Mit ‘Philosophie’ getaggte Artikel



Agora 42 - eine neue Zeitschrift für Philosophie und Ökonomie

17. November 2010 von Alexander Dill

Aktuell: Am 10. Dezember 2011 habe ich Agora 42 zusammen mit Philosophie Magazin und Hohe Luft noch einmal vorgestellt.

Gleich vorweg: Nein, ich schreibe nicht für diese Zeitschrift. Ich habe sie bei XING entdeckt, wo eine freie Mitarbeiterin ihren Beitrag als PDF online gestellt hat. Sie ist, obwohl sehr aufwändig gestaltet, fast völlig unbekannt. Vielleicht liegt es daran, dass sie aus Sindelfingen kommt, einem Ort, der in etwa so viel mit Philosophie in Verbindung gebracht wird, wie Greifswald mit Marketing und Frankfurt mit Bier. (weiterlesen…)

Philosophie und Wirtschaft - zwei Begriffe auf dem Abstieg

14. April 2010 von Alexander Dill

Wenn ein Begriff nicht mehr Gegenstand von kontroversen Debatten ist, also nicht mehr darum gerungen wird, was er ein- oder ausschliesst, wenn er also selbstverständlich erscheint, dann befindet er sich auf dem Abstieg.
Dieser besteht zunächst in der sinkenden Aufmerksamkeit, die die Öffentlichkeit dem Begriff widmet. An seine Stelle treten andere Begriffe, die vormals mit ihm verbundene Themenkomplexe abdecken.
philosophy_changed_my_life_marx_tshirt-p235855608639810747cec9_400Wir haben solche Begriffsabstiege bereits mehrfach beobachten können, etwa am Begriff Arbeit. Mit ihm verschwanden die Arbeiterparteien und schliesslich der Arbeiter selbst. Was blieb, waren Beschäftigung und Einkommen, die seitdem als getrennte Themen diskutiert werden.
Die Philosophie wehrte sich in den Achtzigerjahren mit Begriffen wie Unternehmensphilosophie und Philosophische Praxis tapfer gegen ihren Bedeutungsverlust. Ein Philosophisches Quartett blieb, das versucht, zeitgemäße Anknüpfungspunkte zu finden. Einige Philosophiezeitschriften wie die unermüdliche Information Philosophie oder der Blaue Reiter behaupten sich.
Von der akademisch genannten Philosophie, von der Nietzsche schrieb, auf ihrem Grabstein werde dereinst stehen „Sie hat niemanden betrübt“, ist nichts mehr zu hören. Zwischen Ethikpolizei und analytischer Vernunftberatung, Bewahrung des attischen Erbes und ewiger Kulturkritik existiert sie einfach weiter. Ein Perpetuum Mobile. Es gibt keine neuen Forschungsgebiete, es werden aber auch keine Lehrstühle gestrichen.
habermasDie Philosophie hat einen heiligen Status Quo erreicht, in der sie weder Gegner noch Befürworter hat. In einer Öffentlichkeit, die mit grossem Genuss jede Autorität, etwa die von Bundeskanzlerin und Bundespräsident verhöhnt, erscheint die Vorstellung einer Leitwissenschaft Philosophie allenfalls als möglicher Satiregegenstand.
Niemand, wirklich niemand benötigt philosophische Belehrung und Aufklärung. Sie ist Teil eines gesetzlich verbrieften Bildungskanons geworden, wo sie zwischen Theater und Neuer Musik, zwischen Impressionismus und Gegenwartslyrik mühsam der Jugend injiziert wird. Das schliesst einen Bestseller wie den von Richard David Precht, Deutschlands derzeit bekanntestem Philosophen, nicht aus.
Noch steht in den Statuten der Philosophieinstitute das bewährte Pathos „in dieser, unserer Zeit“ bedürfe man ganz besonders der Philosophie.
Etwas spartanischer lässt sich die kurze Geschichte des Begriffes Wirtschaft schildern. Nachdem in Deutschland bis 1945 Wirtschaft als unanständige und sozial schlecht angesehene Betätigung angesehen wurde, die Beamten, Soldaten, Bauern und Handwerkern unwürdig sei,  wurden Economics als Hauptinhalt der Re-Education aus den USA importiert. Die Deutschen erwiesen sich bis heute als äußerst geschickte und gelehrte Schüler. Sie lesen die Evangelien von Keynes und Hajek und wallfahren noch immer nach Boston und Chicago.
Aber selbst in Handelsblatt und FTD verkündet man nicht mehr stolz die reine Lehre der market economy. Nur an den Instituten für Volks- und Betriebswirtschaft herrschen noch vatikanische Zustände. Dort pflegt man noch eine deutsche Idee zur Vereinbarung von Wirtschaft und „traditionellen“ Werten: Die Soziale Marktwirtschaft. Diese hat zumindest offiziell keine Gegner mehr. Es gibt keine Definition von ihr. Sie gilt als das Gute, das das Böse der Wirtschaft etwas mindern soll. In den USA nennt man das charity, Wohlfahrt.
Dan JohnsonDer Wirtschaftsjournalismus muss mit sinkenden Auflagen leben. Süddeutsche und Frankfurter Allgemeine haben die Rubrik „Wirtschaft“ von „Geld“ bzw. „Finanzen“ getrennt. Mit Brandeins gibt es ein Wirtschaftsmagazin, dass sich dem Guten und Edlen der Wirtschaft verschrieben  hat.
Das hat allerdings nicht verhindern können, dass seit der angeblichen Weltfinanzkrise Wirtschaft in Deutschland kein beliebter Begriff ist und das Studium derselben sehr an Prestige verloren hat. Seit Jahrzehnten werden zudem Wirtschaftsminister ernannt, deren politische Bedeutungslosigkeit und fehlende Sachkenntnis den Schluss nahelegen, der lange drittgrösste Wirtschaftsstaat der Erde benötige keine wirtschaftliche Lenkung.
Der stärkste empirische Befund zur Bedeutungslosigkeit der Kombination beider Begriffe liegt allerdings in dieser Webseite: Gibt man „Philosophie+Wirtschaft“ in den Suchmaschinen ein, gelangt man zu dieser nicht gerade hochfrequentierten Seite.
Ich darf bemerken: Beide Begriffe haben zu Recht an Aufmerksamkeit verloren.

lena echtDie Frage ist, welche Begriffe nun kommen, ob überhaupt noch Begriffe, ob nicht Videos von Lena Meyer-Landrut (rechts) und industriell betriebenen Massenmorden der Öffentlichkeit das liefern, was als „Identität“, „Echtheit“, „Wahrheit“ und „Werte“ einst mit der Philosophie und zeitweise zumindest mit der Sozialen Marktwirtschaft assoziiert wurde.