Mit ‘Richard David Precht’ getaggte Artikel



Hilfe, Deutschland wird ein Philosophenstaat! Wie Philosophen sich in die deutsche Gesellschaft einmischen

10. Dezember 2011 von Alexander Dill

Deutschland hat einen neuen Staatsphilosophen

Am 9. Dezember 2011 an der Tankstelle. Mein Blick fällt auf die Titelseite der City-Bild: „Deutschlands bekanntester Philosoph: Rentner sollen soziales Pflichtjahr machen.“ Natürlich kaufe ich die Ausgabe. Auf Seite 21 erfahre ich, dass Rentner auf Kleinkinder aufpassen und Migranten Deutsch-Unterricht erteilen könnten. Als Sozialkapitalmissionar freue ich mich natürlich über alles, was aus der Schuldenspirale führt. Der Vorschlag könnte allerdings auch von Rita Süssmuth oder Frank Schirrmacher stammen. Das Besondere ist aber, dass Bild ausdrücklich erwähnt, dass er von einem, von dem deutschen Philosophen stammt: Richard David Precht.

Seit Jahrzehnten gelten Philosophen augenzwinkernd als ausdrücklich zuständig für das Unpraktische und Unnütze. Die von ihnen in homöpathischen Dosen verabreichten Reflexivitäten dienen bisher in Curricula weiterführender Schulen der Erinnerung daran, dass Deutschland um 1800 als Land der Dichter und Denker galt. Traditionell sind Volkshochschulen und Philosophische Praxen, nicht aber Kabinette und Assessment Centers die Orte der von Entscheidungen entlasteten Philosophiererei. Allenfalls Burn-Out und Krebs bilden in Deutschland selbst in den Hardcore-Kreisen des dialektischen Kapitalismus ernstzunehmende Anlässe des Philosophierens. Finanzkrisen hingegen nicht.

Millionen Menschen suchen nach Orientierung

Der seit längerem intellektuell darbende Stern hat Precht zum Haus- und Hofphilosophen ernannt, der als mehrheitsfähiger Weisheitsonkel der risikolosen Selbstreflexion Sätze wie diese von sich gibt: „Heute suchen Millionen Menschen in Deutschland nach Orientierung. Sie machen sich Gedanken um unsere Zukunft und um die Zukunft unserer Kinder.“ Es sind diese Sätze, die andere Intellektuelle ärgern und dazu führen, dass Precht als Medienphilosoph abgetan wird. Aber sie bauen eine Brücke zu einem Publikum, das bisher jeden Kontakt zur Philosophie vermied, da diese wie Violinunterricht als jahrzehntelang zu übende Etude eine unüberwindbare Einstiegsbarriere schuf.

Prechts Vorschlag für das Pflichtjahr der Senioren ist allerdings innerhalb von Stunden derart öffentlich geworden, dass er sicher von Parteien aufgenommen wird. Auch anderen, wie Precht in den 70ern antiautoritär (un)erzogenen Philosophen, ist es jüngst widerfahren, dass ihre Vorschläge unter Erwähnung ihres Namens zu einer Anfrage an die Bundesregierung (S. 22) , zumindest aber zu einem Antrag auf dem Bundesparteitag der Piratenpartei und zu einem Interview im ARD-Morgenmagazin geführt haben.

Drei neue Philosophiezeitschriften

Es sind also nicht die noch immer als Wissensverwalter amtierenden, staatlich bezahlten Philosophieprofessoren, die von dem neuen Interesse profitieren, sondern die Freelancer und Außenseiter, die Dissidenten und Verkannten.

Da passt es, dass gleich drei neue Philosophiezeitschriften an den Kiosk kommen. Printausgaben in einer Zeit, in der jeder Verlagsdirektor mit sinkenden Auflagenzahlen, Kindle und Online-Magazinen zu kämpfen hat? Das Philosophie-Magazin unter Chefredakteur Wolfram Eilenberger ist für 5 Euro 90 erhältlich. Sein Inhalt ist derart beschaulich, dass die Volks- und Raiffeisenbanken ihn bereits auf Seite eins ganzseitig mit einem Motto von Erich Wickert ankündigen: „Die genossenschaftliche Idee ist ebenso einleuchtend wie erfolgreich: Was einer allein nicht schafft, das schaffen viele.“

Daniel Haas hat in der FAZ die massentaugliche Philosophiekost forsch als „Denkfehler“ bezeichnet, und das Unpolitische bemängelt. Zu recht. Ich empfehle aber die Investition der 5 Euro 90 allein schon wegen Dieter Thomä’s Gedanken über eine „Welt ohne Väter“ und dem Gespräch zwischen Julian Assange und dem tierethischen Amokläufer Peter Singer.

„Hohe Luft“ , in alter hanseatischer Tradition nach der Adresse benannt („Brand Eins“), beschäftigt gar gleich auf der Startseite einen Blogger namens „Tobias“, was für den Redaktionsleiter Tobias Hürter stehen könnte. Für 8 Euro gibt es „Ein Philosophie-Magazin für alle“ (Zitat), eine Verheißung, die möglicherweise auch abschrecken könnte, da man beim Philosophieren ja eigentlich der einzige, nicht Teil einer Zielgruppe oder Masse sein möchte. Immerhin betätigt sich Hürter auch in Sachen Finanzkrise und zieht folgendes Fazit : „Das ungefähr ist also das Prinzip, nach dem der Kapitalismus funktioniert – hat. Er funktioniert nicht mehr.“ Abgesehen von der Frage, ob Kapitalismus je nach Prinzipien, also nach niedergelegten Vorsätzen funktioniert hat, lässt sich das durchaus diskutieren. Leider hat es zum Zeitpunkt dieses Artikel, am 10. Dezember 2011 noch niemand getan. Wir wünschen natürlich beiden Magazinen, dass der Kapitalismus noch funktioniert, diese also Auto Motor Sport und Cosmopolitan Marktanteile abjagen können.

Das dritte Magazin führt sogar Richard David Precht im Beirat. Es heißt agora 42 und ist leider derart unbekannt, dass meine, bereits wenig gelesene und leider inhaltsarme Erst-Rezension vom November 2010 auf Platz 2 bei Google steht. Jüngst regte ein Dr. Herwig Meusburger aus Wolfurt einen Ideenwettbewerb „Wege aus der europäischen Finanzkrise“ unter Schirmherrschaft von IWF und EZB an. Dies passt zum Motto „Ökonomie – Philosophie - Leben“ und der jüngsten, 100 Seiten starken Ausgabe mit dem Titel „Was kostet eigentlich Geld?“. Agora 42 kostet übrigens 7 Euro 90. Sie ist mit etwas Geduld auch als Online-Ansicht auffindbar  und grafisch-ästhetisch sehr anspruchsvoll. Inserenten wie Porsche und Faber-Castell honorieren, dass sich in agora 42 auch ein Vorstandsvorsitzender wie Eckhard Cordes (Metro AG) in alter Olaf-Henkel-Herbert-Henzler-Roland-Berger Tradition über die Reformunfähigkeit Deutschlands beklagen darf. Agora42 richtet sich mehr an Leser in der Wirtschaft – und steht daher den ethischen Wirtschaftsjournalen Brandeins und Enorm näher, als den beiden neuen, populärphilosophischen Journalen.

Philosophen mutieren zu Soziologen

Dass Themen wie Eurokrise, direkte Demokratie, Geld und Generationenvertrag nun in Verbindung mit Philosophie gebracht werden, liegt möglicherweise nicht an einem wachsenden Interesse an der nach wie vor sperrigen und meist hermetisch-autistischen Fachphilosophie, sondern daran, dass postmoderne Philosophen mit einem erstaunten Heureka! die Welt der Gesellschaft entdecken. Sie mutieren damit – ohne es zu wissen - zu Soziologen. Soziologie ist nämlich die Lehre und das Wissen vom Nachbarn (Sozius). Publikum und Medien freuen sich jedenfalls über diese Rückkehr der Philosophie auf die Agora.

Links zu den neuen Philosophiezeitschriften:

Philosophie Magazin: http://www.philomag.de/

Hohe Luft: http://www.hoheluft-magazin.de/

Agora 42: http://www.agora42.de/index.php

Auf der Warte des commons sense - über Richard David Prechts Buch “Die Kunst, kein Egoist zu sein”

09. Oktober 2010 von Alexander Dill

Der angelsächsische common sense konnte nie als Gemeinsinn übersetzt werden. Auf seinem historischen Höhepunkt in den 50er und 60er Jahren bezeichnete er einen Argumentationsstil, der als kritischer Rationalismus bekannt wurde. Danach wurden nur solche Argumente zugelassen, die auch begründet und beweisbar waren.

Die Geistes- und Sozialwissenschaften brachte diese Bedingung in eine aussichtslose Lage, aus der sie sich bis heute nicht wieder befreien konnten. Sie mussten mangels anerkannter Beweise für ihr Menschen- und Gesellschaftsbild den öffentlichen Raum und die Lehrstühle den Wirtschaftswissenschaftlern und Psychologen, den Meinungsforschern und Publizisten überlassen. Diese kennen eigentlich nur zwei Arten von Beweisen:

1.) den experimentellen Beweis durch humane Verhaltensexperimente.

2.) den empirischen Beweis durch Umfragen, pardon, polls.

Richard David Precht

Precht ist zu Recht der erfolgreichste Philosoph der Gegenwart. Warum? Weil er den common sense trifft! © Raimond Spekking / Wikimedia Commons / CC-BY-SA-3.0 & GFDL

Im Jargon der Rationalisten ergibt sich dann hinreichende evidence für eine These. Sie beansprucht keine Wahrheit oder Richtigkeit, schon gar keine moralische, sondern sie gilt solange, wie sie nicht durch andere Experimente oder Umfragen widerlegt wurde.
Der common sense ist die Gesamtheit der auf solchem Wege gewonnenen Erkenntnisse. Deren Propheten bilden das Herz der scientific community, die alle denkbaren Lehrstühle und Forschungsmittel durch Selbst-Begutachtung unter sich aufteilt. Sie verfügt auch über die Gutachter-Hoheit für Politik und Wirtschaft, Recht und Staat. Ausserhalb von ihr gibt es kein Wissen mehr, das in Lehrplänen oder Schulbüchern, in Forschungsanträgen oder Fachzeitschriften, in Gutachten oder Fernsehsendungen mitgeteilt werden dürfte.

Alles Wissen ausserhalb der scientific community ist subjektiv und privat – und damit unbewert- und unüberprüfbar, damit wiederum nicht Gegenstand des wissenschaftlichen Diskurses. Es ist das Wissen von Menschen, die für Wissenschaftler eigentlich kein Wissen beanspruchen dürfen, sondern allenfalls das Recht auf eine eigene Meinung, die sie in der nächsten poll oder im Internetforum zum Besten geben dürfen.
Oder es ist ein gefühltes Wissen, das Wissenschaftler als Kunst gleichzeitig achten wie herabsetzen, denn natürlich darf ein Künstler kein Ratgeber in weltlichen Dingen sein, da er eben sein Wissen nicht aus Experimenten und Umfragen bezieht, sondern aus Empathie, Reisen und Begegnungen, aus Farben und Gerüchen, Geschmäckern und Träumen.

Warum diese lange Vorbemerkung?

Richard David Precht schildert auf 530 Seiten netto wissenschaftliche Evidenzen für einen common sense zum Thema Egoismus. Diese Evidenzen sind in ihrer Kuriosität und ihrer unfreiwilligen Komik eine Quelle der Erbauung.
So widmet Precht mehrere Seiten einem US-Psychologen namens Haidt. Dieser befragte seine Probanten danach, ob sie ein totes Huhn zum Onanieren benützen würden. (S. 115/116) Verneinten sie dies, ergab sich eine Evidenz dafür, dass wir unsere Werte unserer Weltanschauung anpassen. Oder er berichtet seitenlang vom Milgram-Experiment (S. 154f.), in dem die Probanten anderen Probanten scheinbar immer stärkere Elektroschocks verabreichten, aber nicht wussten, dass diese ihr Leiden nur spielten.
Auf Seite 258 werden wir von einer US-Psychologieprofessorin belehrt, dass es 25.000 Studien mit 8 Millionen Versuchspersonen gibt, die belegen, dass man normale Menschen dazu bringen kann, Gehorsam über Gewissen, Vernunft über Gruppenzwang, Sadismus über Mitleid zu setzen.

Unevidente Zwischenbemerkung: Hätte zu dieser Erkenntnis nicht bereits der I. Weltkrieg ausgereicht?

Allerdings führt Precht auch Beispiele an, die nicht aus Experimenten und Statistiken stammen. Ein besonders evidentes für die Macht der Gewohnheit, hier Pfadabhängigkeit genannt, ist die 1878 erfundene QWERTY-Tastatur (S. 464), die ursprünglich dafür erfunden wurde, dass sich die Tasten der mechanischen Schreibmaschine nicht so leicht verhakten. Nun schreibe ich diesen Text auf meiner QWERTY-Tastatur auf dem Laptop.
Evidenz dafür, dass eingefahrene Verhaltensweisen sich hartnäckig fortpflanzen und sich wie in Alien I-III neue Wirte suchen.
Prechts 30 Kapitel über Evidenzen sind eine Art Museum der Experimentalpsychologie und ihres Mutterlandes, der Vereinigten Staaten von Amerika, wo der chickenfucker noch immer ein Schimpfwort ist.
Precht, dies zeigt seine Danksagung auf Seite 21, sieht sich mit seinem Werk angekommen im sicheren Hafen des common sense. Precht, der eigentlich durchaus flüssig schreiben kann, verschlägt es dann die Sprache im Wunsch, sich vor der versammelten Fachkompetenz zu verbeugen und durch diese als fellow der scientific community den Ritterschlag des verdienten Rationalisten zu empfangen:

„Den scharfen Blick des Biologen warf Prof. Dr. Jens Krause von der Humboldt-Universität Berlin auf das Buch. Prof. Dr. Thomas Mussweiler von der Universität Köln studierte es als Sozialpsychologe. Prof. Dr. Christoph Menke von der Universität Frankfurt am Main las es als Philosoph.“

Warum ist der Blick des Biologen scharf? Was bedeutet es, ein populäres Sachbuch reduziert auf die eigene Disziplin und die Verteidigung ihrer Fachkompetenz zu lesen, obwohl es doch um ein über-, inter- und nichtdisziplinäres Thema, nämlich das je eigene Egoistisch-Sein geht?

„Prof. Dr. Jürg Helbling von der Universität Luzern inspizierte es aus der Warte eines Sozialanthropologen und Ethnologen.“

Über die Warte heisst es: Früher war eine Warte Teil der äußeren Verteidigungsanlagen einer Festung oder Stadt.

Precht hat eine Verteidigungsschrift des common sense US-amerikanischer Prägung verfasst.

In ihrer politischen Anwendbarkeit gipfelt sie in einem Plädoyer für mehr bürgerliche Selbstverantwortung, APO 2.0, strengere Regeln für die Finanzmärkte, der Direktwahl des Bundespräsidenten  und für mehr Mut zu unpopulären Programmen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen.

Wir werden nicht lange warten müssen, bis der letzte Teil der Mahnung erhört wird. Dann wird Richard David Precht einen Sendeplatz in der ARD bekommen, auf dem er mit Unterstützung seiner „ausgewiesenen Experten“ den common sense zu Stuttgart 21, Hartz IV, Sicherheitsverwahrung, Gesamtschule und Web 3.0 verbreitet.

Dass wir besser wären, wenn nicht die eingefahrenen Rituale der Gemeinschaft uns davon abhalten würden – dies würde ich als Hauptthese Prechts bezeichnen, für die er völlig unnötig 250 Zeugen aus der Wissenschaft bemüht – wage ich zu bezweifeln.

Zumindest seit dem II. Weltkrieg sind die meisten nämlich von uns nicht deshalb gut und unegoistisch, weil dies ihre persönliche Werteeinstellung ist, sondern weil wir  - erst Recht seit der Finanzkrise – zumindest in einigen europäischen Staaten in einer Gemeinschaft leben, die das kollektiv Gute und die Empathie mit den Schwächeren in einer Art lebt und vertritt, dass kein Egoismus des Einzelnen sie mehr gefährden kann.

Der Egoist ist bei uns zu einem Paria geworden. Deshalb werden auch Hunderttausende Prechts Buch aus der Angst heraus kaufen, vielleicht doch als Egoist verurteilt zu werden, so, wie sie jahrzehntelang fürchteten, nicht genug an sich selbst zu denken, als dies die Erzieher und die Medien forderten.

Richard David Precht, Die Kunst, kein Egoist zu sein, Goldmann Verlag, München 2010, 19,95 Euro

Stephan Götzl - Gegenwartsphilosoph mit 2,7 Millionen Lesern

08. Mai 2010 von Alexander Dill

Wenn philosophische Autoren Bekanntheit gewinnen möchten, sind sie vollkommen auf die Massenmedien angewiesen. Richard David Precht hat als erster deutscher Philosoph eine Millionenauflage erreicht. Doch Peter Sloterdjik darf froh sein, wenn seine Werke 30.000 Auflage erzielen, obschon er doch Deutschlands bekanntester Gegenwartsdenker ist.

Stephan Götzl

Dr. h.c. Stephan Götzl, bayerischer Genossenschaftsphilosoph

Es gibt aber auch Philosophen, die völlig jenseits der Massenmedien sehr grosses Publikum erreichen. Dr. h.c. Stephan Götzl zählt zu dieser raren Spezies. Sein jüngstes Werk, betitelt Gedanken zu Ethik und Moral in der Wirtschaft möchten wir heute hier vorstellen.
Grund für diese Auswahl ist sicher auch die fast unvorstellbare Verbreitung dieses Werkes: Es ist Pflichtlektüre für die mit Familien etwa 7 Millionen Mitglieder (ohne 2,7 Mio) von 1145 bayerischen Genossenschaften, deren Genossenschaftsverband Bayern e.V. Stephan Götzl leitet. Mit einem Gesamtumsatz von rund 130 Milliarden Euro 2009 ist der Verband so groß wie BMW, Audi und Porsche zusammen. 66.000 Mitarbeiter arbeiten in den genossenschaftlichen Unternehmen.
Jeder Philosoph kann nur davon träumen, dieser Zielgruppe einen Text kredenzen zu dürfen, noch dazu einen elegant gesetzten und nicht zu langen, einen, der gelesen werden könnte, der überall ausliegt und zum Download angeboten wird. Ein Standardwerk.
Und hier wird die bisher erste Rezension dieses prägenden Werkes der Gegenwartsphilosophie erscheinen, das von Universitäten und Parteien, von Medien und Initiativen bisher vollständig ignoriert wird.
Das Traktat ist eine Antwort auf die Zweifel, die längst auch in niederbayerischen Flussniederungen und in den Pensionärsvillen des Tegernsees an der Marktwirtschaft, auch an der sozialen gehegt werden. Götzl führt uns noch einmal den hohen, idealistischen Ansatz der Sozialen Marktwirtschaft vor, um dann eine doch erstaunliche Feststellung zu machen: “Die Soziale Marktwirtschaft braucht allerdings Überzeugungskraft aus sich heraus.”
An dieser Stelle führen Politiker gerne die Erfolge auf dem Arbeitsmarkt und die doch bemerkenswerte Widerstandskraft Deutschlands gegen die Finanzkrise an. Soziale Marktwirtschaft wurde seit Ludwig Erhard immer an ihren Erfolgen gemessen. Deshalb geriet sie ja in der Finanzkrise so in Misskredit.
Stephan Götzl ist diese performancebasierte Volatilität zuwenig. Die Soziale Marktwirtschaft, so Götzl, “benötigt eine tiefgreifende ethische Begründung und die Vermittlung derselben.” Von dieser praktisch-philosophischen Tätigkeit hängt nach Götzl nichts Geringeres als die Akzeptanz unseres gesamten politischen Systems ab. Neben bereits andernorts vielgehörten Mahnungen nach Regeln, Bescheidenheit und Nachhaltigkeit, bietet Götzl doch einen sehr pointierten und aktuellen Satz, nicht nur zu Lehman, Goldman Sachs und Griechenland:

“Ein Wirtschaftssystem kann auf Dauer Wohlstand nur gewährleisten, wenn es als ein System der permanenten Erneuerung angelegt ist. Damit Neues wachsen kann, muss Verbrauchtes Platz machen und darf nicht künstlich am Leben gehalten werden. An überholten Strukturen festzuhalten, mindert Wohlstand. Weil es Ressourcen bindet, die für wohlstandsmehrende Erneuerungsprozesse fehlen.”

Bayern LB

Bayern LB und CSU verdoppelten die bajuwarische Staatsschuld. Wann müssen sie abtreten?

Man könnte dabei auch an die Bayerische Landesbank (an der die Genossenschaftsbanken nicht beteiligt sind) und an die Christlich Soziale Union denken. Beide Organisationen sind an Korruption und Selbstzufriedenheit erstickt und haben gemeinsam die bayerischen Staatsschulden fast verdoppelt, mit Berücksichtung der Beamtenpensionen verdreifacht. Götzl nennt sie nicht beim Namen. Sein feiner Traktat schließt mit dem kategorischen Imperativ.
Aber Götzls ethische Predigt ist in Bayern eine größere Revolution, als das dreissigjährige Gejammere der SPD-Opposition, das erst aufhörte, als CSU und SPD in Berlin koalierten. Stephan Götzl hat ein mutiges Pamphlet gegen die Trägheit der bayerischen Gesellschaft in die Welt gesetzt. Er hat sich getraut, 2,7 Millionen Genossenschaftsmitglieder mit Philosophie zu fordern, ja zu überfordern.
Wenn er gelesen wird, wird er weitaus mehr bewirken als Bestseller Precht (der sich für nichts einsetzt) und Chefanalyst Sloterdijk, der zu klug ist, um sich für etwas einzusetzen. Hoffen wir darauf, dass weitere solche Genossenschaftsphilosophen auf die Bühne treten!