Seit gut zwanzig Jahren behaupten Werbeagenturen, ihre Auftraggeber haben eine Philosophie, ja, es gäbe selbst eine Produktphilosophie. In akademischen Kreisen wird diese verbreitete Behauptung schmunzelnd ignoriert. Eine Philosophie gilt doch als komplexes Denksystem mit gut begründeten Begrifflichkeiten und Zusammenhängen, Bezügen (”Referenzen”) und vermittelnden Kompendien. Es gilt aber - erstaunlich genug - in der Philosophie selbst als unfein, das Vorhandensein einer eigenen Philosophie zu behaupten.
Die Bescheidenheit gebietet es dort, allenfalls annäherungsweise Forschungsgegenstände zu behandeln, die Bausteine einer oder Beiträge zu einer Philosophie sein können. Prolegomena. Anmerkungen zu. Zur Kritik an. Aspekte von. Dieser angelsächsische Stil entspringt dem kritischen Rationalismus und er wendete sich gegen die gefürchteten Ideologien des 20. Jahrhunderts, deren Ausbreitung zu verhindern bis heute die einzige politische Funktion der akademischen Philosophie ist: Die Warnung vor der Kraft des Irrationalen.
Ich bin skeptisch, also bin ich Philosoph - das ist das Credo der Philosophie.
In den Philosophien der Unternehmenssprecher und Werbetexter hat die eitle Attitude der Skepsis keinen Platz, gilt es doch dort als erwiesen, dass man nur solche Produkte und Dienste gut verkauft, von denen man nicht nur rational überzeugt ist, sondern an die man selbst in einem theologischen Sinne glaubt.
Das am höchsten bewertete Unternehmen der Welt hat mehr als nur einen Slogan. Es bietet Unsere Philosophie in zehn Grundsätzen. Im Englischen klingt das Ganze noch philosophischer, denn dort heißt es Ten things we know to be true.
Wenn man sich Jahrzehnte in der Marken- und Produktwelt der Unternehmen bewegt hat, wird man es nicht erstaunlich finden, dass die erste und wichtigste Wahrheit in dem Vorsatz besteht, dem Kunden oder User zu dienen. Diese, als diakonische zu bezeichnende Einstellung, bildet das philosophische Grundgerüst von Wirtschaft. We will ultimately serve you, heißt es bei Google.
Damit ist Wirtschaft nur mit dem Selbstverständnis christlicher Missionare zu vergleichen, die immer und an erster Stelle dem dienen, was als der Mensch auch außerhalb von Theologie und Philosophie bekannt ist.
Wirtschaft vesteht sich als Dienerin der Wünsche und Nöte, der Bedürfnisse und Stimmungen der Kunden - diese Grundmaxime darf weder philosophisch noch politisch unterschätzt werden. Kein Waffen- oder Drogenhandel, keine Fälschung und kein Finanzbetrug kommt ohne die Käufer aus, die als Nachfrager die Initiatoren und Besteller der Dienste der Wirtschaft sind.
In der Zeit der Monarchie vor 1919 hieß das provokativ: Bei uns ist der Kunde König. Die damaligen Könige klagten nicht gegen diesen Slogan, mit dem die palastähnlichen, ersten Kaufhäuser wie Kaufhof 1905 ihre noblen Pforten öffneten. Dass selbst das virtuelle Unternehmen Google diese Philosophie beibehalten hat, spricht für ihre Bedeutung, die sie als erste Philosophie der Wirtschaft errungen hat.
Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Google kann man übrigens weder anmailen, noch anrufen. ja, man kann nicht einmal ihre Namen erfahren. Sie sind angewiesen, ausschliesslich in engsten Zirkeln zu verkehren, nicht am Gesellschaftsleben teilzunehmen, keine Interviews zu geben und jeden Kontakt von ihrer Zentrale in Mountain View genehmigen zu lassen.
Die Google Inc. hat ihren Sitz nicht - wie alle Welt glaubt - am Stammsitz in Kalifornien, sondern in einem Briefkasten des US-Steuerparadieses Delaware.
Google ist eine Sekte, gegen die die Mormonen oder Christian Science wie ein Zeuge Jehovas an der Ecke erscheinen. Aber man wird nicht leugnen können, dass die programmatische Diakonie am Kunden pünktlich und zuverlässig vollzogen wird. Ob ihm das letztlich wirklich dient, bleibt eine Frage für die skeptischen Philosophen.
Immerhin haben die beiden Kirchen in den letzten Jahrhunderten gelernt, mehr und mehr Dienst am Menschen zu tun. Vielleicht lernt Google das auch?





