Mit ‘Kapitalismus’ getaggte Artikel



Warum bleibt die Kapitalismuskritik so unbeachtet?

19. Februar 2011 von Alexander Dill

Deutschland hat durch seine Geschichte in Gestalt des Nationalsozialismus und des Scheiterns des DDR-Sozialismus eine besondere Beziehung zum Begriff Kapitalismus: Es gilt, ihn unter Ökonomen und Journalisten tunlichst zu vermeiden. Es haftet ihm an, ein linker Kampfbegriff zu sein. Lieber spricht man als Fachmann von market economy, als deutscher Beamter von Marktwirtschaft, gerne mit dem edlen Zusatz “soziale”. Seit der Finanzkrise erscheinen nun zunehmend Bücher, die man als Kapitalismuskritik lesen muss, da sie den Begriff selbst programmatisch im Titel führen. Was sie verbindet, ist die Tatsache, dass sie in der deutschsprachigen Öffentlichkeit bisher nicht diskutiert und rezensiert werden.
ha-joonDer Cambridger Wirtschaftsprofessor Ha-Joo Chang veröffentlichte unter dem zünftigen Originaltitel 23 Things They Don’t Tell you about Capitalism eine im angelsächsischen Raum vielbeachtete Entzauberung der Grundlehren der Existenz von “effizienten Märkten”, “Globalisierung” und “Wettbewerb”. Bereits im Oktober 2010 erschien das Buch auch in Deutschland bei C. Bertelsmann unter dem Titel “23 Lügen, die sie uns über den Kapitalismus erzählen”.

Es könnte auch am Titel liegen, dass das Buch in den Wirtschaftsmedien vollkommen ignoriert wurde. Erst im Februar 2011 veröffentlichte die Süddeutsche in ihrer Rubrik “Wirtschaftsbücher” eine Minirenzension.

In Fachkreisen ist Chang für eine interessante Fachthese bekannt, die er bereits seit 2001 vertritt. Danach kann er nachweisen, dass die Forderungen, die Industriestaaten und Weltbank an Entwicklungsländer stellen - etwa die Öffnung der Märkte - von diesen selbst in ihren grossen historischen Wachstumsphasen nie befolgt wurden. Globalisierung, Marktwirtschaft und Wettbewerb sind Lügen, die im Interesse des Erhaltes von Ungleichgewichten und Asymmetrien von den Ökonomen der Industriestaaten mit pseudowissenschaftlichem Habitus verbreitet werden.

2008 erschien kurz vor Ausbruch der Finanzkrise sein Buch   Bad Samaritans: The Myth of Free Trade and the Secret History of Capitalism. Selbst Martin Wolf, der Wirtschaftschef der Financial Times und Doyen der Globalisierung (mit dem ich nebenbei seit 2006 über diese Fragen im Clinch liege) erwähnte das Werk respektvoll als andere Stimme zum gleichen Thema.

Während die deutschsprachige Kapitalismuskritik von Jean Ziegler bis Albrecht Müller immer gegen Privatisierung und Vermögenskonzentration, gegen entfesselte Kapitalmärkte und Ausbeutung der Menschen anschreibt, ist die angelsächsische Kapitalismuskritik listiger: Der Kapitalismus, so lernen wir bei Joseph Stiglitz oder Chang, erlaubt ja gar keinen freien Wettbewerb, sondern verhindert diesen über korrupte Regierungen. Bei Stiglitz soll ein starker Staat mit Gesetzen dafür sorgen, dass Wirtschaft als “global public good” allen dient. Aber was, wenn dieser - wie der seiner Heimat USA - durch und durch korrupt ist?

Vom legendären John D. Rockefeller soll der Satz stammen: “Wettbewerb ist Sünde”

Man könnte die angelsächsische Kapitalismuskritik, die auch George Soros im Finanzbuchverlag vertritt, mit der linken Kritik an der ehemaligen DDR und Sowjetunion vergleichen: Nicht der utopische Gedanke von sich selbst regulierenden Märkten und Wohlstand weltweit wird kritisiert, sondern die Praxis von Wettbewerbsverzerrung, Korruption und Betrug.

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Oliver Janich

Damit kann Systemkritik nur noch von innen aus dem System kommen, nicht von außen. Kritik hat die Rolle eines Innovationskatalysators übernommen, der die Selbsterneuerung und die Entwicklung neuer Produkte und Dienste befördert. Sie ist Teil des Verwertungszyklus kapitalistischer Prozesse - auch und gerade in der Gestalt der Ware Buch.

Ein weiterer, jüngst veröffentlichter  antikapitalistischer Titel ist Das Kapitalismus-Komplott des ehemaligen Focus-Money-Autors und Gründers der Partei der Vernunft, Oliver Janich. Er sieht als Hauptübel des Kapitalismus die Gelddruckerei der Finanzwirtschaft, durch die diese völlig unberechtigt Werte der Realwirtschaft in ihren Besitz bringt.

Bei Amazon liegen die beiden Titel auf Platz 2 und 3 unter dem Stichwort Kapitalismus. Printmedien, Hörfunk und Fernsehen ignorieren sie, wobei es nicht einfach ist, diese Nichtbeachtung zu erklären. Vielleicht hängt sie ja auch nur mit dem allgemein sehr niedrigen Interesse an Wirtschaftsthemen zusammen. Auch Bücher weltbekannter Starökonomen wie George Soros, Nouriel Roubini, Warren Buffett und Joseph Stiglitz werden in Deutschland keine Bestseller.

Kapitalismuskritik ist eine bedingt erfolgversprechende Ware - das musste der Finanzbuchverlag, der neben George Soros und Warren Buffett auch Janich und mich verlegt, mit meinen Büchern Der grosse Raubzug und Täuschwirtschaft erfahren, die zwar den Begriff Kapitalismus nicht benutzten, aber dennoch in der Reihe der vorgenannten Kapitalismuskritiker zu sehen sind.
Im großen Raubzug hatte ich einen Abschnitt mit “Die fünf Irrlehren der Volkswirtschaft” bezeichnet. Es waren exakt die, die auch Chang nun präsentiert.

Insgesamt aber möchte ich doch feststellen, dass Kapitalismuskritik aus drei Gründen zu Recht unbeachtet bleibt:

1) Sie nennt keine wirklich praktikablen Alternativen.
2) Sie ist sich nicht bewußt, wie sehr sie selbst kapitalistischen Strukturwandel verkörpert.
3) Sie adressiert sich an ein Publikum, dass sich nicht nur jetzt nicht, sondern noch nie
für Wirtschaftsfragen interessiert hat.

Mein nächstes Buch wird und muß deshalb anders sein.







Capitalism Makes Us Better People - Ein Blick auf die Ethikdebatte in den USA

17. März 2010 von Alexander Dill

Die angebliche Weltfinanzkrise hat auch in den Vereinigten Staaten von Amerika zu einem gewissen Rechtfertigungs- und Neubegründungsdruck der divinen, gottgegebenen Ordnung des Kapitalismus geführt. In dessen Folge mußten die Matadoren der Denkpanzer (Think-Tanks) selbst mit vier Jahren Verspätung auf die Enzyklika von Papst Benedikt XVI. reagieren. Einer von ihnen ist William S. Niskanen, der Direktor des Cato Instituts. Unter dem Titel The Undemanding Ethics of Capitalism veröffentlichte er Ende 2009 eines der wenigen US-Grundsatzpapiere der Post-Weltfinanzkrisen-Ära.

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William S. Niskanen, Senior Central Ethics Officer des Cato Institute, überrascht nach der Finanzkrise mit ethischer Innovation

 Während in Deutschland und dem Rest der Welt ostküstige US-Ökonomen wie Jeffrey Sachs, Joseph Stiglitz und Paul Krugman mit Clinton und Gore als cleane Weltretterfraktion umherjetten, repräsentiert Niskanen die berühmte schweigende Mehrheit, die US-Politik wie Wirtschaft dominiert. Sie zeichnete sich seit Johnson, Reagan und George W. Bush immer dadurch aus, dass sie nie etwas begründen oder rechtfertigen musste.

“The truth comes from the gutt.”
“From where do you know that?”
“My gutt says it to me.” (Dialog des US-Satirikers Stephen Colbert in Anwesenheit von Bush, 2006)

Papst Benedikt XVI. forderte, wie allgemein bekannt, mehr soziale Verantwortung. Caritas allerdings übersetzten die Amerikaner als charity, was allerdings weniger Nächstenliebe als Wohlfahrt ausdrückt, also jene staatlichen Wohltaten umfaßt, die die Mehrheit der Amerikaner als gottlosen Kommunismus seit eh und je verdammen. Krankenversicherung zum Beispiel.

 

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So sieht ein Junior Ethics Officer im Think-Tank Cato Institute aus.

“Mein erster Zweifel an dieser Enzyklika”, schreibt Niskanen, “ist, dass es zuviel verlangt ist, vom menschlichen Geist Solidarität zu erwarten und diese auch noch als Bedingung für Menschlichkeit zu setzen.” Niskanen zieht zur Kritik an diesen urchristlich-kommunistischen Traumvorstellungen ein Zitat eines Hardcore-Wirtschaftswissenschaftlers namens Harris aus dem Jahre des Herrn 1972 heran. Dieser schrieb:
“Einen Menschen, der Hummern das Fliegen beibringen will, nennt man einen Geisteskranken. Aber einen Menschen, der glaubt, durch Wahlen Menschen in Engel zu verwandeln, nennt man einen Reformer.”

Nach diesem Gleichnis geht Niskanen auf den auch hier bekannten Bernard Madoff ein, dessen 60 Milliarden Dollar Betrug Niskanen mit dem seiner Ansicht nach 100 Billionen! Dollar großen Ponzi-Scheme-Betrug relativiert, den man - Zitat Niskanen - “social security and medicare” - nennt. Dies ist in seiner Kuriosität amüsant zu lesen und daher überaus empfehlenswert. Der Kapitalismus, so resumiert Niskanen, fordert von den Menschen nichts. Er läßt ihnen ihre Freiheit, inklusive der Freiheit zu Irrtümern und Übertreibungen eines Madoff. Er ist undemanding.

Der von Niskanen zitierte Titelsatz meines Artikels, der von einem Cato-Aktivisten namens Will Wilkinson (links im Bild) stammt, widerspricht allerdings dieser fast taoistischen Gelassenheit: Wenn der Kapitalismus aus uns bessere Menschen macht, dann müßte er doch auch erstrebenswerte Tugenden und Werte propagieren, also eventuell doch Hummern das Fliegen beibringen?
Genau über diese finden wir aber nichts in Niskanens Traktat.