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Lisa Nienhaus. Wie eine mutige Wirtschaftsjournalistin die deutschen Staatsvolkswirte in Frage stellt

27. Februar 2010 von Alexander Dill

 

Seit einigen Jahren ist die 1979 geborene Lisa Nienhaus Wirtschaftsredakteurin der Frankfurter Sonntagszeitung. Im August 2009 führte sie ein überaus lesenswertes Interview mit dem Yale-Ökonomen Robert Shiller. Dieser erklärte, warum die Ökonomen keine Blasen auf den Finanzmärkten vorhersagen können: Sie gingen von einer modellhaften Effizienz der Märkte aus. Die Menschen und ihr Verhalten aber seien ihnen fremd. „Außerdem mögen Ökonomen keine Menschen.“ rutschte es Shiller hinaus.

Derartige Nestbeschmutzung ist in den hermetischen Zirkeln der Wirtschaftsweisen derart ungewöhnlich, dass sie dann so skurril erfolgt. Dass Ökonomen keine Menschen mögen, mag eine mediengerechte Provokation sein. Aber wie alle Erfolgreichen lieben auch Ökonomen ihre Familie, ihr Stadtquartier und ihre Freunde.  Fehlende Menschenliebe ist sicher kein besonderes Merkmal von Wirtschaftswissenschaftlern. Ihre Teilnahme am Wirtschaftsleben aber erschöpft sich meist darin, sich durch gegenseitiges Zitieren Lehrstühle und staatliche Forschungsmittel zuzuschanzen. Das unterscheidet sie allerdings nicht von Germanisten oder Kernphysikern.

Ökonomen sind damit eine von vielen Wissenschaftsmafias.

Lisa Niehaus

Lisa Nienhaus

Marktwirtschaft ist leider zumindest unter staatlichen Volkswirten eine unbekannte Lebenswirklichkeit: Weder wissen sie, wie sich die Menschen im Dschungel der Wirtschaft bewegen,  noch was Wirtschaft überhaupt ist. Allerdings behaupten sie das auch nicht. Dieser Bescheidenheit nun widersprechen die beliebten Konjunkturprognosen. Lisa Nienhaus  schildert, wie mit dem augurischen Mittel der Konjunkturprognose seit Ludwig Erhard und Karl Schiller die Zunft der deutschen Volkswirte in die Politikberatung aufstieg. Und sie misst die Weissager an zwei Ereignissen, die sie nicht prophezeiten: Den Zusammenbruch des Neuen Marktes 2000/2001 und die Weltfinanzkrise im Herbst 2008.

Ihr Buch „Die Blindgänger – Warum Ökonomen auch künftige Krisen nicht erkennen werden“  ist für deutsche Verhältnisse durchaus politisch. Die Preisträgerin des Ludwig Erhard Preises für Wirtschaftspublizistik vertritt eine These, die in dieser Form auch für ihren Arbeitgeber, das zentrale Mitteilungsorgan der deutschen Wirtschaft, neu ist: Die Komplexität der internationalen Finanzwirtschaft und ihrer Produkte sei in den letzten Jahrzehnten derart gestiegen, dass die Finanzpolitiker der Parteien damit überfordert seien. Nienhaus: „Weil sie selbst immer weniger von Wirtschaft verstehen, haben sie sich immer mehr Rat von außen geholt. Nur wegen dieser Unkenntnis in Parlamenten und Ministerien konnten die ökonomischen Berater die Macht erlangen, die sie heute haben.“

 

Die Blindgänger

Die Blindgänger

Allerdings ist die Kenntnis der Ratgeber nicht nur in den Konjunkturprognosen nicht um das entscheidende Quentchen größer als das ihrer Auftraggeber. Wie auch, schließlich sind die deutschen Volkswirte fast ausschließlich Beamte in Universitäten und staatlich geförderten Wirtschaftsforschungsinstituten. Nienhaus unterzieht sich der Mühe, die Granden der deutschen Volkswirtschaft, Thomas Straubhaar, Hans-Werner Sinn, Bert Rürup und andere an ihren Prognosen zu messen. Das Ergebnis fällt erwartungsgemäß ungünstig aus. Lisa Nienhaus nimmt es sich nicht zu erwähnen, dass deutsche Wirtschaftsforscher international keine Rolle spielen. Allerdings gilt das für alle ausser eben die US-Forscher, die völlig alleine bestimmen, wer Ökonom sein darf und wer nicht.

 Mit Robert Shiller hofft Nienhaus insbesondere auf ein neues Menschenbild in der Ökonomie. Dort gilt seit eh und je als philosophische Anthropologie folgendes Zitat von Adam Smith:

Wir verdanken unser Essen nicht der Menschenfreundlichkeit des Metzgers, des Brauers und des Bäckers, sondern deren Verfolgung ihrer eigenen Interessen.

(Adam Smith, Wealth of Nations)

Was die Bewertung dieses  Buches angeht, zitiere ich Armin König vom Blog Politbuch, der zu folgendem Fazit kam: „Ein solches Buch findet man nicht auf dem Markt: Lisa Nienhaus schreibt erfrischend anders und macht uns Lust, das Denken der Ökonomen zu verstehen. Die junge Autorin ist eine echte Entdeckung. Von ihr möchten wir gern mehr lesen.“

Dem schliesse ich mich an, weil ich Menschen mag, die über den Tellerrand ihrer Zünfte hinaussehen. Darf ich dann noch Ökonom sein?