Mit ‘Unternehmensphilosophie’ getaggte Artikel



Wie das Königstum des Kunden zur Philosophie der Wirtschaft wurde

15. Mai 2011 von Alexander Dill

Seit gut zwanzig Jahren behaupten Werbeagenturen, ihre Auftraggeber haben eine Philosophie, ja, es gäbe selbst eine Produktphilosophie. In akademischen Kreisen wird diese verbreitete Behauptung schmunzelnd ignoriert. Eine Philosophie gilt doch als komplexes Denksystem mit gut begründeten Begrifflichkeiten und Zusammenhängen, Bezügen (”Referenzen”) und vermittelnden Kompendien. Es gilt aber - erstaunlich genug - in der Philosophie selbst  als unfein, das Vorhandensein einer eigenen Philosophie zu behaupten.

Die Bescheidenheit gebietet es dort, allenfalls annäherungsweise Forschungsgegenstände zu behandeln, die Bausteine einer oder Beiträge zu einer Philosophie sein können. Prolegomena. Anmerkungen zu. Zur Kritik an. Aspekte von. Dieser angelsächsische Stil entspringt dem kritischen Rationalismus und er wendete sich gegen die gefürchteten Ideologien des 20. Jahrhunderts, deren Ausbreitung zu verhindern bis heute die einzige politische Funktion der akademischen Philosophie ist: Die Warnung vor der Kraft des Irrationalen.

Ich bin skeptisch, also bin ich Philosoph - das ist das Credo der Philosophie.

In den Philosophien der Unternehmenssprecher und Werbetexter hat die eitle Attitude der Skepsis keinen Platz, gilt es doch dort als erwiesen, dass man nur solche Produkte und Dienste gut verkauft, von denen man nicht nur rational überzeugt ist, sondern an die man selbst in einem theologischen Sinne glaubt.

Google-Werbung

Unternehmensphilosophie wird gerne unterschätzt. Sie ist reine Diakonie.

Das am höchsten bewertete Unternehmen der Welt hat mehr als nur einen Slogan. Es bietet Unsere Philosophie in zehn Grundsätzen. Im Englischen klingt das Ganze noch philosophischer, denn dort heißt es Ten things we know to be true.

Wenn man sich Jahrzehnte in der Marken- und Produktwelt der Unternehmen bewegt hat, wird man es nicht erstaunlich finden, dass die erste und wichtigste Wahrheit in dem Vorsatz besteht, dem Kunden oder User zu dienen. Diese, als  diakonische zu bezeichnende Einstellung, bildet das philosophische Grundgerüst von Wirtschaft. We will ultimately serve you, heißt es bei Google.

Damit ist Wirtschaft nur mit dem Selbstverständnis christlicher Missionare zu vergleichen, die immer und an erster Stelle dem dienen, was als der Mensch auch außerhalb von Theologie und Philosophie bekannt ist.

Wirtschaft vesteht sich als Dienerin der Wünsche und Nöte, der Bedürfnisse und Stimmungen der Kunden - diese Grundmaxime darf weder philosophisch noch politisch  unterschätzt werden. Kein Waffen- oder Drogenhandel, keine Fälschung und kein Finanzbetrug kommt ohne die Käufer aus, die als Nachfrager die Initiatoren und Besteller der Dienste der Wirtschaft sind.

In der Zeit der Monarchie vor 1919 hieß das provokativ: Bei uns ist der Kunde König. Die damaligen Könige klagten nicht gegen diesen Slogan, mit dem die palastähnlichen, ersten Kaufhäuser wie Kaufhof 1905 ihre noblen Pforten öffneten. Dass selbst das virtuelle Unternehmen Google diese Philosophie beibehalten hat, spricht für ihre Bedeutung, die sie als erste Philosophie der Wirtschaft errungen hat.

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Google kann man übrigens weder anmailen, noch anrufen. ja, man kann nicht einmal ihre Namen erfahren. Sie sind angewiesen, ausschliesslich in engsten Zirkeln zu verkehren, nicht am Gesellschaftsleben teilzunehmen, keine Interviews zu geben und jeden Kontakt von ihrer Zentrale in Mountain View genehmigen zu lassen.

Die Google Inc. hat ihren Sitz nicht - wie alle Welt glaubt - am Stammsitz in Kalifornien, sondern in einem Briefkasten des US-Steuerparadieses Delaware.

Google ist eine Sekte, gegen die die Mormonen oder Christian Science wie ein Zeuge Jehovas an der Ecke erscheinen. Aber man wird nicht leugnen können, dass die programmatische Diakonie am Kunden pünktlich und zuverlässig vollzogen wird. Ob ihm das letztlich wirklich dient, bleibt eine Frage für die skeptischen Philosophen.

Immerhin haben die beiden Kirchen in den letzten Jahrhunderten gelernt, mehr und mehr Dienst am Menschen zu tun. Vielleicht lernt Google das auch?

Philosophie und Wirtschaft - zwei Begriffe auf dem Abstieg

14. April 2010 von Alexander Dill

Wenn ein Begriff nicht mehr Gegenstand von kontroversen Debatten ist, also nicht mehr darum gerungen wird, was er ein- oder ausschliesst, wenn er also selbstverständlich erscheint, dann befindet er sich auf dem Abstieg.
Dieser besteht zunächst in der sinkenden Aufmerksamkeit, die die Öffentlichkeit dem Begriff widmet. An seine Stelle treten andere Begriffe, die vormals mit ihm verbundene Themenkomplexe abdecken.
philosophy_changed_my_life_marx_tshirt-p235855608639810747cec9_400Wir haben solche Begriffsabstiege bereits mehrfach beobachten können, etwa am Begriff Arbeit. Mit ihm verschwanden die Arbeiterparteien und schliesslich der Arbeiter selbst. Was blieb, waren Beschäftigung und Einkommen, die seitdem als getrennte Themen diskutiert werden.
Die Philosophie wehrte sich in den Achtzigerjahren mit Begriffen wie Unternehmensphilosophie und Philosophische Praxis tapfer gegen ihren Bedeutungsverlust. Ein Philosophisches Quartett blieb, das versucht, zeitgemäße Anknüpfungspunkte zu finden. Einige Philosophiezeitschriften wie die unermüdliche Information Philosophie oder der Blaue Reiter behaupten sich.
Von der akademisch genannten Philosophie, von der Nietzsche schrieb, auf ihrem Grabstein werde dereinst stehen „Sie hat niemanden betrübt“, ist nichts mehr zu hören. Zwischen Ethikpolizei und analytischer Vernunftberatung, Bewahrung des attischen Erbes und ewiger Kulturkritik existiert sie einfach weiter. Ein Perpetuum Mobile. Es gibt keine neuen Forschungsgebiete, es werden aber auch keine Lehrstühle gestrichen.
habermasDie Philosophie hat einen heiligen Status Quo erreicht, in der sie weder Gegner noch Befürworter hat. In einer Öffentlichkeit, die mit grossem Genuss jede Autorität, etwa die von Bundeskanzlerin und Bundespräsident verhöhnt, erscheint die Vorstellung einer Leitwissenschaft Philosophie allenfalls als möglicher Satiregegenstand.
Niemand, wirklich niemand benötigt philosophische Belehrung und Aufklärung. Sie ist Teil eines gesetzlich verbrieften Bildungskanons geworden, wo sie zwischen Theater und Neuer Musik, zwischen Impressionismus und Gegenwartslyrik mühsam der Jugend injiziert wird. Das schliesst einen Bestseller wie den von Richard David Precht, Deutschlands derzeit bekanntestem Philosophen, nicht aus.
Noch steht in den Statuten der Philosophieinstitute das bewährte Pathos „in dieser, unserer Zeit“ bedürfe man ganz besonders der Philosophie.
Etwas spartanischer lässt sich die kurze Geschichte des Begriffes Wirtschaft schildern. Nachdem in Deutschland bis 1945 Wirtschaft als unanständige und sozial schlecht angesehene Betätigung angesehen wurde, die Beamten, Soldaten, Bauern und Handwerkern unwürdig sei,  wurden Economics als Hauptinhalt der Re-Education aus den USA importiert. Die Deutschen erwiesen sich bis heute als äußerst geschickte und gelehrte Schüler. Sie lesen die Evangelien von Keynes und Hajek und wallfahren noch immer nach Boston und Chicago.
Aber selbst in Handelsblatt und FTD verkündet man nicht mehr stolz die reine Lehre der market economy. Nur an den Instituten für Volks- und Betriebswirtschaft herrschen noch vatikanische Zustände. Dort pflegt man noch eine deutsche Idee zur Vereinbarung von Wirtschaft und „traditionellen“ Werten: Die Soziale Marktwirtschaft. Diese hat zumindest offiziell keine Gegner mehr. Es gibt keine Definition von ihr. Sie gilt als das Gute, das das Böse der Wirtschaft etwas mindern soll. In den USA nennt man das charity, Wohlfahrt.
Dan JohnsonDer Wirtschaftsjournalismus muss mit sinkenden Auflagen leben. Süddeutsche und Frankfurter Allgemeine haben die Rubrik „Wirtschaft“ von „Geld“ bzw. „Finanzen“ getrennt. Mit Brandeins gibt es ein Wirtschaftsmagazin, dass sich dem Guten und Edlen der Wirtschaft verschrieben  hat.
Das hat allerdings nicht verhindern können, dass seit der angeblichen Weltfinanzkrise Wirtschaft in Deutschland kein beliebter Begriff ist und das Studium derselben sehr an Prestige verloren hat. Seit Jahrzehnten werden zudem Wirtschaftsminister ernannt, deren politische Bedeutungslosigkeit und fehlende Sachkenntnis den Schluss nahelegen, der lange drittgrösste Wirtschaftsstaat der Erde benötige keine wirtschaftliche Lenkung.
Der stärkste empirische Befund zur Bedeutungslosigkeit der Kombination beider Begriffe liegt allerdings in dieser Webseite: Gibt man „Philosophie+Wirtschaft“ in den Suchmaschinen ein, gelangt man zu dieser nicht gerade hochfrequentierten Seite.
Ich darf bemerken: Beide Begriffe haben zu Recht an Aufmerksamkeit verloren.

lena echtDie Frage ist, welche Begriffe nun kommen, ob überhaupt noch Begriffe, ob nicht Videos von Lena Meyer-Landrut (rechts) und industriell betriebenen Massenmorden der Öffentlichkeit das liefern, was als „Identität“, „Echtheit“, „Wahrheit“ und „Werte“ einst mit der Philosophie und zeitweise zumindest mit der Sozialen Marktwirtschaft assoziiert wurde.