Das Prädikat Wirtschaftsphilosoph ist begehrt, vereint es doch die edel-eitle Weisheit des Wahren und Guten mit der scheinbar größtmöglichen Nützlichkeit, Realitätstauglichkeit, Effizienz. Ein Wirtschaftsphilosoph ist sozusagen ein echter Modigliani, der aber nur von Postkarten seiner Werke lebt, die er im Internet vertreibt: Amedeo Modigliani’s Postcard Shop.
In Deutschland, das doch zusammen mit Frankreich das Mutterland der Gegenwartsphilosophie der letzten 150 Jahre bildet, ist bis heute kaum ein Wirtschaftsphilosoph ernannt oder so bezeichnet worden. Kürzlich wurde ein Professor Gerd Habermann im MDR mit folgendem Satz zum Wirtschaftsphilosophen gekürt: “Spekulanten sind notwendig.”
Nietzsche und Heidegger, Foucault und Derrida haben sich nicht für Wirtschaft interessiert. Sie verkörperte keine eigene Lebenswelt jenseits von Geschichte, Gesellschaft und Politik. Die “protestantische Ethik” von Max Weber könnte vielleicht als erstes wirtschaftsphilosophisches Werk charakterisiert werden, in dem es eine Erklärung für die Entwicklung des Kapitalismus durch geistig-philosophisch-religiöse Grundsätze gibt. Sozusagen eine Systemtheorie.
Demgegenüber habe ich in letzter Zeit mehrfach behauptet, Wirtschaft folge keinen vorhersehbaren Regeln, sei darum kein System, also auch nicht vorhersehbar. Die Wirtschaftswissenschaften können daher nicht beanspruchen, sich mit Regeln und Gesetzen der Wirtschaft zu beschäftigen. Sie sind eine Religion, in der der Markterfolg die Offenbarung, der Misserfolg das Fegefeuer, BWL, VWL und MBA das Priesterseminar bilden.
Diese für die Betroffenen unangenehme Sichtweise hat Kritiker immer wieder auf den Plan gerufen. Dabei ist in Ansätzen so etwas wie ein Diskurs entstanden, der möglicherweise als wirtschafts-philosophisch bezeichnet werden darf.
Die Wirtschaftsjournalistin Dagmar Deckstein schrieb mir in ihrer Rezension meines jüngsten Buches Täuschwirtschaft folgenden Satz ins Stammbuch:
“Schließlich wird im letzten Teil dazu aufgerufen, die Wirtschaft neu zu erfinden. Mal abgesehen davon, dass Wirtschaft keine Erfindung ist, sondern gelebte gesellschaftliche Praxis, kann schon mal nichts neu erfunden werden.”
Nun, wenn Wirtschaft einfach Praxis wäre und sich der Empirie also erschlösse wie der Straßenverkehr (mit dem ich sie zum Leidwesen der Wirtschaftstheoretiker immer zu ihrem Nachteil vergleiche), dann gäbe es wohl kaum Derivate und Schuldverschreibungen in 50facher Höhe allen Zentralbankgeldes der Welt. Die sind Erfindungen. Und wenn sie sich als Fata Morgana erweisen, muß eben neu erfunden werden.
In die gleiche Kerbe schlägt auch der Reich-Ranicki der Wirtschaftsbuch-Rezensenten, Dr. Manthey:
“Am Ende dieses Teils diskutiert Dill die Frage, warum Wirtschaft kein Schulfach ist. Er vergleicht dazu die Wirtschaft zunächst mit dem Straßenverkehr, der weltweit nach den gleichen Regeln funktioniert, um dann festzustellen, dass es für die Wirtschaft gar keine Regeln gibt, und sie deshalb nicht in der Schule gelehrt werden kann. Das ist wie so vieles in diesem Buch in gewisser Weise richtig und falsch zugleich. Eine Volkswirtschaft ist ein hochkomplexes dynamisches System, das einen hohen Grad an Selbstorganisation besitzt und von Rückkopplungen lebt. Der Straßenverkehr ist ein simples und starres System, das auf primitiven Regeln beruht und von der Sache her jede Art von Selbstorganisation verbietet. Beide Systeme in eine Art wertende Beziehung zu stellen, ist gelinde gesagt absurd. Natürlich kann man Grundprinzipien der Wirtschaft in der Schule lehren, und das wird wohl auch getan.”
Beide Einwände gegen meine Thesen sind aber Belege dafür, dass sie einen wirtschaftsphilosophischen Diskurs führen und anregen, auch, wenn sie nicht auf Zustimmung stoßen. Überrascht las ich im Manuskript eines Essays im tschechischen Staatsrundfunk folgende Passage:
“Vlivný německý filozof Alexander Dill upozorňuje, že patří teprve ke zvláštnostem moderní doby, že si relativně mladá disciplina, tedy ekonomie, osobuje právo mluvit do všech ostatních odvětví. Dill k tomu dodává, že ekonomie vlastně není vědecká disciplina, že ekonomové jsou spíše inženýři, kteří prosazují konkrétní projekty nebo recepty v praxi.”
Die darin angesprochene Frage ist die vom Harvard-VWL-Kaiser Gregory Mankiw gestellte, ob Ökonomen eher Ingenieure als Wissenschaftler seien, was Mankiw bejaht und gut findet. Das war einige Jahre vor der Finanzkrise, bevor das Kernkraftwerk seinen Ingenieuren um die Ohren flog.
Der Wiener Philosoph Helmut Hofbauer hat einige Jahre - genau vier - nach Erscheinen mein erstes wirtschaftsphilosophisches Werk, die Erfolgsfalle rezensiert. Dabei ist er auf mein Gleichnis der erfolglosen Spinnen in der Duschecke eingegangen, mit dem ich die Survival-of-the-fittest Ideologie sozusagen mit Studien aus der Fauna widerlegen wollte. Hofbauer:
“Eins der unterhaltsamsten Kapitel in diesem Sinne ist das über die erfolglosen, weil sterbenden, Spinnen in seiner Duschecke (S. 76 ff), welches seinen sachlichen Rechtfertigungsgrund darin hat, dass wir „gerne von der Annahme aus[gehen], die Natur wäre perfekt organisiert, indem sie immer dafür sorgt, dass die stärkste und gesündeste Art überlebt.“ (S. 76) Tatsächlich vermeinen wir heutigen Menschen in der Natur so etwas wie ein Spiegelbild unseres Erfolgsdenkens zu sehen und beziehen aus ihm unsere Rechtfertigung dafür, mit unseren Mitmenschen unbarmherzig umzugehen. Denn: Der Stärkere muss ja gewinnen; andernfalls wäre die natürliche Ordnung verkehrt worden – und das könne, suggeriert man, doch nur negative Folgen für die Menschheit haben. Wahrscheinlich würden die Menschen degenerieren, wenn in der Gesellschaft nicht genauso das Recht des Stärkeren und Gesünderen gelten würde wie in der Natur – oder was auch immer man sich vorstellt. Dill thematisiert nun die Spinnen in seinem Haus, die sich absolut dumm verhalten, indem sie sich an einem Ort – der Duschecke – niederlassen, an dem sie kein Futter bekommen und erfindet für sie sogar noch ein „Spinnen-Start-up-Consulting“, aus dessen Ratgeberschrift „How spiders become winners“ er die selbst ersonnenen Passagen über den richtigen (Unternehmens-)Standort zitiert.”
Zusammenfassend würde ich feststellen, dass man dort von Wirtschaftsphilosophie sprechen kann, wo durch Analogiebildungen Phänomene der Wirtschaft in ein neues Licht gerückt werden. Ob dies Spinnen in der Duschecke, der Vergleich von Ingenieuren und Wissenschaftlern oder das ungleiche Duo Straßenverkehr-Wirtschaft sind: Der Erkenntnisgewinn liegt in dem Unerwarteten, in der neuen Dimension.
Mir gibt das eigentlich nur Peter Sloterdijk mit seinem prämierten Buch “Im Weltinnenraum des Kapitals” sowie mit seinen drei Bänden Sphären, deren einziger Leser ich zu sein scheine.
Interessanterweise werden alle vier Werke weder in den Wirtschaftswissenschaften, noch in der Philosophie, noch in den Medien diskutiert.
Irgendwann wird das dann manchmal als Wertewandel und Paradigmenwechsel selbst Teil der Wissenschaftsgeschichte.
Warum Wirtschaftsphilosophie so erfolglos ist, haben wir damit aber noch nicht erklärt.



