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Wie wird man Wirtschaftsphilosoph - einige Beispiele

16. August 2010 von Alexander Dill
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Selbstbildnis von Modigliani

Das Prädikat Wirtschaftsphilosoph ist begehrt, vereint es doch die edel-eitle Weisheit des Wahren und Guten mit der scheinbar größtmöglichen Nützlichkeit, Realitätstauglichkeit, Effizienz. Ein Wirtschaftsphilosoph ist sozusagen ein echter Modigliani, der aber nur von Postkarten seiner Werke lebt, die er im Internet vertreibt: Amedeo Modigliani’s Postcard Shop.
In Deutschland, das doch zusammen mit Frankreich das Mutterland der Gegenwartsphilosophie der letzten 150 Jahre bildet, ist bis heute kaum ein Wirtschaftsphilosoph ernannt oder so bezeichnet worden. Kürzlich wurde ein Professor Gerd Habermann im MDR mit folgendem Satz zum Wirtschaftsphilosophen gekürt: “Spekulanten sind notwendig.”

Nietzsche und Heidegger, Foucault und Derrida haben sich nicht für Wirtschaft interessiert. Sie verkörperte keine eigene Lebenswelt jenseits von Geschichte, Gesellschaft und Politik. Die “protestantische Ethik” von Max Weber könnte vielleicht als erstes wirtschaftsphilosophisches Werk charakterisiert werden, in dem es eine Erklärung für die Entwicklung des Kapitalismus durch geistig-philosophisch-religiöse Grundsätze gibt. Sozusagen eine Systemtheorie.

Demgegenüber habe ich in letzter Zeit mehrfach behauptet, Wirtschaft folge keinen vorhersehbaren Regeln, sei darum kein System, also auch nicht vorhersehbar. Die Wirtschaftswissenschaften können daher nicht beanspruchen, sich mit Regeln und Gesetzen der Wirtschaft zu beschäftigen. Sie sind eine Religion, in der der Markterfolg die Offenbarung, der Misserfolg das Fegefeuer, BWL, VWL und MBA das Priesterseminar bilden.

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Dagmar Deckstein: "Wirtschaft kann man nicht neu erfinden."

Diese für die Betroffenen unangenehme Sichtweise hat Kritiker immer wieder auf den Plan gerufen. Dabei ist in Ansätzen so etwas wie ein  Diskurs entstanden, der möglicherweise als wirtschafts-philosophisch bezeichnet werden darf.
Die Wirtschaftsjournalistin Dagmar Deckstein schrieb mir  in ihrer Rezension meines jüngsten Buches Täuschwirtschaft folgenden Satz ins Stammbuch:

“Schließlich wird im letzten Teil dazu aufgerufen, die Wirtschaft neu zu erfinden. Mal abgesehen davon, dass Wirtschaft keine Erfindung ist, sondern gelebte gesellschaftliche Praxis, kann schon mal nichts neu erfunden werden.”

Nun, wenn Wirtschaft einfach Praxis wäre und sich der Empirie also erschlösse wie der Straßenverkehr (mit dem ich sie zum Leidwesen der Wirtschaftstheoretiker immer zu ihrem Nachteil vergleiche), dann gäbe es wohl kaum Derivate und Schuldverschreibungen in 50facher Höhe allen Zentralbankgeldes der Welt. Die sind Erfindungen. Und wenn sie sich als Fata Morgana erweisen, muß eben neu erfunden werden.

In die gleiche Kerbe schlägt auch der Reich-Ranicki der Wirtschaftsbuch-Rezensenten, Dr. Manthey:

“Am Ende dieses Teils diskutiert Dill die Frage, warum Wirtschaft kein Schulfach ist. Er vergleicht dazu die Wirtschaft zunächst mit dem Straßenverkehr, der weltweit nach den gleichen Regeln funktioniert, um dann festzustellen, dass es für die Wirtschaft gar keine Regeln gibt, und sie deshalb nicht in der Schule gelehrt werden kann. Das ist wie so vieles in diesem Buch in gewisser Weise richtig und falsch zugleich. Eine Volkswirtschaft ist ein hochkomplexes dynamisches System, das einen hohen Grad an Selbstorganisation besitzt und von Rückkopplungen lebt. Der Straßenverkehr ist ein simples und starres System, das auf primitiven Regeln beruht und von der Sache her jede Art von Selbstorganisation verbietet. Beide Systeme in eine Art wertende Beziehung zu stellen, ist gelinde gesagt absurd. Natürlich kann man Grundprinzipien der Wirtschaft in der Schule lehren, und das wird wohl auch getan.”

Gregory Mankiw

Mankiw: "Ökonomen sind Ingenieure, nicht Wissenschaftler."

Beide Einwände gegen meine Thesen sind aber Belege dafür, dass sie einen wirtschaftsphilosophischen Diskurs führen und anregen, auch, wenn sie nicht auf Zustimmung stoßen. Überrascht las ich im Manuskript eines Essays im tschechischen Staatsrundfunk folgende Passage:

“Vlivný německý filozof Alexander Dill upozorňuje, že patří teprve ke zvláštnostem moderní doby, že si relativně mladá disciplina, tedy ekonomie, osobuje právo mluvit do všech ostatních odvětví. Dill k tomu dodává, že ekonomie vlastně není vědecká disciplina, že ekonomové jsou spíše inženýři, kteří prosazují konkrétní projekty nebo recepty v praxi.”

Die darin angesprochene Frage ist die vom Harvard-VWL-Kaiser Gregory Mankiw gestellte, ob Ökonomen eher Ingenieure als Wissenschaftler seien, was Mankiw bejaht und gut findet. Das war einige Jahre vor der Finanzkrise, bevor das Kernkraftwerk seinen Ingenieuren um die Ohren flog.

Der Wiener Philosoph Helmut Hofbauer hat einige Jahre - genau vier - nach Erscheinen mein erstes wirtschaftsphilosophisches Werk, die Erfolgsfalle rezensiert. Dabei ist er auf mein Gleichnis der erfolglosen Spinnen in der Duschecke eingegangen, mit dem ich die Survival-of-the-fittest Ideologie sozusagen mit Studien aus der Fauna widerlegen wollte. Hofbauer:

Helmut Hofbauer“Eins der unterhaltsamsten Kapitel in diesem Sinne ist das über die erfolglosen, weil sterbenden, Spinnen in seiner Duschecke (S. 76 ff), welches seinen sachlichen Rechtfertigungsgrund darin hat, dass wir „gerne von der Annahme aus[gehen], die Natur wäre perfekt organisiert, indem sie immer dafür sorgt, dass die stärkste und gesündeste Art überlebt.“ (S. 76) Tatsächlich vermeinen wir heutigen Menschen in der Natur so etwas wie ein Spiegelbild unseres Erfolgsdenkens zu sehen und beziehen aus ihm unsere Rechtfertigung dafür, mit unseren Mitmenschen unbarmherzig umzugehen. Denn: Der Stärkere muss ja gewinnen; andernfalls wäre die natürliche Ordnung verkehrt worden – und das könne, suggeriert man, doch nur negative Folgen für die Menschheit haben. Wahrscheinlich würden die Menschen degenerieren, wenn in der Gesellschaft nicht genauso das Recht des Stärkeren und Gesünderen gelten würde wie in der Natur – oder was auch immer man sich vorstellt. Dill thematisiert nun die Spinnen in seinem Haus, die sich absolut dumm verhalten, indem sie sich an einem Ort – der Duschecke – niederlassen, an dem sie kein Futter bekommen und erfindet für sie sogar noch ein „Spinnen-Start-up-Consulting“, aus dessen Ratgeberschrift „How spiders become winners“ er die selbst ersonnenen Passagen über den richtigen (Unternehmens-)Standort zitiert.”

Zusammenfassend würde ich feststellen, dass man dort von Wirtschaftsphilosophie sprechen kann, wo durch Analogiebildungen Phänomene der Wirtschaft in ein neues Licht gerückt werden. Ob dies Spinnen in der Duschecke, der Vergleich von Ingenieuren und Wissenschaftlern oder das ungleiche Duo Straßenverkehr-Wirtschaft sind: Der Erkenntnisgewinn liegt in dem Unerwarteten, in der neuen Dimension.
Mir gibt das eigentlich nur Peter Sloterdijk mit seinem prämierten Buch “Im Weltinnenraum des Kapitals” sowie mit seinen drei Bänden Sphären, deren einziger Leser ich zu sein scheine.

Interessanterweise werden alle vier Werke weder in den Wirtschaftswissenschaften, noch in der Philosophie, noch in den Medien diskutiert.

Irgendwann wird das dann manchmal als Wertewandel und Paradigmenwechsel selbst Teil der Wissenschaftsgeschichte.

Warum Wirtschaftsphilosophie so erfolglos ist, haben wir damit aber noch nicht erklärt.

Stephan Götzl - Gegenwartsphilosoph mit 2,7 Millionen Lesern

08. Mai 2010 von Alexander Dill

Wenn philosophische Autoren Bekanntheit gewinnen möchten, sind sie vollkommen auf die Massenmedien angewiesen. Richard David Precht hat als erster deutscher Philosoph eine Millionenauflage erreicht. Doch Peter Sloterdjik darf froh sein, wenn seine Werke 30.000 Auflage erzielen, obschon er doch Deutschlands bekanntester Gegenwartsdenker ist.

Stephan Götzl

Dr. h.c. Stephan Götzl, bayerischer Genossenschaftsphilosoph

Es gibt aber auch Philosophen, die völlig jenseits der Massenmedien sehr grosses Publikum erreichen. Dr. h.c. Stephan Götzl zählt zu dieser raren Spezies. Sein jüngstes Werk, betitelt Gedanken zu Ethik und Moral in der Wirtschaft möchten wir heute hier vorstellen.
Grund für diese Auswahl ist sicher auch die fast unvorstellbare Verbreitung dieses Werkes: Es ist Pflichtlektüre für die mit Familien etwa 7 Millionen Mitglieder (ohne 2,7 Mio) von 1145 bayerischen Genossenschaften, deren Genossenschaftsverband Bayern e.V. Stephan Götzl leitet. Mit einem Gesamtumsatz von rund 130 Milliarden Euro 2009 ist der Verband so groß wie BMW, Audi und Porsche zusammen. 66.000 Mitarbeiter arbeiten in den genossenschaftlichen Unternehmen.
Jeder Philosoph kann nur davon träumen, dieser Zielgruppe einen Text kredenzen zu dürfen, noch dazu einen elegant gesetzten und nicht zu langen, einen, der gelesen werden könnte, der überall ausliegt und zum Download angeboten wird. Ein Standardwerk.
Und hier wird die bisher erste Rezension dieses prägenden Werkes der Gegenwartsphilosophie erscheinen, das von Universitäten und Parteien, von Medien und Initiativen bisher vollständig ignoriert wird.
Das Traktat ist eine Antwort auf die Zweifel, die längst auch in niederbayerischen Flussniederungen und in den Pensionärsvillen des Tegernsees an der Marktwirtschaft, auch an der sozialen gehegt werden. Götzl führt uns noch einmal den hohen, idealistischen Ansatz der Sozialen Marktwirtschaft vor, um dann eine doch erstaunliche Feststellung zu machen: “Die Soziale Marktwirtschaft braucht allerdings Überzeugungskraft aus sich heraus.”
An dieser Stelle führen Politiker gerne die Erfolge auf dem Arbeitsmarkt und die doch bemerkenswerte Widerstandskraft Deutschlands gegen die Finanzkrise an. Soziale Marktwirtschaft wurde seit Ludwig Erhard immer an ihren Erfolgen gemessen. Deshalb geriet sie ja in der Finanzkrise so in Misskredit.
Stephan Götzl ist diese performancebasierte Volatilität zuwenig. Die Soziale Marktwirtschaft, so Götzl, “benötigt eine tiefgreifende ethische Begründung und die Vermittlung derselben.” Von dieser praktisch-philosophischen Tätigkeit hängt nach Götzl nichts Geringeres als die Akzeptanz unseres gesamten politischen Systems ab. Neben bereits andernorts vielgehörten Mahnungen nach Regeln, Bescheidenheit und Nachhaltigkeit, bietet Götzl doch einen sehr pointierten und aktuellen Satz, nicht nur zu Lehman, Goldman Sachs und Griechenland:

“Ein Wirtschaftssystem kann auf Dauer Wohlstand nur gewährleisten, wenn es als ein System der permanenten Erneuerung angelegt ist. Damit Neues wachsen kann, muss Verbrauchtes Platz machen und darf nicht künstlich am Leben gehalten werden. An überholten Strukturen festzuhalten, mindert Wohlstand. Weil es Ressourcen bindet, die für wohlstandsmehrende Erneuerungsprozesse fehlen.”

Bayern LB

Bayern LB und CSU verdoppelten die bajuwarische Staatsschuld. Wann müssen sie abtreten?

Man könnte dabei auch an die Bayerische Landesbank (an der die Genossenschaftsbanken nicht beteiligt sind) und an die Christlich Soziale Union denken. Beide Organisationen sind an Korruption und Selbstzufriedenheit erstickt und haben gemeinsam die bayerischen Staatsschulden fast verdoppelt, mit Berücksichtung der Beamtenpensionen verdreifacht. Götzl nennt sie nicht beim Namen. Sein feiner Traktat schließt mit dem kategorischen Imperativ.
Aber Götzls ethische Predigt ist in Bayern eine größere Revolution, als das dreissigjährige Gejammere der SPD-Opposition, das erst aufhörte, als CSU und SPD in Berlin koalierten. Stephan Götzl hat ein mutiges Pamphlet gegen die Trägheit der bayerischen Gesellschaft in die Welt gesetzt. Er hat sich getraut, 2,7 Millionen Genossenschaftsmitglieder mit Philosophie zu fordern, ja zu überfordern.
Wenn er gelesen wird, wird er weitaus mehr bewirken als Bestseller Precht (der sich für nichts einsetzt) und Chefanalyst Sloterdijk, der zu klug ist, um sich für etwas einzusetzen. Hoffen wir darauf, dass weitere solche Genossenschaftsphilosophen auf die Bühne treten!