WISSENSCHAFT

 

FORSCHUNGEN ZUR WIRTSCHAFTSPHILOSOPHIE
 

Eine Rubrik des  INSTITUTS FÜR WIRTSCHAFTSGESTALTUNG    .

 

 

Was ist philosophische Ökonomik?

 

Denker, auf die man zählen kann

 

Begriffe, die die Welt bewegen

 

Über das Institut für Wirtschaftsgestaltung

 

 

 

WAS IST PHILOSOPHISCHE ÖKONOMIK?
 

Auf Philosophie kommt man in der Wirtschaft hauptsächlich dann zu sprechen, wenn es gilt, Normen, Werte oder unveräußerbare Grundsätze des eigenen Handelns zu benennen. Neben der Wirtschaftsethik sind im Management außerdem noch logische oder wissenschaftstheoretische Kompetenzen nachgefragt. Grundlage bleibt dabei die moderne Betriebs- und Volkswirtschaftslehre, die um philosophisches Kapital ergänzt wird.

Mit der globalen Finanzkrise, die die Jahre 2007 bis 2009 die Weltwirtschaft an den Abgrund führte, scheint die Theorie der effizienten Kapitalmärkte, die Mainstream-Ökonomik der letzten Jahrzehnte, spektakulär gescheitert zu sein. Große Hoffnung wird seither auf neue und bessere Regeln gesetzt. Manch einer sieht durch diese Entwicklung aber auch die herkömmliche ökonomische Wissenschaft überhaupt desavouiert. Ein substanziell anderes Denken scheint erforderlich, um die Wirtschaft sozial, ökologisch und politisch wieder in eine seriöse Spur zu bringen. Verschiedentlich wird auch die Philosophie ins Gespräch gebracht. Ihr wächst damit neben Wirtschaftsethik, Logik und Wissenschaftstheorie eine weitere Bedeutung und Aufgabe zu, nämlich als philosophische Ökonomik.

Anders als die moderne Wirtschaftswissenschaft blickt die Philosophie auf eine mehr als 2000-jährige Geschichte ökonomischer Wissensakkumulation und Kompetenzausbildung zurück. Sie war an der Erfindung der bürgerlichen Gesellschaft und der ersten Einrichtung einer freien Marktwirtschaft in der griechischen Antike beteiligt. Sie kennt sehr unterschiedliche kulturelle Anforderungsprofile und Bemessungsgrundlagen. Vieles, was sich über die Geschichte zu speziellen Disziplinen der Philosophie ausgebildet hat, geht ursprünglich auf einen Bedarf an Lösungen für ökonomische Probleme zurück. Und sie kennt bereits den Untergang wirtschaftlicher Kulturen, die zu ihren jeweiligen Hochzeiten ähnlich selbstsicher universale Geltungsansprüche erhoben wie die ökonomische Rationalität der Gegenwart. Damit hat die Philosophie Möglichkeiten, aber auch Gefahren im Fokus, die in der Moderne noch keiner auf der Rechnung hat oder gerade erst akut werden.

In nichtalphabetischer Folge präsentiert das INSTITUT FÜR WIRTSCHAFTSGESTALTUNG dieses Gedankengut ab jetzt im Online-Magazin "Philosophie und Wirtschaft": in einer Serie über wesentliche Denker der philosophischen Ökonomik sowie  in einer Serie über relevante Grundbegriffe des Wirtschaftslebens.

 


 

 

 

DENKER, AUF DIE MAN ZÄHLEN KANN
 

WELCHER DENKER DER PHILOSOPHIEGESCHICHTE IST ZU WELCHEN FRAGEN DES WIRTSCHAFTSLEBENS LESENSWERT?

 

Zu vielen Herausforderungen, die sich der modernen Ökonomie stellen, hat die Philosophie Wegweisendes zu sagen. Wie funktioniert und was ist Wirtschaft? Das interessierte nicht erst die Volks- und Betriebswirtschaftslehre, wie sie Adam Smith begründet hat. Schon die Philosophie der Antike, aber auch etwa der deutsche Idealismus oder die französische Moderne sind unter anderem auch ein Schatz an ökonomischer Kompetenz. Die philosophischen Ansätze, Wirtschaft zu denken, erweitern den Horizont unternehmerischer Spekulation und vernünftiger Bilanzierung. Beginnen wir am Anfang, beginnen wir mit Thales von Milet.

 

THALES VON MILET – DER ANFANG, DAS ALL UND DAS MEER
 

"Wasser ist aller (und von allem) Anfang." Thales, ein gewiefter Geschäftsmann seiner Heimatstadt Milet, war durchaus klar, dass er sich mit dieser Entdeckung entweder lächerlich macht oder eine Revolution auslöst. Jedenfalls schlug sie dem mythologischen Zeitgeist aufs Empörendste ins Gesicht. Mutig scheute er dennoch vor diesem Gedanken nicht zurück. So konnte er beginnen, seine Wirkung zu entfalten. Und noch immer revolutioniert er die Welt. Daher lohnt es sich auch heute, ihn zu kennen. In diesem Gedanken gründet nichts weniger als der Reichtum der Welt.
 

DEN ANFANG WAGEN
 

Für Aristoteles machte es Thales zum ersten Philosophen, dass er dem Anfang auf den Grund gehen wollte. Offensichtlich war er nicht willens, über die Zwänge der alltäglichen Daseinsreproduktion einfach hinzunehmen und auf sich beruhen zu lassen, dass es eine Natur, das Leben und die Welt überhaupt gibt. Wovon geht das aus? Woher nimmt das seinen Anfang? Gibt es überhaupt ein Anfangen für die Welt und für die Menschen? Oder ist alles schicksalhaft vorherbestimmt, von übernatürlichen Mächten beherrscht oder einer ewigen, durch nichts zu erschütternden Kausalität unterworfen? Und Thales kam zu der Erkenntnis, dass es ein solches Anfangen gibt. Mehr noch: Schlichtweg alles, was zählt, ist allein diesem Anfangen zu danken.

Lange wurde die Thales‘sche Naturphilosophie in der Rezeptionsgeschichte zum ersten Anbeginn naturwissenschaftlicher Objektivität moderner Prägung gemacht. Der Anfang wurde dadurch zu einer Ursache im Sinne kausalrationaler Logik. Heute ist es an Zeit, wieder zum ursprünglich weltpolitischen Begriff des Anfangens zurückzukehren. Thales, dem Geschäftsmann, ging es um Macht und Ohnmacht des Wollens, Wählens und Wertschätzens, die sich in diesem Begriff des Anfangens manifestieren. – Die These nun, dass dieses Anfangen und überhaupt alles Anfangen im Wasser gründe, mutet denn aber doch eher naiv und mythisch an. Es scheint etwas anderes dahinterzustecken. Wissenschaftlich akzeptabel wäre eine abstrakter Begrifflichkeit wie etwa die Idee universaler Prinzipien. Nur kannte so etwas im Grunde auch bereits die Welt des Mythos.  

Warum sollte Thales nicht genau das gemeint haben, was er sagte? Wasser! Die Frage ist dann aber, wie er das Wasser dachte. Heute sind wir es gewohnt, Wasser wie alles, was von körperlicher Natur ist, aus dem Denken zu veräußern und in eine externe Umwelt zu vergegenständlichen. Thales indes integriert, wie die ihm nachfolgenden Naturphilosophen auch, die Natur in den Handlungszusammenhang der politischen Ökonomie, in das städtische Leben und in die menschliche Selbstverständigung: Alles Anfangen liegt im Wasser. Alles neue Beginnen ist in sich von wässriger Konsistenz, liquide. Das heißt: Die schöpferische Tat erzeugt sich aus der Verflüssigung verfestigter Verhältnisse.
 

DAS ALL, EIN ZAHLENSPIEL   
 

Von was ist Wasser der Grund? Thales nennt es "tà pánta", "alles", wie meist übersetzt wird. Alles, das ist ein ambitionierter Begriff, ein verwegener Anspruch – und ein Paradigmenwechsel. Man sprach seinerzeit gewöhnlich vom Kosmos oder vom Uranos, dem Himmel, um das ganze Erdenrund zu benennen. Mit dem Begriff des Alls wird erstmalig ein quantitativer Weltbegriff gebildet. Die Welt als reine Fülle, als, wenn auch qualitätsloser, Reichtum. Wegen dem Verlust an qualitativer Wertigkeit wäre das schon eine unschöne Entzauberung der Welt, wenn nicht das absolute Integral des Alls seinerseits etwas Magisches hätte. Wer alles wissen, haben oder können will, muss zusammenzählen. Das All entsteht durch Addition und ist die absolute Summe, über die hinaus es nichts mehr gibt. In dieser Form ist das All eine bestimmte und begrenzte Menge. Mehr gibt es eben nicht. Andererseits ist das Alles als absolute Anzahl doch niemals eine bestimmte Zahl. Denn auf jede Zahl folgt eine weitere, bis ins Unendliche fort. Alles erreichte man so nie. Es wird also unbegreiflicherweise letztlich nur von diesem Jenseits her begrenzt, das es gar nicht gibt. Alles ist mehr, als man sich je ausrechnen könnte. Das Maß aller Dinge: ein Übermaß, das Unermessliche.

Doch damit nicht genug. So vergeblich es anmuten mag, alles zählen zu wollen – wo es dennoch versucht wird, da zählt auch alles. Alles hat Wert, unerachtet seiner spezifischen Qualitäten. Sonst zählte man es nicht und wollte keiner wie Thales die Gesamtmenge benennen. Zwar ist dem quantitativen Weltbegriff des Alls ein Verlust an qualitativer Bedeutung immanent, doch wird er durch eine völlig neue Dimension der Wertschätzung und Wertschöpfung kompensiert.

Wenn man jetzt noch bedenkt, dass das griechische "ta panta" eigentlich sogar ein ins Deutsche unübersetzbarer Plural ist – das All: Alles von Allen oder – Welten von Welten –, dann zeigt sich auch noch eine politische Dimension, nämlich der Freigabe aus theokratischen oder sonstigen mon-archischen Einheitsobsessionen. Das neue Allintegral ist das Prinzip der Individualität. Im "Ganzen von Ganzen", wie Platon dieses Prinzip der Individuation später systematisiert, findet alles zu sich und dem Seinen nur durch das, was alle miteinander anfangen, miteinander ausmachen und untereinander zirkulieren lassen. Jeder und Jegliches existiert immer nur unter und mit allen und allem anderen.
 

DIE WASSER UND DER WELTHANDEL  
 

Diese Welt individueller Entfaltung und Selbstverwirklichung gewinnt ihren Anfang aus dem Wasser. Aristoteles, dem wir die Überlieferung dieser Thales’schen Erkenntnis verdanken, reißt ein weites Spektrum möglicher Deutungen auf, indem er auf der einen Seite eher praktisch über die Wirkung des Feuchten spekuliert und auf der anderen den Mythos von den Wassern des Styx heraufbeschwört, die die Toten von den Lebenden scheiden. Zwischen diesen Polen ist Platz für etwas sehr naheliegendes: Welches Wasser hatte Thales in der umtriebigen Hafenstadt Milet vor Augen? Es war das Meer, von dem die Stadt mehr lebte als von ihren Ländereien, und die Schiffe, die im Hafen ein- und ausfuhren. Seefahrt und Handel waren die Ressource, die die Zukunft der Stadt begründeten. Thales zog daraus einen radikalen Schluss. Statt die Entwicklung der Stadt auf die Festigkeit und Fruchtbarkeit der Erde zurück zu verpflichten, setzte er ganz auf den schwankenden Grund des Meeres. So behauptete Thales sogar, dass alle Erde, alles Land wie Schiffe auf dem Wasser schwimme. Diese Revolution der Denkungsart hatte im Mythos von Zeus, der in Stiergestalt über das Meer eilte, um in Kleinasien die Prinzessin Europa für sich zu gewinnen, eine Vorgeschichte. Der durch diesen Mythos und Thales‘ Logos initiierte dramatische Wandel in der Weltauffassung beeinflußte mehr als alles andere die europäische Geschichte. Er ließ die okzidentale Kultur letztlich zur globalen Macht aufsteigen und bestimmt damit untergründig auch ganz maßgeblich unser modernes Bewußtsein.
 

FAZIT: WER KANN, DER KANN! 
 

Das Meer als Grund ist abgründig, es sei denn, man kann auf ihm schwimmen. Nur durch eigenes Zutun trägt es. Nicht das Sein, Natur, Besitz oder Verfügungsmacht über Ressourcen, sondern das Können, Erfindungsgeist und Händlergeschick begründen das Dasein, das Thales im Sinn hatte. Thales‘ Vision hat politisch wie ökonomisch nachhaltige Folgen. Sie läßt eine Welt aufgehen, die sich nicht auf die Sicherung der Lebensreproduktion und ihrer Existenzgrundlagen reduziert. Weltbildung ist, wie er zeigt, Wertschätzung, und diese beendet die Nichtigkeit bloßer Selbstbehauptung und Daseinsreproduktion. Sie gewinnt ihre Dynamik aus einem Maß, das eigentlich ein Übermaß ist. Das macht auch erreichbar, was es noch nicht gibt, und Zwecke erfüllbar, die noch keiner erdacht hat. Sich an Thales zu erinnern, ruft wieder ins Bewußtsein, dass die Entwicklung der Welt im Mut zu hohen Ansprüchen und kühnen Erwartungen gründet sowie im Kredit, den jeder, der etwas Neues beginnt, automatisch in Anspruch nimmt. Die Grenzen, welche die Notwendigkeit setzt, können und müssen überschritten werden. Denn allein solche Spekulationen auf die Unermesslichkeit des Reichtums der Welt sichern auch die Existenz, während es die Existenzsicherung nie zu Reichtum bringt.
 

© Nicole Wiedinger und Wolf Dieter Enkelmann, Oktober 2009

 

Quellen:

Thales bei Aristoteles: Metaphysik I,3, 983b, Vom Himmel II,13, 294a, Politik I,11, 259a
Die Fragmente auf Deutsch: W. Capelle, Die Vorsokratiker. Die Fragmente und Quellenberichte, Stuttgart 1968, S. 67-72
Eine Standardinterpretation: W. Schadewaldt, Die Anfänge der Philosophie bei den Griechen, Frankfurt 1978, S. 213-234
Außerdem: W. D. Enkelmann, Europa – nicht als ein Versprechen. Eine Nacherzählung, in: Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken 692, 12/2006, S. 1103-1112

 


 

 

 

BEGRIFFE, DIE DIE WELT BEWEGEN
 

WELCHE BEDEUTUNG GIBT DIE WIRTSCHAFTSPHILOSOPHIE BEGRIFFEN, DIE DEN AKTUELLEN GESELLSCHAFTLICHEN DISKURS BESTIMMEN?

 

Die Meinungsführer der öffentlichen Debatte beleuchten, was die Gesellschaft beschäftigt, immer aus dem Horizont ihrer spezifischen Fachkompetenz und Interessenlage. Geht es ihnen vor allem um den Gewinn, um die Macht oder die Gerechtigkeit, um die Bildung, die Schönheit, die Leidenschaft oder gar um die Wahrheit. Was es auch ist, es gibt den Deutungen der gesellschaftlichen Entwicklungen die entsprechende Färbung. Und was beflügelt den Wirtschaftsphilosophen? Mehr als alles andere ist das die Freiheit. Darum fangen wir auch gleich mit ihr an.

WAS BEDEUTET FREIHEIT?
 

Freiheit erfordert Mut. Sie ist nicht nur Prämie und Ertrag der Demokratie, sondern deren Basis. Das Volk, das der Souverän sein will, darf schon auch mal heldenhaft sein. Keine Freiheit ohne Zivilcourage. Und keine Freiheitsrendite, wenn die Freiheit der einen nur auf Kosten der Unfreiheit anderer oder zu Lasten der Naturressourcen geht. So erschöpfte sich die Freiheit in einem Nullsummenspiel.

Freiheit, für viele ein unverzichtbare Gut, ist auch für die Philosophie existenziell. Ohne Freiheit kein Denken, keine Erkenntnis und keine Wahrheit, meinte Aristoteles wie viele andere seines Fachs auch. Deswegen haben sie eine Menge Intelligenz in die Beantwortung der Frage investiert, was Freiheit eigentlich ist. Auch die Ökonomie kommt ohne die Freiheit über bloße Daseinsreproduktion und Subsistenzerhaltung nicht hinaus, wenn die Gesellschaft nicht auf gewaltsame Raubzüge und schlichte Ausbeutung zurückfallen will. Das gute Leben beginnt mit der Überwindung reiner Selbsterhaltung, was nur zu erreichen ist, wenn sich die Menschen gegenüber den Notwendigkeiten des Lebens Freiheiten herauszunehmen wagen. Das sah bereits Aristoteles so. In ihrer bahnbrechenden Studie über "[>] Eigentum, [>] Zins und [>] Geld" haben Heinsohn und Steiger diese Erkenntnisse für die moderne Wirtschaft überzeugend bestätigt und erstmals systematisch erschlossen.  

Dass Freiheit nun allerdings immer etwas Angenehmes sein müsste, ist ein Irrglaube. In der Gegenwart wird sie vornehmlich als Willensfreiheit aufgefasst. Sie wird zu einer menschlichen Eigenschaft domestiziert. Das macht sie – umgekehrt, wie Kant das einmal gedacht hat, – zu einer Art Untertan, zu einem Knecht des Subjekts. Die Menschen haben ihre Freiheiten und meinen, dass es nur darauf ankommt, sie gut zu schützen und geschickt zu nutzen. Gerade das ist aber fast schon eine Garantie dafür, dass sie sich entzieht. Mit der Folge, dass sich die Freiheitseinschränkungen mehren und zu einem System von zunehmender Komplexität verdichten. So scheinen doch jene auf der richtigeren Spur gewesen zu sein, die die Freiheit größer, vor allem nicht dem Menschen untergeordnet, sondern etwa als Freiheit der Welt gedacht haben. Diesem Gedanken zu folgen, hieße aber, eher sich selbst auf die Freiheit zu verpflichten, als sie in den Dienst an den eigenen Vorteil zu nehmen. Sich selbst zu befreien, und auch die Welt oder die Natur, statt vor allem letztere immer nur die Zeche zahlen zu lassen, lautet dann die Herausforderung. So idealistisch das klingt, so unabdingbar ist es: Eine gute Führungskultur wird immer der Zielvorgabe folgen, den Erpressungen des Daseins die Freiheit abzuringen und die vielen Notwendigkeiten in Freiheit zu verwandeln.   

Aus den Naturwissenschaften wird nun neuerdings der Einwand erhoben, die Freiheit sei eine Illusion. Es gäbe sie in Wirklichkeit gar nicht. Wenn sie jedoch eine Illusion ist, dann aber immerhin eine sehr wirkungsvolle, wie ein Blick in die Weltgeschichte sofort deutlich macht. So wirkungsvoll, dass einem ihre Scheinbarkeit schlicht gleichgültig sein kann oder sie nur umsomehr zu bewundern ist. Wohlverstanden trifft die naturwissenschaftliche These sogar genau den Punkt. Die Freiheit gibt es nicht, genauer: Sie ist nicht einfach vorhanden. Dann nämlich wäre sie auch aus irgendeiner Ursache entstanden, also bedingt und demnach unfrei. Daraus ergibt sich: Freiheit ist etwas Unbedingtes. Deshalb sprach Platon, um die Freiheit auf den Begriff zu bringen, von einem Anfang, der keinen Anfang hat. Hätte er einen, gäbe es kein Anfangen und keine Freiheit, sondern nur Reaktion oder kausalen Determinismus. Das aber schien ihm völlig ausgeschlossen, würde dann die Welt doch "zusammenfallend stillestehen". Und es gäbe nichts, "woher bewegt sie wieder entstehen könnte". Wer nach dieser Platonischen Vorgabe selbstanfänglich [>] handelt, spekuliert auf die [>] Zukunft. Er gewinnt seinen Anfang aus dem, was er sich von sich und der Welt zu [>] versprechen getraut. Jacques Derrida hat diesen Freiheitsgedanken aufgegriffen und ins Ökonomische transferiert. Für ihn gründet Ökonomie in einer [>] Gabe, die es nicht gibt bzw. die nicht gegeben ist, die gerade so aber zur Quelle von allem wird, was es gab, gibt und je geben wird. So erscheint auch hier die Freiheit als Kraft, aus nichts als sich selbst die geschlossene Reziprozität bloßer Subsistenzreproduktion zu sprengen und die Ökonomie dem Neuen wie dem [>] Gewinn zu öffnen.
 

© Wolf Dieter Enkelmann, Dezember 2009

 

Quellen:

Aristoteles, Nikomachische Ethik I, 1, Politik I, 1
Gunnar Heinsohn/Otto Steiger (1996/2006), Eigentum, Zins und Geld. Ungelöste Rätsel der Wirtschaftswissenschaften, Reinbek/Marburg
Immanuel Kant, Kritik der praktischen Vernunft
Platon, Phaidros 245 b-e
Jacques Derrida (1993), Falschgeld. Zeit geben I, München

 


 

 

ÜBER DAS INSTITUT FÜR WIRTSCHAFTSGESTALTUNG

 

Das INSTITUT FÜR WIRTSCHAFTSGESTALTUNG hat sich auf diese "philosophische Ökonomik" spezialisiert und bereitet seit Jahren so systematisch wie praxisnah den Bestand an ökonomischer Kompetenz auf, der sich im klassischen Fächerkanon von Ästhetik über Metaphysik und Ontologie oder Logik bis zu Ethik und politischer Philosophie verbirgt und finden läßt.  Ein Schwerpunkt liegt dabei auf der antiken Ökonomik. Denn die klassische Antike ist die einzige Epoche der Weltgeschichte, in der Politik und Ökonomie ähnlich dem modernen Muster konzipiert waren. Und das zugleich erstmalig. Seinerzeit wurden grundlegende Entscheidungen gefällt und Gedanken erschlossen, die auch heute noch, auch gegenüber der nach Smith’schen Wirtschaftswissenschaft, Gültigkeit haben. Das macht die antike Ökonomik zu einer ursprünglichen Ressource für die gegenwärtige Zukunftssicherung.  Ein zweiter Schwerpunkt liegt auf der französischen Gegenwartsphilosophie, weil sie im internationalen Vergleich die radikalsten Fragestellungen und Problemanalysen aufzuweisen hat.

Das Münchner INSTITUT FÜR WIRTSCHAFTSGESTALTUNG ist Anlaufstelle für philosophische Unternehmens- und Wirtschaftsforschung. Es ist ein professioneller Ansprechpartner der Wirtschaft sowie Zulieferer akademischer Institutionen. Das Team: Nicole Wiedinger, Leiterin der Servicebüros des IfW, n.wiedinger@ifw01.de, Dr. phil. Wolf Dieter Enkelmann, Direktor für Forschung & Entwicklung des IfW, wd.enkelmann@ifw01.de, u.a.

INSTITUT FÜR WIRTSCHAFTSGESTALTUNG, Bordeauxplatz – Wörthstr. 25, D 81667 München, +49.[0]89.48 920 800, www.ifw01.de

 

Die P&W Redaktion dankt dem IfW Team für die inhaltliche und redaktioneller Betreuung dieser Seite!