Martin Wolf, Chefkolumnist der Financial Times, wurde fast ärgerlich, als ich ihm in unserer kurzen Korrespondenz schrieb, dass ich zu dieser Frage forsche und ihm einen Text mit diesem Titel zusandte. “Es ist es nicht wert, diese Frage zu debattieren“, beschied er mich.

- Martin Wolf, britischer Ökonomiepapst mit Ehrendoktor, hält die Frage nicht für diskussionswürdig.
Das war zwei Jahre vor der Finanzkrise. Ist die Frage nun statthafter? Man kann nicht sagen, dass in der Wirtschaft oder gar in den Wirtschaftswissenschaften viel nutzlos gefragt wird. Alle Theorien und Prognosen bauen – so lernen wir – dort auf Empirie, auf Erfahrung auf. Sie folgen aus der Beobachtung. Um zu beschreiben, wie Wirtschaft funktioniert, muss man sich nur Märkte und Marktteilnehmer ansehen. Alle Protagonisten, so zumindest glauben die meisten Wirtschaftsforscher, folgen einem einfachen Handlungsprinzip, nämlich dem Eigeninteresse (self interest). In der Wirtschaft stossen somit gegenwärtig 7 Milliarden Einzelinteressen aufeinander und nur ein kleiner Bruchteil von ihnen kann berücksichtigt oder gar erfüllt werden. Der Markt, so die Wirtschaftslehrer von Adam Smith bis Rainer Brüderle, regle dann, wieviel jeder bekommt. Und wenn der Markt es nicht regelt, dann springt der Staat ein. Mit Geld. Mit Gesetzen. Aber eigentlich, dies ist die Kernthese echter Marktliberaler, weiß der Markt am besten, wie sich die Teilnehmer verhalten sollen. Machen sie es richtig, belohnt er sie mit Gewinnen. Liegen sie falsch, kommen der Gerichtsvollzieher, die Gläubiger und das Finanzamt. Marktbereinigung nennt man das. Ist damit aber die unnütze Frage danach, was Wirtschaft eigentlich ist, hinreichend beantwortet?
Zweiter Versuch: Wirtschaft ist das Zusammenspiel von natürlichen Ressourcen, Arbeit und Kapital. So haben es bereits die ersten Venture-Kapitalisten zur Zeit von Marco Polo gesehen, als sie Schuldscheine ausgaben, um Schiffe auszurüsten, die dann reich beladen mit Seide und Gewürzen zurückkehren sollten. Ventura, Risiko nannte man das. Dazu gehörte auch, dass Schiffe nicht zurückkamen. Nun nehmen die natürlichen Ressourcen der Welt nicht gerade zu und beim Kapital fragt man sich, wie viel von den ausstehenden 400 Billionen Euro in Schuldverschreibungen denn bei einem Welt-Zentralbankgeld von 4 Billionen je ausgezahlt werden können. Letztlich wächst mit der Weltbevölkerung nur die Arbeit, heute auch gerne Humankapital oder Social Capital genannt. Wenn also Wirtschaft das Zusammenspiel von drei Partnern ist, von denen zwei ziemlich auf dem absteigenden Ast sind, dann steht eine so definierte Wirtschaft nicht gerade auf solidem Fundament. Wir kennen deshalb in unseren Breitengraden auch noch eine Form von Wirtschaft, die als Soziale Marktwirtschaft bezeichnet wird. Damit wird der Vorrang der menschlichen Arbeit vor Ressourcen und Kapital bezeichnet, weshalb dann auch lieber 20 Milliarden Euro für Kurzarbeit ausgegeben werden, als 1 Milliarde für Jungunternehmer. Damit wird auch bezeichnet, dass zumindest abhängig Beschäftigte in Deutschland und Österreich 70 Prozent ihres Einkommens als Steuern und Sozialabgaben dem Staat geben, damit dieser seine Beamten mit ihren Privilegien in Arbeit hält und es sich leisten kann, Vermögende weitgehend von Steuern und Sozialabgaben freizustellen. In der Schweiz bleibt es incl. Mehrwertsteuer bei maximal 37,6% - auch das ist im Grunde beträchtlich. Wir können eine etwas unverschämt-ironische Antwort darauf geben, warum in erster Linie Arbeit so extrem besteuert wird: Weil es sie so zahlreich gibt und sie nicht untertauchen kann. Rohstoffe und Kapital dagegen machen sich rar.

- Die Win-Win-Situation als empirischer Beweis für das Gelingen des Marktes
Dürfen wir also behaupten, dass die Definition von Wirtschaft als das Wechselspiel von Rohstoffen, Arbeit und Kapital in eine Sackgasse geführt hat? Immer weniger Rohstoffe, immer weniger Kapital, aber immer mehr Arbeit. Das kann nicht gutgehen.

- Die fröhliche Dienstleisterin spielt die tragende Rolle in der postindustriellen Schuldengesellschaft.
Atempause. Wir nehmen uns vor, neu über Wirtschaft nachzudenken und nicht so pessimistisch zu sein. Boomen nicht die regenerativen Energien? Leben wir nicht in einer postindustriellen Dienstleistungsgesellschaft, in der sich das Bild der Arbeit völlig verändert hat? Dort sitzt die studierte Frau halbtags vor dem PC, mitten auf dem Lande. Kluge Berater erhöhen die Effektivität – und vermindern dabei die teure und überbesteuerte Arbeitskraft. Der Solarstrom fließt endlos in unsere Steckdosen und jeder Landwirt versorgt 1000 Menschen mit Nahrungsmitteln. Zumindest historisch gesehen, ist die Wirtschaft in unseren Breitengraden eine Wundertüte, die sich scheinbar von Zauberhand täglich auffüllt, als wolle sie die Schöpfung der Welt aus dem Nichts, die creatio ex nihilo täglich reproduzieren.
Ist Wirtschaft überhaupt in einem ontologischen Sinne? Oder ist sie nur ein theoretisches Postulat, eine Fiktion, ein System gar? Wenn sie denn ein System wäre, könnte man sich in ihr bewegen wie im Straßenverkehr, nämlich sicher bei jährlich sinkenden Unfallzahlen. Für den Grossteil derer, die sich täglich in der Wirtschaft verhalten müssen, ist es bedeutungslos, ob sie wegen einer Planwirtschaft oder wegen einer Marktwirtschaft ihren Kindern keine Winterschuhe kaufen können. Sie messen Wirtschaft an ihren Resultaten, nicht an ihren Postulaten. Es hat sich eingebürgert, führende Wirtschaftsvertreter zur Besänftigung der Enttäuschten zu bestrafen: Klaus Zumwinkel und Heinrich von Pierer zum Beispiel. Damit wird der falsche Eindruck erweckt, in der Wirtschaft herrschten anerkannte Verhaltensregeln. Als sicher kann zumindest gelten, dass Wirtschaft in allen Formen eine Praxis ist, die aus keiner Theorie abgeleitet werden kann. Wenn nämlich die Wirtschaftsforscher dies vermöchten, hätten sie die letzten beiden Währungsreformen und die Finanzkrise vorhersagen müssen, was sie leider oder zum Glück nicht konnten: Leider, weil dann vielleicht einige noch hätten umkehren können, zum Glück, weil sie damit zeigten, dass sie selbst nur Teil einer Masse von Spekulanten sind, die sich wechselweise als Bullen und Bären im Markt bewegen. Wirtschaft macht zynisch. Dieser Aussage kann man wenig entgegensetzen. Auch und gerade der Wirtschaftskritiker bewegt sich ja in dem gleichen Markt um Aufmerksamkeit und Belohnung.

- “Ich bin Zyniker”, sagte der Yale-Professor der FAZ - denn Zyniker wissen oft mehr.
Der Ökonom Robert Shiller hat kürzlich in der FAZ etwas Ungewohntes über seine Kollegen gesagt: „Menschen, die Ökonomen werden, neigen dazu, sich zu wünschen, sie wären Naturwissenschaftler. Sie wollen keine Psychologen sein oder Soziologen.
Diese Wissenschaften finden sie weichlich. Hingegen bewundern sie die Physiker und versuchen, die Welt auf diese Art neu zu gestalten. Deshalb gibt es so viel Mathematik in der Ökonomie.
Außerdem mögen Ökonomen keine Menschen. Deshalb mögen sie es auch nicht, wenn man sagt, dass die Wirtschaft von Menschen angetrieben wird.“

- Einst revolutionär: Das britische Parlament als “Haus der Gemeingüter”. Heute nur noch Interessenvertretung der Lobbys.
Wer aber hätte je anderes erwartet? Zumindest seit 1948 kann man niemandem vorwerfen, sich parasitär an den scheinbar endlosen Aufschwung des neuen Wirtes zu hängen. Nun, da dieser strauchelt, suchen die Parasiten neue Wirte, insbesondere den Staat, der nun Kommissionen zur Finanzmarktreform einrichten soll.
Die Wirtschaft hat vorher gut ohne Ökonomen funktioniert und wird auch dann noch gelingen, wenn die Ökonomie das Schicksal der Mengenlehre und des Purgatoriums, der Vorhölle, ereilt hat: Beide wurden schlicht abgeschafft.
Jenseits der Ökonomie bleibt die Wirtschaft aber eine soziale Lebensform, die Verhältnisse zwischen der Natur und den Menschen herstellt und verändert. Als Allmende bezeichnete man einst Wirtschaftsgüter wie Weiden, die gemeinschaftlich genutzt wurden, ohne dass sie in einem wirtschaftlichen Eigentumsverhältnis standen.
Als Commons, als Gemeingüter, bezeichnet man Luft, Meer und Wasser. Als Public Goods bezeichnet man die Leistungen der Gemeinschaft, etwa Sicherheit, Gesundheitswesen und Bildung. Private Geschenke schliesslich dienen in Form von Spenden und Stiftungen der Allgemeinheit. Wie lässt sich all das zusammenbringen? In einer neuen Definition von Wirtschaft! Vorschlag: Wirtschaft ist das Zusammenspiel von natürlichen, sozialen und privaten Gemeingütern. Die natürlichen, Sonne, Luft und Wasser sind ein Geschenk der Natur. Die sozialen verdanken wir erfolgreichen, aber abgabeintensiven Wohlfahrtsstaaten. Und die privaten? Nun, frohe Weihnachten!
