Ausschreibungen von Professuren sind oft aussagekräftiger für die dort verwalteten Disziplinen als deren Fachbücher: In wenigen Sätzen wird komprimiert kundgetan, was ein Fach so wichtig und besonders macht, dass damit eine 100.000 Euro-Stelle begründet werden kann. Wer - und welcher Promovierte tat dies nicht schon einmal? - die Ausschreibungen in der deutschen ZEIT verfolgt hat, wird festgestellt haben, dass in den letzten 20 Jahren nicht ein Hauch von Interdisziplinarität oder eine Öffnung der Fächer stattgefunden hat.
So gelingt es der Technischen Universität Dortmund, die hohen Anforderungen an eine Professur für “Praktische Philosophie” so zu formulieren:
“Der/die künftige Stelleninhaber/in soll die Praktische Philosophie in Forschung und Lehre in voller Breite vertreten. Zusätzlich ist ein systematisches Profil in Praktischer Philosophie erwünscht.
Die Einstellungsvoraussetzungen sind gemäß § 36 HG des Landes NRW ein abgeschlossenes Hochschulstudium, Promotion und zusätzliche wissenschaftliche Leistungen, die im Rahmen einer Juniorprofessur, einer Habilitation, einer wissenschaftlichen Tätigkeit an einer Hochschule, Forschungseinrichtung, in Wirtschaft, Verwaltung oder einem anderen gesellschaftlichen Bereich erbracht wurden.
Die Technische Universität Dortmund hat sich das strategische Ziel gesetzt, den Anteil von Frauen in Forschung und Lehre deutlich zu erhöhen, und ermutigt nachdrücklich Wissenschaftlerinnen, sich zu bewerben. Die Bewerbung geeigneter Schwerbehinderter ist erwünscht.”
Zur gleichen Zeit schreibt die Universität Basel eine Professur für Allgemeine Soziologie aus. Die Anforderung klingt so:
“Wir suchen eine Persönlichkeit, die zum einen das Fachgebiet der soziologischen Theorie einschliesslich Theoriegeschichte in Lehre und Forschung möglichst breit vertritt. Zum anderen soll sie den Schwerpunkt «Wirtschaft, Wissen und Kultur» weiter führen. Erwartet wird eine interdisziplinäre und internationale Anschlussfähigkeit in beiden Feldern.”
Das macht neugierig. Der vorherige Lehrstuhlinhaber, Urs Stäheli, hat für den genannten Schwerpunkt zwei Textabsätze hinterlassen, die es in sich haben:
“So stehen die Ordnungen des Wissens, innerhalb derer die Ökonomie als geschlossene Einheit denkbar wird, und die Bilder, Metaphern und Diskurse, mittels derer sie sich darstellt, im Zentrum des Interesses. Untersucht wird die Genealogie zentraler ökonomischer Akteursfiktionen wie jene der UnternehmerIn, der KonsumentIn oder auch der SpekulantIn. Soziologie der Wirtschaft wird auf diese Weise zu einer Soziologie wirtschaftlicher Diskurse, welche die Brüchigkeit und die Grenzen von Wirtschaft herausarbeitet.
Gegen den Anspruch des Ökonomischen auf alleinige Auslegungsmächtigkeit von Gesellschaft versucht eine solche Soziologie aufzuzeigen, wie hegemoniales ökonomisches Wissen entsteht und welche alternative Formen ökonomischen Wissens auftreten (z.B. Repräsentationen der Ökonomie in der Populärkultur). Gegen die Behauptung transparenter Rationalität analysiert sie das Eingreifen rhetorischer Figuren und affektiver Intensitäten. Auch die Abgrenzungen des Ökonomischen gegenüber anderen gesellschaftlichen Feldern wie jenem der Politik oder der Kunst werden als prekäre, phantasierte und uneindeutige Kodierungen entziffert, die selbst wiederum zum Gegenstand politischer Kämpfe werden können.”
Nun behaupte ich: Diese Beschreibung von Wirtschaftssoziologie entspricht eigentlich exakt dem, was die Ethik als “Praktische Philosophie” leisten sollte, nämlich eine Dekonstruktion von Diskursen, die sich selbst für rational und ethisch halten. Eine Interpretation von Weltbildern als rhetorische Figuren und affektive Intensitäten. Eine wortkluge Replik auf den Anspruch der Alleininterpretation von Wirtschaft, den die Wirtschaftswissenschaften völlig zu Unrecht erheben.
So eine Ethik besteht nicht nur in einer 3mal jährlich tagenden Ethikkommission, nicht nur in Sonntagsreden zu Nachhaltigkeit, Humanität und “Wirtschaft mit menschlichem Anlitz”, sondern sie provoziert, stört und weckt auf.
Dass solches an der TU Dortmund das Allerletzte ist, was man sich von der gesuchten praktischen Philosophin dort erhofft, mag sein. Die Professuren für Praktische Philosophie sind Verwaltungsstellen, keine Stellen für Diskurse. Zumindest in Basel hat die Wirtschaftssoziologie offensichtlich die einstigen Aufgaben der Philosophie mit übernommen. Eine bemerkenswerte Ausschreibung.
Wer mehr von Urs Stäheli lesen will, dem sei zur Einführung ein kurzes und prägnantes Interview mit der deutschen Anlegerzeitschrift Capital empfohlen, das auf seinem Buch Spektakuläre Spekulation beruht, das bei Suhrkamp erschienen ist.






