Mit ‘Soziale Marktwirtschaft’ getaggte Artikel



Stephan Götzl - Gegenwartsphilosoph mit 2,7 Millionen Lesern

08. Mai 2010 von Alexander Dill

Wenn philosophische Autoren Bekanntheit gewinnen möchten, sind sie vollkommen auf die Massenmedien angewiesen. Richard David Precht hat als erster deutscher Philosoph eine Millionenauflage erreicht. Doch Peter Sloterdjik darf froh sein, wenn seine Werke 30.000 Auflage erzielen, obschon er doch Deutschlands bekanntester Gegenwartsdenker ist.

Stephan Götzl

Dr. h.c. Stephan Götzl, bayerischer Genossenschaftsphilosoph

Es gibt aber auch Philosophen, die völlig jenseits der Massenmedien sehr grosses Publikum erreichen. Dr. h.c. Stephan Götzl zählt zu dieser raren Spezies. Sein jüngstes Werk, betitelt Gedanken zu Ethik und Moral in der Wirtschaft möchten wir heute hier vorstellen.
Grund für diese Auswahl ist sicher auch die fast unvorstellbare Verbreitung dieses Werkes: Es ist Pflichtlektüre für die mit Familien etwa 7 Millionen Mitglieder (ohne 2,7 Mio) von 1145 bayerischen Genossenschaften, deren Genossenschaftsverband Bayern e.V. Stephan Götzl leitet. Mit einem Gesamtumsatz von rund 130 Milliarden Euro 2009 ist der Verband so groß wie BMW, Audi und Porsche zusammen. 66.000 Mitarbeiter arbeiten in den genossenschaftlichen Unternehmen.
Jeder Philosoph kann nur davon träumen, dieser Zielgruppe einen Text kredenzen zu dürfen, noch dazu einen elegant gesetzten und nicht zu langen, einen, der gelesen werden könnte, der überall ausliegt und zum Download angeboten wird. Ein Standardwerk.
Und hier wird die bisher erste Rezension dieses prägenden Werkes der Gegenwartsphilosophie erscheinen, das von Universitäten und Parteien, von Medien und Initiativen bisher vollständig ignoriert wird.
Das Traktat ist eine Antwort auf die Zweifel, die längst auch in niederbayerischen Flussniederungen und in den Pensionärsvillen des Tegernsees an der Marktwirtschaft, auch an der sozialen gehegt werden. Götzl führt uns noch einmal den hohen, idealistischen Ansatz der Sozialen Marktwirtschaft vor, um dann eine doch erstaunliche Feststellung zu machen: “Die Soziale Marktwirtschaft braucht allerdings Überzeugungskraft aus sich heraus.”
An dieser Stelle führen Politiker gerne die Erfolge auf dem Arbeitsmarkt und die doch bemerkenswerte Widerstandskraft Deutschlands gegen die Finanzkrise an. Soziale Marktwirtschaft wurde seit Ludwig Erhard immer an ihren Erfolgen gemessen. Deshalb geriet sie ja in der Finanzkrise so in Misskredit.
Stephan Götzl ist diese performancebasierte Volatilität zuwenig. Die Soziale Marktwirtschaft, so Götzl, “benötigt eine tiefgreifende ethische Begründung und die Vermittlung derselben.” Von dieser praktisch-philosophischen Tätigkeit hängt nach Götzl nichts Geringeres als die Akzeptanz unseres gesamten politischen Systems ab. Neben bereits andernorts vielgehörten Mahnungen nach Regeln, Bescheidenheit und Nachhaltigkeit, bietet Götzl doch einen sehr pointierten und aktuellen Satz, nicht nur zu Lehman, Goldman Sachs und Griechenland:

“Ein Wirtschaftssystem kann auf Dauer Wohlstand nur gewährleisten, wenn es als ein System der permanenten Erneuerung angelegt ist. Damit Neues wachsen kann, muss Verbrauchtes Platz machen und darf nicht künstlich am Leben gehalten werden. An überholten Strukturen festzuhalten, mindert Wohlstand. Weil es Ressourcen bindet, die für wohlstandsmehrende Erneuerungsprozesse fehlen.”

Bayern LB

Bayern LB und CSU verdoppelten die bajuwarische Staatsschuld. Wann müssen sie abtreten?

Man könnte dabei auch an die Bayerische Landesbank (an der die Genossenschaftsbanken nicht beteiligt sind) und an die Christlich Soziale Union denken. Beide Organisationen sind an Korruption und Selbstzufriedenheit erstickt und haben gemeinsam die bayerischen Staatsschulden fast verdoppelt, mit Berücksichtung der Beamtenpensionen verdreifacht. Götzl nennt sie nicht beim Namen. Sein feiner Traktat schließt mit dem kategorischen Imperativ.
Aber Götzls ethische Predigt ist in Bayern eine größere Revolution, als das dreissigjährige Gejammere der SPD-Opposition, das erst aufhörte, als CSU und SPD in Berlin koalierten. Stephan Götzl hat ein mutiges Pamphlet gegen die Trägheit der bayerischen Gesellschaft in die Welt gesetzt. Er hat sich getraut, 2,7 Millionen Genossenschaftsmitglieder mit Philosophie zu fordern, ja zu überfordern.
Wenn er gelesen wird, wird er weitaus mehr bewirken als Bestseller Precht (der sich für nichts einsetzt) und Chefanalyst Sloterdijk, der zu klug ist, um sich für etwas einzusetzen. Hoffen wir darauf, dass weitere solche Genossenschaftsphilosophen auf die Bühne treten!

Philosophie und Wirtschaft - zwei Begriffe auf dem Abstieg

14. April 2010 von Alexander Dill

Wenn ein Begriff nicht mehr Gegenstand von kontroversen Debatten ist, also nicht mehr darum gerungen wird, was er ein- oder ausschliesst, wenn er also selbstverständlich erscheint, dann befindet er sich auf dem Abstieg.
Dieser besteht zunächst in der sinkenden Aufmerksamkeit, die die Öffentlichkeit dem Begriff widmet. An seine Stelle treten andere Begriffe, die vormals mit ihm verbundene Themenkomplexe abdecken.
philosophy_changed_my_life_marx_tshirt-p235855608639810747cec9_400Wir haben solche Begriffsabstiege bereits mehrfach beobachten können, etwa am Begriff Arbeit. Mit ihm verschwanden die Arbeiterparteien und schliesslich der Arbeiter selbst. Was blieb, waren Beschäftigung und Einkommen, die seitdem als getrennte Themen diskutiert werden.
Die Philosophie wehrte sich in den Achtzigerjahren mit Begriffen wie Unternehmensphilosophie und Philosophische Praxis tapfer gegen ihren Bedeutungsverlust. Ein Philosophisches Quartett blieb, das versucht, zeitgemäße Anknüpfungspunkte zu finden. Einige Philosophiezeitschriften wie die unermüdliche Information Philosophie oder der Blaue Reiter behaupten sich.
Von der akademisch genannten Philosophie, von der Nietzsche schrieb, auf ihrem Grabstein werde dereinst stehen „Sie hat niemanden betrübt“, ist nichts mehr zu hören. Zwischen Ethikpolizei und analytischer Vernunftberatung, Bewahrung des attischen Erbes und ewiger Kulturkritik existiert sie einfach weiter. Ein Perpetuum Mobile. Es gibt keine neuen Forschungsgebiete, es werden aber auch keine Lehrstühle gestrichen.
habermasDie Philosophie hat einen heiligen Status Quo erreicht, in der sie weder Gegner noch Befürworter hat. In einer Öffentlichkeit, die mit grossem Genuss jede Autorität, etwa die von Bundeskanzlerin und Bundespräsident verhöhnt, erscheint die Vorstellung einer Leitwissenschaft Philosophie allenfalls als möglicher Satiregegenstand.
Niemand, wirklich niemand benötigt philosophische Belehrung und Aufklärung. Sie ist Teil eines gesetzlich verbrieften Bildungskanons geworden, wo sie zwischen Theater und Neuer Musik, zwischen Impressionismus und Gegenwartslyrik mühsam der Jugend injiziert wird. Das schliesst einen Bestseller wie den von Richard David Precht, Deutschlands derzeit bekanntestem Philosophen, nicht aus.
Noch steht in den Statuten der Philosophieinstitute das bewährte Pathos „in dieser, unserer Zeit“ bedürfe man ganz besonders der Philosophie.
Etwas spartanischer lässt sich die kurze Geschichte des Begriffes Wirtschaft schildern. Nachdem in Deutschland bis 1945 Wirtschaft als unanständige und sozial schlecht angesehene Betätigung angesehen wurde, die Beamten, Soldaten, Bauern und Handwerkern unwürdig sei,  wurden Economics als Hauptinhalt der Re-Education aus den USA importiert. Die Deutschen erwiesen sich bis heute als äußerst geschickte und gelehrte Schüler. Sie lesen die Evangelien von Keynes und Hajek und wallfahren noch immer nach Boston und Chicago.
Aber selbst in Handelsblatt und FTD verkündet man nicht mehr stolz die reine Lehre der market economy. Nur an den Instituten für Volks- und Betriebswirtschaft herrschen noch vatikanische Zustände. Dort pflegt man noch eine deutsche Idee zur Vereinbarung von Wirtschaft und „traditionellen“ Werten: Die Soziale Marktwirtschaft. Diese hat zumindest offiziell keine Gegner mehr. Es gibt keine Definition von ihr. Sie gilt als das Gute, das das Böse der Wirtschaft etwas mindern soll. In den USA nennt man das charity, Wohlfahrt.
Dan JohnsonDer Wirtschaftsjournalismus muss mit sinkenden Auflagen leben. Süddeutsche und Frankfurter Allgemeine haben die Rubrik „Wirtschaft“ von „Geld“ bzw. „Finanzen“ getrennt. Mit Brandeins gibt es ein Wirtschaftsmagazin, dass sich dem Guten und Edlen der Wirtschaft verschrieben  hat.
Das hat allerdings nicht verhindern können, dass seit der angeblichen Weltfinanzkrise Wirtschaft in Deutschland kein beliebter Begriff ist und das Studium derselben sehr an Prestige verloren hat. Seit Jahrzehnten werden zudem Wirtschaftsminister ernannt, deren politische Bedeutungslosigkeit und fehlende Sachkenntnis den Schluss nahelegen, der lange drittgrösste Wirtschaftsstaat der Erde benötige keine wirtschaftliche Lenkung.
Der stärkste empirische Befund zur Bedeutungslosigkeit der Kombination beider Begriffe liegt allerdings in dieser Webseite: Gibt man „Philosophie+Wirtschaft“ in den Suchmaschinen ein, gelangt man zu dieser nicht gerade hochfrequentierten Seite.
Ich darf bemerken: Beide Begriffe haben zu Recht an Aufmerksamkeit verloren.

lena echtDie Frage ist, welche Begriffe nun kommen, ob überhaupt noch Begriffe, ob nicht Videos von Lena Meyer-Landrut (rechts) und industriell betriebenen Massenmorden der Öffentlichkeit das liefern, was als „Identität“, „Echtheit“, „Wahrheit“ und „Werte“ einst mit der Philosophie und zeitweise zumindest mit der Sozialen Marktwirtschaft assoziiert wurde.