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“Alle denken so” - die kollektive Intelligenz der Ökonomie

06. Februar 2011 von Alexander Dill
jochen hartwig

Jochen Hartwig

“Alle denken so” - dieser Satz entfuhr vor ein paar Tagen einem gerade habilitierten Nachwuchsökonomen namens Jochen Hartwig. Ich hatte ihn mit der Frage provoziert, ob er sich denn in irgendeiner Form gegen den ökonomischen Mainstream wende. Er bejahte, war aber überrascht, als ich ein Beispiel forderte. Schliesslich nannte er als seinen Beitrag gegen den Mainstream, dass er teilweise dem in seinen Kreisen verpönten Keynesianismus fröne.
Hartwig dient und habilitiert in einem ökonomischen Institut, das den harmlosen Titel Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich, abgekürzt KOF,  trägt. Als ich Hartwig ein bißchen von der Tilgungsforschung erzähle und erwähne, dass sein Habilitationsvater Jan Egbert Sturm die meiner Ansicht nach weltfremde Ansicht vertrete, Staatsschulden würden durch Wirtschaftswachstum getilgt, was er anhand von Beispielen wie Irland, Grossbritannien und Belgien beweisen könne, rutschte Hartwig dieser Satz heraus: “Alle denken so”.
Bin ich, sind alle Menschen bei gesundem Verstand nicht mehr “alle”? Alle europäischen Staaten haben trotz jahrzehntelangen Wachstums ihren Höchstschuldenstand erreicht und nicht einen Euro getilgt. Aber Professor Jan Egbert Sturm kann beweisen, dass Wirtschaftswachstum die Staatsschulden verringert?
Das Verrückte: Jan Egbert Sturm ist auch Herausgeber der Zeitschrift “Ökonomenstimme” - und in der wird auch 2010, zwei Jahre nach der Finanzkrise von EZB-Volkswirten behauptet, Staatsschulden würden durch Wirtschaftswachstum getilgt.
Es stimmt also, was Jochen Hartwig mir sagte: Alle, zumindest alle angestellten Volkswirte denken so.
Und wenn das die Lehrmeinung der ETH-Zürich ist - wer wollte sich dieser entgegenstellen? Bestimmt nicht ein Nachwuchsökonom an diesem Institut.
Jochen Hartwig fühlte sich nicht wohl in unserer Diskussion. Selten oder nie werden seine Disziplin oder gar sein Habilitationsvater angegriffen. Alle - nun doch einmal dieses Wort - glauben, dort würden Fachleute wirken. Deshalb hören Politiker auf Makroökonomen.

Jan Egbert Sturm

Lernen von den Besten, also von Belgien, Irland und Portugal: Jan Egbert Sturm

Die ETH Macroeconomics Fellows unter der Leitung von Sturm  haben aus ihrem Fachwissen auch einen Globalisierungsindex abgeleitet. Dieser misst, welche Staaten am Erfolgreichsten in der Globalisierung agieren. Im Jahre des Herrn 2007, ein Jahr vor der Finanzkrise, konnten wir so aus berufenem Kennermund lernen, an welchen Staaten wir uns als Benchmark orientieren sollten:
Auf Platz 1 lag der Pleitestaat Belgien. Vor der bekanntlich nicht so konkurrenzfähigen Schweiz - Platz 8 - liegt auf Platz 4 das Vereinigte Königreich. Vor Deutschland stehen im Ranking drei Staaten, deren Bekanntheit in Sachen Wettbewerbsfähigkeit sich offensichtlich signifikant erhöht hat: Irland, Spanien und Portugal. Griechenland gar, so die Zürcher Wirtschaftsweisen, sei erheblich besser in Sachen Globalisierung unterwegs als Luxemburg, Neuseeland und Japan. Globalisierungsstar Ungarn liegt gleich vier Ränge vor Norwegen. Kein Wunder: Der Index misst nicht nur ökonomische, sondern auch politische und soziale Globalisierung. Und in der schneiden eben nur die gut ab, die auch auf die Mehrheitsmeinung der Ökonomen hören.
Das sozialistische Norwegen, dessen Finanzministerin 2007 der linksradikalen Venstre-Partei angehörte, zählt - im Gegensatz zu Ungarn, Estland und Irland - nicht zu den Staaten, die Makroökonomen als Berater heranziehen.
Auch 2010 bleiben die Ergebnisse kurios: Irland ist nun auf Platz 11 weltweit vorgerückt, Portugal gar auf Platz 8.
Belgien ist noch immer weltweit die Nummer eins.
Bis zu den Fällen Irland, Griechenland und Portugal galt Belgien als das höchstverschuldetste Land Europas.
Wenn ich das vorher gewusst hätte, hätte ich sicher darauf verzichtet, meine Replik auf den Artikel in der Ökonomenstimme selbst der Ökonomenstimme anzubieten. Dann hätte ich mir die demütigende Ablehnung erspart.