannt, mehr soziale Verantwortung. Caritas allerdings übersetzten die Amerikaner als charity, was allerdings weniger Nächstenliebe als Wohlfahrt ausdrückt, also jene staatlichen Wohltaten umfaßt, die die Mehrheit der Amerikaner als gottlosen Kommunismus seit eh und je verdammen. Krankenversicherung zum Beispiel.

 

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So sieht ein Junior Ethics Officer im Think-Tank Cato Institute aus.

“Mein erster Zweifel an dieser Enzyklika”, schreibt Niskanen, “ist, dass es zuviel verlangt ist, vom menschlichen Geist Solidarität zu erwarten und diese auch noch als Bedingung für Menschlichkeit zu setzen.” Niskanen zieht zur Kritik an diesen urchristlich-kommunistischen Traumvorstellungen ein Zitat eines Hardcore-Wirtschaftswissenschaftlers namens Harris aus dem Jahre des Herrn 1972 heran. Dieser schrieb:
“Einen Menschen, der Hummern das Fliegen beibringen will, nennt man einen Geisteskranken. Aber einen Menschen, der glaubt, durch Wahlen Menschen in Engel zu verwandeln, nennt man einen Reformer.”

Nach diesem Gleichnis geht Niskanen auf den auch hier bekannten Bernard Madoff ein, dessen 60 Milliarden Dollar Betrug Niskanen mit dem seiner Ansicht nach 100 Billionen! Dollar großen Ponzi-Scheme-Betrug relativiert, den man - Zitat Niskanen - “social security and medicare” - nennt. Dies ist in seiner Kuriosität amüsant zu lesen und daher überaus empfehlenswert. Der Kapitalismus, so resumiert Niskanen, fordert von den Menschen nichts. Er läßt ihnen ihre Freiheit, inklusive der Freiheit zu Irrtümern und Übertreibungen eines Madoff. Er ist undemanding.

Der von Niskanen zitierte Titelsatz meines Artikels, der von einem Cato-Aktivisten namens Will Wilkinson (links im Bild) stammt, widerspricht allerdings dieser fast taoistischen Gelassenheit: Wenn der Kapitalismus aus uns bessere Menschen macht, dann müßte er doch auch erstrebenswerte Tugenden und Werte propagieren, also eventuell doch Hummern das Fliegen beibringen?
Genau über diese finden wir aber nichts in Niskanens Traktat.