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AKTUELLE VERANSTALTUNGSHINWEISE
12.12.2010
Zeitgenuss an den Quellen der abendländischen Philosophie - Denkwochen 2011 im Château dâOrion
Je gefangener wir in Beruf und Routine sind, desto schwerer fällt es uns, uns geistig zu öffnen. Denkprozesse ausserhalb Gewohntem bleiben auf der Strecke. Dabei drängen sich gerade heute viele existenzielle Fragen auf: Erleiden wir den Verlust elementarer Werte? Sind Bilanzen wichtiger als werteschaffendes Verhalten? Was tun, um Gesellschaft und Wirtschaft in andere Bahnen zu lenken? Fragen, die jeden von uns etwas angehen.
Oft vergessen wir, was unser humanistisches Erbe uns mitgegeben hat. Die Würde, das Glück und Wohlergehen des Menschen und der Gesellschaft sind das höchste Ziel, das es zu erreichen gilt, wobei der sich stetig weiterbildende Mensch und dessen schöpferische Kraft die fortschreitende Höherentwicklung der Menschheit vorantreibt. Diese Weltanschauung ist die eigentliche Basis für unser Selbstverständnis im Jetzt und für die Gestaltung einer "besseren" Zukunft.
Mit dieser humanistischen Grundüberzeugung im Auge werden die Denkwochen initiiert, die engagierte Menschen, zum nach-, vor-, über- und quer denken einladen. "Da wir uns im Alltag, im beruflichen und kulturellen Leben oft mit Exzerpten und Zitaten begnügen müssen, bleiben wir am geistigen Fastfood kleben. Die Denkwochen von ad fontes bieten dazu ein Kontrastprogramm, einen Weg, zu den Quellen zu gelangen und an das Wesentliche zu rühren", so die Initiatorin von ad fontes und Veranstalterin Elke Jeanrond-Premauer, "Ziel der Denkwochen ist es, zu inspirieren und zu entspannen, Impulse zu geben für Beruf und Privatleben, anregende und aufgeschlossene Menschen zusammenzubringen, Bildung und Begegnung zu fördern und gemeinsame Zeit zum Denken und Genießen zu bieten."
Wie das Programm so verspricht auch die Umgebung Anspruchsvolles. Im stilvollen, geschichtsträchtigen Château dâOrion http://www.chateau-orion.com, einem Landschloss eingebettet in sanfthügeliger Landschaft zwischen Pyrenäen und Atlantik, finden die Denkwochen 2011 statt.
Weitere Informationen unter: www.denkwochen.de und www.ad-fontes.net
AUS DEN MEDIEN
12.12.2010
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Hurra, wir tilgen |
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Deutsche |
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Tilgungsinitiative |
Soziales und reales Kapital soll Deutschland entschulden
Montag, 13.12.2010: Die deutsche Tilgungsinitiative geht "live". "Deutschlands Staatsschulden betragen zur Zeit 1,8 Billionen Euro, die drückende Gesamtschuld wird bald bei 85% der Wirtschaftsleistung liegen. Gleichzeitig hat sich das Privatvermögen der Deutschen in den letzten 10 Jahren um 83% auf 8,2 Billionen Euro vermehrt. Wir Deutsche müssten demnach nur etwa 20 % unseres privaten Geld- und Grundvermögen dem Staat übergeben und Deutschland wäre schuldenfrei", stellt Alexander Dill, der Begründer der Initiative fest.
Die politfreie Tilgungsiniative setzt auf Freiwilligkeit und will Druck auf den Staat mittels bekundetem und gelebtem Bürgerwillen ausüben. Ziel: Endlich mit Deutschlands Entschuldung zu beginnen. Tilger Nummer 1 ist der Mannheimer Literaturprofessor Jochen Hörisch. Die literarische Vorlage für die Tilgungsidee bildet Thomas Manns Roman "Königliche Hoheit". Darin rettet ein Milliardär den Staat vor dem Bankrott. "Der Roman entwickelt keine andere Idee als die, dass es sich in jeder Weise lohnt und rechnet, wenn private Reichtümer für die Tilgung der Staatsschulden eingesetzt werden. Denn zumindest in Demokratien gilt: der Staat â das sind wir selbst", so Hörisch.
Der Gedanke erscheint zunächst schlicht, ist aber bei genauerer Betrachtung nichts weniger als der Aufruf zu einem Paradigmenwechsel. Die Bürger sollen sich über politische Hürden hinwegsetzen und drängende Probleme selbst in die Hand nehmen statt Verantwortung für die Gesellschaft Anderen zu überlassen. Eine Idee, die sich bisher - wenn überhaupt - eher in kleineren, lokalen Bürgeriniativen materialisiert hat. Es bleibt abzuwarten ob es wirklich gelingen wird die breite Masse zu moblisieren und dazu zu bewegen einen Teil ihres Vermögens ohne Zwang abzugeben. Aber so oder so: Die Tilgungsiniative ist auf jeden Fall eines der raren Beispiele für in der Praxis gelebte Philosophie.
Wer sein soziales und reales Kapital zur Entschuldung Deutschlands einbringen will, kann es hier tun: http://www.hurrawirtilgen.de
14.08.2010
Philosophische Ökonomik â keine Frage der Moral
P&W Interview mit DR. WOLF DIETER ENKELMANN, Institut für Wirtschaftsgestaltung, München
Dieses Interview erscheint in Küze in der neuen Ausgabe des E-Journals Philosophie und Wirtschaft.
?P&W: Sie thematisieren als einen Ihrer Aufgabenschwerpunkte "philosophische Ökonomik". Wo sehen Sie für Ihre Tätigkeit besondere Schwerpunkte? Gibt es eine Abgrenzung in den Begrifflichkeiten "Ökonomik" und "Ökonomie"?
!Dr. Enkelmann: Der Begriff Ökonomik wird allgemein dann verwendet, wenn es um die Unterscheidung zwischen Ökonomie als ökonomische Praxis und der ökonomischen Theorie, um die Wissenschaft von der Ökonomie also, geht. Und mit dem Begriff der philosophischen Ökonomik wird eine Differenzierung innerhalb der ökonomischen Wissenschaft benannt. Die Philosophie wendet sich dem Thema Ökonomie in mancherlei Aspekten in anderer Weise zu, als es die aktuelle Mainstream-Ökonomik macht. Das betrifft sowohl die inhaltliche Ausrichtung der Fragestellungen als auch die Methodologie. Daher ist die philosophische Ökonomik für uns genau genommen nicht ein spezifischer Aufgabenschwerpunkt, sondern vielmehr Ausdruck unserer Überzeugung, wie die Erkenntnis des Wirtschaftslebens mit den größten Erfolgsaussichten vorangetrieben werden kann.
?P&W: Schon in der antiken Philosophie finden sich konzeptuelle Ansätze zur Ausgestaltung einer Weltwirtschaft. Können Sie dies exemplarisch umreißen? Kann man daraus Analogien für Entwürfe unseres heutigen modernen Wirtschaftslebens ziehen?
!Dr. Enkelmann: Nehmen wir zum Beispiel Platon, der sich ja sehr kritisch mit der politischen Ökonomie auseinandergesetzt hat. Zum einen hat er sich energisch für die Klärung des Verhältnisses von Philosophie und ökonomischem Opportunismus engagiert, also zwischen Wahrheitsliebe und ökonomischem Erfolg. Das ist politisch und kulturell von großer Bedeutung. In der Tyrannei, überall also, wo allein das Recht des Stärkeren zählt, fallen nämlich Erfolg, Macht, Reichtum, Güte, Wahrheit und Schönheit immer in eins zusammen. Der klassische Despot ist immer der Reichste, der Gute, der Wahre und derjenige, der bestimmt, was schön ist, in einem. Aber auch für die Ökonomie ist die Unterscheidung ¬ sowie ein vernünftiges Verhältnis ¬ zwischen dem Ökonomischen und dem âAnökonomischenâ, wie Jacques Derrida (Falschgeld. Zeit geben I) das dann nennt, elementar. Von dem Ansatz her, dem Platon die Spur gelegt hat, ergeben sich sehr interessante und effektive Perspektiven für all das, was man heute meist unter Wirtschaftsethik versteht und mit den entsprechenden Mitteln zu erreichen versucht.
Ein Zweites, was für die gegenwärtigen Herausforderungen besonders wichtig ist, ist seine Konzeption der Weltwirtschaft. Bislang wird heute Weltwirtschaft als globale Ausdehnung dessen gedacht, was einstmals als Nationalökonomie oder (nationale) Volkswirtschaft entworfen worden war. Nach Georges Bataille (Die Aufhebung der Ökonomie) ist das aber ein Fehler. Er sieht einen grundlegenden Unterschied zwischen den von ihm so genannten âpartialen Ökonomienâ und der âallgemeinen Ökonomieâ. Das geht letztlich auf Platon zurück. Für Platon etwa ist Weltwirtschaft nicht nur die Wirtschaft in der Welt, mit der Natur als äußerlicher und präökonomisch vorgegebener Existenzvoraussetzung. Für ihn ist Weltwirtschaft Wirtschaft der Welt, also eine Totalität einschließlich ihrer Natur (Timaios). Sie ist eine Ökonomie der Entstehung von Welt, und nicht nur von deren Nutzbarmachung. Sowohl, um die Globalisierung zu begreifen, als auch für die Vermittlung von Ökonomie und Ökologie bietet die antike Philosophie daher einiges.
Diese Schöpfungskonzeption der Weltwirtschaft hat aber noch einen weiteren bedeutsamen Aspekt, den gleichfalls Bataille aufgegriffen hat. Indem Welt nicht als fertiger Bestand, sondern aus ihrer Produktion vergegenwärtigt wird, spielt bei Platon nicht wie heute primär die Knappheit die entscheidende Rolle, sondern mindestens ebenso sehr die Verausgabung, das Verschwenderische, die Großzügigkeit. Der Gedanke ist sehr wichtig, da es sonst nämlich prinzipiell keine Behebung des Mangels gäbe, sondern nur Umverteilung, d.h. Übervorteilung und Benachteiligung.
Es gibt ein weiteres Moment, warum es sinnvoll ist, diese Ressourcen der Philosophiegeschichte für die moderne Ökonomie fruchtbar zu machen. Für die Rationalitätskonzeption der modernen Wissenschaft generell spielt die Existenz des Staates und der Demokratie als Herrschaftsform immanent eigentlich keine Rolle, außer der, dass dadurch die Freiheit der Wissenschaft garantiert â und finanziert â ist. Und die große Philosophie der vorangehenden Jahrhunderte hatte bis zur französischen Revolution ganz andere politische Existenzvoraussetzungen, was sich in deren Denken auch niederschlägt. Einzig die Antike war mit den demokratisch rechts- und freistaatlichen Existenzvoraussetzungen bestens vertraut und wußte auch um den elementaren Zusammenhang zwischen Polis und Philosophie (vgl. Gilles Deleuze und Felix Guattari, Was ist Philosophie?). Und vor allem, sie hatten auch bereits den Untergang der Demokratie erlebt und daraus für uns, die wir ja dazu neigen, die heutige bürgerliche Gesellschaft für das Ende der Geschichte und die Vollendung der Zivilisation zu halten, sehr ergiebige Schlüsse gezogen.
Deshalb auch noch ein Wort zu Aristoteles, der nicht nur Bahnbrechendes zum Verhältnis von Ökonomie und Politik beigetragen hat (Politik), sondern sich auch ausführlich und sehr differenziert mit dem Typus des Homo oeconomicus auseinandergesetzt hat. Die ganze âNikomachische Ethikâ ist viel weniger eine moralische als eine ökonomische Schrift. Für Aristoteles ist der Homo oeconomicus die menschliche Grundfigur der bürgerlichen Gesellschaft (vgl. WD. Enkelmann, Europa, nichts als ein Versprechen, Merkur 692/2006). Nur konzipiert er ihn ganz anders, als es heute üblich ist, nämlich nicht als rational agierenden Nutzenmaximierer, sondern als, wie Friedrich Nietzsche übersetzt, "Thier, das versprechen darf" (Zur Genealogie der Moral, 2. Abh.). Gemeint ist das "Zoon logon echon", das berühmte Sprache habende Lebewesen, das ist der Aristotelische Homo oeconomicus. Inzwischen wurde diese Konzeption, wenn auch unbemerkt, auch in den Wirtschaftswissenschaften aufgegriffen, nämlich von Gunnar Heinsohn und Otto Steiger (Eigentum, Zins und Geld), auf deren Werk unlängst Peter Sloterdijk aufmerksam gemacht hat (Das bürgerliche Manifest, Cicero Nov. 2009). Und diesem Begriff des Homo oeconomicus gehört die Zukunft, das ist ganz klar. Ich verweise nur auf Muhammad Yunusâ Micro Finance, das, wo immer es versucht wird, mit großem Erfolg umgesetzt wird.
?P&W: Man kann das Phänomen beobachten, dass vorrangig Geisteswissenschaftler über die Bedeutung von philosophischen Fragen in unternehmerischen Prozessen nachdenken, jedoch solch ein Impuls eher nicht von verantwortlichen Managern selbst kommt. Was meinen Sie, warum ist dies so â selbst nach den Erfahrungen der tiefen Wirtschaftskrise im vergangenen Jahr und deren noch andauernden Auswirkungen?
!Dr. Enkelmann: Na ja, zunächst ist das ja klar: Wer sollte sonst über philosophische Fragen des Wirtschaftslebens nachdenken? Die Kompetenz liegt nun mal primär bei den Geisteswissenschaftlern. Es gibt allerdings durchaus auch Impulse aus den Managementetagen. Es gibt sogar ausgebildete Philosophen auf den Chefsesseln. Man trifft da mehr Nonkonformisten, als man gemeinhin denkt. Aber natürlich sind sie eine kleine Minderheit gegenüber dem Mainstream. Das Problem ist, dass es viel zu wenig philosophische Ausbildungsangebote für Manager gibt. Die Wirtschaftsphilosophie ist im akademischen Betrieb in Deutschland leider eine eher seltene Veranstaltung. In Frankreich zum Beispiel ist das ganz anders. Aber überall fehlt es stark an Vermittlung der freien Gedankenarbeit mit der konkreten Praxis. Die Führungsetagen lernen vor allem nur jene Geisteswissenschaftler kennen, die sich von einem moralischen Standpunkt mit Ökonomie befassen und die ökonomische Rationalität unter moralische Urteile, die sie aus außerökonomischen Quellen beziehen, zu subsumieren versuchen, statt die Ökonomie auf ihren â und einen neuen â Begriff zu bringen.
?P&W: Kommen wir noch einmal auf das Thema der Wirtschaftskrise zurück. Welche wesentlichen Kriterien eines unternehmerischen Ethos sollte Ihrer Meinung nach die Richtschnur für global agierende Unternehmen oder Unternehmer bilden, und vor allem â wie könnte man dies tatsächlich praktisch umsetzen?
!Dr. Enkelmann: Nun, ich halte die Wirtschaftsethik im Allgemeinen für überschätzt. Ich weiß nicht, woher man die Überzeugung gewinnt, dass Moral oder Ethik so heilsbringend und allein selig machend ist, dass man alle Hoffnungen auf Rettung auf sie setzt. Zumindest in der Theorie ist die moderne Ökonomie als solche ja auch bereits eine Schlußfolgerung auf das Scheitern moralischer Intentionen. Adam Smith etwa war Moralphilosoph und hat seine Ökonomik als einen besseren Weg empfunden und als neue Chance, das moralisch Erwünschte eventuell einmal wirklich zu erreichen, statt dies nur ewig zu fordern und den Mißerfolg zu beklagen. Und heute versucht man nun, die Ökonomie wieder unter â oft genug noch dazu vormoderne und dem Feudalismus verpflichtete â Moralkonzeptionen zu subsumieren.
Also ich halte es in diesem Fall lieber mit Karl Marx, der auch schon gefordert hatte, die Sache nicht mit moralischem Eifer, sondern mit wissenschaftlicher Gründlichkeit anzugehen. Für mich ist nicht die Frage, ob es an Moral fehlt, sondern: Wie rational â oder vernünftig â denken wir Wirtschaft eigentlich wirklich? Diese Krisen resultieren ja gar nicht so sehr nur aus moralisch inkrimierbarem persönlichem Versagen, sondern wesentlich auch aus Systemzwängen. Sind sie nicht Ausdruck dessen, wie wenig wir wissen, was wir tun, und wie wenig wir mit dem intellektuellem Handwerkzeug, das uns bisher zur Verfügung steht, in den Griff kriegen können? Wir brauchen, denke ich, noch ein ganz anderes Denken, als uns heute zur Verfügung steht. Wir denken die Ökonomie in vielerlei Hinsicht, auch methodologisch, noch nicht ökonomisch genug oder auch überhaupt noch nicht ökonomisch, sondern zum Beispiel viel zu mechanistisch. Woanders ist das mechanistische Weltbild längst verabschiedet, nur in der Wirtschaft stutzt niemand, wenn von "Marktmechanismen" die Rede ist.
Was konkret die Finanzkrise angeht: Wissen wir zum Beispiel, was Geld überhaupt ist? Da gibt es ein Fülle von Theorien voller Irrungen und Wirrungen, teils verrückte Sachen von sogar sehr namhaften Autoren. Inzwischen habe ich den Eindruck, das läßt sich auch nur mit Philosophie klären. Wir brauchen eine Philosophie des Geldes, nicht nur eine entsprechende Volkswirtschaftslehre, und dann eine praktische Verwirklichung dieser Philosophie. Ich setzt da mehr auf den Unternehmergeist als auf das unternehmerische Ethos. Und die Finanzökonomie muß philosophisch werden. â Die Probleme resultieren nicht daraus, das zu sehr ökonomisch gedacht wird, sondern zu wenig, und falsch und vor allem nie zu Ende. Die Gesellschaft willâs noch viel zu wenig wissen und ersatzbefriedigt sich zu sehr mit ihren moralischen Urteilen. Urteile sind aber noch keine Erkenntnis und keine Handlungsanleitung. â Was die praktische Umsetzung angeht, meine ich auch, das ist mehr eine Herausforderung der politischen Willensbildung als eine der ethischen Einstellung. Und vor allem braucht man nicht zu glauben, man könnte aus der vermeintlich richtigen systematischen Einsicht einfach so mit Macht und moralischer Inbrunst die Eigendynamik der Geschichte aus den Angeln heben.
Etwas gut zu machen, lernt die Menschheit aus dem Leiden. Billiger ist das Bessere nicht zu haben. Es ist immer ein Drama. Ein bißchen mehr dramatisches Bewußtsein vom eigenen Handeln im Management und bei den Investoren, mehr Mut zur Unbestechlichkeit im Kopf und in der Magengegend, statt allein einem positivistisch-technoiden Opportunismus zu vertrauen, das wäre schon gut, realistischer vor allem und zukunftsträchtiger. Mehr Dankbarkeit, würde ich gerne hinzufügen, wenn ich nicht befürchten müßte, dass man diesen urökonomischen Begriff moralisch mißversteht.
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Dr. Enkelmann ist Direktor des Münchner Instituts für Wirtschaftsgestaltung. Er studierte Philosophie, Kommunikationswissenschaften, Soziologie und Geschichte. Nach Jahren in Forschung und Lehre an der Universität München und philosophischer Praxis im Kunst- und Kultursektor sowie in der Wirtschaft verantwortet er seit 2001 die inhaltliche und systematische Ausrichtung der Forschungsarbeit am IfW. Im Fokus seiner wissenschaftlichen Tätigkeit stehen vor allem die spekulativen Formen ökonomischer Vernunftbildung sowie die Rekonstruktion wirtschaftlichen Denkens in der philosophischen Tradition.
26.09.2009
Von ehrbaren Kaufleuten, Marktschreiern, Waffenhändlern und Bankern
"Was ist der zivilisatorische Sinn menschlichen Wirtschaftens?", fragt Hartwig von Schubert in seinem Artikel "Die Krise meistern", erschienen am 25.9.2009 im Harvard Business Manager online.
Das Gros der Manager scheint mit der Einstellung "Moral ist gut solange sie meine Geschäfte nicht stört" bequem und ungeniert zu leben. Ja, warum eigentlich soll ein Geschäftsmann ethischen Maximen folgen, wenn doch Gewinnmaximierung ein in der Wirtschaft wie Gesellschaft anerkanntes Handlungsmotiv ist. "Weil er will!", meint von Schubert. Denn frei nach Kant ist der Wille der Ursprung freier Entscheidung. Deshalb trägt für Kant ausschließlich der gute Wille das Prädikat gut und allein der böse Wille das Prädikat böse. Alle Talente, Instrumente, Strukturen, Prozesse und Effekte sind nur unter der Voraussetzung als moralisch gut oder schlecht zu qualifizieren, sofern ein freier Wille dahinter steht und nicht etwa eine Laune des Schicksals oder die Abhängigkeit von Neigungen und Trieben. Das Urteil über ein Geschäftsmodell spricht zunächst der Markt, aber am Ende sprechen es die Menschen, die - wie jüngst in der Bankenbranche geschehen - einem ganzen Markt das Vertrauen entziehen können.
Halten Manager diese Regeln ein oder mehr noch, sind sie verantwortungsbewusst und achten auf Nachhaltigkeit bei ihren Entscheidungen, handeln sie auf der Basis moralischer Vernunft und im Sinne einer Gesellschaft, in denen jeder die selben Wirtschaftsbürgerrechte und âpflichten wahrnimmt.
Warum Waffenhändler durchaus ethisch handeln können und Marktschreier mit Bankjongleuren zu vergleichen sind, können Sie hier nachlesen: http://www.harvardbusinessmanager.de/heft/artikel/a-638722.html.
04.07.2009
Geliehene Macht
Seit der Finanzkrise sind sie noch zahlreicher geworden - die geschassten Topmanager. Und Deutschland ist Weltmeister: 2008 musste jeder 6. seinen Thron, meist unfreiwillig, räumen.
Wie einst gefeierte Helden des Kapitalismus den plötzlichen Machtverlust empfinden und was Macht bewirken kann, erläuterte Jens Tönnesmann in der Ausgabe 27/2009 der Wirtschaftswoche: So menschlich das Streben nach Macht ist, so unmenschlich erleben viele deren Verlust. Macht ist mehr als Geld und Ansehen, sie bietet die Möglichkeit Einfluss zu nehmen sowie über Sachen und Menschen zu bestimmen.
Machtverlust kann dann wie ein kalter Entzug wirken. Selbst großzügige Abfindungen und Pensionszusagen können den Abtritt kaum versüssen. Sinnlosigkeit und innere Leere statt Besprechungen und Einflussnahme â der Machtmensch ist einflüsssüchtig.
Weitere durch Studien bewiesene Erkenntnis: Macht macht kurzsichtig. Je einflussreicher jemand ist, desto eher rechnet er Erfolge sich selbst zu während er für Misserfolge andere verantwortlich macht. Und kaum einer mag Macht freiwillig abgeben.
Auch Widerspruch wird nicht geduldet. Kritik wird nicht als Möglichkeit zur Selbstreflexion und zum Lernen verstanden, sondern wird ignoriert, abgewehrt und bestenfalls als Störung angesehen. Nicht wenige Top-Manager bauen sich ein Team von Ja-Sagern um sich herum auf, das sie permanent bestärkt. Die Fähigkeit Kritik zu ertragen, nimmt mit dem Erklimmen der Karriereleiter ab.
Das Rezept zur Vorbeugung? Gegenwelten aufbauen [1] und im dem Bewusstsein leben, dass die Macht des Managers eben nur eine auf Zeit geliehene Macht ist! [2]
[1] siehe auch "Neue Manager braucht das Land" Ein Beitrag von Michael Egli über integratives Management in Philosophie & Wirtschaft, Ausgabe 18.
[2] Frei nach dem Artikel "Ausser Dienst" Wirtschaftswoche 27/2009, Seite 66
27.06.2009
Ist noch etwas zu retten? - FAZ.NET Serie über die Zukunft des Kapitalismus
"âWohlstand für alleâ - hinter diesem Leitbild versammelte sich einmal ganz Deutschland, nicht nur in Parteipamphleten und politischen Sonntagsreden, sondern in der konkreten Lebenswirklichkeit. Das war zu einer Zeit, âdie immer weitere und breitere Schichten unseres Volkes zu Wohlstand zu führenâ vermochte, wie sich das der politische Vater der Sozialen Marktwirtschaft, Ludwig Erhard, zum Ziel gesetzt hatte. Erhards Kalkül war dabei recht einfach: Die Politik müsse nur dafür sorgen, dass der Kuchen wachse, dann würde für alle ein entsprechend größeres Stück davon abfallen."
Mit diesem Rückblick eröffnete Thomas Strobl im Mai diesen Jahres die FAZ.NET Serie über die Zukunft des Kapitalismus. Martin Walser, Paul Kirchhof, Peter Sloterdijk, u.a. diskutieren in Ihren Beiträgen Pros und Contras des Kapitalismus in seinen verschiedenen Ausprägungen sowie über seine Zukunftstauglichkeit.
Unser Prädikat: Besonders lesenswert!
15.05.2009
Wirtschaftsphilosophie und das "Wahre, Schöne und Gute"
Das IfW wird zum "Deutschen Zentrum für Wirtschaftsphilosophie" ausgebaut
Ehrgeizige Ziele hat das Institut für Wirtschaftsgestaltung: Die Wirtschaftsphilosophie soll bis in 10 Jahre als akademischer Standard etabliert werden. Die Notwendigkeit der philosophischen Ökonomie ist klar erkannt und besonders deren zwischen Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft vermittelnde Kompetenz ist gefragt, so Dr. Wolf Dieter Enkelmann, Mitbegründer des IfW.
Einen Einblick in die Weite dieses philosophisch-ökonomischen Denkens gibt die vom IfW gestaltete Philosophie-Depesche. "Was ist Citizenship?" Dieser Frage wird ebenso nachgegangen wie der nach "fluidaler Vernunft". Berichte u.a. über Studien, Neues aus Forschung und Lehre, Veranstaltungshinweise zu wirtschaftsphilosophischen wie zu kulturellen Events machen die Depesche zu einer wohltuenden, bunten Kostprobe philosophischer Möglichkeiten.
Die Philosophie-Depesche vom April 2009 kann hier geladen werden:
und bei Nicole Wiedinger n.wiedinger@ifw01.de abonniert werden.
Weitere Informationen unter: http://www.ifw01.de
Zum IfW siehe auch P&W Nachricht vom 07.01.2008: http://www.philosophieundwirtschaft.de/nachrichten.php#IFW
24.02.2009
Ethikvermittlung in der wirtschaftswissenschaftlichen Lehre
Kirsten Ludowig beschreibt im Tagesspiegel vom 22.2.2009 den Status der Ethik an den wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten Deutschlands und wirbt für mehr "Moral für Manager". Sie sieht eine steigende Bedeutung von Ethik in der Lehre. Diese wachse vor dem Hintergrund der gesamtwirtschaftlichen Entwicklungen, den immer wieder in die Öffentlichkeit dringenden Skandalen über Profitsucht, Lustreisen und Bespitzelung sowie dem steigenden Anspruch an Unternehmen und an die Verantwortung der Manager seitens der Bürger. Gerade in Deutschland sei der Weg dahin jedoch steinig, Ethik als fester Bestandteil eines wirtschaftswissenschaftlichen Studiums keineswegs selbstverständlich. Vorbehalte gebe es auch unter den Studenten, die ethische Themen außerhalb der Unternehmen sehen oder auch als trivial und empirisch nicht untermauert betrachten.
Dozenten der Wirtschafts- und Unternehmensethik wie Ingo Pies, Professor am Lehrstuhl für Wirtschaftsethik der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, halten dagegen, dass "erfolgreiche Manager Moral als Produktionsfaktor einsetzen und Bindungen eingehen, die bei ihren Kapitalgebern, Mitarbeitern, Kunden und Lieferanten produktive Gegenreaktionen auslösen". Pies sieht den Schwerpunkt der ethischen Lehre für Wirtschaftswissenschaftler in der Vermittlung wie man in einer wertepluralistischen Gesellschaft einen Regelkonsens herstellt und damit auch der Verantwortung im Manageralltag gerecht wird. Die Studiengänge und Kursangebote vermitteln Grundwissen über Ethik, Seminare und Fallstudien dienen zur Vertiefung. Auch Rollenspiele und Gruppenexperimente werden eingesetzt.
Der Artikel ist online nachzulesen: www.tagesspiegel.de/magazin/karriere/art292,2735609
08.01.2009
Hippokratischer Eid für Manager
Einheitliche Ausbildung und Standesregeln für Manager fordern Rakesh Khurnana und Nitin Nohria in ihrem Beitrag "Die Neuerfindung des Managers", erschienen in der neuesten Ausgabe des Harvard Business Managers (Ausgabe Januar 2009, Seite 21).
Mit der Professionalisierung des Managerberufs und der Einführung von Standesregeln ähnlich wie bei Ärzten und Juristen kann zwar nicht erwartet werden, dass jegliches Fehlverhalten verhindert wird, jedoch kann ein Kodex als Identifikationsmittel dienen und das Verhalten von Führungskräften positiv beeinflussen â so die Autoren. In dem Bewusstsein, dass Unternehmen soziale Gebilde sind, misst der "neu erfundene" Manager der Vereinbarung von wirtschaftlichen Zielen und Unternehmensinteressen mit gesellschaftlichen Zwecken eine besondere Bedeutung zu. In seinem Selbstverständnis ist er sogar "Diener der Gesellschaft als TreuhänderâŚmit der Aufgabe dem Interesse der Öffentlichkeit zu dienen, in dem er den Wert vermehre, den sein Unternehmen für die Gesellschaft schafft. Nachhaltiger Wert - so heisst es weiter - entsteht, wenn es [das Unternehmen] ein rentables, soziales und umweltverträgliches Ergebnis erzielt, das messbar grösser ist als die Opportunitätskosten aller hierfür aufgewendeten Ressourcen."
Im Folgenden werden sieben Punkte einer Selbstverpflichtung entworfen, zu denen sich der Manager bekennen soll. Kernpunkte dieser sieben Standesregeln sind:
1. Vereinbarung der Ziele aller verschiedenen Interessengruppen.
2. Zurückstellung der Eigeninteressen vor denen des Unternehmens.
3. Kenntnis von relevanten Verträgen und Gesetzen sowie das Streben, dass diese eingehalten werden.
4. Förderung der Transparenz von Leistungen und Entscheidungen.
5. Verhinderung von Diskreminierung.
6. Leitung auf der Grundlage von Wissen, Austausch mit Kollegen und Weiterbildung.
7. Verkörperung, Schutz und Weiterentwicklung der Standards.
Kontakt: rkhurana@hbs.edu und nnohria@hbs.edu
Eine Kopie des vollständigen Artikels kann bestellt werden unter: 040-3007-2922 oder leserdienst@harvardbusinessmanager.de
29.09.2008
Religion und Management an der Universität Zürich
Einen bemerkenswert breiten Raum nimmt das Fach Ethik an der Universität Zürich ein -- in philosophischer, theologischer und biomedizinischer Ausrichtung. Mit dem Thema "Religion und Management" befasst sich ein Forschungsprojekt am Institut für Sozialethik. Die Leitung hat Prof. Dr. Markus Huppenbauer.
In der Projektbeschreibung wird von vermeintlichen Gegensätzen zwischen religiösen Orientierungsangeboten auf der einen Seite und der ökonomisch-rationalen Welt des Managements auf der anderen Seite ausgegangen. Das zeigen, so heißt es weiter in der Projektbeschreibung, als Gegensätze aufgefasste Begriffspaare wie etwa Spiritualität und Effizienz, Lebenserfahrung und instrumentelle Rationalität oder Unerklärbarkeit und Machbarkeit.
In seinem Forschungsprojekt nimmt Prof. Huppenbauer diese angeblichen Widersprüche kritisch unter die Lupe, indem er die Rolle des Individuums in Situationen untersucht, in denen es Orientierung braucht. Die Leitthemen sind: Entscheidungsfindung unter Bedingungen der Unsicherheit, Selbstachtung sowie die Integration und Einhaltung moralischer Standards in Unternehmenskontexten.
Das bis Ende Dezember 2010 laufende Projekt wird in Zusammenarbeit mit Dr. Simon Grand von der Universität St. Gallen durchgeführt.
Weiter Interformationen unter www.ethik.uzh.ch/ise.html und http://www.research-projects.uzh.ch/p7573.htm
14.09.2008
"Wirtschaftsphilosophie" bei Wikipedia
Im Internet-Lexikon Wikipedia gibt es jetzt auch einen Beitrag unter dem Stichwort "Wirtschaftsphilosophie". Der Begriff wird grundlegend erklärt, und es werden Beispiele für Teilgebiete und Themen angeführt. Literaturhinweise und Weblinks runden den Artikel ab.
Dieser Link führt zum Artikel: de.wikipedia.org/wiki/Wirtschaftsphilosophie
25.08.2008
"Manager brauchen jemanden, der ihnen einen Spiegel vorhält"
"Mir fällt auf, dass sich die Manager immer ähnlicher werden", sagt der renommierte Personalberater Dr. Hermann Sendele von Board Consultants International, München, in einem Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Die Personalauswahlsysteme seien viel zu sehr auf die Absolventen der internationalen Elitehochschulen ausgerichtet. "Diese Leute sind sehr selbstbewusst, sie haben gelernt, wie sie sich am besten verkaufen. Wer anders ist, fällt durchs Raster. Das ist doch absurd. Die meisten Talente entwickeln sich erst im Laufe des Berufslebens", meint Sendele und fügt hinzu: "Manager brauchen jemanden, der ihnen einen Spiegel vorhält." Damit sie nicht als "Mister Important" abheben, seien die Ehepartner das beste Korrektiv. Wenn das nicht gegeben sei, müsse der "Coach" oder Personalberater diese Rolle übernehmen.
Kritisch sieht Sendele auch die deutsche "Aufsichtsratsszene": "Sie müssten sich viel mehr Zeit für ihre Aufgabe nehmen." Gute Aufsichtsräte könnten beurteilen, ob ein Vorstand wirklich gute Leistungen gebracht habe oder ob er nur von der günstigen Konjunktur und einem Aufwärtstrend am Aktienmarkt profitiert habe. Die deutschen Aufsichtsräte seien viel zu sehr von sich überzeugt.
Das ganze Interview mit Hermann Sendele, das Julia Löhr geführt hat, kann unter nachgelesen werden. Es wurde am 21. August 2008 in der gedruckten Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung veröffentlicht.
berufundchance.fazjob.net/s/RubE481DAB3A8B64F8D9188F8FE0AB87BCF/Doc~E6EFD93C0C1FF40CA9EFD929F8A52332F~ATpl~Ecommon~Scontent.html
10.07.2008
Münsteraner Studie über Unternehmenskultur und -erfolg ausgezeichnet
Die âMoral der Managerâ und die Frage nach einer âUnternehmenskulturâstehen im Blickpunkt der Öffentlichkeit. Aber gibt es einen Zusammenhang zwischen Unternehmenskultur und Unternehmenserfolg, undwie kann er gemessen werden? Mit diesem Thema haben sich vier Wirtschaftswissenschaftler der Universität Münster in einem Beitrag auseinander gesetzt, der mit der Auszeichnung âBest Paperâ vom wissenschaftlichen Beirat des Journals für Betriebswirtschaftslehre (JfB) ausgezeichnet wurde. Das teilte die Universität in einer Presseinformation mit.
Geehrt wurden die Autoren Prof. Dr. Jörg Baetge, Prof. Dr. Gerhard Schewe, Dipl.-Kfm. Roland Schulz und Dipl.-Kfm. Henrik Solmecke fürihren Beitrag âUnternehmenskultur und Unternehmenserfolg: Stand derempirischen Forschung und Konsequenzen für die Entwicklung eines Messkonzeptesâ. Zu den Juroren gehörten unter anderem Professoren der Universitäten Harvard, Stanford, Pennsylvania State, Zürich,Wien, Graz, Mannheim, München, Frankfurt am Main und Köln.
âFaktoren wie die Unternehmenskultur werden in der Betriebswirtschaftlehre oft übersehenâ, sagte Prof. Baetge. Dabei sei die Unternehmenskultur ein wichtiger Faktor, wenn nicht sogar die entscheidende Grundvoraussetzung für wirtschaftlichen Erfolg. Die vier Wissenschaftler haben es sich daher zur Aufgabe gemacht, bisherige Ansätze, die die Unternehmenskultur messen, kritisch zu diskutieren und ein eigenes Messkonzept zu entwickeln. âMit unserem Konzeptâ, so Baetge weiter, âkönnen wir uns auf der einen Seite ein Urteil über die Qualität der Kultur eines Unternehmens erlauben. Auf der anderen Seite ermöglicht unser Modell aber auch, die Bedeutung der Unternehmenskultur für den Unternehmenserfolg zu identifizieren.â
Die Forschungsidee ist nicht neu: Vor allem in den 90er Jahren hat es zahlreiche Studien gegeben, die den Zusammenhang zwischen Unternehmenskultur und Unternehmenserfolg bestätigten. Indes sind die Studien kaum vergleichbar, da weder die Unternehmenskultur noch der Unternehmenserfolg einheitlich gemessen wurden. âDie Schwierigkeit besteht darin, dass jedes Unternehmen eine individuelle Unternehmenskultur hat. Zum Beispiel kann eine hierarchische Unternehmenskultur in einem Unternehmen funktionieren und in einem anderen Untenehmen kontraproduktiv seinâ, erklärte Prof. Schewe. Aus diesem Grund verwenden die Autoren nur Kernelemente einer Unternehmenskultur, zu denen die Mitarbeiterzufriedenheit oder die Identifikation der Mitarbeiter mit dem Unternehmen gehören. âDie Kernelemente sollten in jeder Unternehmenskultur möglichst stark ausgeprägt seinâ, betonte Baetge. Eine starke Ausprägung dieser Kernelemente, so die Hypothese der Autoren, wirke sich positiv auf den Unternehmenserfolg aus.
Die Auszeichnung ist zusätzlicher Ansporn für ein weiteres interdisziplinäres Forschungsprojekt an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Münster: Das Forschungsteam von Prof. Baetge will in weiteren empirischen Studien nachweisen, dass die Kernelemente Voraussetzung für eine âguteâ Unternehmenskultur und damit auch für wirtschaftlichen Erfolg sind. Ein Team um Prof. Dr. Heribert Meffert vom Marketing Centrum Münster wird den Einfluss der Unternehmensmarke auf den Unternehmenserfolg erforschen. Die beiden Ökonomie-Professoren sind der festen Überzeugung, dass Unternehmenskultur und Unternehmensmarke in einem interdisziplinären Verhältnis zueinander stehen und eine gemeinsame Schnittmenge â die âCorporate Identityâ â haben. Daher soll in dem gemeinsamenForschungsprojekt die Frage untersucht werden, ob ein Unternehmen einen höheren wirtschaftlichen Erfolg erzielen kann, wenn Unternehmensmarke und Unternehmenskultur aufeinander abgestimmt sind.
Näheres unter: www1.wiwi.uni-muenster.de/fakultaet/aktuelles/2008/07/09/5301.php
15.06.2008
Deutsche Bank will Moral und Geschäft verbinden
Die Deutsche Bank will bei ihren Geschäften künftig die moralischen und gesellschaftlichen Aspekte und Auswirkungen stärker beachten. âSoziale Verantwortung muss selbstverständlicher Teil unseres Denkens und Handelns seinâ, erklärt der Vorstandsvorsitzende Josef Ackermann in einer Pressemitteilung der Bank anlässlich der Vorstellung ihres âCorporate-Social-Responsibilityâ-Berichts.
âSchon im ureigenen Interesse müssen wir unserer gesellschaftlichen Verantwortung gerecht werden und mit Wort und Tat zeigen, dass Markt und Moral keine Gegensätze sind, sondern dass die Marktwirtschaft die beste aller bekannten Wirtschaftsordnungen ist â auch in Punkto Moralâ, so Ackermann weiter. Vor diesem Hintergrund richtet die Bank ihren Bereich âCorporate Social Responsibilityâ (CSR) neu aus und will ihr gesellschaftliches Engagement künftig noch stärker in ihre Geschäftsprozesse und geschäftlichen Entscheidungen integrieren. Nach den Worten Ackermanns bestehe die âwichtigste soziale Verantwortungâ jedoch weiter darin, âinternational wettbewerbsfähig zu sein, Gewinne zu erwirtschaften und als Unternehmen zu wachsen.â Ackermann: âNur dann können wir dauerhaft Werte schaffen für unsere Aktionäre, Kunden, Mitarbeiter und für die Gesellschaft insgesamt.â
Auch im vergangenen Jahr hat sich die Deutsche Bank weltweit mit über 80 Millionen Euro finanziell für die Gesellschaft engagiert. Fast die Hälfte davon entfiel auf den Heimatmarkt Deutschland. âWir verstehen dieses Engagement nicht als Wohltätigkeit mit dem Geld unserer Aktionäreâ, so Bank-Chef Ackermann, âsondern als Investition in unsere eigene Zukunft und in die Zukunft der Gesellschaft.â
Ackermann informierte die rund 80 000 Mitarbeiter der Bank rund um die Welt über die neue CSR-Offensive und forderte sie zum Mitmachen auf. Die Bank will das freiwillige, persönliche Engagement ihrer Mitarbeiter künftig finanziell und durch bezahlte Freizeit noch stärker unterstützen. Ein weiterer Schwerpunkt des künftigen CSR-Engagements der Bank wird das Thema Nachhaltigkeit sein. Unter dem Motto âWir setzen auf grünâ bündelt die Deutsche Bank ihre geschäftlichen und gesellschaftlichen Aktivitäten in diesem Bereich in einem globalen âEnvironmental Steering Committeeâ.
Näheres unter: www.deutsche-bank.de/csr/
Die Frankfurter Allgemeine Zeitung kommentiert das Engagement der Deutschen Bank kritisch: In ihrem âCorporate-Social-Responsibility-Berichtâ verkünde die Bank âletztlich Selbstverständlichkeitenâ. Leider würden eben diese von vielen Unternehmen mit dem öffentlichkeitswirksamen Anglizismus-Stempel der âCoporate Social Responsibilityâ versehen. Dabei könne leicht der âVerdacht der Lippenbekenntnisse aufkommenâ. Die Devise âTue Gutes und rede darüberâ scheine hier fehl am Platze zu sein.
Vgl.: âMarkt und Moralâ, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 134, 11. Juni 2008, S. 16.
20.04.2008
Ingenieure lernen, wie Philosophen ticken
Er ist nicht nur einer der einflussreichsten Philosophen, sondern er hat auch das Vokabular der Physik geprägt: Aristoteles. Begriffe wie Technik, Praxis, Energie oder Dynamik stammen aus dem Gedankenfundus des antiken Universalgelehrten â zu einer Zeit, als die Philosophie noch die Sprache der Wissenschaft bestimmte. Diesen historischen Faden nehmen jetzt Philosophen der Technischen Universität Darmstadt wieder auf, indem sie in diesem Sommersemester die Vorlesungsreihe âPhilosophie für Maschinenbauerâ anbieten. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung stellt dieses akademische âNovumâ in Deutschland in einem Beitrag vor.
Sebastian Balzter, der Autor des Artikels, konstatiert zu dieser neuerlichen interdisziplinären Liaison der Philosophen: âEinerseits sind die vermeintlich brotlosen Künste seit einigen Jahren verstärkt daran interessiert, ihre Nützlichkeit unter Beweis zu stellen. Andererseits haben viele Unternehmen erkannt, dass brillante Techniker allein für den Erfolg nicht genügen.â
Balzter erwähnt weitere Beispiele: So sei der Autobauer Audi Partnerschaften mit der Münchner Ludwig-Maximilian-Universität und der Katholischen Universität Eichstätt eingegangen, um gezielt die geistes- und sozialwissenschaftliche Forschung anzukurbeln. In einer technisierten und ökonomisierten Welt habe das Interesse an Denkweisen und Problemlösungen der Philosophie zugenommen. Dieses schlage sich mittlerweile auch im Bewerberprofil von Ingenieuren nieder. Analytische und konzeptionelle Fähigkeit seien gefragt, die über das fachliche Wissen hinausgingen: Sinnfragen und Werte haben wieder Konjunktur, bestätige auch der Hochschul-Experte von Siemens: âWas ist der Sinn eines Unternehmens? Welche Rolle spielen zwischenmenschliche, kulturelle, irrationale Momente in der Wirtschaft? Für solche Fragen müssen auch Ingenieure offen sein, wenn sie aufsteigen wollen.â Daher werde an dieser Stelle die Kompetenz der Philosophen verlangt, so Balzter.
Quelle: âPhilosophie für Maschinenbauerâ, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 92, 19./20. April 2008, S. C 13.
Näheres unter: www.philosophie.tu-darmstadt.de/index.php?id=phil_aktuelles0
31.03.2008
Philosophie und Management-Praxis verbinden: das neue E-Magazin âabsolutumâ
Soeben ist die zweite Ausgabe mit dem Titelthema âGefährliche Managementsituationenâ erschienen. Die erste Nummer des neuen, monatlich erscheinenen E-Magazins âabsolutumâ behandelt das Thema âJob oder Lebensprojektâ. Herausgeber ist der Baseler Philosoph und Managementlehrer Dr. Manual Bachmann. Die Themen der nachfolgenden vier Ausgaben stehen bereits fest: âErfolgreich durch Erfolgâ (3/2008), âDas Wichtigste: Gelassenheitâ (4/2008), âMachtkampf und Managementâ (5/2008) und âWertloses und wertvolles Wissenâ (6/2008).
Das Magazin mit dem Untertitel âPhilosophie für Managementâ wendet sich hauptsächlich an Menschen, die in ihrem Job âtäglich sehr viel gebenâ, betont Bachmann mit Blick auf die erste Ausgabe. Das Magazin will âdirekt anwendbares Orientierungswissen in allen Fragen des Managementsâ vermitteln. Es stelle die âwichtigsten Denkstrategien und philosophischen Erkenntnisse für sinnvolles Managementâ dar, decke âIrrtümer und Denkfehler gängiger Managementlehrenâ auf und gebe Inspirationen für die âSelbstverwirklichung in Beruf und Lebenâ. Die Praxis kommt ebenfalls nicht zu kurz: Mit Fallbeispielen und praktischen Hilfsmitteln führe das Magazin âvon der Idee zur konkreten Verbesserungâ des Management-Alltags.
Wer Näheres wissen oder das E-Magazin bestellen will, kann hier mehr erfahren: www.absolutum.ch
Anmerkung der P&W-Redaktion: Eine interessante, ambitionierte Neuerscheinung mit neugierig machenden Themen. Wir wünschen ihr viele Leser! Es wäre daher gut, den Abonnement-Preis nicht nur in Schweizer Franken anzugeben, sondern auch in Euro.
30.03.2008
Neu: Newsletter der Zeitschrift für Wirtschafts- und Unternehmensethik
Die Zeitschrift für Wirtschafts- und Unternehmensethik (zfwu) startet in Zusammenarbeit mit der CSR News GmbH einen Newsletter. Er informiert in regelmäßigen Abständen über Neuerscheinungen der zfwu und der Schriftenreihe für Wirtschafts- und Unternehmensethik (sfwu) sowie über Veranstaltungen des Berliner Forums.
Näheres und Anmeldung unter: www.feedblitz.com/f/?Sub=369904
Erläuterungen der P&W-Redaktion:
zfwu: Die zfwu versteht sich als wissenschaftliche Fachzeitschrift. Durch ihre interdisziplinäre theoretische und praktische Ausrichtung an der Schnittstelle von Philosophie und Ökonomie stelle sie der Wissenschaft und interessierten Vertretern aus Wirtschaft, Politik und anderen Institutionen ein âwirtschaftsethisches Diskussionsforum auf hohem Niveauâ zur Verfügung, führen die Herausgeber zum Selbstverständnis der Zeitschrift aus. Siehe: www.zfwu.de
Berliner Forum: Die zfwu ist aus dem âBerliner Doktoranden- und Habilitandenforum zur Wirtschafts- und Unternehmensethikâ hervorgegangen. In diesem Kreis treffen sich zweimal im Jahr Doktoranden und Habilitanden, um ihre Forschungsvorhaben zu präsentieren und zur Diskussion zu stellen. Für weitere Informationen siehe: www.berlinerforum.org
CSR News: Diese Informationsplattform befasst sich mit dem Thema âCorporate Social Responsibilityâ. Sie informiert über alles, was im Hinblick auf die gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen âgetan, gedacht und geplantâ werde, betonen die Initiatoren auf den Internetseiten des Mediums.. CSR News, so heißt es weiter, seit neutral und unabhängig. Mehr Informationen unter: csr-news.net
sfwu: In der âSchriftenreihe zur Wirtschafts- und Unternehmensethikâ, kurz: sfwu, sollen vor allem Dissertationen und Habilitationen, aber auch andere Monographien und Sammelbände zur wirtschafts- und unternehmensethischen Diskussion publiziert werden. Näheres unter: www.zfwu.de
27.03.2008
Berliner Diskurs über ethische Prinzipien in der Wirtschaft
Seit 1993 gibt es die Schriftenreihe Ethik und Wirtschaft im Dialog (EWD) des Hans Jonas-Zentrums Berlin. Bis 2007 sind 13 Bände erschienen. Mit dieser Publikationsreihe wollen die Herausgeber â Unternehmer, Philosophen und Wirtschaftswissenschaftler â einen interdisziplinären Diskurs über ethische Prinzipien in der Wirtschaft führen. Das sei âangesichts ökonomischer Restriktionen, marktlichen Konkurrenzdrucks und unternehmerischen Erfolgszwangsâ notwendig, heißt es zur Aufgabenstellung der EWD-Forschungsgruppe.
Untersucht werden ethische Fragen der Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, unternehmensethische Themen und individualethische Aspekte der einzelnen Wirtschaftsakteure. Die Aktualität des Dialogs von Ethik und Wirtschaft werde zwar wahrgenommen und vielfach ausgesprochen, aber der Dialog selbst werde noch zu selten vollzogen, betonen die Herausgeber. Mit ihrer Schriftenreihe wollen sie daher diesen Dialog befördern und dabei ârational und offen für unterschiedliche Standpunkteâ sein.
Näheres zur Schriftenreihe unter: www.lit-verlag.de/reihe/ewidi
Das Hans Jonas-Zentrum Berlin hat folgende Internet-Adresse: www.hans-jonas-zentrum.de
03.03.2008
Studie: Moral ist für Spitzenmanager nicht so wichtig
Steuerskandale, Korruption, hohe Managergehälter, Entlassungen von Mitarbeitern, steigende Unzufriedenheit von Mitarbeitern und Kunden â die Liste ethischer Themen und Probleme in der Wirtschaft ist lang und wird immer länger. Wie halten es die Manager in den Topetagen der deutschen Unternehmen mit der Moral? Wie werden ethische Fragen hier diskutiert? Diese Fragen stellte der Hohenheimer Soziologe Eugen Buß an Aufsichtsratsvorsitzende, Vorstandsvorsitzende und Vorstände der 100 größten Unternehmen in Deutschland. Die Antworten der Manager unterstützen im Ergebnis seine These: Ethische Prinzipien sind in Deutschlands Chefetagen kein Wert an sich. Das schreibt Buß in einem Beitrag für die Frankfurter Allgemeine Zeitung.
Im deutschen Spitzenmanagement sei, so Buß, eine âinsgesamt relativ niedrige Einstufung moralischer Fragenâ festzustellen. Es gebe âwenig Bereitschaft, Entscheidungen stets auch unter ethischen Gesichtspunkten zu prüfen und sich nach Maßgabe moralischer Ideale sachkundig zu machen und zu engagierenâ. Von einer durchgängigen Leidenschaft zu moralisch legitimiertem Handeln könne keine Rede sein. Andererseits stünden die meisten Spitzenmanager ethischen Rahmenbedingungen auch nicht gleichgültig gegenüber. Zumindest komme die Hochschätzung wirtschaftlicher Kriterien nicht automatisch einer Geringschätzung ethischer Fragestellungen gleich, meint der Hohenheimer Soziologe.
Buß zitiert aussagekräftige Managermeinungen, zum Beispiel diese: âEinerseits glaube ich, dass es nicht schlecht um die Moral in den Unternehmen bestellt ist. Ein anderer Punkt sind Fusionen, wo die Belange der Mitarbeiter absolut in den Hintergrund geraten. Da ist die Balance auch nicht mehr ausgewogen. Ich glaube, es gibt heute niemanden, der aus Sorge um die Menschen auf eine Großfusion verzichten würden. Das kann man auch schon als einen Gesichtspunkt der Moral sehen.â Oder diese: âDie Diskussion über Moral ist für mich in erster Linie eine Feigenblattargumentation. Wenn ethische Werte im Argen liegen, greift man zu den üblichen Hilfsmitteln und lädt einen Pater Augustinus ein, der dann etwas über Moralvorstellungen erzählen soll. Ich glaube nicht, dass ethische Grundsätze in den Chef-Positionen verinnerlicht worden sind und tatsächlich gelebt werden.â Und ein letztes Manager-Zitat: âAm Ende wird man am Erfolg gemessen. Man überlebt nicht, wenn man die Moral hochhält.â
Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 48, 26. Februar 2008, S. 14
Prof. Dr. Eugen Buß ist Inhaber des Lehrstuhls für Soziologie und empirische Sozialforschung der Universität Hohenheim in Stuttgart.
Näheres unter: http://www.soziologie.uni-hohenheim.de/ und unter
https://www.uni-hohenheim.de/1597.html?state=wsearchv&search=4&personal.pid=431
04.02.2008
âGlanz und Elend des aufrechten Gangesâ
Welche geistesgeschichtliche Bedeutung hat der âaufrechte Gangâ des Menschen? Was bedeutet es, dass der Mensch als eines der ganz wenigen Lebewesen fähig ist, sich nur auf seinen zwei Beinen fortzubewegen? Diesen Fragen geht der Philosoph Kurt Bayertz vom Philosophischen Seminar der Universität Münster nach. Sein âOpus magnumâ zum Thema âGlanz und Elend des aufrechten Gangesâ wird von der Volkswagen-Stiftung für anderthalb Jahre mit 150 000 Euro gefördert, teilt die Universität Münster in einer Pressemitteilung mit.
Für sein âgroßes Werkâ hat Professor Dr. Bayertz zehn Jahre lang systematisch Material gesammelt. Seine Überlegungen zum Wesen des Menschen beleuchten zweieinhalb Jahrtausende Geistesgeschichte. Bayertz will aus dieser weit reichenden Zeitspanne die wichtigsten Motive und Deutungen des âaufrechten Gangesâ herauszuarbeiten. âDaraus lässt sich eine Geschichte des anthropologischen Denkens im Allgemeinen erarbeitenâ, sagt Bayertz, den vor allem die Umbrüche im Denken interessieren. Da sei zum Beispiel der Übergang von der Antike zum Christentum: Das theologische Denken tritt in den Vordergrund, die Gottesebenbildlichkeit wird wichtiger. âDoch das war ein zweischneidiges Schwert. Denn der aufrechte Gang stand zwar für die Ähnlichkeit des Menschen mit Gott, aber auch für Stolz und Erhabenheit â ein Dilemma, dem die damaligen Theologen dadurch zu entkommen suchten, indem sie betonten, dass der Mensch innerlich verkrümmt seiâ, meint Bayertz.
Mit dem Beginn der Neuzeit habe dann die naturwissenschaftliche Deutung, dass der Mensch nur durch den aufrechten Gang zu bestimmten Tätigkeiten befähigt sei, wieder mehr Gewicht bekommen. Die Sonderstellung des Menschen allein durch den aufrechten Gang sei heute umstritten, doch die symbolische Bedeutung habe sich bis heute erhalten: âKopf hoch!â, âZeig Rückgrat!â, âKriechâ nicht!â â wer nicht aufrecht gehe, sei von niederer moralischer Gesinnung, so Bayertz.
Von hoher wissenschaftlicher Gesinnung ist für Bayertz die VW-Stiftung: âDas Programm ist genau das, was die Geisteswissenschaften brauchen. Uns fehlt es nicht unbedingt an Geld, denn wir sind billig. Was wir brauchen, ist Zeit, denn Lesen und Denken kann man nicht anderen übertragen, das muss man selbst erledigen.â Und genau dafür sei das Geld der VW-Stiftung gedacht, heißt es in der Pressemitteilung weiter. Ein Professor könne sich ganz seinem Forschungsgebiet widmen, während seine Vertretung von der VW-Stiftung finanziert werde. Dadurch werde zugleich der Nachwuchs gefördert, da die Vertretung durch einen Wissenschaftler erfolgen müsse, der noch keine feste Stelle habe.
Näheres unter: www.uni-muenster.de/exec/Rektorat/upm.php?rubrik=Alle&neu=1&monat=200801&nummer=09609 und unter www.uni-muenster.de/PhilSem/mitglieder/bayertz/bayertz.html
07.01.2008
Mit Philosophie die Wirtschaft gestalten
Wirtschaft aus einem philosophischen Blickwinkel zu analysieren und zu gestalten hat sich das Münchener Institut für Wirtschaftsgestaltung (IfW) zur Aufgabe gemacht. Als wissenschaftliches Forschungsinstitut will das IfW die historischen, analytischen und ethischen Potentiale der Philosophie für wirtschaftliches Handeln nutzbar machen will. Ziele sind dabei zum einen, âden individuellen und gesellschaftlichen Unternehmungsgeist zu fördernâ, und zum anderen, eine âSprache für neue Ideen der Weltwirtschaft zu schaffenâ sowie âökonomische Komponenten in den klassischen philosophischen Weltentwürfen Europas für die Gegenwart zu rekonstruierenâ, wie es auf den Internetseiten des Instituts heißt.
Im Mittelpunkt der Forschungsarbeit stehen die Themen: Unternehmensphilosophie, Archetypen ökonomischer Vernunft und antike Ökonomik. Thematische Stichwörter unternehmensphilosophischer Analysen und Reflexionen sind zum Beispiel: Führungsdenken und Managementphilosophie, Unternehmenskultur oder die âGewinngemeinschaftâ. Was ökonomische Vernunft für das gesellschaftliche Zusammenleben bedeutet und welche konzeptionellen Unterschiede es im ökonomischen Denken gibt, wird in den âArchetypen ökonomischer Vernunftâ untersucht. In einem weiteren Schwerpunktthema sollen die ökonomischen Vorstellungen von antiken Denkern wie Thales, Platon oder Aristoteles dargestellt und erläutert werden.
Dr. Wolf D. Enkelmann ist als Direktor des IfW zuständig für die inhaltliche und systematische Ausrichtung der Forschungsarbeit.
Näheres unter: www.ifw01.de/index.html
Informationen über Veranstaltungen unter: www.ifw01.de/neu.html
18.12.2007
Zentrum für Governance-Forschung in München
Die Globalisierung hat vielfältige Auswirkungen: Hierarchien verlieren an Bedeutung, der Einfluss von Medien und privater Akteure nimmt zu, neue Formen der Koordination und Steuerung gesellschaftlicher Bereiche müssen gefunden werden. Im Kern geht es darum, wie unterschiedliche organisatorische Einheiten national und international ihre Handlungsfähigkeit behaupten oder zurückgewinnen können. Diesen Fragen widmet sich das Münchner Zentrum für Governance-Forschung (MCG), das im Dezember 2007 an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München gegründet wurde.
Das Zentrum untersucht Veränderungen in der Steuerung moderner Gegenwartsgesellschaften. Im Mittelpunkt stehen der Bedeutungsverlust von Hierarchien und hierarchischen Formen der Koordination, die Neubewertung rechtlicher Steuerungsinstrumente, die zunehmende Bedeutung privater Akteure bei der Produktion öffentlicher Güter sowie die immer stärkere Medialisierung von Entscheidungsprozessen.
Den Ausgangspunkt der Governance-Forschung bildet die Erkenntnis, dass die institutionellen Formen, Instrumente und Koordinationsmechanismen, mit deren Hilfe moderne Gesellschaften ihre kollektiven Probleme lösen müssen, sich in einem grundlegenden Wandel befinden. âWir benötigen neue Formen des Regierens und das MCG will hierzu in den kommenden Jahren das notwendige Grundlagenwissen erarbeitenâ, erläutert der Sprecher des neuen Zentrums, Professor Dr. Edgar Grande, dessen Zielsetzung.
In seinem Forschungsprogramm geht das Zentrum davon aus, dass dieser Wandel nicht nur den Bereich der Politik und der öffentlichen Verwaltung betrifft, sondern alle gesellschaftlichen Bereiche, insbesondere die Wirtschaft, und alle Regelungsebenen von der lokalen über die nationale bis hin zur europäischen und globalen. Das Zentrum für Governance-Forschung will die sich daraus ergebenden neuartigen Forschungsfragen deshalb interdisziplinär bearbeiten. In ihm werden Kommunikationswissenschaftler, Politikwissenschaftler, Ökonomen und Rechtswissenschaftler zusammenarbeiten.
Ansprechpartner: Prof. Dr. Edgar Grande (Projektkoordinator), Tel.: 089 2180-9070, E-Mail: Grande@lrz.uni-muenchen.de; Dr. Stefan May (wissenschaftlicher Geschäftsführer), Tel.: 089 2180-4013, E-Mail: Stefan.May@soziologie.uni-muenchen.de
Quelle: Pressemitteilung der Ludwig-Maximilians-Universität München, 4. 12. 2007, Luise Dirscherl, E-Mail: dirscherl@lmu.de
23.11.2007
Informatives Netzwerk für praktisches Philosophieren
Unter dem Namen âphilopraxis.ch Netzwerk für praktisches Philosophierenâ haben sich Philosophen zusammengeschlossen, die im Rahmen einer philosophischen Praxis oder in anderer Form Philosophie in der Öffentlichkeit anbieten. âWir bringen das theoretische und praktische Potenzial der Philosophie in das persönliche, öffentliche und wirtschaftliche Leben ein. Wir eröffnen Dialogräume, schaffen Orte zum Philosophieren, geben Impulse zur Neuorientierung und stärken so das eigenständige Denken. In der Vielfalt der unterschiedlichen Praxen spiegelt sich der Reichtum eines offenen, undogmatischen Philosophierensâ, formuliert die Vereinigung ihr Selbstverständnis.
Die Angebote der Mitglieder dieses philosophischen Netzwerkes sind vielfältiger Art: philosophische Beratungsgespräche zur Lebenskunst, Philosophie für Unternehmen und Manager, Philosophieren mit Kindern oder philosophisch orientierte Reisen. Zum Themenfeld Philosophie und Wirtschaft heißt es auf den Internetseiten von philopraxis.de: âHeute verändert sich die Arbeitswelt wie nie zuvor, die Märkte globalisieren sich und die Kulturen verschmelzen, allgemein verbindliche Werte verschwinden. Da tut nichts so Not wie eine verlässliche Orientierung. Dazu kann Philosophie verhelfen. Denn Philosophieren bedeutet die vernunftgeleitete Auseinandersetzung über die Fragen der menschlichen Lebensführung, also auch des wirtschaftlichen Lebens.â
Die Wirtschaftsphilosophie frage zum Beispiel nach dem Sinn des Wirtschaftens: âWelche Güter und Dienstleistungen wollen wir sinnvoller Weise produzieren? Welche sinnvolle Rolle soll unser Unternehmen im wirtschaftlichen und sozialen Umfeld spielen? Was trägt die Tätigkeit der Menschen in unserem Betrieb zu ihrem sinnvollen Leben bei?â Oder nach der Verantwortung der Wirtschaft: âWie steht es um die Ethik in unserem Unternehmen? Können wir unser wirtschaftliches Handeln verantworten: den Umgang mit den Mitarbeitenden, Marketingstrategien und Standortentscheide, Produktqualität, Preisbildung und Investitionsentscheide?â Oder Wirtschaftsphilosophie reflektiere die Grundlagen der Unternehmenskultur: âWie gestalten wir die Beziehungen der Menschen in unserem Unternehmen und gegenüber den Stakeholdern? Ist unsere Unternehmenskultur nicht nur wirtschaftlich erfolgversprechend, sondern auch lebensdienlich?â
Näheres unter: www.philopraxis.ch/46/ÃĹber_uns.html und unter www.philopraxis.ch/58/Angebote/Philosophie_in_Unternehmen.html
23.11.2007
Gesellschaftliches Engagement von Unternehmen: selten strategisch
Das gesellschaftliche Engagement von deutschen Unternehmen ist hauptsächlich traditionsorientiert und selten strategisch, mit dem Ziel der Gewinnmaximierung, angelegt. Außerdem gibt es zwischen kleinen und mittleren Unternehmen auf der einen und Großunternehmen auf der anderen Seite deutliche Unterschiede: Die großen Unternehmen greifen verstärkt internationale Impulse auf, die kleinen pflegen bewährte Traditionen. Zu diesen Ergebnissen kommen die Soziologen Holger Backhaus-Maul von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und Sebastian Braun von der Universität Paderborn in einer aktuellen Studie.
Die Wissenschaftler haben die Daten aus einer Befragung von 501 Unternehmen in Deutschland mit einem Jahresumsatz von mindestens einer Million Euro und mindestens zehn Mitarbeitern ausgewertet. Dabei stellen sie fest: In Deutschland ansässige Firmen nehmen mit ihrem gesellschaftlichen Engagement eher eine gesellschaftspolitisch enthaltsame Position ein und beschränken sich überwiegend auf die Bereitstellung von Geld- und Sachspenden für regionale Projekte.
Ausgewählte Befunde der Analyse:
⢠96 Prozent der befragten Unternehmen sind gesellschaftlich engagiert.
Vorherrschend sind Geldspenden (83 Prozent) und Sachspenden (60 Prozent). Fast drei Viertel der befragten Unternehmen engagieren sich in ihrem unmittelbaren lokalen Umfeld, 15 Prozent national und 14 Prozent international.
Die Bereiche âSportâ und âFreizeitâ stellen für die Unternehmen die interessantesten Handlungsfelder dar; mit deutlichem Abstand folgen die Bereiche âErziehung und Bildungâ, âKommune und Gemeinwesenâ und âSozialesâ.
Etwa 60 Prozent der Unternehmen gehen für ihr gesellschaftliches Engagement Kooperationen ein, und zwar mit lokalen freiwilligen Vereinigungen (70 Prozent), Bildungseinrichtungen (44 Prozent), Wohlfahrtsverbänden (38 Prozent) und Kommunalverwaltungen (36 Prozent).
Die eigene Wettbewerbssituation wollen 24 Prozent der Unternehmen mit ihrem gesellschaftlichen Engagement verbessern.
Nicht ganz 4 Prozent der befragten Unternehmen bündeln ihre Aktivitäten in einer Stiftung.
Veröffentlicht ist die Analyse in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift âStiftung & Sponsoringâ (5/2007). Die Untersuchung wurde in Kooperation zwischen dem Forschungszentrum für Bürgerschaftliches Engagement der Universität Paderborn, FORSA â Gesellschaft für Sozialforschung und statistische Analyse mbH und dem Centrum für Corporate Citizenship Deutschland (CCCD) e. V. durchgeführt und von der Deutschen BP AG gefördert.
Die Analyse zum Herunterladen im Internet:
http://wcms-neu1.urz.uni-halle.de/download.php?down=3039&elem=1140787
Ansprechpartner: Holger Backhaus-Maul; Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg; Philosophische Fakultät III, Erziehungswissenschaften;E-Mail: holger.backhaus-maul@paedagogik.uni-halle.de
Prof. Dr. Dr. Sebastian Braun; Universität Paderborn; Direktor des Forschungszentrums für Bürgerschaftliches Engagement;
E-Mail: Sebastian.Braun@uni-paderborn.de
Quelle: Pressemitteilung der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg; Pressereferent: Carsten Heckmann;
E-Mail: carsten.heckmann@verwaltung.uni-halle.de
30.09.2007
Soziale Verantwortung: Für deutsche Unternehmen weniger wichtig
Für deutsche Unternehmen hat die soziale Verantwortung deutlich weniger Bedeutung als für amerikanische und britische. Das ist eines der Ergebnisse der im letzten Jahr durchgeführten ECCO-Studie âCorporate Values International Indexâ. ECCO ist ein Zusammenschluss inhabergeführter Public-Relations-Agenturen und weltweit in über 30 Ländern vertreten. Wörtlich heißt es in der Studie: âWährend sich in Deutschland nur rund 15 Prozent der untersuchten Unternehmen zur sozialen Verantwortung bekennen, liegt dieser Wert in den USA und Großbritannien mit 38 bzw. 30 Prozent der Nennungen jeweils auf Platz vier der Werteskala.â
In seinen âBriefen zur Unternehmenskommunikationâ stellt ECCO fest, dass die Frage, für welche Werte Unternehmen stehen, nicht nur die deutsche Öffentlichkeit beschäftige, sondern auch die internationalen Medien. Mit Blick auf die Studie wiesen die deutschen Medien vor allem auf das schlechte Abschneiden der deutschen Unternehmen in punkto Verantwortung hin. Französische Medien betonten hingegen, dass der Wert âIntegritätâ bei den Unternehmen ihres Landes ganz oben stehe, der Wert âVerantwortungâ jedoch nur auf den hinteren Plätzen rangiere. Genau diesen Wert stellten die britischen Medien heraus: âBritische Unternehmen legen mehr Wert auf moralische und gesellschaftliche Werte als auf Leistung und Wettbewerbsfähigkeit.â
Auch in Indien stieß das Thema âUnternehmenswerteâ auf großes Medieninteresse. In der Außendarstellung zähle nicht nur der wirtschaftliche Erfolg, hieß es. Einhellig kritisierten die Medien, dass âSicherheitâ und âUmweltschutzâ bei den indischen Unternehmen erst auf den hinteren Plätzen zu finden seien.
Der Untersuchungsbericht in deutscher Sprache kann unter info@ecco-network.de angefordert werden.
Quelle: Briefe zur Unternehmenskommunikation (herausgegeben von den deutschen Mitgliedern des internationalen Kommunikationsnetzes ECCO), Nr. 19/2007, S. 3.
Näheres über ECCO im Internet: www.ecco-network.de/index.html
28.09.2007
Verantwortung ist mehr als nur Geschäfte zu machen
Dass die Gesellschaft von der Wirtschaft, von den Unternehmen mehr erwartet als nur Geschäfte zu machen, hat sich inzwischen auch in den obersten Führungsetagen von Großunternehmen herumgesprochen. Clemens Börsig, der Vorsitzende des Aufsichtsrates der Deutschen Bank, bezieht in einem ganzseitigen Beitrag in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung engagiert Stellung zum Thema âVerantwortung in der Wirtschaftâ.
âUnternehmen versuchen den gestiegenen Erwartungen unter anderem dadurch zu entsprechen, dass sie sich einen Wertekanon für ihre Stakeholder vorgebenâ, erklärt Börsig. Klar sei: âDie Wirtschaft ist eine Veranstaltung für den Verbraucher.â Es gelte, ihm âattraktive Produkte zu wettbewerbsfähigen Preisen am Markt anzubieten.â Das sei die Basis für den Unternehmenserfolg. Folgewirkungen davon sind nach Börsig gesellschaftliche und staatliche Ansprüche wie die Sicherung von Beschäftigung und das Bezahlen von Steuern.
Der Verantwortungsbegriff wurde, so Börsig weiter, erst durch Hans Jonas zu einer Schlüsselkategorie der Ethik. In Anlehnung an Immanuel Kants âkategorischen Imperativâ formuliere Jonas eine âMaxime der zukunftsorientierten Verantwortungâ: âHandle so, dass die Wirkungen deiner Handlungen verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden.â Eine davon abgeleitete Moral müsse allerdings in und mit der ökonomischen Logik durchgesetzt werden und nicht etwa gegen sie, meint Börsig.
Konkretisierend setzt sich Börsig dann mit drei wirtschaftsethischen Fragen auseinander: Ist Stellenabbau unmoralisch? Sind Geschäftsaktivitäten im Ausland unpatriotisch? Und: Sind Spitzenverdienste von Managern gerechtfertigt? Die erste Frage beantwortet der Autor wie folgt: Jedes Unternehmen stelle gerne Mitarbeiter ein, kein Unternehmen entlasse gerne Mitarbeiter. Aber: Wenn ein Unternehmer Arbeitsplätze aufrechterhalte, die absehbar aufgrund von ordnungspolitischen, marktwirtschaftlichen oder technologischen Entwicklungen nicht mehr gebraucht werden, dann missachte er seine Verantwortung â denn er gefährdet die Existenz des gesamten Unternehmens. Sei daher ein Arbeitsplatzabbau unvermeidlich, dann gehöre es zur Verantwortung der Unternehmensleitung, dass Werte wie Würde, Gerechtigkeit, Sozialverträglichkeit, Aufrichtigkeit und Verlässlichkeit im Umgang mit den Mitarbeitern gewahrt werden.
Börsigs Antwort auf die zweite Frage lautet: âDie internationale Arbeitsteilung ist neben dem technischen Fortschritt einer der wichtigsten Treiber für Wohlstand und Prosperität. Sie ist auch moralisch geboten zur Förderung der Schwellenländer.â Die vielfach als zu hoch kritisierten Vergütungen von Spitzenmanagern rechtfertigt Börsig mit der dafür erbrachten Leistung: âWenn wir Spitzenkräfte nicht marktgerecht bezahlen, dann fehlen uns bald die entsprechenden Kräfte.â
Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 215, 15. September 2007, S. 13
Clemens Börsig ist auch Präsident der Schmalenbach-Gesellschaft für Betriebswirtschaftslehre. Wer Interesse an den Zielen dieser Organisation hat, kann hier mehr erfahren: www.schmalenbach.org/Ziele/Ziele.htm
17.08.2007
Junges Forschungsgebiet: Neuroökonomik
Neuroökonomik ist ein junges Forschungsgebiet. Es verbindet Methoden und Erkenntnisse der Neurowissenschaften und der Ökonomie, um herauszufinden, was im Gehirn passiert, wenn Menschen ökonomische Entscheidungen treffen. Ziel ist es, das Verhalten von Menschen in ökonomischer Hinsicht besser zu verstehen. Zu dem Thema hat die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) einen längeren Beitrag mit dem Titel âDas Geheimnis der Emotionenâ veröffentlicht.
Einer der Wissenschaftler, die sich intensiv mit Fragen der Neuroökonomik befassen, ist Peter Kenning von der Universität Münster. Kenning wird im Herbst an der privaten Zeppelin University den Lehrstuhl für Marketing übernehmen. Sein Forschungsschwerpunkt bleibt dabei die Neuroökonomik.
Die neuroökonomische Forschung stelle das Menschenbild der traditionellen Ökonomie in Frage, meint die Autorin des vierten Beitrags der FAZ-Serie âDie Wirtschafts-Erforscherâ, Henrike Roßbach. Wörtlich schreibt sie: âDer herkömmlichen ökonomischen Lehre liegt die Annahme zugrunde, dass der Mensch ein Homo oeconomicus ist: Er denkt und handelt rational und eigennützig. Jüngere Forschungsfelder haben aber zutage gefördert, dass dieses Menschenbild nicht der Realität entspricht. Der Mensch entscheidet im wahren Leben irrational, ist altruistisch, hat eine Vorliebe für Fairness und lässt sich von Emotionen leiten â Eigenschaften also, die dem Homo oeconomicus fremd sind.â
Kenning glaubt, dass das Forschungsfeld der Neuroökonomik noch riesige, unerklärte Erkenntnisreservoirs bereithält. Henrike Roßbach zitiert ihn mit den Worten: âWir wissen, dass Vertrauen einen positiven Einfluss auf die Entwicklung einer Volkswirtschaft haben kann. Trotzdem ist nur wenig über die Entstehung von Vertrauen bekannt. Wenn wir nun eine Chance haben, erstmalig zu erkennen, auf welchen Mechanismen die Vertrauensbildung beruht, finde ich das sehr spannend.â
Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 190, 17. August 2007, S. 12
Weitere Informationen zum Thema âNeuroökonomikâ finden Sie unter: www.fgn.unisg.ch/org/fgn/web.nsf/SysWebRessources/Joehr_2006_Fehr/$FILE/Joehr_2006_Fehr.pdf
Kommentar von P&W: Die Ansätze der Neuroökonomik klingen interessant und viel versprechend. Wir vermissen allerdings die Einbeziehung der Philosophie, die sich ebenfalls ausführlich mit dem Thema âHandeln und Entscheidenâ auseinandersetzt, meistens im Zusammenhang mit dem Freiheitsbegriff. Zu nennen sind hier Philosophen wie John Rawls, Donald Davidson oder Peter Bieri. Letzterer schrieb zum Beispiel in einem Spiegel-Aufsatz diese bemerkenswerten Sätze: ââŚdie Idee des Entscheidens hat keinen logischen Ort in der Rede übers Gehirn. Entscheidungen im eigentlichen Sinne gibt es nur, wo von Gründen und Überlegen die Rede sein kann. Es ist ein Fehler, in der Rede über das Hirn einen Begriff wie ,entscheidenâ aus der Sprache des Geistes einzuschmuggeln.â (Vgl: http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,336006,00.html) Es wäre interessant zu erfahren, was die Neuroökonomen dazu sagen ⌠Zu dem Thema passt ein weiterer Hinweis: An der Universität Bayreuth werden komplexe ökonomische Entscheidungen mit den Methoden der Philosophie analysiert und in einem eigenen Studiengang mit dem Namen Philosophy & Economics vermittelt. Siehe: http://pe.uni-bayreuth.de/?coid=home
11.07.2007
Glück und Grundbedürfnisse
Die Frage nach dem Glück gehört zu den Urfragen der Philosophie. Aristoteles stellt sie in seiner âNikomachischen Ethikâ; Hobbes untersucht sie. Kant, John Stuart Mill und andere befassen sich ebenfalls intensiv mit der Frage nach dem âHöchsten, wonach der Mensch strebtâ. Adam Smith bezieht die Glücksfrage auf die Ökonomie und begründet damit die Volkswirtschaftslehre. Auch andere Disziplinen umkreisen das Thema. Allen voran die Psychologie, die mit dem ihr eigenen Selbstverständnis die Fragestellung umdreht: Sie forscht lieber danach, was uns unglücklich macht.
In ihrer Ausgabe vom 5. Juli 2007 befasst sich die Wochenzeitung âDie Zeitâ ausführlich mit dem Thema âGlückâ. Die Autorin Elisabeth von Thadden stellt in ihrem Artikel âWas braucht der Mensch?â interkulturelle Zusammenhänge her und fragt nach den Grundbedürfnissen unseres Lebens: Was brauchen wir, um glücklich zu sein? Dabei erfährt der erstaunte Leser, dass nach einer Studie der London School of Economics die Ärmsten der Welt â nämlich die Menschen in Bangladesch â zu den Glücklichsten gehören. Das wiederum führe zu der These, dass âein wichtiger Bestandteil des Glücksrezeptsâ sein könnte, âseine Erwartungen auf ein elendes Minimum zu reduzierenâ, so die Philosophin Susan Neiman. Eine These, die in der Philosophie Tradition hat: Nach der Auffassung der Stoiker setzt Glück Bedürfnislosigkeit voraus.
Überhaupt: Übers Wohlbefinden könne nur derjenige umfassend Auskunft geben, der die Philosophie und ihre Theorien zum gelingenden Leben befrage, meint der Nobelpreisträger für Ökonomie, Daniel Kahnemann. Und was sagt die Philosophie? Elisabeth von Thadden zitiert Kant und den Philosophen Martin Seel. Dieser erweitere die Standardantwort der Philosophie â gut zu leben heiße, ein autonomer Mensch zu sein â um einen entscheidenden Punkt: âWas immer im Guten und Schlechten auch geschehen mag, gut zu leben bedeutet, neugierig zu bleiben auf das, was kommen mag, selbst wenn es einmal zum Ende kommt.â
Moralisches Fazit von Elisabeth von Thadden: âJede Zeit, jede Kultur, jeder Staat, jeder Mensch, ob in Alaska oder im Kongobecken, beantwortet die Frage verschieden, was ein Mensch unbedingt braucht, zweifellos â und zugleich liegt auf der Hand, dass die Bewohner der westlichen Sphäre gegenwärtig mehr brauchen, als sie brauchen, im weltweiten Maßstab zu viel.â Dieses Dilemma müsse handlungsleitend werden: âJe mehr man darüber weiß, was den anderen Weltbürgern fehlt, desto schärfer kann die Wahrnehmung werden für das, was man hat.â
Wenn Sie den ganzen Zeit-Artikel und weitere Beiträge zum Thema âGlückâ lesen wollen, öffnen Sie bitte den folgenden Link: www.zeit.de/2007/28/Gl-ck?
07.07.2007
Ohne Reflexion keine Zukunft
Ein verstärktes Engagement der Wirtschaft für die Hochschulen forderte der Präsident der Universität Frankfurt, Prof. Rudolf Steinberg. Das teilte die Pressestelle der Universität mit. Die immer wieder von Seiten der Wirtschaft an die Universitäten herangetragene Forderung einer stärkeren Öffnung sei keine Einbahnstraße, so Steinberg. Wenn die Wirtschaft hervorragende Absolventen haben wolle, müsse sie sich noch stärker als bisher engagieren. Steinberg sprach auf einer Podiumsdiskussion des Wissenschaftsforums in der Frankfurter Messe vor Vertretern aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik.
Steinberg betonte mit Blick auf die Diskussion um anwendungsbezogene Wissenschaften die Bedeutung der Grundlagenforschung. Viele spätere Innovationen basierten auf Erkenntnissen der Grundlagenforschung.
Auch der Stellenwert der Geisterwissenschaften werde oft unterschätzt. Ein Land ohne Reflexion habe keine Zukunft, sagte Steinberg. Allerdings müssten sich auch die Geistes- und Kulturwissenschaften mehr den konkreten Problemen der Menschen öffnen.
Quelle: Pressmitteilung vom 27. Juni 2007 der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main, www.uni-frankfurt.de/ E-Mail: presse@uni-frankfurt.de
Kommentar der Redaktion von P&W:
Stimmt, Herr Präsident! Ohne Reflexion keine Zukunft, aber auch keine Bildung, keine Kultur, keine Orientierung, kein intellektueller Fortschritt im Hinblick auf mehr Menschlichkeit, keine kritische Vernunft, kein Lebensgenuss, keine Schönheit, keine Wahrheit. Eine totale Ökonomisierung des menschlichen Lebens macht das Leben ärmer, weniger individuell und weniger wertvoll. Daher treten wir für intensive philosophische Reflexionen gerade im Bereich der Wirtschaft und Wirtschaftslehre ein.
BERICHTE ÜBER VERANSTALTUNGEN
29.03.2009
Was bedeutet uns Europa?
Jahrhunderte lang wurde um demokratische Rechte in Europa gekämpft. Die Bürger dürfen deren Gestaltung nicht aus der Hand geben â Ein Versuch: Das "Bürgerforum Europa"
"Ein Gespenst geht um in EuropaâŚ" â das Erscheinen des von den Philosophen Karl Marx und Friedrich Engels verfassten Manifest der Kommunistischen Partei fiel in eine Zeit revolutionärer Unabhängigkeitsbewegungen und Kämpfe um demokratische Reformen in Europa. Ob Februarrevolution in Frankreich oder das Risorgimento in Italien, das u.a. mit seinem heute noch legendären Freiheitshelden Garibaldi die italienischen Fürstentümer zu einem Nationalstaat vereinte, ob in Österreich, Ungarn, Böhmen und Polen â überall kämpfte man um demokratische Rechte und Unabhängigkeit, getragen von liberalen, freiheitlichen Ideen.
Die Märzrevolution 1848/49 ergriff auch die Länder des Deutschen Bundes: Die Fürstentümer wählten am Ende ein erstes Mal demokratisch ein freies Parlament; in der verfassungsgebenden Nationalversammlung in der Paulskirche zu Frankfurt fand die Märzrevolution ihr krönendes Ergebnis.
Obwohl vielerorts zunächst gescheitert und im darauf folgenden 20. Jahrhundert weit schrecklichere kriegerische Auseinandersetzungen zwischen den europäischen Staaten folgten, die letztlich die ganze Welt ergriffen, sind doch die europäischen Nationen lange Zeit und bis heute von diesen revolutionär-demokratischen Bewegungen des 19.Jahrhunderts geprägt worden. Das deutsche Grundgesetzt fußt auf wesentlichen Teilen der Paulskirchenverfassung. Und bedenkt man, dass wichtige Vordenker des italienischen Risorgimento Ideen entwickelten (und dafür auch breite Bevölkerungsschichten begeistern konnten), die nicht nur die Einigung der italienischen Einzelstaaten zu einem Nationalstaat zum Ziel hatten, sondern schon damals die Vision eines Europas der Völker umzusetzen suchten, sind darin durchaus Anfänge eines einheitlichen, demokratischen Europa zu erkennen. Auch in der Folge haben sich verschiedene Strömungen für ein geeintes demokratisches Europa eingesetzt. Als eine der wesentlichen sei hier die Paneuropa-Bewegung (später Paneuropa-Union) genannt â schon Anfang des vergangenen Jahrhunderts wurde die Vision eines politisch, wirtschaftlich und militärisch vereinten Europa in einem Programm verabschiedet.
Nach dem 2. Weltkrieg intensiviert sich der europäische Einigungsprozess. Zunächst zielt er darauf, die schwer angeschlagenen Volkswirtschaften zusammenzuschließen und den Aussöhnungsprozess zu befördern und führt letztlich über die Gründung der Montanunion, dann der EWG bis zur heutigen Gestalt der EU mit nunmehr 27 Mitgliedsländern. Dabei kann als das weitest reichende jüngste historische Ereignis im Demokratisierungsprozess Europas der Fall des eisernen Vorhangs 1989 gewertet werden â die Bürger selbst lassen in einem radikalen Aufbruch mutig, ideenreich und vor allem friedlich ein gesamtes Gesellschaftssystem zusammen brechen.
Für uns Heutige ist Vieles selbstverständlich geworden in Europa: In den meisten Ländern kennen fast zwei Generationen keine Kriege mehr; eine friedliche Zeitspanne auf diesem Kontinent, auf dem über Jahrhunderte schon fast jeder gegen jeden gekämpft hat, wie es sie wohl noch nie gab. Wir reisen heute unbeschwert zwischen Lappland und der Algarve, Tallin und Palermo, die Grenzkontrollen sind entfallen, wir zahlen fast überall einheitlich mit einer Währung. Jeder von uns kann sich auf demokratisch verfasste Gesetzgebungen berufen und notfalls bis zum Europäischen Gerichtshof klagen.
Und dennoch geht heute ein anderes Gespenst um in Europa: Trotz breit verwirklichter demokratischer Rechte schwindet das Interesse der Bürger zur Teilhabe mit jeder Wahl mehr â sowohl bei jenen zu nationalen Parlamenten und schon gar bei denen für das EU-Parlament. Diese EU scheint keine Gemeinschaft ihrer Bürger zu sein. Nur ein Indiz hierfür ist der Prozess der Abstimmung über die EU-Verfassung. Franzosen, Niederländer und Iren haben diese abgelehnt.
Die Bertelsmann-Stiftung veröffentlichte kürzlich die Ergebnisse einer Umfrage, aus der hervorgeht, dass zwei Drittel der Bundesbürger nicht wissen, dass in diesem Jahr Europawahlen statt finden. Noch weniger, nämlich nur 9 Prozent, können den genauen Termin â Juni 2009 â dieser Wahl benennen. Selbst die politischen Eliten leisten der Europaskepsis Vorschub: Der amtierende EU-Ratspräsident Vaclav Klaus übt in einer Rede vor dem EU-Parlament heftige Kritik an der EU und â obwohl das tschechische Abgeordnetenhaus dem Lissabonvertrag zugestimmt hat â lässt er offen, ob er diesen als Präsident Tschechiens ratifizieren wird.
Und selbst aus Deutschland, das den europäischen Integrationsprozess immer mit Engagement voran getrieben hat, kommen mit dem Streit vor dem Bundesverfassungsgericht, ob der Lissabon-Vertrag mit dem Grundgesetz vereinbar ist, kritische Signale. Immer geht es um die Frage demokratischer Strukturen in und zwischen den europäischen Nationen. Und die müssen von denen mindestens verstanden, besser noch gestaltet werden, die betroffen sind â nämlich die Bürger der EU. Demokratie funktioniert auf Dauer nicht ohne Partizipation und Transparenz.
Die politischen Dimensionen des Projektes Europa sind im Alltag jedoch â wenn überhaupt - fast nur als Negativdiskussion präsent. Es ist opportun, recht schnell die überbordende europäische Bürokratie und Regelungswut in Brüssel zu schmähen â die legendäre, von Brüssel vorgeschriebene Gurkenkrümmung ist da nur ein Beispiel. Aber was weiter haben wir als Bürger Europas â denn jeder von uns besitzt diese zreite Staatsbürgerschaft â dagegen zu setzen?
Das "Bürgerforum Europa", von der Bertelsmann-Stiftung in Zusammenarbeit mit der Heinz-Nixdorf-Stiftung ins Leben gerufen, soll nun Bürgern die Möglichkeit geben zu formulieren, was sie von Europa erwarten, wie sie sich in europäische Politik einbringen können. Die öffentliche Debatte über die Zukunft Europas soll so neue Impulse erhalten â direkt von den Bürgern. 350 Bürger aus ganz Deutschland wurden nach dem Zufallsverfahren ausgewählt und trafen sich erstmalig am 13. und 14. Februar in Berlin zur Auftaktveranstaltung des "Bürgerforum Europa". Neben dem ersten persönlichen Kennenlernen begannen sie in acht Ausschüssen zu arbeiten:
â Demokratie in Europa â Verfassung und Institution
â Europa in der Welt â Außen- und Sicherheitspolitik
â Europäischer Rechtsstaat â Bürgerrechte und innere Sicherheit
â Europas Bevölkerung â Migration und Demografie
â Europas Identität â Kultur und Bildung
â Europas Ressourcen â Umwelt und Energie
â Europas Binnenmarkt â Wirtschaft und Finanzen
â Soziales Europa â Solidarität, Zusammenhalt, Gerechtigkeit
Es wurden in jedem Ausschuss die zwei wichtigsten Herausforderungen definiert. Jedem dieser Ausschüsse stehen je zwei externe Europaexperten unterstützend zur Verfügung. In einer sich anschließenden zweimonatigen Online-Phase diskutieren die Teilnehmer für jede der Herausforderungen Lösungsansätze online, bewerten sie und erarbeiten letztlich Lösungen, die in ein Bürgerprogramm Eingang finden sollen. Auf einer zweitägigen Abschlussveranstaltung in Bonn soll dieses Bürgerprogramm vorgestellt und mehrheitsfähig verabschiedet werden. Der gesamte Ablauf wird umschrieben mit "350 Bürger, 8 Ausschüsse, 16 Europaexperten, 16 Herausforderungen, 48-80 Lösungsansätze, 16 Lösungen, 1 Bürgerprogramm".
Ein Ansporn für die Teilnehmer war sicher, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel eine Stunde mit ihnen erste Arbeitsergebnisse diskutierte. Vertreter der acht Ausschüsse formulierten engagiert ihre Anforderungen. So wurde der Wunsch vorgetragen, Europa möge mit einer Stimme sprechen und als ernst zu nehmender Weltpartner wahrgenommen werden, es solle mit einer Armee auftreten und Bildung und Kultur soll auf jeden Fall ein höherer Stellenwert eingeräumt werden als bisher. Auch die Forderungen nach mehr Transparenz in den politischen Entscheidungsprozessen, mehr Bürgernähe und der vermehrten politischen Bildung in den Schulen, einheitlichen Regelungen zum Datenschutz und der Erarbeitung sozialer Mindeststandards wurden andiskutiert. Alles wird nun auf der Online-Plattform http://www.buergerforum2009.de weiter bearbeitet. Mittlerweile gab es die erste Abstimmung â in jedem Ausschuss ist der favorisierte Lösungsansatz für eine Herausforderung zur weiteren Bearbeitung per Abstimmung gewählt worden. Das Ergebnis ist für jedermann im Internet einsehbar.
Wie jedoch erfolgt der Prozess der Themenbearbeitung zwischen den Beteiligten in diesem vordefinierten Struktur- und Zeitrahmen? Können sich auch einmal unabhängig von den bereit stehenden Experten die Ideen unkonventionell in eine ungeplante Richtung entfalten?
Die Partizipation an politischen Prozessen durch Bürger zu intensivieren und deren Gestaltungswillen zu aktivieren ist auf jeden Fall eine anerkennenswerte Initiative. Europa braucht das Mitwirken durch seine Bürger, dann bleibt es kein Projekt der Eliten, wie zum Auftakt des Bürgerforums postuliert wurde.
Es bleibt diesem Forum sehr zu wünschen, dass es auf Dauer lebensfähig bleibt. Auch oder gerade wenn es sich von den vorgegebenen Strukturen lösen kann, auch wenn ein wirklich repräsentativer Querschnitt von Bürgern beteiligt werden kann (der es bei 73% Teilnehmern mit Abitur und /oder Hochschulabschluss nicht ist) und auch wenn die großzügige materielle, intellektuelle und mediale Unterstützung sich auf andere Betätigungsfelder verlagern wird. Es bleibt zu hoffen, dass dieses Forum aus ureigener Initiative den demokratischen Diskussionsprozess fortsetzt und so die Begeisterung für Europa in die Breite trägt.
Barbara Schennerlein, Redaktion Philosophie & Wirtschaft, barbara.schennerlein@philosophieundwirtschaft.de. Barbara Schennerlein nahm an der Auftaktveranstaltung am 13. und 14. Februar 2009 in Berlin teil.
02.05.2008
Bundesregierung unterstützt verantwortungsbewusste Unternehmen
Jetzt hat auch die Politik das Thema âUnternehmensverantwortungâ entdeckt: Am 29. und 30. April 2008 veranstaltete das Bundesministerium für Arbeit und Soziales die Konferenz âUnternehmen in Verantwortung â Ein Gewinn für alleâ. Dazu waren 350 Teilnehmer aus Deutschland und anderen Ländern nach Berlin gekommen â darunter auch der Musiker Bob Geldof.
Bundesarbeitsminister Olaf Scholz will die gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen gezielt fördern. Wörtlich sagte er in seiner Eröffnungsrede: âUnternehmen, die sich engagieren, sollen das zeigen können. Und ich sage es ausdrücklich â davon durch gesteigertes Ansehen profitieren können. Sie sollen einen guten Ruf haben! Daher brauchen wir die Möglichkeit, dass ihr Engagement von einer breiten Öffentlichkeit registriert und diskutiert wird.â
Das Arbeitsministerium plane daher eine âPositivlisteâ für Unternehmen, die sich für gute und faire Arbeitsbedingungen, für Verbraucher- und Umweltschutz sowie für weltweit geltende moralische Prinzipien einsetzen. Es solle ein Markenzeichen etabliert werden, das Unternehmen verwenden können, die sich auf einen Verhaltenskodex verpflichten. Das gehe ohne große Bürokratie im Internet. Zugleich könne ein Diskussionsforum für alle Beteiligten eingerichtet werden, um den kritischen Dialog über Unternehmenswerte zu führen. Um das Thema weiter voranzutreiben, wird das Arbeitsministerium einen Beirat einberufen. Das Gremium soll viele Interessierte einbinden und ein Arbeitsprogramm erarbeiten und beschließen.
Näheres unter: www.bmas.de/portal/25222/
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