Mit ‘Ethik’ getaggte Artikel



Wirtschaftssoziologie statt Ethik - eine bemerkenswerte Ausschreibung

23. Oktober 2010 von Alexander Dill

Ausschreibungen von Professuren sind oft aussagekräftiger für die dort verwalteten Disziplinen als deren Fachbücher: In wenigen Sätzen wird komprimiert kundgetan, was ein Fach so wichtig und besonders macht, dass damit eine 100.000 Euro-Stelle begründet werden kann. Wer - und welcher Promovierte tat dies nicht schon einmal? - die Ausschreibungen in der deutschen ZEIT verfolgt hat, wird festgestellt haben, dass in den letzten 20 Jahren nicht ein Hauch von Interdisziplinarität oder eine Öffnung der Fächer stattgefunden hat.
So gelingt es der Technischen  Universität Dortmund, die hohen Anforderungen an eine Professur für “Praktische Philosophie” so zu formulieren:

“Der/die künftige Stelleninhaber/in soll die Praktische Philosophie in Forschung und Lehre in voller Breite vertreten. Zusätzlich ist ein systematisches Profil in Praktischer Philosophie erwünscht.
Die Einstellungsvoraussetzungen sind gemäß § 36 HG des Landes NRW ein abgeschlossenes Hochschulstudium, Promotion und zusätzliche wissenschaftliche Leistungen, die im Rahmen einer Juniorprofessur, einer Habilitation, einer wissenschaftlichen Tätigkeit an einer Hochschule, Forschungseinrichtung, in Wirtschaft, Verwaltung oder einem anderen gesellschaftlichen Bereich erbracht wurden.
Die Technische Universität Dortmund hat sich das strategische Ziel gesetzt, den Anteil von Frauen in Forschung und Lehre deutlich zu erhöhen, und ermutigt nachdrücklich Wissenschaftlerinnen, sich zu bewerben. Die Bewerbung geeigneter Schwerbehinderter ist erwünscht.”

Urs Stäheli

Will kein ethisches Sandmännchen geben: Urs Stäheli

Zur gleichen Zeit schreibt die Universität Basel eine Professur für Allgemeine Soziologie aus. Die Anforderung klingt so:
“Wir suchen eine Persönlichkeit, die zum einen das Fachgebiet der soziologischen Theorie einschliesslich Theoriegeschichte in Lehre und Forschung möglichst breit vertritt. Zum anderen soll sie den Schwerpunkt «Wirtschaft, Wissen und Kultur» weiter führen. Erwartet wird eine interdisziplinäre und internationale Anschlussfähigkeit in beiden Feldern.”
Das macht neugierig. Der vorherige Lehrstuhlinhaber, Urs Stäheli,  hat für den genannten  Schwerpunkt zwei Textabsätze hinterlassen, die es in sich haben:

“So stehen die Ordnungen des Wissens, innerhalb derer die Ökonomie als geschlossene Einheit denkbar wird, und die Bilder, Metaphern und Diskurse, mittels derer sie sich darstellt, im Zentrum des Interesses. Untersucht wird die Genealogie zentraler ökonomischer Akteursfiktionen wie jene der UnternehmerIn, der KonsumentIn oder auch der SpekulantIn. Soziologie der Wirtschaft wird auf diese Weise zu einer Soziologie wirtschaftlicher Diskurse, welche die Brüchigkeit und die Grenzen von Wirtschaft herausarbeitet.
Gegen den Anspruch des Ökonomischen auf alleinige Auslegungsmächtigkeit von Gesellschaft versucht eine solche Soziologie aufzuzeigen, wie hegemoniales ökonomisches Wissen entsteht und welche alternative Formen ökonomischen Wissens auftreten (z.B. Repräsentationen der Ökonomie in der Populärkultur). Gegen die Behauptung transparenter Rationalität analysiert sie das Eingreifen rhetorischer Figuren und affektiver Intensitäten. Auch die Abgrenzungen des Ökonomischen gegenüber anderen gesellschaftlichen Feldern wie jenem der Politik oder der Kunst werden als prekäre, phantasierte und uneindeutige Kodierungen entziffert, die selbst wiederum zum Gegenstand politischer Kämpfe werden können.”

Nun behaupte ich: Diese Beschreibung von Wirtschaftssoziologie entspricht eigentlich exakt dem, was die Ethik als “Praktische Philosophie” leisten sollte, nämlich eine Dekonstruktion von Diskursen, die sich selbst für rational und ethisch halten. Eine Interpretation von Weltbildern als rhetorische Figuren und affektive Intensitäten. Eine wortkluge Replik auf den Anspruch der Alleininterpretation von Wirtschaft, den die Wirtschaftswissenschaften völlig zu Unrecht erheben.
So eine Ethik besteht nicht nur in einer 3mal jährlich tagenden Ethikkommission, nicht nur in Sonntagsreden zu Nachhaltigkeit, Humanität und “Wirtschaft mit menschlichem Anlitz”, sondern sie provoziert, stört und weckt auf.
Dass solches an der TU Dortmund das Allerletzte ist, was man sich von der gesuchten praktischen Philosophin dort erhofft, mag sein. Die Professuren für Praktische Philosophie sind Verwaltungsstellen, keine Stellen für Diskurse. Zumindest in Basel hat die Wirtschaftssoziologie offensichtlich die einstigen Aufgaben der Philosophie mit übernommen. Eine bemerkenswerte Ausschreibung.
Wer mehr von Urs Stäheli lesen will, dem sei zur Einführung ein kurzes und prägnantes Interview mit der deutschen Anlegerzeitschrift  Capital empfohlen, das auf seinem Buch Spektakuläre Spekulation beruht, das bei Suhrkamp erschienen ist.

Die Ethik ist die Grenze des Verlierers - über Roberto Saviano

12. September 2010 von Alexander Dill
Roberto Saviano, so erfahren wir, hat in Neapel an der Università degli Studi di Napoli Federico II einen Magister in Philosophie absolviert. Roberto SavianoSein legendärer Bestseller Gomorrha läßt aber nur an zwei Stellen, in zwei Passagen so etwas wie philosophische Reflexion erahnen. Wir erfahren von Augusto La Torre, vom Boss der Mondragone, dass er Freud und Jung las und in seiner Gerichtsverhandlung Lacan zitierte.
Saviano zitiert keine Philosophen oder Psychoanalytiker. Er schildert eine Welt, in der wirtschaftliche Tätigkeit, insbesondere Drogenhandel und Bau einerseits im Vordergrund steht, in der aber andererseits aus zumindest unserer Sicht irrationale, archaische Blutrituale diese immer wieder zerstören. Es kommt nie zum Genuß der Früchte der Bandenkriminalität. Die Villen werden beschlagnahmt. Die Camorristen enden auf Müllhalden oder im Gefängnis.
Aber was sage ich, Savianos Buch ist grausam, aber nur bedingt lehrreich. Es liest sich wie Teile des Paten von Mario Puzo. Genussvoll schaudern wir, wenn die jeweiligen Verstümmelungen der Gegner als Botschaften gelesen werden. Wir lernen, dass es ehrenvoller ist durch Kopfschuss hingerichtet zu werden, als von Kalaschnikow-Salven durchlöchert zu werden. Der alte Kalaschnikow, so berichtet Saviano stolz, hat ihm, dem studierten Philosophen, ein Autogramm mitgegeben.
Widmen wir uns hier diesen beiden philosophischen Passagen, gehören sie doch zu unserem undankbaren Thema der unvereinbaren Begriffe Philosophie und Wirtschaft.
Auf Seite 138 entwirft Saviano eine Theorie des Heroismus der Sieger. Diese, so Saviano, würden im vollen Bewußtsein des Risikos alles auf eine Karte setzen, seien mithin nicht durch Abfindungen und Renten korrumpierbar. “Das Zentrum allen Handelns sein, das Zentrum der Macht.” - diese Maxime bestimme die Cammora.
Giulio Andreotti, dem legendären Alt-Präsidenten und der grauen Eminenz von 50 Jahren Korruption der Democrazia Christiana, wird folgender Satz zugeschrieben:
Andreotti“Die Macht verschleißt nur denjenigen, der sie nicht hat.”
Ich gebe zu, dass mich dieser Satz in seiner brutalen Ehrlichkeit fasziniert hat. Saviano: “Wer behauptet, das sei unmoralisch, ein Leben ohne Ethik sei undenkbar, die Wirtschaft müsse sich an Grenzen und Regeln orientieren, der hat es einfach nicht geschafft, sich durchzusetzen, und ist vom Markt geschlagen worden. Die Ethik ist die Grenze des Verlierers, der Schutz des Unterlegenen, die moralische Rechtfertigung derjenigen, die nicht auf volles Risiko gespielt und alles gewonnen haben.”
Saviano berichtet, dass sein eigener Vater, ein Arzt einst als Notfallarzt einen jungen Cammoristen nicht sterben lassen wollte. Daraufhin wurde er verprügelt und konnte vier Monate nicht mehr arbeiten. Saviano berichtet von einem Dialog (S. 206/207) , in dem Arzt und Philosoph darin unterschieden werden, dass ein Arzt über Menschenleben entscheiden kann. Der daraus gefolgerte Schlüsselsatz könnte von Nietzsche sein:
“Man tut nur dann Gutes, wenn man auch das Schlechte tun kann. Eine gescheiterte Existenz dagegen, eine Witzfigur, ein Nichtstuer, der kann nur Gutes tun, aber das ist geschenkt, es ist nichts wert.”
jacques-lacan3In Neapel, St. Petersburg oder Los Angeles ist so eine Anthropologie verbreiteter, als in Zürich, Wien und Berlin. Wohlmeinend könnte man sagen: Dort geht es offensichtlich existentieller zu, wenn man unter “existentiell” den Umstand versteht, die eigene Existenz ständig durch Armut und Gewalt in Frage gestellt zu bekommen. Es fehlt sozusagen eine Seinsgeborgenheit, in der das Gedeihen von Tugend und Ethik so begünstigt werden, dass diese zur vorherrschenden öffentlichen Meinung werden.
Neapel und die Cammoristen sind - das ist Saviano nicht so bewußt - sehr wenig erfolgreich, wenn man sie mit ethikdominierten Deutschen oder Schweizer Regionen und Städten vergleicht. Sie sind Loser. Manchmal nennt Saviano Umsatzzahlen, die beeindrucken sollen. Etwa: “500.000 Euro am Tag”.  Weiß er, dass ein mittelgrosses deutsches Stadtwerk soviel Umsatz macht?
Über sein Philosophiestudium sagt Saviano: “Vielleicht habe ich nicht zuletzt deshalb Philosophie studiert, um über niemanden entscheiden zu müssen.”
Nun, angeblich muss Saviano sich verstecken, was nach der Lektüre seines Buches nicht ohne Weiteres verständlich ist, rühmt er doch die Untaten der “Unternehmer” aus Kampanien und schreibt diese einem Weltbild zu, das er mit dem neoliberalen Kapitalismus gleichsetzt. Ein beeindruckender Analysesatz: “Nicht die Cammoristen suchen die Geschäfte, sondern die Geschäfte suchen die Cammoristen.”
Es ist also “das System”, eine nicht auszurottende Diagnose, die den Einzelnen nicht nur von jeder Schuld entlastet, sondern ihn auch ermutigt, künftig selbst keine mündige Verantwortung zu übernehmen. Die Morde auch an engagierten Priestern wie Don Peppino sind dann die Bestätigung für die Sinnlosigkeit eines Aufstandes gegen das System von Schweigen und Stolz, Gewalt und Machtlust.
Saviano wird in den deutschen Medien gerne herumgereicht und hat u.a. 2009 den Geschwister Scholl Preis erhalten.
Seine Reportage ist ethnologisch hochinteressant, aber er überschätzt den Einfluss, den Drogen- und Waffenhändler ausserhalb Neapels, insbesondere in Deutschland haben.
Wirtschaftlich ist die neapolitanische Camorra allenfalls eine Fussnote. Eine Gefahr für Deutschland, wie Saviano in einem Interview mit der FAZ sagte, stellt sie nicht dar.
Die Ethischen sind ihr wirtschaftlich und politisch haushoch überlegen. Für Krimiliteratur geben sie allerdings nicht viel her.

Capitalism Makes Us Better People - Ein Blick auf die Ethikdebatte in den USA

17. März 2010 von Alexander Dill

Die angebliche Weltfinanzkrise hat auch in den Vereinigten Staaten von Amerika zu einem gewissen Rechtfertigungs- und Neubegründungsdruck der divinen, gottgegebenen Ordnung des Kapitalismus geführt. In dessen Folge mußten die Matadoren der Denkpanzer (Think-Tanks) selbst mit vier Jahren Verspätung auf die Enzyklika von Papst Benedikt XVI. reagieren. Einer von ihnen ist William S. Niskanen, der Direktor des Cato Instituts. Unter dem Titel The Undemanding Ethics of Capitalism veröffentlichte er Ende 2009 eines der wenigen US-Grundsatzpapiere der Post-Weltfinanzkrisen-Ära.

Niskanen

William S. Niskanen, Senior Central Ethics Officer des Cato Institute, überrascht nach der Finanzkrise mit ethischer Innovation

 Während in Deutschland und dem Rest der Welt ostküstige US-Ökonomen wie Jeffrey Sachs, Joseph Stiglitz und Paul Krugman mit Clinton und Gore als cleane Weltretterfraktion umherjetten, repräsentiert Niskanen die berühmte schweigende Mehrheit, die US-Politik wie Wirtschaft dominiert. Sie zeichnete sich seit Johnson, Reagan und George W. Bush immer dadurch aus, dass sie nie etwas begründen oder rechtfertigen musste.

“The truth comes from the gutt.”
“From where do you know that?”
“My gutt says it to me.” (Dialog des US-Satirikers Stephen Colbert in Anwesenheit von Bush, 2006)

Papst Benedikt XVI. forderte, wie allgemein bekannt, mehr soziale Verantwortung. Caritas allerdings übersetzten die Amerikaner als charity, was allerdings weniger Nächstenliebe als Wohlfahrt ausdrückt, also jene staatlichen Wohltaten umfaßt, die die Mehrheit der Amerikaner als gottlosen Kommunismus seit eh und je verdammen. Krankenversicherung zum Beispiel.

 

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So sieht ein Junior Ethics Officer im Think-Tank Cato Institute aus.

“Mein erster Zweifel an dieser Enzyklika”, schreibt Niskanen, “ist, dass es zuviel verlangt ist, vom menschlichen Geist Solidarität zu erwarten und diese auch noch als Bedingung für Menschlichkeit zu setzen.” Niskanen zieht zur Kritik an diesen urchristlich-kommunistischen Traumvorstellungen ein Zitat eines Hardcore-Wirtschaftswissenschaftlers namens Harris aus dem Jahre des Herrn 1972 heran. Dieser schrieb:
“Einen Menschen, der Hummern das Fliegen beibringen will, nennt man einen Geisteskranken. Aber einen Menschen, der glaubt, durch Wahlen Menschen in Engel zu verwandeln, nennt man einen Reformer.”

Nach diesem Gleichnis geht Niskanen auf den auch hier bekannten Bernard Madoff ein, dessen 60 Milliarden Dollar Betrug Niskanen mit dem seiner Ansicht nach 100 Billionen! Dollar großen Ponzi-Scheme-Betrug relativiert, den man - Zitat Niskanen - “social security and medicare” - nennt. Dies ist in seiner Kuriosität amüsant zu lesen und daher überaus empfehlenswert. Der Kapitalismus, so resumiert Niskanen, fordert von den Menschen nichts. Er läßt ihnen ihre Freiheit, inklusive der Freiheit zu Irrtümern und Übertreibungen eines Madoff. Er ist undemanding.

Der von Niskanen zitierte Titelsatz meines Artikels, der von einem Cato-Aktivisten namens Will Wilkinson (links im Bild) stammt, widerspricht allerdings dieser fast taoistischen Gelassenheit: Wenn der Kapitalismus aus uns bessere Menschen macht, dann müßte er doch auch erstrebenswerte Tugenden und Werte propagieren, also eventuell doch Hummern das Fliegen beibringen?
Genau über diese finden wir aber nichts in Niskanens Traktat.