Mit ‘Wirtschaftswissenschaften’ getaggte Artikel



Glasnost in den Wirtschaftswissenschaften?

09. April 2011 von Alexander Dill
Sachverständigenrat

Noch immer hört die Regierung auf die "Wirtschaftsweisen"

Die Wirtschaftswissenschaften haben den fast täglichen Crash ihrer skuril-archaischen Glaubensweisheiten bisher völlig ohne Blessuren überlebt. Sie sind damit weitaus stabiler als die Finanzen der Banken, vieler Unternehmen und die der treu auf ihre wirtschaftspolitischen Berater hörenden Regierungen etwa von den USA, Island, Irland, Griechenland, Ungarn, Großbrittanien, Portugal und jüngst Belgien.
Nicht ein einziger Professor wurde hinausgeworfen, kein Institut geschlossen. Keine Universität kommt auf den Gedanken, neue Institute für Wirtschaftswissenschaft auszuschreiben.
Noch immer darf die Ökonomenmafia völlig unwidersprochen die Mitglieder des Sachverständigenrats der Bundesregierung rekrutieren und alle Lehrstühle für VWL und BWL durch gegenseitiges zitieren unter sich als Belohnung für treues Dienen im festen Glauben vergeben.

Der Papst stellt das Zölibat in Frage. Die Ökonomen halten noch immer das wirtschaftliche Eigeninteresse für den produktivsten Motor des gesellschaftlichen Fortschritts und selbst der gigantische Schadensfall von Tepco geht ihnen, um einmal in zeitgemäßer Jugendsprache zu sprechen, völlig am Arsch vorbei.

Jörn Kruse

Revolutionär Jörn Kruse

Alle Kritiker der Wirtschaftswissenschaften verzweifeln daran, dass sie selbst unter wohlmeinenden Zweiflern als nicht kompetent angesehen werden, sofern sie selbst nicht die Weihen dieser edlen Zunft empfangen haben, also aus Perspektive des ökonomischen Konzils ungläubige Ketzer sind.

Auch die führenden Wirtschaftsmedien, insbesondere Handelsblatt, Financial Times Deutschland, Frankfurter Allgemeine und Süddeutsche sowie die dpa haben nach der Finanzkrise keine neuen Redakteure an die Front geschickt. Getreu dem Motto von Erich Honecker heißt es deshalb noch immer täglich im Wirtschaftsteil:

“Die Märkte in ihrem klugen Lauf hält weder Ochs’ noch Esel auf.”

Nachdem seit Jahrzehnten ein Projekt unter dem klugen Titel Post-Autistic-Economics im angelsächsischen Bereich ein Dornröschendasein führt, verdanken wir es nun der hier bereits gelobten agora42, dass uns die Erklärung einer Gruppe von Ökonomen aus dem francophonen Raum zugänglich wird.

Die leider holprig-akademisch geschriebene Erklärung ist insofern wirklich neu, als sie sich erstmals nicht an die Politik richtet, sondern gegen die hermetischen Rituale der wirtschaftswissenschaftlichen Orden selbst. Noch 2009 nämlich haben die gleichen Autoren eine Aufruf mit dem Titel Manifest für eine dem Gemeinwohl dienende Finanzwirtschaft veröffentlicht.  Er richtete sich an Finanzinstitute und deren Aufseher.

Zwei wirklich neue und für akademische Verhältnisse revolutionäre Forderungen fallen in der neuen Erklärung auf:

  • Bei der Einstellung neuer Professoren muss berücksichtigt werden, ob die Kandidaten darauf ausgerichtet sind, sozio­ökonomische Probleme zu lösen und ob sie der Ethik, der Stabilität und Nachhaltigkeit des Wirtschafts­ und Finanzsystems verpflichtet sind.
  • Die Bewertungskriterien der Forschung müssen erweitert werden, um die Eignung der ausgewählten Forschungsziele einzubeziehen, den Inhalt und den interdisziplinären Charakter der publizierten Artikel oder Bücher zu prüfen und nicht allein die Anzahl der Publikationen in gewissen monolithischen Zeitschriften zu registrieren.
Wir sind Revolution

Revolutionäre Ontologie 2011

Wer mich und meine Arbeit ein bißchen näher kennt, wird verstehen, dass ich diese frommen Vorsätze dem Stresstest meines Habilitationsantrages an den Lehrstühlen der Unterzeichner des Appells unterziehen werde.

Übrigens hat agora42 am 28. und 29. März dieses Jahres einen Stuttgarter Kongress veranstaltet, bei dem die Ergebnisse der leider weitgehend unbeachteten Ausschreibung Wir sind Revolution vorgestellt wurden. Vier revolutionäre Konzepte haben es in die Endrunde der Juroren geschafft. Eines davon, das des Hamburger Professors  an der Bundeswehrhochschule Helmut Schmidt Universität, Jörn Kruse,  möchten wir hier zur Rezension freigeben.

In einem Staat, in dem bereits die Direktwahl des Bundeskanzlers als revolutionäres Projekt prämiert wird, müssen sich die herrschenden Eliten keine Sorge um ihre Pfründen machen. Erst recht nicht, wenn Beamte wie Kruse gleich selbst die revolutionären Konzepte verfassen. Der Begriff Revolution von oben bekommt dann ein Gesicht. Selbst der Redaktion der senilen Besitzstandsverwaltungspostille Vorwärts war das zu wenig. Wo bleibt die Revolution? titelten sie ihre Besprechung.

Die eigene Teilnahme haben wir leider versäumt, da die Frist zur Einreichung revolutionärer Ideen am 28. Januar 2011 bereits vorüber war.

Das Grossman-Stiglitz-Paradox an der Grenze des Denkens

09. Juni 2010 von Alexander Dill
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Im Jahre 2001 erhielt Joseph Stiglitz den Nobelpreis für seine Theorie der asymmetrischen Information. Ein Grund für die Vergabe war das sogenannte Grossman-Stiglitz Paradox. Es ist sehr selten, dass Wirtschaftswissenschaften einen Impuls für interdisziplinäre Grundlagenforschung geben. Sie hängen selbst nur am Tropf der empirischen Sozialwissenschaften und an den Lehrsätzen der Mathematik. Sie betreiben selbst keinerlei Grundlagenforschung, es sei denn, man möchte die Spieltheorie der Grundlagenforschung zurechnen - und damit das legendäre Prisoners Dilemma zur Einstein’schen Relativitätstheorie upgraden.
Das Grossmann-Stiglitz-Paradox ist weder in den Wirtschaftswissenschaften und noch weniger außerhalb stärker rezipiert worden. Es besteht eigentlich nur aus einem Satz, der komplexe Finanzprodukte wie Derivate betrifft: “Wenn Märkte in der Bewertung von Information wirklich effizient wären, also Art und Umfang der Information in der Preisbildung wiedergeben würden, dann würde kein Marktteilnehmer Grund dafür haben, die für die Preisbildung nötigen Informationen selbst zu erheben.”
1781_Paradoxon_Gabriels_Horn_102883Man kann über diesen Satz länger nachdenken, ihn auf sich wirken lassen. Mir ist es dabei so gegangen, dass mir die Konsequenzen dieses Satzes für jede Art von philosophischem Denken bewußt wurden. Ich bezog ihn gar nicht auf Derivate, auf CDO und CDS, ABS und Optionen. Ich wollte aber die Totalität dieses Satzes zunächst nicht zulassen. Sie erschien mir unerträglich. Das klingt pathetisch.
Wenn wir uns aber das Grossmann-Stiglitz-Paradox anders denken, ohne Märkte und Marktteilnehmer, wenn wir Information durch Wirklichkeit oder Wahrheit ersetzen, dann könnte der Wirtschaftsforscher Stiglitz an die Grenzen der menschlichen Erkenntnis gestoßen sein. An die Schallmauer des Denkens. An die Lichtgeschwindigkeit der formulierbaren Gedanken.
Wie das?
Ich habe das Paradox einmal umformuliert:
22082009126“Wenn die Wirklichkeit selbst etwas über sich aussagen würde, wenn also alles, was wir als Wirklichkeit wahrnehmen, von dieser bestätigt würde - warum gäbe es dann Philosophie und Religion?”
Auch über diesen Satz kann man länger nachdenken. Das Ergebnis ist nicht unbedingt angenehm, falls man sich als Logiker fühlt. Entweder offenbart sich die Wirklichkeit selbst und beantwortet damit alle Fragen. Oder es gibt keine Wirklichkeit. Oder?